Leseprobe

Prolog

Und nun also war Donald Trump am Telefon, morgens um zehn, pünktlich.
»My friend«, sagt er zur Begrüßung, »here is the Donald«, und dann: »Es geht New York blendend. Wir haben einen glänzenden Polizeichef, einen glänzenden Bürgermeister, wir sind in glänzender Verfassung. Reicht dir das Zitat?« Trump hatte nicht viel Zeit, vielleicht musste er zum Friseur, vielleicht Geld zählen, aber ich sagte: »Nein, noch nicht.« Es war im Herbst 2008, ich recherchierte für eine Reportage über New York und die Folgen der Wirtschaftskrise und wollte Trump in der Leitung halten und fragte ihn, woher die Kraft dieser Stadt komme.
Er schnaubte, sagte: »Warte einen Moment«, ging kurz weg.
Ich wartete, blickte aus dem Fenster auf das East Village hinab, er kam zurück und sagte: »This is the Donald. Dies ist die Comeback-Stadt. Jeder Mensch, der denken kann, jeder, der einen Willen hat, will hier leben. Diese Stadt kommt immer zurück, mein Freund, so wie dieses Land immer zurückkommen wird. This is America, my friend, the greatest country on earth, glaubst du, wir sind Schwächlinge, Feiglinge, glaubst du, wir geben in einer kleinen Krise einfach auf? Sorry, ich habe einen Termin, reicht dir das jetzt? Amerika ist großartig, aber es kann noch viel großartiger werden. Wenn du mehr brauchst, deutscher Reporter, lies meine Bücher, sie sind phantastisch.«
Und weg war er.


II. Die Stadt
New York ist …


New York ist eine Fußballkneipe. Sie heißt »Nevada Smith’s«, liegt an der Third Avenue im East Village in Manhattan, und hier, zwischen 11. und 12. Straße, begann Jack Keanes amerikanische Revolution. Auch eine Revolution braucht Regeln, und dies sind die drei Regeln des Jack Keane.
Erstens: Das Spiel heißt Fußball, Fußball heißt auf Englisch »football« und nicht, wie die Amerikaner sagen, »soccer«, es handelt sich um das Spiel der Welt, und ein Spiel der Welt verdient keinen Tarnnamen. Fuck soccer. It’s football, dude.
Zweitens: Fußball wird zwischen zwei Strafräumen gespielt, es gibt Elfmeterpunkte, zwei Tore, Eckfahnen und einen Mittelkreis, und was es nicht gibt, sind Zehn-Yards-Linien. Wer will, dass die Revolution Bestand hat, sollte das Spiel der Welt nicht in Arenen für American Football spielen lassen.
Drittens: Zuschauer singen. Der Klang des Fußballs stammt aus Männerkehlen, er stammt aus Kurven und Kneipen und nicht aus Tröten und auch nicht vom Band.
Als Jack Keane, heute Ende vierzig, damals von Irland über Australien nach Amerika kam, bald drei Jahrzehnte ist das her, da wollte er niemanden bekehren, nichts verändern, er wollte bloß Manchester United siegen sehen, und nirgendwo in New York City war das möglich. Keane stellte also in diesem Bunker an der Third Avenue einen Fernseher auf den Kühlschrank; er war damals nämlich der DJ dieser Kneipe, die schon 1992 »Nevada Smith’s« hieß, benannt nach einem noch älteren Spielfilm mit Steve McQueen. Und dann suchte Jack Keane nach Sendern, die Fußball übertrugen.
»Amazing, isn’t it?«, sagt er, zapft ein Bier, ballt die Faust, weil auf 15 Panasonic-Flachbildschirmen und der Kinoleinwand ein Tor fällt, springt über den Tresen, weil es der kürzeste Weg Richtung Keller ist, kehrt zurück, springt über den Tresen und sagt: »Ja, es ist eine erstaunliche Geschichte, nicht wahr?«
Das Nevada Smith’s ist das Hauptquartier jener, die den Vereinigten Staaten den Fußball bringen wollten und inzwischen die Vollendung ihrer Revolution feiern. Manager, Trainer, Spieler und Fans trinken bei Keane, es erscheinen auch Frauen, aber nicht viele. Das Nevada Smith’s zeigt Fußball von morgens bis spät in die Nacht; wo auch immer ein Spiel gefilmt wird, hier ist es zu sehen, 3000 Dollar pro Monat kosten Keane all die Lizenzen. Wenn der FC St. Pauli spielt, kommen wir, zehn deutsche New Yorker, hier zusammen, und wenn Manchester United gegen Chelsea spielt, sind tausend britische New Yorker da. Dunkel ist es, es gibt kein Tageslicht, nur Parkett, Steinwände, Trikots, Fahnen, Fußballplakate, die Fernseher, die Leinwand und den Tresen, nur Fußball und uns Liebende, sonst nichts.
Wir singen. Wir weinen. Wir tragen die Trikots unserer Länder, weil Fußball Heimat ist in der großen Stadt, unsere Blicke sind nie ohne Angst, und in den Pausen diskutieren wir, natürlich kompetent.
Es ist eine UNO des Fußballs, und zugleich ist das Nevada Smith’s so sehr New York wie die U-Bahn-Linie 7 in Queens, die auf Stelzen in wenigen Minuten um die Welt fährt: Dort in Queens leben Italiener, Chinesen, Koreaner, Mexikaner, Iren, Afghanen Block an Block, und es riecht nach Curry, Fisch, Blumen und Abgasen; hier in Manhattan kamen gestern die Niederländer zusammen, und heute sangen morgens die Spanier, und nachher singen wir.
Für Humor ist wenig Raum im Nevada Smith’s, denn Jack Keane hasst es, wenn Politiker und Frauen sagen, Fußball sei nur ein Spiel. »… und Sauerstoff ist nur ein Gas«, das hat er an sein Fenster geschrieben.
New York ist Leidenschaft. Was Besucher in dieser Stadt mitreißt, das ist das Tempo, das ist die Kraft; jede und jeder, alle, die hier leben, wollen etwas tun oder werden, sie haben eine Idee, sie sind begeistert von irgendetwas. New York ist größer als seine Klischees, da diese Stadt zu jedem Image ein Gegenbild findet, und nur eines ist New York niemals: lethargisch. Diese Stadt gibt dem Reisenden das Gefühl, dass er im Mittelpunkt der Welt angekommen sei, es ist tatsächlich so, wie es die Basketballer der New York Knicks jahrelang auf ihre Werbetafeln schrieben, als sie ihre Arena, den Madison Square Garden, anpriesen: »IT happens here.« Abgesehen davon, dass diese Knicks ordinär, arrogant und seit Jahrzehnten nicht so abenteuerbesessen oder gutgelaunt sind wie die Metropolitan Opera oder das Magazin »New York« oder das beste Eishockey-Team der Stadt, die Rangers, abgesehen also lediglich von diesen durch und durch verkorksten New York Knicks stimmte der Slogan der New York Knicks. ES geschieht hier. Wo sonst?
New York ist finster. Es waren meine ersten Tage. Ich stand gequetscht in der U-Bahn-Linie 4, ein alter, rumpelnder Wagen, und ich erinnerte mich an die Hamburger U-Bahn: so sauber, so leise und sanft, Kinderstimmen sagten im fernen Hamburg die Bahnhöfe an. Hier nun hockten bleiche Menschen neben mir, hörten Musik, lasen, schliefen, keiner blickte den anderen an, keiner lächelte. Es liefen Ratten durch die Bahnhöfe. Die Ansagen verstand ich nicht. Und Fremde fragten nach Geld und kamen nahe. Ich wollte nach Uptown Manhattan, war aber falsch eingestiegen und fuhr nach Brooklyn und kam dann nicht mehr zurück, weil inzwischen die Strecke gesperrt war; vielleicht war ein Gleis durchgerostet, oder vielleicht hatten ja die Ratten die Schienen durchgenagt.
Es gibt diese Tage, an denen New York wie eine Stadt aus dem 19. Jahrhundert wirkt: die Dämpfe überall, die miese Kanalisation, die Löcher, die Stromausfälle, auch das Klassensystem natürlich, die wütende Unterschicht.
Ein Typ lief durch den Waggon, und er hielt ein Schild in der Hand: »Scream at me – $ 1.« Ich stieg aus, hatte keine Ahnung, wo ich war, und in diesem Moment begann das Gewitter. Diese Stadt kann dir das Gefühl geben, dass du klein und nichts wert bist, und es gibt Tage, an denen sie sich nicht um ihre Bewohner schert, denn diese Stadt hat ihre Geschwindigkeit und behält sie, und wer nicht mitrennt, den lässt sie eben zurück.
New York leuchtet. Das Wetter ist anders als deutsches Wetter, ein extremes Wetter ist das hier, heute ist es eisig, morgen siedend, gesund ist das alles nicht. Es gibt Tage, an denen du in der U-Bahn kaum atmen kannst, 45 Grad, New York macht die New Yorker bleich und dürr. Doch wer 50 ist und glaubt, dass alles, was ihm im Leben noch zustoßen wird, nur Variationen dessen sein werden, was ihm bereits zugestoßen ist, der sollte nach New York kommen, denn er hat sich geirrt.
So vieles hier, das meiste eigentlich, überrascht; ich erlebe hier an jedem einzelnen Tag etwas zum ersten Mal, spüre Neues, denke Neues, und darum ging es doch, als wir jung waren und leben wollten.
Zum Beispiel: Wenn es regnet, kommt die Kanalisation nicht mehr mit, es ist halt alles etwas verrottet, und die Stadt ist in Minuten überschwemmt, und an der Ecke Second Avenue/East 10th Street bildet sich ein See. Und eine Frau steht an der Kreuzung, alt, verloren, nass, und von hinten naht ein glatzköpfiger Jogger, hebt die Frau hoch, legt sie sich über die Schulter, steigt ins Wasser, trägt die Frau über die Straße ans andere Ufer, stellt sie ab und rennt weiter. Kein Wort wurde gewechselt.
Zum Beispiel: Sprache. Ich lebe im East Village, es ist ein junges Viertel, die Studenten der New York University wohnen hier und reden über ein Mädchen. »She’s blockomore«, sagt auf einmal ein Kerl in der Bar, ich kenne das Adjektiv nicht, alle lachen und erklären: »She only looks good from a block or more.«
New York ist pragmatisch. Zum Beispiel: Paarungsrituale.
Beim ersten Date zahlt der Mann (bei allen weiteren Treffen auch), es darf nach dem ersten Date einen kurzen Kuss geben, und wenn der Mann nach drei Tagen nicht anruft, meint er’s nicht ernst. Sie haben hier Regeln für alles. Der Philosoph und Politologe Michael Werz sagt, die Regeln »führen Inder und orthodoxe Juden zusammen«, ermöglichten also Verständigung. New Yorkerinnen erzählen viel von ihrer Einsamkeit, wollen Liebe, aber sie begreifen nicht, dass gerade die Spielregeln dieser Stadt die Ursache der Einsamkeit sind.
Beim Speed-Dating in der Mittagspause trifft die New Yorkerin in 60 Minuten sechs New Yorker, und sie fragt stets: »Wie viel Geld verdienst du? Wie viele Kinder willst du?« Eine Freundin, die von ihrem Freund zur Verlobung einen Ring bekommen hatte, der weniger als ein Zwölftel seines Jahresgehalts gekostet hatte, zeigte den Ring ihrer Familie, und der Familienrat sagte: Der Ring ist zu klein. Die Hochzeit wurde abgesagt.
New York ist Bewegung. Es kommen Deutsche in Sandalen und Socken her, mit weißen Beinen in kurzen Hosen; das alles macht nichts, denn auch New Yorker sehen nicht aus wie Pariser: Shorts, T-Shirt, Nike-Schuhe, das ist hier normal, es geht hier nicht ständig um Kleidung.
Viele Deutsche also stehen zu fünft nebeneinander auf dem Gehweg, obwohl um sie herum die New Yorker rennen und reden und lesen und zugleich auch noch essen müssen, denn irgendwann braucht der Mensch nun mal Nahrung. Und jeder New Yorker weiß immer, wohin er strebt, niemand verrät Zweifel, das Gesicht New Yorks zeigt Entschlossenheit.
Ein deutscher Vater und vier deutsche Kinder überqueren nun die 42nd Street, die deutsche Mutti bleibt stehen, weil sie noch das Chrysler Building fotografieren will. »Wartet, ich komme mit der nächsten Grünphase«, klingt es nun durch New York. Das Wort hatte ich lange nicht gehört. Wenn New Yorker rote Ampeln erblicken, rennen sie weiter und blicken nicht zur Seite, keine Zeit. »To gain time«, Zeit gewinnen, ist ein absurder Anspruch an das moderne Leben, ein New Yorker Begriff und das Ziel der New Yorker. »Think back, move on« ist das Motto selbst von Ground Zero.
New York ist die Stadt der Fremden. Jeder war mal neu hier, irgendwann, und die meisten haben es nicht vergessen. Niemand hier lebt mehr da, wo er aufgewachsen ist. New Yorker helfen gern, der neue Fremde muss bloß Neugierde und Lust mitbringen, ein wenig also dem hinzufügen, was die Stadt ausmacht. Ein paar Dinge sollte der Reisende wissen, zum Beispiel, dass der Blick von oben hinab auf die Stadt sich lohnt, aber nicht vom Empire State Building aus, wo es lange Schlangen gibt, sondern vom Rockefeller Center aus, weil man vom Rockefeller Center aus das Empire State Building sehen kann.
Gleich am ersten Tag könnte der Reisende eine Tour rund um Manhattan machen: Per Hubschrauber ist es teuer, doch dem Schauplatz angemessen, per Bus (»Circle Line«) macht es auch Spaß, weil man überall aus- und wieder zusteigen kann; per Schiff ist’s im Norden etwas grau und zäh, doch der Süden entschädigt; und außerdem kann man Fahrräder mieten – am Hudson entlang hinauf und durch den Central Park wieder hinab, das dürfte gelingen, ohne von indischen Uber-Piloten niedergemäht zu werden. Hat der Reisende die Rundtour hinter sich, könnte er sich sagen, dass er die Pflicht nun erfüllt hat, und sich auf dem Washington Square an den Brunnen setzen und mit echten New Yorkern sprechen, oder er könnte riechen, wie diese Stadt duftet, und niemals sollte er vergessen, nach oben zu gucken.
Das ist der Rat, den meine Freundin Mary bekam, als sie von Boston nach New York zog, und weiterreichte; einen besseren habe auch ich nicht.
»Don’t ever forget to look up.«
New York ist die Summe der New Yorker, die sich für diese Stadt opfern. So viele New Yorker reiben sich auf, strengen sich an, kämpfen, um jung zu bleiben, reich zu werden oder noch reicher, berühmt zu werden oder noch berühmter, und sie verbrauchen sich schnell, altern ebendarum schnell, so viele von ihnen bilden sich ihr New York eigentlich nur ein. Aber die Stadt lebt von dieser Energie, und sie flirrt und leuchtet ebendeshalb.
New York ist groß wie der Central Park. Wie Flushing Meadows. Yankee Stadium. Der John-F.-Kennedy-Flughafen. Brooklyn Bridge. Die »New York Times«. Fifth Avenue. Man blickt auf diese Stadt wie auf anderswo einen Hunderte Jahre alten Baum, Wasserfälle, Gletscher. Und man sieht Häuser, Lichter, Linien, Farben.
New York war klein wie das »Café Katja«. Es liegt an der Lower Eastside, Orchard Street zwischen Broome und Grand, sie haben dort Gulasch, Sauerkraut, dazu »Jever«. Erwin, der Chef, hat den Laden nach seiner Tochter benannt, und Andrew, Erwins Geschäftspartner, würde zwar lieber fischen gehen, aber er macht stattdessen eine zauberhafte Linzer Torte. Sechs Tische gab es, immer besetzt.
Unten im Keller, über der Toilette, fand sich dies: »Vom Punker bis zur Großmama: Wiener Würstelmann ist für alle da.«
Und weil das Katja und seine Linzer Torte dann berühmt wurden und weil der Laden nebenan frei wurde, ist nun auch das Katja doppelt so groß wie früher und damit so groß wie New York.
New York traut sich. Michael Fortenbaugh war Student und ein guter Segler in Princeton, das ist jetzt 35 Jahre her. Ein ehemaliger Student, Malcolm Forbes, sagte ihm: »Wenn du Erfolg haben willst, bleib bei dem, was du am besten kannst.« So richtig gut konnte Michael Fortenbaugh nur segeln.
1987 war der Hudson eine Kloake, manchmal schwamm eine Leiche im Wasser. Nein, niemand segelte in New York, niemand wollte damals auch nur am Wasser wohnen, als Michael Fortenbaugh den Manhattan Sailing Club gründete. 60000 Dollar besorgte ihm ein Freund, der bei Goldman Sachs arbeitete. Sie gingen beinahe bankrott, sie waren rund 20 Jahre zu früh, doch sie hielten durch.
2008 hat der Manhattan Sailing Club 800 Mitglieder und 35 Boote, Reisende können auf der »America II«, einem einstigen America’s-Cup-Boot, zur Freiheitsstatue segeln. Michael Fortenbaugh war der Pionier, nach ihm kamen die Fuß- und Fahrradwege am Hudson und am East River entlang, die Parks am Ufer, neue Wohnungen mit Blick auf die Freiheitsstatue, und heute ist New York eine Wasserstadt mit 2027 Brücken. Ich wohne in Manhattan, darum geht die Sonne über dem East River auf und über dem Hudson unter – romantische Minuten in einer ökonomischen Metropole, deren Glück vor Jahrhunderten damit begann, dass sie den größten natürlichen Hafen der amerikanischen Ostküste hatte.
New York ist der Taxifahrer, der drei Minuten warten soll und wegfährt und am Telefon schimpft: »Three minutes is a lifetime in this city.«
»I HATE IT
I LOVE IT
I HATE IT
I DON’T KNOW
I LOVE IT
etc.
New York als Wallfahrtsort sozusagen«. Das schrieb Max Frisch.
New York ist Sebastian Junger, der sich die Kneipe »The Half King« in der 23. Straße mit einem kleinen Teil jenes Honorars leistete, das ihm der »Perfect Storm« einbrachte. Gute Hamburger, gutes Bier, und inzwischen die perfekte Location, denn darüber liegt der neue High Line Park. »Am Ende hat Mut immer mit Liebe zu tun. Mut ist Liebe«, sagt der Kollege.
New York verschwindet. Oh, ich habe das »Café Angelique« geliebt, denn der Kaffee war besser als anderswo, die Quiche auch, und ständig wurde dort Frisches gebacken, und man durfte sitzen bleiben, solange man wollte. Bleecker Street, West Village … immer wenn ich in der Nähe war, ging ich ins Angelique, so lange, bis ich 2015 plötzlich vor verrammelten Türen stand. Eine New Yorker Geschichte: Der Vermieter wollte 40000 statt wie bisher 18000 Dollar im Monat, das Todesurteil.
Und ich könnte jetzt sagen, dass es egal sei, dass Wandel eben dazugehöre, dass Bewegung New York nun einmal ausmache, aber so simpel stimmt das nicht. Wenn immer noch ein »Duane Reade« (Drogerie) und noch ein »Starbucks« die leergewordenen Räume erobern, stirbt diese Stadt jedes Mal neu.
Verschwunden sind: das Chelsea Hotel (die Hülle gibt es noch, aber die Mieter sind weg, und Stanley Bard, der Mann am Empfang, ist tot); der Fulton Fish Market am South Street Seaport; Astroland in Coney Island; CBGB, Musiker-Höhle der Siebziger, was für ein Club; ganz Little Italy (der Name existiert noch, aus touristischen Gründen, aber Little Italy wurde von Chinatown verschluckt); Tankstellen (in Manhattan jedenfalls); die Amato Opera, eine kleines, privates Opernhaus im East Village; St. Mark’s Bookshop etc. etc. etc.
New York bleibt dennoch das, was keiner schöner als E.B. White erfasste. Der schrieb: »It can destroy an individual, or it can fulfill him, depending a good deal on luck. No one should come to New York to live unless he is willing to be lucky.«
New York ist Trump. Die Stadt lehnt diesen Präsidenten ab, lacht über ihn, auch der Gouverneur und der Bürgermeister verachten Donald Trump. Aber hier steht der Trump Tower, geschützt von Polizisten. Von hier aus twitterte der Kandidat Donald Trump seine Tiraden in die Welt. Man kann es nicht anders sagen: Nur in New York war Trump möglich, dieser Aufstieg, diese absurde Verherrlichung zynischer Kommentare, dieser ganz und gar hohle Starkult.
Eigentlich müsste jetzt alles umbenannt werden: Trump Central Park. Trump Metropolitan Opera. Trump Steak, Trump Water. Trump Knicks, Trump Rangers. Trump York.
Andere Städte, sagen wir: Tampa oder Phoenix oder Boca Raton, sind entkoffeinierte Ansammlungen von Gebäuden. New York ist konzentriertes Koffein, die Stadt, die nicht funktionieren dürfte. Verdreckt sind die Bahnhöfe, träge die Flughäfen, rostig die Tunnel. Die Straßen: löchrig. Die Wasserversorgung: schwach, ein Rinnsal die New Yorker Dusche. Der Fernseher fällt aus, wenn es draußen nieselt, »no signal«, meldet dann Time Warner Cable. New York ist eine Stadt, die morgen wieder anders leben wird als heute. Ich habe vieles noch nicht erwähnt: die besten Restaurants Amerikas, die besten Theater der Welt, Wall Street, und zu all dem kommen wir noch. Aber wichtig ist ohnehin nur, was mir vor einigen Jahren ein Freund sagte, ein New Yorker. Ich packte vorfreudig meine Umzugskisten in Hamburg und fragte ihn, wie New York denn so sei.
Er sagte: »New York ist.«


III. Das Land
Amerika ist …


Amerika ist Überforderung. Zuallererst war Amerika für mich LAX, der Flughafen von Los Angeles, das ist bald 30 Jahre her. Das menschliche Gedächtnis vergisst ja selten die peinlichen Momente eines Lebens. Für mich zählt zu diesen Momenten ein existentiell wichtiges Volleyballspiel, und wir Dreizehnjährigen aus Münster hatten den ersten Satz 15:0 gewonnen, waren uns sicher und verloren dann doch 14:16 und 13:15 und schämen uns noch heute dafür, denn mit einem größeren Vorsprung kann man ein Spiel nicht verlieren.
Und dazu zählt jener Moment, als ich erstmals amerikanischen Boden betrat.
Denn meine Beziehung zu Amerika begann, als ich in Los Angeles aus dem Flugzeug stieg, meine vielen Sporttaschen einsammelte und so dynamisch, wie ich nur konnte, hinausging ins kalifornische Nachmittagslicht. Und da stand ein schwarzer Obdachloser und sah mich an und fragte: »Some change?« Und ich wollte ein souveräner Ausländer sein und zückte mein Portemonnaie und wollte sehr gern sein Geld wechseln. Scheine? Münzen? Fragend guckten wir einander an. Ja, was wolle er denn nun wechseln, fragte ich, dafür genügte mein Schulenglisch. »Fuck you, damn fucking fuck«, sagte er, »you think you can make fun of me, fucking asshole?«
Change heißt auch Kleingeld, es war meine erste amerikanische Lektion.
Amerika ist ein Polizeistaat. 1989 schrieb ich im Studentenwohnheim in Santa Barbara auf der Erica-Schreibmaschine einen empörten Tagebucheintrag, Titel: »Um zwei kommen die Cops«, und in einem Anflug von Hybris schickte ich ihn an die Wochenzeitung »Die Zeit«. Hier ist die unredigierte und von den verehrten Redakteuren damals erstaunlicherweise tatsächlich gedruckte Fassung, inklusive »daß« (Semikolons mochte ich offenbar damals schon gern):
»Nein, nein«, eine Chance gebe es in einem Prozeß nicht, meinte ein Rechtsanwalt, so etwas sei schließlich normal. »Du schon wieder«, sagte Frau Officer Hausotter, als K. am Telephon noch einmal seine Beschwerde vorbrachte, »du gehst mir auf die Nerven.« »Ja, ja«, sagte Frau Hausotters Vorgesetzter, sie habe ihre Pflicht getan, sei selbstverständlich im Recht und sowieso eine hervorragende Polizistin.
Es ist Samstag abend. K., ein deutscher Student, ist mit ein paar Freunden aus Santa Barbara im kalifornischen San Diego. Die Party ist wild: mehr Bier als in Deutschland, Wodka in Mengen, in Hinterzimmern wird Marihuana geraucht. Und die Musik dröhnt »Born in the U.S.A.«. Es ist eine Fete am Rande der San Diego State University.
Um zwei Uhr kommen die Cops. Acht Streifenwagen und ein Kleinbus mit Gitterfenstern rollen an, alle in schwarz – Sirenen und Blaulicht. Im Laufschritt stürmen die Cops das Haus, auch sie ganz in schwarz, Schlagstöcke in der Hand, Revolver gut sichtbar am Gürtel. Muskulös sind sie; wenn sie stehen, dann breitbeinig. Amerikanische Polizisten machen Angst. »Let’s go, the party’s over«, brüllen sie. Amerikanische Studenten gehorchen. Feten werden immer mal wieder abgebrochen, oft wegen Ruhestörung, mitunter wegen Drogenhandels. Warum diesmal, interessiert da nicht – die Meute geht. Amerikanische Verbrecher sind besonders brutal. Polizisten müssen da stark sein, auch einschüchtern: zum Selbstschutz. Freunde und Helfer kann man lange suchen. Aber ist Bandenkrieg gleich Studentenparty?
»Hast du nicht gehört? Du sollst abhauen!« schreit Officer Hausotter den jungen Deutschen an; sie schlägt ihm die Bierflasche aus der Hand, Splitter und Schaum kleben an der Wand. »Warum?« fragt K. »Rede nicht, hau ab«, brüllt Frau Hausotter und schubst ihn weg. »Ich bin nicht von hier, ich will nur auf meine Freunde warten«, sagt K. Das reicht. Die Dame winkt, und der Student wird an die Wand geworfen. Ein weißer Polizist dreht ihm den Arm auf den Rücken, ein schwarzer zückt den Schlagstock. Sie bringen ihn hinaus: Arme auf die Kühlerhaube, Taschen abklopfen, Arme auf den Rücken, Handschellen. Handschellen! »Warum das alles?« – »Du hältst den Mund.«
Gefesselt in den Gitterbus. 45 Minuten dauert es, bis K. vernommen ist, von Taschenlampen dauerbestrahlt, bis alle Mitglieder der Band festgenommen sind (also ein richtiger Großeinsatz wegen Ruhestörung) und ein blondes Mädchen, das weglaufen wollte, eingefangen und mit dem Funkgerät auf den Kopf geschlagen ist. Auch sie kommt in den Bus, ebenso der Amerikaner Toni, der gerade aus Los Angeles zurückgekommen ist, mit der Fete seiner Zimmergenossen überhaupt nichts zu tun und nur gesagt hat: »Warum soll ich gehen? Ich wohne hier.« Das sagt jeder, Toni wird eingelocht.
Zu sechst kommen sie ins Gefängnis, eine Nacht in der Großraumzelle. Ein Stadtstreicher drischt gerade auf einen Sheriff ein, weil er hinaus muß und nicht will – es ist drei Uhr und kalt. Matratzen gibt es nicht mehr, dafür Gesang aus allen Ecken. Zwei Frauen sind hier und dreißig Männer, ein Vergewaltigungsversuch wird im Ansatz gestoppt.
Morgens um sieben wird K. entlassen. Lächelnd erscheint ein Polizist und klärt auf, daß weder der Widerstand gegen Polizeigewalt noch das Trinken in der Öffentlichkeit (es war eine Privatfete) zur Anzeige führen würden.
Ob er etwas gelernt habe, fragte Frau Hausotter noch, als K. sich später beschwerte. Nein, sagte er. »Das ist schade. Die Lektion war, daß man Befehle eines Sheriffs ohne Kommentar ausführt.«
Amerika ist sein ewiges Streben nach Jugend und nach Schönheit, und darum ist es nur konsequent, dass auch Amerikas Jugend schon nach Schönheit zu streben hat.
In rosafarbenen Bademäntelchen laufen sie herum, den Lolli in der einen Hand, den tragbaren DVD-Spieler in der anderen. Sechs Mädchen, ein Junge, sieben Stimmen kreischend hoch: »Sieht das nicht süß aus?« Und Paxton Malone, fünf Jahre alt, steckt die zarten Füßlein ins Becken, es riecht nach Vanille und blubbert bunt. Paxton legt den DVD-Spieler auf die Oberschenkel, damit sie eine Hand frei hat für ein Stück Zitronentorte, sie beißt hinein, ohne hinzugucken, denn sie starrt auf den Bildschirm. Sie guckt »E.T.«.
Zu Paxtons Füßen kniet eine erwachsene Frau. Sie rubbelt Paxtons Füße trocken. Schneidet die Zehennägel, feilt die Zehennägel, lackiert die Zehennägel. »Wie fühlst du dich, Paxton?«, fragt die Frau. »Was?«, fragt Paxton und nimmt den Kopfhörer ab. »Wie du dich fühlst, kleine Paxton.« Paxton stöhnt jetzt wie eine Große. »Besser«, sagt sie dann.
Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass »Spa Di Da« in Beverly Hills erfunden wurde. Er war der erste Schönheitssalon für Kinder.
Geht man durch dieses Beverly Hills, sieht man nicht mehr viele Menschen, die einfach so aussehen, wie man halt aussähe, entspräche das Aussehen dem Alter, der Natur oder dem eigenen Verhalten. Die Arme hier sind dicker als anderswo (bei den Männern), die Nasen schmaler, die Brüste praller (bei den Frauen). Schwarze lassen sich operieren, lassen jene Stellen aufpumpen und andere absaugen, Weiße machen das Gleiche, die Mexikaner machen das eher nicht, aber Mexikaner kommen in Beverly Hills auch nur selten vor, und wenn, dann in dienenden Rollen.
Es ist ein Sozialklima, in dem jede Fünfzigjährige, die sich nicht operieren lässt, Außenseiterin ist – so faltig die Haut. Beverly Hills ist ein Dorf, in dem so gut wie jeder in Fensterscheiben und allem, was sonst noch spiegelt, überprüft, wie er aussieht. Linksdrehung, Rechtsdrehung, Haare zurück, Strähnchen in die Stirn: Schönheit ist Leistung, darum ist Altern Versagen, und genussvoll oder spielerisch ist an alldem nichts.
Das Luxuspaket im »Spa Di Da« kostet 125 Dollar: Schokoladenmaske, Maniküre, Fußbad in pinkfarbener Limonade mit anschließender Pediküre, Hairstyling, Make-up und Abziehtattoos. Bridget Fonda hat ihre Süßen vorbeigebracht, Rebecca De Mornay auch.
Jackson, der Siebenjährige, hält das Mobiltelefon in der Hand und lässt sich das Kinn einseifen. Die erste Rasur.
Amerika ist seine Kneipen. »Mel’s Drive-In«, Mission Street, San Francisco: laute Countrymusik, unterbrochen von »My Way«. Ein Marilyn-Poster. Schwarzweißfotos von den Autos der Sechziger, riesige Kotflügel. Die Geschichte dieses Landes in einem Bild. Einsame Männer, so einsam wie ich, sitzen am Tresen und gucken den vier Köchen zu, die ein fettes Essen nach dem anderen fertigen und hinaustragen. Die Kundschaft: dick. Laut. Gierig. Auf grünem Kunstleder.
Amerika ist seine 800-Rufnummern. 800 heißt Service. In der U-Bahn von Los Angeles gesehen: »When you want to go your own way: 1–800-DIVORCE.«
Amerika ist seine Sprache, immer wieder. Wer Sex wünscht, sagt: »I wanna bed you.« Studenten, die von ihrem Zimmergenossen für eine Stunde oder eine Nacht ausgesperrt werden, damit die Zimmergenossen in Ruhe vögeln können, leben im »Sexile«.
Amerika ist seine Verschwendung. Amerikaner verbrauchen 100 Milliarden Plastiktüten im Jahr, deren Herstellung zwölf Millionen Barrel Öl verbraucht.
Amerika ist sein Gehorsam. Firmen und Sportmannschaften, allesamt, funktionieren militärisch streng. Das schränkt in der Arbeit und auch in der Freizeit durchaus Freiheit und Individualismus ein, den Spaß auch, aber Amerikaner kennen ihren Sport nicht anders, schätzen ihn so, und der Leistung schadet es zweifellos nicht. Jedes Team trainiert uniformiert, jedes Team hat ein Regelwerk, und der Verstoß wird geahndet. »Ball drill« heißt so eine Bestrafung bei Volleyballern; da stehen dann elf junge Männer am Netz und schlagen auf den armen zu Bestrafenden ein, der hundert Bälle gleichzeitig verteidigen soll, aber natürlich nicht verteidigen kann, darum hat das Ganze etwas von einer Steinigung. Ich kam tatsächlich mal eine Minute zu spät zum Lunch, und sofort gab es einen ball drill, bis ich nicht mehr aufstehen konnte. Zwei Stunden später begann unser Spiel, ich begann es erschöpft, knickte um, riss mir ein Außenband, und wir verloren, und Ken, der Trainer, dieser Offizier und Idiot, hatte seine Ressourcen vergeudet, aber die Disziplin gewahrt.
Möglich ist so etwas, weil immer neue Sportler nachkommen. Der Collegesport ist so organisiert, dass jeder Athlet nur vier Jahre zur Verfügung hat: als Freshman, Sophomore, Junior, Senior, danach sortiert das System ihn aus. Das sorgt für ständigen Wechsel, ständige Erneuerung, ein reines Leistungsprinzip eben. Collegesport bietet Prestige und geldwerte Vorteile, nämlich Stipendien, und die Aussicht auf Profisport; und Profisport bietet noch mehr Prestige und noch viel mehr Geld. Alle machen mit, und wer ausschert, ist im nächsten Moment vergessen.
Und doch: Die Rangers, die Yankees und ein wenig sogar die ewig verlierenden Knicks sind meine Teams, und auch ein UC Santa Barbara Gaucho werde ich mein Leben lang sein.
Amerika ist … ach, Amerika, ich könnte endlos weitermachen.
Aber Amerika ist ja nun sowieso das Land der Entdecker. Das Land des Reisens.

Inhalt
Prolog  9
I.    Der atlantische Graben  11
II.    Die Stadt  47
New York ist …  47 // Trumptown, I.  56 // Der letzte Touchdown  58 Trumptown, II.  66 // Im falschen Leben  72 // Trumptown, III.  83 New Yorker Helden (I) Rivera & Lundqvist  87 // Friedhof der Träume  90 Trumptown, IV.  99 // New Yorker Helden (II) Die Erfinder des Gitters  100 // Trumptown, V.  104 // Dichterstadt  107 // Trumptown, VI.  128 New Yorker Helden (III) Carrie und ihr Russe  129 // Trumptown, VII.  133 // The Mädel  138 // Trumptown, VIII.  144 // Stadt der Träume  147 Trumptown, IX.  156 // New Yorker Helden (IV) Philippe Petit  160
III.    Das Land  165
Amerika ist …  165 // In den Sonnenuntergang  170 // Ehrenmann  198 Amerikanische Helden (I) Dennis Conner  219 // Trumpland, I.  222 Kultur der Gier  224 // Amerikanische Helden (II) Dov Seidman  239 Trumpland, II.  241 // Amerikanische Helden (III) Steve Wozniak  247 Die Luxuskrieger  250 // Trumpland, III.  264 // American Angst  268 Trumpland, IV.  276 // Amerikanische Helden (IV) Marty Baron und Dean Baquet  282 // Die Geschichte von Barack und Michelle  286 Trumpland, V.  306 // Amerikanische Helden (V) Sheryl Sandberg  309 Zwei Amerikas  312 // Trumpland, VI.  327 // Amerikanische Helden (VI) John McCain  329 // Wer schreiben will, muss leben  336 // Amerikanische Helden (VII) Gloria Steinem  349 // Trumpland, VII.  352 Der Mann vom Mond  356 // Trumpland, VIII.  366 // Der Bote aus dem Jenseits  368 // Revolutiönchen  378 // Amerikanische Helden (VIII) Hartmut Esslinger  390 // Trumpland, IX.  392 // Der Lärm  394 Trumpland, X.  404 // Das Ende der Reise  407 // Trumpland, XI.  421 Die Verzweifelten Staaten  424 // Trumpland, XII.  459
IV.    Die und wir. Fremde Freunde  463
Abschied  477 // Auftritt: China, das Imperium unserer Zeit  488 Und nun?  491
Dank  499
Bibliographie  501
Register  507

 

Preis € (D) 24,00 | € (A) 24,70

528 Seiten, gebunden
S. FISCHER
ISBN 978-3-10-397232-0

Bei Amazon bestellen

Bei Thalia bestellen

E-Book | € (D) 19,99

FISCHER E-Books
ISBN 978-3-10-490226-5

Shop-Button-ebook.de

oder bei Ihrer Buchhandlung vor Ort.