Unsere neuen Sachbücher um Juni


Christian Metz – ›Kitzel‹

Das Kitzeln gehört zum Menschsein wie keine andere Empfindung. Christian Metz legt die allererste Philosophie des Kitzels vor – an der Schnittstelle von Kulturwissenschaft, Emotionsgeschichte und Lachforschung.

Der Kitzel hat nicht nur Geschichte, er macht Geschichte. Vor allem aber macht er Geschichten: Jeder Mensch hat schon einmal einen anderen gekitzelt – und für Erstaunen sorgt nicht, wer kitzlig ist, sondern wer behauptet, es nicht zu sein.

Der Kitzel ist ein merkwürdiges Phänomen. Als gemischte Empfindung erzeugt er Lust und Schmerz, Lachen und Abwehr gleichzeitig. Als Berührung ist er so flüchtig, dass er keinerlei Spuren hinterlässt. Kein Wunder, dass er bislang weder in der Humorforschung noch in der Geschichte der Gefühle beachtet worden ist. In seiner fulminanten Studie zeigt Christian Metz jedoch, dass der Kitzel sehr wohl eine bedeutende Rolle spielt. Ob als historisches Instrument der Folter, Element der Sexualität oder aufregender Nervenkitzel: Von Aristoteles über Platon und Descartes, von Grimmelshausen bis Jean Paul, von Hegel bis Darwin, Nietzsche und Freud führt der Kitzel ein bedeutendes Leben in der Kulturgeschichte. Indem Metz den Kitzel methodisch aufschlüsselt und seinen Narrativen über die Jahrhunderte hinweg nachspürt, gelingt ihm ein faszinierender Blick auf dessen anthropologischen, philosophischen, kunstgeschichtlichen und – als erzählter Kitzel – literarischen Einfluss. Der Kitzel, das wird klar, ist ein unverzichtbarer Teil der Emotionsforschung und muss nach dieser Genealogie völlig neu bewertet werden.


Hermann Mückler – ›Neue Fischer Weltgeschichte. Band 15‹

Es sind Regionen der Sehnsüchte, es ist ein Kontinent der Träume: Australien, Neuseeland und die Inseln Ozeaniens. Der Wiener Ethnologe Herrmann Mückler erzählt ihre ganze Geschichte von der ersten Besiedlung vor rund 50.000 Jahren bis heute.

Geprägt vom Meer, den verstreut liegenden Inseln und den Weiten Australiens, entwickelten die Menschen dort – die Aborigines, die Maori und die Südsee-Insulaner – einzigartige kulturelle Praktiken, Rituale und faszinierende Überlebensstrategien.

Die europäische Entdeckung und spätere Kolonialisierung veränderten ihr Leben radikal. Australien wurde von britischen Sträflingen besiedelt, die Ureinwohner verfolgt und diskriminiert. Auch Neuseeland und die zahlreichen Inseln wurden von Europäern heimgesucht, auf manchen Inseln wurde die Bevölkerung stark dezimiert durch Strafexpeditionen, Krankheiten und die Zerstörung der Lebensgrundlage.

In Australien sind die Aborigines bis heute marginalisiert, in Neuseeland wird die Kultur der Maori staatlich gefördert. Insgesamt ist heute neben den USA zunehmend China ein dominierender Faktor in der Region. Doch ein neues Selbstbewusstsein prägt die Nachfahren der ersten Bewohner, die heute vor großen Herausforderungen stehen, vor allem durch den Klimawandel.

Ein umfassender Führer durch Regionen, die für viele Menschen in Europa noch immer das Ziel ihrer Träume sind.


Annelie Ramsbrock – ›Geschlossene Gesellschaft. Das Gefängnis als Sozialversuch – eine bundesdeutsche Geschichte‹

Das Gefängnis ist eine Institution, die unsere Gesellschaft herausfordert: Die Haft beschneidet die persönliche Freiheit, das höchste Gut in der Demokratie. Die Historikerin Annelie Ramsbrock erzählt, wie der westdeutsche Staat nach 1945 das Dilemma zu lösen versuchte: Das Gefängnis sollte künftig nicht nur Strafe sein. Es sollte die Straftäter resozialisieren.

Wie in einem Labor versuchte man, die Ideale der sich demokratisierenden Bundesrepublik auch im Gefängnis zu vermitteln. Der Strafvollzug sollte liberalisiert werden, mit Arbeit und Ausbildung, Kunstaktionen und Sportveranstaltungen, Gruppentherapien und Wohngemeinschaften. Das Leben in Freiheit so weit wie möglich zu imitieren gelang aber nicht. Und so verläuft die Geschichte des Gefängnisses und des reformierten Strafvollzugs zwar parallel mit der Geschichte der Demokratisierung nach 1945 bis in die 1980er Jahre – und ist dennoch eine andere.

Das Gefängnis blieb ein ganz eigener Ort, in dem Menschen auf engstem Raum streng reguliert zusammenleben - eine geschlossene Gesellschaft. Annelie Ramsbrock beschreibt diese Gesellschaft aus der Nahsicht und fragt am Ende, warum eine Resozialisierung im Sozialversuch Gefängnis nicht gelingen kann.


Giorgio Agamben – ›Der Gebrauch der Körper‹

Der Abschluss der großen Homo-Sacer-Reihe – der bedeutendste lebende Philosoph Giorgio Agamben legt den letzten Band seines Lebenswerkes in einer gegenüber der italienischen Originalfassung erweiterten Ausgabe vor.

»Mehr als ein Mal hat Agamben Giacomettis Behauptung zitiert, dass man ein Werk niemals beenden könne, sondern nur aufgeben. Wenn das Homo-Sacer-Projekt nun aufgegeben wird, dann im Sinne Giacomettis: mit Meisterschaft.«
Adam Kotsko, Boston Review

Giorgio Agambens »Homo Sacer« ist eines der wegweisenden Werke der politischen Philosophie der letzten Jahrzehnte, in dem er mit überwältigendem Ehrgeiz die tiefsten Grundlagen des westlichen politischen Denkens untersucht. Mit dem neunten und letzten Band in dieser Reihe reflektiert Agamben die Herausforderungen und Auswirkungen seines Werkes und beschreitet gleichzeitig neue Wege. Dabei nutzt er Aristoteles' Diskussion über Sklaverei als Ausgangspunkt für ein radikales Umdenken des Selbst, er fordert eine vollständige Überarbeitung der westlichen Ontologie und untersucht das Konzept der »Lebensform«, das in vielerlei Hinsicht die treibende Kraft hinter dem gesamten Homo-Sacer-Projekt ist. Ein wahres Meisterwerk eines der größten lebenden Philosophen.

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