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Lang lebe der König von Redonda

Zum 70. Geburtstag des großen spanischen Autors Javier Marías zeichnet Ingo Ebener die wenig bekannte Geschichte des Königreiches Redonda nach, als dessen König Xavier I. Marías seit 1997 das Zepter schwingt. Es ist die Geschichte einer wunderbaren Vermischung von Fiktion und Wirklichkeit.

Schwarz-weiß-Porträt von Ingo Ebener: ein junger Mann in schwarzem Jackett und weißem T-Shirt schaut mit geneigtem Kopf in die Kamera, eine Hand berührt den Hinterkopf
© privat

Die Geschichte, die ich hier erzähle, beginnt mit dem Roman Alle Seelen von 1989, zu dem sein Autor Javier Marías ein besonderes Verhältnis unterhält, denn vieles liest sich, als entstamme es seiner eigenen Biographie. In mein Exemplar schrieb er mir vor einigen Jahren: »perhaps my favourite novel – yet«. Es ist dieses Lieblingsbuch, in dem der Ich-Erzähler zum ersten Mal von der Existenz des Autors John Gawsworth erfährt. Da die Schriften John Gawsworths nur äußerst schwer zu beziehen sind und eine Verbindung zum abenteuerlichen Leben als exzentrischer Vagabunden-Schriftsteller haben, ist das Interesse des Erzählers geweckt und er fördert im Roman weitere Details zutage, die wie ausgedacht klingen, oder als entstammten sie der Phantasie eines Schriftstellers.

John Gawsworth entpuppt sich als eines der Pseudonyme von Terence Ian Fytton Armstrong (1912 – 1970), der sich als junger Mann in den literarischen Kreisen Londons festsetzte, ohne selbst als Autor Erfolge feiern zu können. Seine Bewunderung für die phantastische Literatur bringt ihm die Freundschaft zu dem von HP Lovecraft und Borges geschätzten Arthur Machen ein, dessen Biograph er wird. Außerdem erkämpft er für den verarmten Schriftsteller M.P. Shiel eine kleine Rente und versucht, die Aufmerksamkeit der Verlage auf dessen Werk zu lenken. Seine schmalen Bändchen mit Gedichten und Anthologien sind mit seltsamen, weil unwahrscheinlichen Orten wie Kairo, Tunis, Kalkutta, Sétif oder Vasto versehen. Er bewahrt sie ebenso als kostbare Schätze auf wie Briefe, Manuskripte und Gegenstände berühmter Autoren, die er nicht selten bei Auktionen ersteigerte: »ein Barett von Dickens, eine Feder von Thackeray, ein Ring von Lady Hamilton sowie die Asche von Shiel selbst«, so ein Bericht des Erzählers aus Alle Seelen, der außerdem ein Dokument anführt, in dem es heißt, der vagabundierende und vom Alkohol gekennzeichnete Gawsworth sei als fünfzigjähriger Mann dabei beobachtet worden, wie er einen gewaltigen, viktorianischen Kinderwagen vor sich herschob, in dem sich kein Kind, jedoch etliche leere Bierflaschen befanden. Gawsworth hatte die Angewohnheit den großen Schriftstellern und Klassikern trinkend zu gedenken, und er soll Festspeisen mit ein wenig Asche seines Freundes und Mentors Shiel gewürzt haben. Marías‘ Erzähler stellt sich vor, wie das Leben dieses Mannes aussah, von dem man nur noch – und das schließt auch den Bericht des Erzählers mit ein – aus Büchern weiß:

Er wird Flaschen geschwenkt und seinen ungläubigen Kumpanen seine Bücher in den Ramschkisten auf der Charing Cross Road gezeigt haben, die er nicht kaufen konnte. Er wird ihnen von Tunis und Algerien, von Italien und Ägypten und von Indien erzählt haben. Er wird sich zur allgemeinen Heiterkeit zum König von Redonda ausgerufen haben. Mit diesem Gesicht wird er auf den Parkbänken geschlafen haben und in ein Krankenhaus gekommen sein, wie es in jenem Nachschlagewerk hieß, das auf Schauerromane und phantastische Literatur spezialisiert war, und mit diesem Gesicht wird er vielleicht unfähig gewesen sein, die Hand auszustrecken, die eine Feder gehalten und Flugzeuge gesteuert hatte.

John Gawsworth, der König von Redonda – ist dies die Idee eines Literaturliebenden? Das Hirngespinst eines Trinkers? Ja und Nein, der Fall ist komplizierter, denn weder handelt es sich bei John Gawsworth bloß um eine ausgedachte Figur noch bei Redonda um ein ausgedachtes Königreich. Die Insel Redonda liegt im Karibischen Meer – umgeben von den Großen Antillen, dem Golf von Mexico und der Yucatánstraße. Sie ist rund 60 Hektar groß, verfügt über einen kleinen Strand und dient gefährdeten Vögeln und Schildkröten als Refugium. Christoph Kolumbus nahm sie 1493 für die spanische Krone in Besitz, 1860 wurde sie Teil des British Empire. 1880 – und hier deutet sich die Verbindung zu Gawsworth an – wurde M.P. Shiel im Alter von fünfzehn Jahren in einer Schiffszeremonie von seinem eigenen Vater zum König der Insel gekrönt, »ein örtlicher Methodistenprediger, der außerdem Reeder war und die Insel vor Jahren gekauft hatte;  wenn man auch nicht genau weiß, von wem, denn ihre einzigen Bewohner waren zu jener Zeit die Albatrosse, die sie bevölkerten, und ein Dutzend Männer, die die Exkremente der Vögel sammelten, um Guano herzustellen.« Shiel, der wie sein Nachfolger Gawsworth, weder Glück mit Geld hatte noch dem Alkohol abgeneigt war, kämpfte zeitlebens um die Legitimation seiner Regentschaft – zumindest gab er dies ab 1929 an. Begonnen haben soll Shiel, die Geschichte des Königs von Redonda zu erzählen, übrigens in mündlicher Form, im lokalen Pub. Dort soll er, als King Felipe, auch Titel und Ämter an Freunde und Bekannte verteilt haben, und auch an diejenigen, die ihm ein Bier spendierten.

Gawsworth, der King Felipe als erst 19-jähriger Buchhalter begegnete, war sofort von der Sache eingenommen. Nur wenige Jahre später erkor ihn Shiel in einem Akt der Blutsbruderschaft zum Nachfolger und Erben aus. Seine Thronfolge begann nach Shiels Tod im Jahre 1947 als Juan I. Er bemühte sich redlich um die Legitimation seines Königsreichs, das er niemals zu Gesicht bekam. Titel und Ämter vergab er spendabel – von Dylan Thomas weiß man um seine Auszeichnung als Herzog, ebenso um die der Verleger Alfred A. Knopf und Victor Gollancz – und vertiefte die literarische Dynastie Redondas. Gawsworth hatte jedoch auch mehrmals versucht, sein Königreich zu veräußern, sich am Ende aber entschieden, es lieber einem geeigneten Nachfolger zu vermachen. Hier wird es wieder kompliziert, denn einer der Nachlassverwalter von Gawsworth, namens Jon Wynne-Tyson wurde zu King Juan II., obwohl sich ein anderer Freund, Arthur John Roberts, bereits wenige Jahren zuvor im Glauben wähnte, der vierte König von Redonda zu sein. Insgesamt soll es sogar bis zu 7 verschiedene Könige gegeben haben, die Anspruch auf den Thron erhoben– und nicht immer umfasste ihr Königreich dabei dasselbe Gebiet.

In Javier Marías‘ Buch Schwarzer Rücken der Zeit kommt der Erzähler, der sich als Autor von Alle Seelen zu erkennen gibt, auf die Lesart zu sprechen, Autor und Erzähler seien bei ihm eigentlich ein und dasselbe. Er schreibt: »Ich glaube, daß ich Fiktion und Wirklichkeit noch nie verwechselt habe, wenn ich sie auch mehr als einmal miteinander vermischt habe, wie es jeder tut, nicht nur die Romanciers (…).« Wie sehr sich Fiktion und Wirklichkeit manchmal auf diese seltsame Weise miteinander verbinden, kann man den Ausführungen zu John Gawsworth entnehmen, die im Buch wiederholt und ergänzt werden, denn der Erzähler berichtet, dass Wynne-Tyson im Jahre 1997 zu seinen Gunsten abdankte, was ihn, Javier Marías, zum literarischen Bevollmächtigten von Shiel und Gawsworth und zum amtierenden König von Redonda, zu Xavier I. werden ließ.  

 Xavier I., ob er auch von allen als König anerkannt wird oder nicht, waltet seit fast 25 Jahren seines Amtes. Es ist der Geist der vorangegangenen Könige Shiel und Gawsworth, der ein wenig in ihm und in seiner Wohnung lebt, der ihn dazu bewogen hat, den Verlag Reino de Redonda zu gründen und in guter (literarischer) Tradition Titel und Ämter an Freunde und Preisträger des außerdem von ihm begründeten Literaturpreises zu verteilen. Unter den so Gewürdigten finden sich Namen wie Pedro Almodóvar, Francis Ford Coppola, John Ashbery, Pierre Bourdieu, AS Byatt, William Boyd, WG Sebald, Guillermo Cabrera Infante, Umberto Eco, Claudio Magris, J.M. Coetzee, Alice Munro oder António Lobo Antunes. Wenn auch die Herrschaft von Javier Marías, des großen Autors von Mein Herz so weiß, Alle Seelen, Dein Gesicht morgens, Die sterblich Verliebten, Berta Isla und anderen Werken, der am 20. September seinen 70. Geburtstag feiert, nicht unumstritten ist, als König Xavier I. führt er etwas fort, das doch gerade die Literatur ausmacht, nämlich die wunderbare Vermischung von Fiktion und Realität. Lang lebe König Xavier I., King of Redonda.

 

Ingo Ebener, geboren 1987 in Frankfurt am Main. Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Philosophie in Frankfurt am Main, Magisterarbeit über Maurice Blanchot. Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Dichter. Verschiedene Veröffentlichungen. Seit März 2021 freier Mitarbeiter im Lektorat der S. Fischer Verlage der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke Thomas Manns.

Karten von Redonda, abgedruckt in Schwarzer Rücken der Zeit

Das Königreich Redonda, abgedruckt in Schwarzer Rücken der Zeit

Javier Marías, 1951 als Sohn eines vom Franco-Regime verfolgten Philosophen geboren, veröffentlichte seinen ersten Roman mit neunzehn Jahren. Seit seinem Bestseller ›Mein Herz so weiß‹ gilt er weltweit als beachtenswertester Erzähler Spaniens.
Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Nelly-Sachs-Preis sowie dem Österreichischen Staatspreis für Europäische ...
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