Alexander Osang, Die Leben der Elena Silber

Die Leben der Elena Silber

Alexander Osang schreibt den großen Roman seiner Familie – es ist der Roman des 20. Jahrhunderts.

Russland, Anfang des 20. Jahrhunderts. In einer kleinen Provinzstadt östlich von Moskau wird der Revolutionär Viktor Krasnow hingerichtet. Wie eine gewaltige Welle erfasst die Zeit in diesem Moment Viktors Tochter Lena. Sie heiratet den deutschen Textilingenieur Robert Silber und flieht mit diesem 1936 nach Berlin, als die politische Lage in der Sowjetunion gefährlich wird. In Schlesien überleben sie den Zweiten Weltkrieg, aber dann verschwindet Robert in den Wirren der Nachkriegszeit, und Elena muss ihre vier Töchter alleine durchbringen. Sie sollen den Weg weitergehen, den Elena begonnen hat zu gehen – hinaus aus einem zu engen Leben, weg vom Unglück. Doch stimmt diese Geschichte, wie Elena sie ihrer Familie immer wieder erzählt hat?
2017, mehr als zwanzig Jahre nach Elenas Tod, macht sich ihr Enkel, der Filmemacher Konstantin Stein, auf den Weg nach Russland. Er will die Geschichte des Jahrhunderts und seiner Familie verstehen, um sich selbst zu verstehen.

624 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-10-397423-2

Preis € (D) 24,00 | € (A) 24,70 | zum E-Book

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Leseprobe

1
GORBATOW, RUSSLAND
FEBRUAR 1905

Sina Krasnowa schob die letzten Scheite in den Ofen, als sie draußen in der Stadt ihrem Mann einen Holzpfahl in die Brust schlugen. Pawel hockte auf der Ofenbank, Jelena stand an der Tür und wartete, dass ihr Vater endlich zurückkam. Sina Krasnowa trat gegen den leeren Korb. »Mama?«, fragte Pawel. »Wir haben kein Holz mehr«, sagte sie. »Und keinen Mann im Haus.« »Ich gehe schon«, sagte der Junge und kletterte vom Ofen. »Es ist seine Aufgabe«, sagte die Mutter und hob den leeren Korb wie eine Trophäe. »Papa hat wichtigere Aufgaben«, sagte Pawel und streckte seinen Arm nach dem Korb. Die Mutter hielt den Korb fest, als friere sie lieber, um später überzeugender keifen zu können. »Gib mir den Korb«, sagte Pawel. »Es gibt nichts Wichtigeres als die Familie«, sagte Sina Krasnowa, ließ aber den Korb los. Pawel nahm den Korb und ging zur Tür, vor der seine kleine Schwester stand, um den Vater als Erste begrüßen zu können. Er tippte sie an die Schulter. Aber sie wich nicht. »Lenotschka«, sagte Pawel. Sie sah ihn an. Ernst. Er lächelte. »Ich muss Holz holen«, sagte er. »Ich helfe«, sagte Jelena. »Es ist kalt«, sagte Pawel. »Ich hole meinen Schal«, sagte Jelena. »Die Mütze, Lena«, rief Sina Krasnowa. Die beiden Kinder traten auf den kleinen Hof. Die eisige Luft schnitt ihnen ins Gesicht. Die Kälte stieg vom Fluss auf. Pawel war neun, Jelena zweieinhalb. Sie gingen zum Stall, wo das Gestell stand, an dem der Vater seine Seile flocht. Er nannte es: die Maschine. Pawel hielt seine Schwester an der Hand. Seine Hände waren groß und warm. Jelena mochte Paschas Hände, fast so sehr, wie sie die Hände ihres Vaters mochte. Es war kalt, aber sie fühlte sich besser jetzt, hier draußen mit ihrem großen Bruder. Pawel öffnete die Stalltür. Es war nur ein kleiner Stall, früher hielten ihre Großeltern hier Ziegen und ein Schwein. Diese Zeiten waren vorbei, sagte ihr Vater. Die Mutter dagegen beklagte oft, dass er das Schwein und die Ziegen verkauft hatte, um Platz für die Maschine zu haben. Seile kann man nicht essen, sagte Sina Krasnowa. Es war der Stall ihrer Eltern gewesen. Sie war mit den Tieren groß geworden. Sie glaubte nicht an die neuen Zeiten. Pawel schon, er redete oft mit dem Vater über die Zukunft. Über die führende Rolle, die die Arbeiterschaft dort spielen würde. Die Arbeiter waren wichtiger als die Bauern. Es ging um Maschinen, nicht um Ziegen. In der Zukunft. Lena mochte die Maschine ebenfalls, wenn auch aus anderen Gründen. Sie saß oft hier, hielt das Seil, half dem Vater. Sie half gern. In der Ecke gegenüber der Maschine lag das Holz. Pawel füllte den Korb. Er gab auch Lena ein paar Scheite, die sie auf den Haufen legen konnte. Dann nahm er das Beil und spaltete noch ein dickes Stück. Es war nicht nötig, aber er mochte es. Lena legte die kleinen Stücke zu den anderen. Sie hörte den Schuss nicht, mit dem sie den Arzt töteten, der sich vor ihren schwerverletzten Vater stellte. Sie hörte die Schreie des Mobs nicht und sah auch die Fackeln nicht. Gorbatow war keine große Stadt, genau genommen war es die kleinste Stadt Russlands, aber ihr Haus stand ganz am Rand, auf dem Hang, der sich zum Fluss neigte, zur Oka. Die Straße, auf die sie ihren Vater schleiften, wo sie ihn pfählten und in seinem Blut liegen ließen, befand sich in der Mitte der Stadt. Es war der Vorsprung, den sie hatten. Als die beiden Kinder zurück auf den Hof traten, spürten sie, dass etwas Schreckliches passiert war.

Es war der Moment, in dem eine neue Zeit anbrach. Sie rollte an wie eine dunkle, wütende Welle und riss sie alle mit. Sina Krasnowa, Pawel, am heftigsten aber traf sie Jelena, Lena, Lenotschka. Sie war zweieinhalb Jahre alt. Die Welle trug sie durch ein ganzes Jahrhundert, Jelena ritt ganz oben, dort, wo der Schaum war. Wenn Jelena später gefragt wurde, was die erste Erinnerung ihres Lebens war, sagte sie: Die Kreuze, die meine Mutter schlug, als mein Vater starb. Das war eine Lüge, natürlich

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624 Seiten, gebunden
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Alexander Osang

Alexander Osang, geboren 1962 in Berlin, studierte Journalistik in Leipzig und arbeitete nach der Wende als Chefreporter der Berliner Zeitung. Für seine Reportagen erhielt er mehrfach den Egon-Erwin-Kisch-Preis und den Theodor-Wolff-Preis. Alexander Osang schreibt heute für den ›Spiegel‹ aus Tel Aviv, davor lebte er in Berlin und acht Jahre lang in New York. Sein erster Roman ›die nachrichten‹ wurde verfilmt und mit zahlreichen Preisen, darunter dem Grimme-Preis, ausgezeichnet. Im S. Fischer Verlag und Fischer Taschenbuch Verlag sind darüber hinaus die Romane ›Comeback‹, ›Königstorkinder‹ und ›Lennon ist tot‹ erschienen, die Reportagenbände ›Im nächsten Leben‹ und ›Neunundachtzig‹ sowie die Glossensammlung ›Berlin – New York‹.
Literaturpreise:

Theodor-Wolff-Preis 1995
Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste deutschsprachige Reportage 1993, 1999 und 2001
Reporter des Jahres 2009
TAGEWERK-Stipendium der »Guntram und Irene Rinke Stiftung« 2010

© Andreas Labes

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