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Lucie de Beaune
4 D, 5 H, St, Verwandlungsdek
Seit frühester Kindheit hatte ich Freude daran, meinen Spielkameraden den Kopf zu verdrehen und ihnen die Gewissheit zu rauben, die sie mit der Wirklichkeit verband. Es reichte, für einen Moment die Kerze auszublasen und ein, zwei Sätze zu sagen, die sich mit der Dunkelheit zu einem neuen Bild verbanden, und schon hatte ich jeden in der Hand.
Die Geschichten, die ich erzählte, waren mir im Grunde egal: Meine Freude war es, dass mir die anderen ausgeliefert waren, sobald sie das Reich meiner Fantasie betreten hatten. Auch später, als ich die Klosterschule besuchte, war ich meinen Freunden immer einen Schritt voraus. Noch vor meiner Weihe zum Priester habe ich es geschafft, dem Kirchenobersten weiszumachen, dass er schon bald vor mir knien würde. Den Moment, als es so weit war, hab ich sehr genossen. Heute bin ich Bossuet, der Bischof von Condom. Als schliesslich auch der König vor mir auf die Knie fiel, als auch er sich selbst und seine Vernunft an mich verraten hatte, da wusste ich: Die niederträchtigsten, gewalttätigsten Menschen sind auf meiner Seite. Ja, ich habe das ganze Land in meinen Händen. Und ich bin doch nur eine Nebenfigur. Manchmal aber schreckt mich ein Albtraum aus dem Schlaf. Ich wache auf und bin allein, vollkommen allein. Auf mich selbst gestellt, in einer Welt, die mir nichts glaubt, ohne dass ich es bewiese. Eine Welt, die einfach nur ist, was sie ist. Vater, habe ich gesündigt? Oder hab ich Ihren Willen erfüllt? Vater?
(Ankündigung des Schauspielhauses Zürich)
Uraufführung:
17.09.2005 | Schauspielhaus am Pfauen, Zürich
Regie: Igor Bauersima
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