Leseprobe aus ›Blackwood – Briefe an mich‹

1. Kapitel

»Da bist du ja!«
Eine kurvige Frau um die dreißig mit rundlichem Gesicht, in dem auffallende Grübchen wie zwei warme, weiche Versprechen auf ein ›Alles wird gut‹ wirkten, kam mir mit wild fuchtelnden Händen entgegen. Unter ihre Arme hatte sie je ein riesiges Paket Mehl geklemmt, beide in etwa in der Größe meines Schulrucksacks, so dass ihre Wangen ganz rot vor Anstrengung waren. Ihre blonden, schulterlangen Locken wippten dabei genau wie ihr üppiges Dekolleté, das unübersehbar und rosa in einem figurbetonten Sommerkleid steckte.
»Ich hab’ schon befürchtet, dass ich dich nicht erkenne. Aber du bist ihr ja wie aus dem Gesicht geschnitten.«
Sie schielte über den einen Mehlsack auf ein Foto, das sie in der Hand hielt, dann sah sie mich an.
»Obwohl du dich seit dieser Aufnahme schon ein kleines bisschen verändert hast!«
Ohne Vorwarnung ließ sie die Säcke auf den Boden plumpsen, und augenblicklich standen wir beide inmitten einer Mehlwolke. Sie verstaute das Foto hektisch in einer ihrer Rocktaschen, dann nahm sie mir mein Gepäck aus der Hand und umarmte mich überschwänglich.
»Ich bin Mimi!«
»Hallo«, antwortete ich zögerlich, denn sie schien genau zu wissen, mit wem sie es zu tun hatte. Im Gegensatz zu mir – ich hatte noch nie etwas von einer Mimi gehört.
»Deine Tante hat es leider nicht geschafft«, erklärte Mimi, die mich wieder losgelassen hatte und nun mit den zwei Mehlsäcken unter dem einen Arm und meinem Gepäck unter dem anderen voranschritt.
 Ein Koffer – und darin war mein ganzes Leben.
»Joe hat wieder Zicken gemacht. Ich habe ihr gleich gesagt, dass ein Männername nur für Probleme sorgen wird. Ich meine, ich bitte dich, es gibt doch weitaus originellere Namen als ›Joe‹!«
Mimi rümpfte ihre Stupsnase und lachte. Ihre wasserblauen Augen strahlten dabei, als hätte sie nicht diesen Trauerkloß vor sich, der ich nun mal war, sondern mindestens einen Kobold mit Regenbogen und Goldtopf an dessen Ende.
»Aber bitte, sie wollte es so«, plauderte Mimi weiter, während wir den Bahnsteig entlanggingen, » … jetzt hat sie den Salat. Joe ist dermaßen dickköpfig, dass er glatt ein irisches Fabrikat sein könnte.«
Ich sah sie fragend an.
»Dabei kommt er sogar aus Deutschland!«
»Ich fürchte, ich verstehe nicht so ganz«, sagte ich. Sie zeigte auf einen weißen Pick-up vor uns, der am Straßenrand stand.
»Da lang!«
Mimi wankte vor mir her. Vollkommen überladen erinnerte sie mich an einen fröhlichen Packesel, der irgendwie auch ein bisschen betrunken war.
»Ich kann meinen Koffer doch auch … «
»Nichts da!« Ihr Ton ließ keine Fragen offen.
»Hach, was freue ich mich, dich endlich kennenzulernen!
Ich meine, den Anlass hätten wir uns bei Gott anders gewünscht … mein herzliches Beileid, Mäuschen.«
Sie hatte die Türen geöffnet und deutete mir an einzusteigen, doch ich blieb unbeirrt stehen. Ich wusste weder, wer Mimi war und warum sie mich anstelle meiner Tante Wanda abholte, noch, wer dieser sture Joe sein sollte. Ein starker Windstoß wehte mir meine Haare ins Gesicht, so dass ich fast gar nichts mehr sehen konnte und wie angewurzelt stehen blieb.
»Ganz schön windig hier!«, murmelte ich in das Haarnest, das sich vor meinem Gesicht gebildet hatte.
»Das ist noch gar nichts!«, winkte Mimi ab. »Wenn die Schafe keine Locken mehr haben – dann ist es windig!«
»Na los, hüpf rein!«
Ich sah sie fragend an. »Wo ist Wanda? Und wer ist Joe? Und wer bist du überhaupt?«
Mimi, die eben noch dabei war, die Mehlsäcke unter lautem Stöhnen auf die Vordersitze des Wagens zu hieven, hielt schlagartig inne.
»Ach, das tut mir leid, das muss alles viel zu viel für dich sein!«
Sie ging wieder um den Wagen herum und kam auf mich zu. Sogar ohne Mehlsäcke glühten ihre Wangen rosarot, und ihre Locken wippten, als ob sie hüpfte. Dann drückte sie mich an sich, so dass ich mit dem Gesicht wie auf zwei weiche Kissen gepresst wurde.
»Ich habe deiner Tante angeboten, dich abzuholen, weil ich sowieso Einkäufe für den Laden machen musste. Wanda wartet zu Hause mit einem warmen Essen auf dich. Also, in deinem neuen Zuhause, meine ich. Das hat sie sich nicht nehmen lassen, obwohl ich ihr angeboten habe, dass ihr auf Kosten des Hauses bei mir essen könnt. Nein, hat sie gesagt, Mimi, das ist ab heute meine Aufgabe, misch dich da nicht ein, das Kind muss erst mal in Ruhe ankommen. Genau das hat sie gesagt.«
Mimi ließ mich los, legte ihre Arme auf meine Schultern, presste ihre Lippen zusammen und sah mich an. Ihr Gesicht war so offen und warm, dass ich das Gefühl hatte, sie nicht erst vor wenigen Minuten kennengelernt zu haben.
»Und Joe ist ein Mercedes.«
»Joe ist ein … Mercedes?«, wiederholte ich ungläubig.
Mimi nickte.
»Kein Mensch weiß, warum Wanda so an ihm hängt. Eigentlich ist er nicht mehr als eine alte Schrottkarre. Aber sie weigert sich, ihn abzugeben. Wir haben schon alles Mögliche versucht. Einmal hat ihr ein Tourist, der solche Autos sammelt, sogar fünftausend Euro geboten! Kannst du dir das vorstellen? Fünftausend für einen Haufen Schrott! Aber Wanda … «
Mimi schüttelte seufzend den Kopf. »Diese Sturheit liegt wohl in der Familie. Deine Mutter war ja auch so … «
Abrupt brach sie ab.
»Tut mir leid.«
»Schon gut«, erklärte ich, obwohl ich sofort einen Kloß im Hals spürte, als Mimi meine Mutter erwähnte. Es fühlte sich immer noch alles vollkommen unreal an, erst recht hier in dieser seltsam fremden Umgebung. Ich packte den Haltegriff über dem Fenster und zog mich hoch in den Wagen.
»Willst du fahren?«, fragte Mimi und lächelte mich mit verschränkten Armen an.
Ich sah hoch: Das Lenkrad hing direkt vor mir. Ich war es einfach gewohnt, rechts einzusteigen, und hatte gar nicht darüber nachgedacht, dass es hier Linksverkehr gab und man als Beifahrer entsprechend auch auf der linken Seite saß.
»Nein, nein«, winkte ich ab.
»Wegen mir kannst du«, sagte Mimi und pfiff durch die hübsche Lücke ihrer Vorderzähne.
»Hier kontrolliert dich sowieso keiner.«
»Nein, danke«, wiederholte ich und wechselte die Seite.
»Oh, warte kurz!«, rief Mimi hektisch, »Du sitzt sonst auf dem Puderzucker!«
Sie schob zwei kleinere Pakete zur Seite und klopfte auf den Sitz. Sofort pufften weiße Mehlwolken auf, und ich musste husten.
»So, jetzt kannst du.«
»Danke.«
Ich hatte die begründete Befürchtung, an einer Mehlwolke zu ersticken, noch bevor wir an Wandas Haus ankommen würden.
»Entschuldige das Chaos hier«, erklärte Mimi und hielt mir mit einem breiten Lächeln einen der beiden Mehlsäcke entgegen.
»Könntest du?«
Ich nahm den Sack auf den Schoß und schloss die Autotür.
»Einmal in der Woche muss ich in die Stadt, den Großeinkauf erledigen. Und weil man bei unserem Wetter ja nie weiß, lasse ich das Mehl lieber hier vorne.«
Ich sah durch den kleinen Spalt hinter uns, der den Blick auf die Ladefläche freigab. Eine vollkommen durchlöcherte Plastikplane war mit einigen Seilen an den Seiten festgemacht – , wenn es regnete, würde Mimi anstatt mit zwei Säcken mit zwei riesigen Klumpen Mehlpampe zu Hause ankommen. Sie startete den Wagen, der sofort zu rumpeln und zu vibrieren begann. Ich drehte mich wieder um und sah aus dem Fenster. Der Himmel war graublau und dramatisch bewölkt, aber selbst zwischen den ganz großen Wolkenschichten kamen einige Sonnenstrahlen hervor, die sich wie ein Fächer auf die grüne Landschaft legten.
»Dann wollen wir mal«, sagte Mimi fröhlich, und es klang so, als würden wir einen schönen Ausflug unternehmen, auf den man sich freuen konnte. Ich stützte meinen Arm auf den Mehlsack auf meinem Schoß, neben mir quetschte sich noch der zweite Sack zusammen mit den beiden Paketen Puderzucker. Hier, eingeklemmt zwischen kiloweise weißem Staub, fühlte sich alles noch viel unwirklicher an, als es das ohnehin schon die ganze Zeit tat.
Mit der freien Hand tastete ich in meine Jackeninnentasche. Ja, er war noch da.
Das Papier fühlte sich mittlerweile nicht mehr so hart an, wie am Anfang, als ich den Brief in meine Brusttasche gestopft hatte. Vom vielen Herumtragen hatte es sich schon ein wenig verbogen und sicher schon einige Knicke bekommen. Der Brief meiner Mutter war alles, was mir noch von ihr geblieben war, und ich hütete ihn wie einen Schatz. Obwohl ich nicht wusste, was darin stand, musste ich alle paar Minuten kontrollieren, ob er noch da war. Ich hatte es nach ihrem Unfall einfach nicht fertiggebracht, ihn zu öffnen, es war, als würde ich damit das letzte bisschen, das mir von ihr geblieben war, aufbrauchen.
Im Grunde hatte ich seitdem gar nichts mehr fertiggebracht, sondern ging, wie eingetaucht in eine seltsam abgepufferte Wattewelt, ziellos denen hinterher, die mir sagten, was ich tun sollte.
»Du wirst vom Glauben abfallen, wenn du gleich Wandas Haus siehst. Das Stone Cottage ist zwischen zwei Felsen gebaut und eine echte Attraktion in Blackwood. Manche Touristen kommen nur her, um das zu sehen.«
Dann zwinkerte sie mir zu. »Na ja, und für meinen berühmten Shepherd’s Pie vielleicht auch.«
»Du hast also einen Laden?«, begann ich, weil mir nichts Besseres einfiel.
»Ja, Mimis Café auf dem Birdhill, mitten in Blackwood. Der Birdhill ist eigentlich gar kein richtiger Berg, mehr so ein Hügel. Na ja, ein sehr kleiner Hügel. Ich glaube, unsere Vorfahren wollten unbedingt einen Berg im Ort ihr Eigen nennen, und da haben sie einfach eine Menge Sand herangekarrt und aufgeschüttet, und schwupps!, hatte Blackwood einen Berg.«
Ich sah Mimi skeptisch an. »Ihr macht eure Berge selber?«
Mimi lachte.
»Du wirst dich über die irische Seele noch öfter wundern. Wir machen alles, sagen wir mal so, auf unsere eigene Art. The irish way, weißt du?«
»Hm.«
»Bis nach Blackwood brauchen wir ungefähr eine Dreiviertelstunde. Es sei denn, wir kommen in eine oder mehrere Schafherden. Dann dauert es natürlich länger.«
Mimi strahlte mich an, während sie den großen Wagen auf eine kleine Seitenstraße lenkte, die einen spektakulären Blick auf die grüne Landschaft freigab.

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