Jetzt reinlesen!

Jene Nacht. Ich weiß, es gibt unendlich viele Punkte, an denen Geschichten anfangen können, und mir ist durchaus klar, dass jeder, der in dieser Geschichte eine Rolle spielt, Einwände gegen meine Entscheidung erheben würde – aber für mich beginnt alles mit dieser Nacht, dem dunklen rostigen Scharnier zwischen dem Davor und Danach, der Zwischenschicht Trickglas, die alles auf der einen Seite mit trüben Farben tönt und alles auf der anderen weiter strahlen lässt, quälend nah, unberührt und unberührbar. Obwohl es nachweislich Unsinn ist – schließlich steckte der Totenschädel zu dem Zeitpunkt schon jahrelang in der Ulme im Garten vom Ivy House, und ich denke, es ist ziemlich klar, dass er in jenem Sommer ohnehin entdeckt worden wäre –, glaube ich doch auf irgendeiner Ebene, die tieferging als Logik, dass das alles ohne diese Nacht nie passiert wäre.

Es fing eigentlich mit einem schönen Abend an, einem tollen Abend sogar. Es war ein Freitag im April, der erste Tag, der sich wirklich frühlingshaft angefühlt hatte, und ich war mit meinen besten Freunden, die ich schon aus der Schule kannte, was trinken. Das Hogan‘s war gerammelt voll, die Frauen hatten von der Wärme des Tages weich fließendes

Haar, die Männer hatten die Ärmel hochgekrempelt, eine Melange aus Gesprächen und Gelächter verdichtete die Luft, bis die Musik bloß noch ein unterschwelliges fröhliches Reggae- Wumm-Wumm-Wumm war, das vom Boden nach oben in unsere Füße drang. Ich war total aufgekratzt – nicht von Koks oder so. Anfang der Woche hatte es ziemlich Ärger im Job gegeben, aber an dem Tag hatte sich das alles geregelt, und von dem Triumph war ich ein bisschen überdreht. Dauernd ertappte ich mich dabei, dass ich zu schnell redete oder mein Bier zu schwungvoll in mich reinkippte. Ich schickte meiner Freundin Melissa eine Nachricht: Bin was mit den Jungs trinken. Ruf dich später an. Liebe dich. Meine Gedanken sprangen hin und her wie ein Border Collie, und das war ansteckend. Meine Kumpels Sean und Dec konnten sich vor Lachen kaum halten – wir planten für den Sommer einen Urlaub, nur wir drei, konnten uns aber nicht entscheiden, wo. Thailand? Moment, in welcher Jahreszeit ist da noch mal Monsun?, Handys gezückt, in welcher Jahreszeit wird da geputscht? – Dec bestand aus irgendwelchen Gründen auf Fidschi, was anderes als Fidschi kommt nicht in Frage, so eine Chance kriegen wir nie wieder, nicht nachdem – und ein vermeintlich subtiles Nicken in Seans Richtung. Sean würde Weihnachten heiraten, und obwohl das nach zwölf Jahren keine große Überraschung war, fanden wir es doch irgendwie erschreckend und unnötig, und immer, wenn das Thema zur Sprache kam, wurde er unweigerlich und gnadenlos auf den Arm genommen: Sobald du Ja gesagt hast, sind deine Tage gezählt, Mann, eh du dich‘s versiehst, wirst du Vater, und dann bist du geliefert … Trinken wir auf Seans letzten

Urlaub! Trinken wir auf Seans letzten Abend in Freiheit! Trinken wir auf Seans letzten Blowjob! Dec und ich mochten Audrey eigentlich sehr, und das ironische Grinsen in Seans Gesicht – gespielt genervt, insgeheim rundum glücklich mit sich und der Welt – ließ mich an Melissa denken, wir waren jetzt seit drei Jahren zusammen, und vielleicht sollte ich ihr doch bald mal einen Heiratsantrag machen, und das ganze Gerede über letzte Gelegenheiten veranlasste mich, zu einer attraktiven Brünetten am Nebentisch rüberzuschielen, die gerade irgendeine Anekdote erzählte und mächtig herumgestikulierte, knallrote Fingernägel, und irgendwas an der Art, wie sie den Hals bog, verriet mir, dass sie haargenau mitbekommen hatte, dass ich sie ansah.

Danach wird meine Erinnerung an den Abend lückenhaft. Natürlich habe ich im Nachhinein zigtausend Mal darüber nachgedacht, bin wie besessen jedem Faden gefolgt, um den Knoten zu finden, der das Muster unwiederbringlich zerstörte, habe gehofft, dass es da dieses eine Detail gab, dessen Bedeutung mir entgangen war, den kleinen entscheidenden Eckstein, um den herum sich alles wie von selbst ordnen würde, und auf einmal würden Jackpot-Ringe aus bunten Lämpchen aufleuchten und ich würde hochspringen und Heureka! schreien.

Das Nächste, woran ich mich einigermaßen klar erinnere, ist, wie ich mich vor dem Pub von den Jungs verabschiede, Sperrstunde, lockere lärmende Grüppchen, die darüber debattieren, wohin sie jetzt gehen sollen, Köpfe über Feuerzeuge gebeugt, Frauen auf wackeligen hohen Absätzen, gelb leuchtende Taxischilder, die vorbeigleiten.

Ich hätte auch ein Taxi nehmen können, aber es war eine schöne Nacht, ruhig und kühl mit einem weichen, leichten Hauch, der für den Morgen noch mehr Frühling verhieß. Ich war betrunken, aber nicht so sehr, dass ich getorkelt wäre.

Meine Wohnung war keine dreißig Gehminuten entfernt. Außerdem hatte ich Hunger. Ich wollte noch was zu essen kaufen, eine Riesenportion von irgendwas Scharfem und Würzigem. Ich knöpfte meinen Mantel zu und stiefelte los.

Ein Feuerschlucker am Ende der Grafton Street, der sein spärliches Publikum zu einem rhythmischen Klatschen anheizte, Betrunkene, die unverständliche Anfeuerungen oder blöde Bemerkungen grölten. Ein Obdachloser in einem blauen Schlafsack, der zusammengerollt in einem Hauseingang lag und von all dem nichts mitbekam. Im Gehen rief ich Melissa an; sie schlief nie ein, bevor wir nicht unser Gute-Nacht-Telefonat gehabt hatten, und ich wollte nicht, dass sie noch länger wach blieb, und überhaupt konnte ich nicht warten, bis ich zu Hause war. „Du fehlst mir“, sagte ich, als sie sich meldete. „Du bist toll.“

Sie lachte. „Du auch. Wo bist du?“

Beim Klang ihrer Stimme drückte ich das Handy fester ans Ohr. „Stephen‘s Green. Ich war mit den Jungs im Hogan‘s. Jetzt bin ich auf dem Weg nach Hause und denke daran, wie toll du bist.“

„Dann komm doch zu mir.“

„Geht nicht. Bin betrunken.“

„Stört mich nicht.“

„Nein. Ich stinke nach Bier, und ich würde dir ins Ohr schnarchen, und dann servierst du mich ab und verschwindest mit irgendeinem aalglatten Milliardär, der einen Pad-Automaten hat, um sein Blut zu reinigen, wenn er aus dem Pub nach Hause kommt.“

„Ich kenne keinen aalglatten Milliardär. Ehrenwort.“

„O doch, tust du. Die sind überall. Aber sie kommen erst aus ihren Löchern, wenn sie ihre Chance sehen. Wie Mücken.“

Sie lachte wieder. Der Klang wärmte mich am ganzen Körper. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass sie eingeschnappt oder sauer wäre oder gleich wieder auflegen würde, weil ich sie vernachlässigt hatte, aber ihre unverstellte Herzlichkeit machte mir wieder mal klar, dass ich ein verdammter Glückspilz war. Ich erinnerte mich an meine leicht selbstzufriedene Verwunderung, mit der ich Decs Schilderungen komplizierter Dramen mit Exfreundinnen zugehört hatte: Menschen, die sich selbst oder gegenseitig an den unterschiedlichsten und merkwürdigsten Orten ein- oder aussperrten, während alle heulten und/oder rumschrien und/oder bettelten – nichts davon würde Melissa auch nur ansatzweise einfallen. „Kann ich morgen rüberkommen? Sobald ich wieder ein Mensch bin?“

„Klar! Wenn es wieder schön ist, können wir im Garten was essen und in der Sonne einschlafen und zusammen schnarchen.“

„Du schnarchst nicht. Du machst fröhliche leise Schnurrgeräusche.“

„Iiih. Sehr anziehend.“

„Ist es auch. Es ist toll. Du bist toll. Hab ich schon gesagt, dass du toll bist?“

„Du bist betrunken.“ Ein Gähnen. „Sorry.“

„Es ist schon spät. Du hättest nicht wegen mir wach bleiben sollen.“

„Das macht mir nichts. Ich find‘s schön, wenn wir uns noch gute Nacht sagen.“

„Ich auch. Gute Nacht. Ich liebe dich.“

„Ich liebe dich auch. Gute Nacht.“ Sie hauchte einen Kuss ins Telefon.

„Gute Nacht.“

Der wahre Grund, warum ich nicht zu Melissa gehen wollte – in Wirklichkeit wollte ich, sehr gern, aber der Grund, warum ich es nicht tun würde –, war natürlich der, dass ich in meinem betrunkenen Zustand vielleicht angefangen hätte, ihr die Geschichte aus meinem Job zu erzählen, und mir lag viel daran, Melissa nicht zu beunruhigen.

Aus irgendeinem Grund ist das der Fehler – eigentlich kein Fehler, denn was ist falsch daran, nach einer stressigen Woche am Freitagabend ein Bier trinken zu gehen, was ist falsch daran, wenn du willst, dass die Frau, die du liebst, nur das Beste von dir denkt? –, ist das die Entscheidung, auf die ich wieder und wieder zurückkomme, an der ich zwanghaft herumzupfe, als könnte ich sie irgendwie von meinem Leben abziehen und wegwerfen: ein Whiskey mit den Jungs weniger, ein Bier weniger, ein Sandwich an meinem Schreibtisch, und ich wäre noch so nüchtern gewesen, dass ich mir zugetraut hätte, zu Melissa zu gehen. Über dieses Was-hätte-sein-können habe ich so oft nachgedacht: sie umarmen und herumwirbeln, sobald sie die Tür aufmacht, Glückwunsch! Ich hab gewusst, dass du das schaffst!, ihre weich geschwungene, atmende Form im Bett, ihr Haar, das mich am Kinn kitzelt; entspannter Samstags-Brunch in unserem Lieblingscafé, Spaziergang am Kanal, um uns die Schwäne anzusehen, Melissa, die unsere Hände vor und zurück schwingt. Ich sehne mich wahnsinnig danach, als wäre es etwas Reales und Greifbares und Unersetzliches, das ich irgendwo verlegt habe und irgendwie retten und bewahren könnte, wenn ich nur wüsste, wie.

Die Baggot Street war still und fast menschenleer, lange Reihen von massigen georgianischen Häusern, die herrlich verschnörkelten schmiedeeisernen Straßenlampen. Gleichmäßiges Tickticktick von Fahrradreifen, die von hinten näher kamen, und ein großer Mann mit Filzhut rauschte vorbei, sehr aufrecht sitzend, die Arme akkurat vor der Brust verschränkt. Zwei Menschen, die sich in einem Hauseingang küssten, weich fallendes grünes Haar, lila Rüschen. Ich muss unterwegs beim Inder was zu essen gekauft haben, obwohl ich mich nicht erinnern kann, wo, aber in der Luft um mich herum lag ein satter Koriander- und Fenchelduft, der mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Die Straße fühlte sich warm und fremd und sehr breit an, erfüllt von einem eigentümlichen, rätselhaften Zauber. Zwischen den großen Bäumen auf dem Grünstreifen in der Straßenmitte tanzte ein alter Mann mit Bart und Schlägermütze einen schlurfenden Halbtanz mit sich selbst, die Finger gespreizt. Eine Frau auf der anderen Seite fast im Laufschritt, langer schwarzer Mantel um die Knöchel flatternd, den Kopf über das Handy geneigt, das blauweiß in ihrer Hand leuchtete wie ein märchenhaftes Kleinod. Zarte, staubige Oberlichter, goldener Glanz in einem winzigen hohen Fenster. Dunkles Wasser unter der Kanalbrücke, Schillern und Rauschen.

Ich muss es ohne Zwischenfälle nach Hause geschafft haben – obwohl, woher soll ich das wissen, woher soll ich wissen, was knapp außerhalb meines Gesichtsfelds vor sich ging, wessen Blick mir aus Hauseingängen folgte, was sich aus dem Schatten löste, um lautlos hinter mir herzuschleichen? Auf jeden Fall muss ich es nach Hause geschafft haben, ohne dass irgendwas bei mir die Alarmglocken läuten ließ. Ich muss mein indisches Take-away gegessen haben und vielleicht hab ich mir noch irgendwas auf Netflix angesehen (obwohl – müsste ich nicht zu betrunken gewesen sein, um noch einer Handlung zu folgen?), oder vielleicht habe ich ein bisschen auf der Xbox gespielt. Ich muss vergessen haben, die Alarmanlage einzuschalten – obwohl ich im Erdgeschoss wohnte, ließ ich sie meistens aus; das Küchenfenster war ein bisschen wackelig, und wenn der Wind aus der falschen Richtung kam, klapperte es und löste den hysterisch kreischenden Alarm aus, und ich lebte ja schließlich nicht in einem von Kriminalität geprägten urbanen Dschungel. Und irgendwann muss ich mir meinen Pyjama angezogen haben und ins Bett gegangen und in einen betrunkenen Tiefschlaf gefallen sein.

Irgendwas weckte mich. Ich hatte eine deutliche Erinnerung an ein Geräusch, ein scharfes Knacken, aber ich wusste nicht, ob es in meinem Traum gewesen war (großer lachender Schwarzer mit Dreadlocks und einem Surfboard, der sich weigerte, mir etwas zu sagen, was ich unbedingt wissen musste) oder draußen. Das Zimmer war dunkel, nur ganz schwaches Straßenlampenlicht umrahmte die Vorhänge. Ich lag still da, der Nachhall des Traums noch um meinen Verstand gesponnen, und lauschte.

Nichts. Und dann: Eine Schublade glitt auf oder zu, direkt auf der anderen Seite der Wand, in meinem Wohnzimmer.

Ein leiser, dumpfer Schlag.

Zuerst dachte ich, es wären die Jungs, Dec hätte sich reingeschlichen, um mir einen Streich zu spielen; einmal im College hatten Sean und ich ihn geweckt und unsere nackten Hintern gegen sein Schlafzimmerfenster gedrückt, aber Dec hatte keinen Schlüssel – meine Eltern hatten einen, vielleicht eine Überraschung, aber die hätten doch bestimmt bis zum Morgen gewartet – Melissa? konnte sie es nicht erwarten, mich wiederzusehen? aber sie hasste es, nachts allein unterwegs zu sein – irgendein primitiver Teil von mir wusste, was das war. Ich setzte mich kerzengerade auf, und die ganze Zeit legte mein Herz einen grimmigen, unablässigen Rhythmus hin.

Ein kurzes Murmeln im Wohnzimmer. Blasser Schwung eines Taschenlampenstrahls vorbei am Spalt unter der Schlafzimmertür.

Auf meinem Nachttisch war ein Kerzenständer, den Melissa mir vor ein paar Monaten aus dem Laden mitgebracht hatte, ein schönes Teil in der Optik der schwarzen schmiedeeisernen Geländer vor alten Dubliner Häusern. Kunstvoll gewundener Stiel und oben die eleganten Bögen einer französischen Lilie, das mittlere Blatt spitz, um die Kerze zu halten. Ich erinnere mich nicht, dass ich aufgestanden bin, aber auf einmal stand ich, den Kerzenständer fest in beiden Händen, testete sein Gewicht und schlich mich zur Schlafzimmertür. Ich kam mir vor wie ein Idiot, wo doch offensichtlich nichts Schlimmes vor sich ging, ich würde die arme Melissa zu Tode erschrecken, Dec würde mir das bis ans Ende meiner Tage unter die Nase reiben – Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt, ein Lichtstrahl flackerte durch die Dunkelheit dahinter. Ich stieß die Tür mit dem Kerzenständer auf und schlug klatschend auf den Lichtschalter, und das Zimmer strahlte blendend hell auf, so dass ich eine halbe Sekunde blinzelte, ehe ich richtig sehen konnte.

Mein Wohnzimmer, Espressotasse vom Morgen noch auf dem Couchtisch, Papiere unter offenen Schubladen auf dem Boden verteilt, und zwei Männer: beide die Kragen ihrer Trainingsjacken hoch über den Mund und Baseballcaps tief über die Augen gezogen, beide mitten in der Bewegung erstarrt, stierten mich an. Der eine stand meiner offenen Terrassentür zugewandt, ungelenk um meinen Laptop gekrümmt. Der andere reckte sich hinter meinen Fernseher, um nach der Wandhalterung zu greifen, die Taschenlampe noch in der anderen Hand. Sie waren hier so absolut fehl am Platze, dass sie grotesk aussahen, künstlich, eine schlechte Photoshop-Arbeit.

Nach dem ersten verblüfften Moment schrie ich: „Raus hier!“ Die Empörung schoss durch meinen ganzen Körper wie Raketenbrennstoff, noch nie hatte ich so etwas empfunden, die pure dreiste Unverschämtheit dieser Dreckskerle, in meine Wohnung einzubrechen – „Raus! Macht, dass ihr wegkommt! Raus!“

Dann merkte ich, dass sie nicht zur Tür rannten, und danach wird alles ein bisschen verworren, ich weiß nicht, wer sich zuerst bewegte, aber plötzlich war der Kerl mit der Taschenlampe schon halb durch den Raum auf mich zugekommen, und ich stürzte mich auf ihn. Ich glaube, ich hab ihn mit dem Kerzenständer ziemlich hart am Kopf erwischt, immerhin, aber unser Schwung brachte uns beide aus dem Gleichgewicht, und wir packten uns gegenseitig, um nicht hinzufallen. Er stank, Körpergeruch und irgendwas Eigenartiges, Milchiges – manchmal bekomme ich heute noch beim Einkaufen einen Hauch davon in die Nase und merke, dass ich würgen muss, bevor mir klar wird, warum. Er war stärker, als ich gedacht hatte, sehnig und wendig, hielt meinen Kerzenständerarm fest, und ich konnte keinen Schlag mehr landen – ich rammte wütende Faustschläge in seinen Bauch, hatte aber nicht genug Platz, um wirklich Kraft hineinzulegen, wir waren zu eng aneinandergepresst, taumelten. Sein Daumen drückte sich in mein Auge, und ich schrie auf, und dann traf mich irgendwas am Kinn, blauweißes Licht zersplitterte in alle Richtungen, und ich fiel.

Ich schlug mit dem Rücken auf den Boden. Meine Augen tränten, meine Nase lief, mein Mund füllte sich mit Blut, und ich spuckte es aus, meine Zunge brannte. Irgendwer brüllte, du Scheißwichser – ich stemmte mich auf die Ellbogen und schob mich mit den Füßen rückwärts, weg von ihnen hältst dich wohl für Supermann und versuchte, mich an der Sofalehne hochzuziehen und – Jemand trat mir in den Bauch. Ich mach dich fertig – ich schaffte es, mich wegzurollen, schnappte würgend nach Luft, aber die Tritte hörten nicht auf, trafen mich jetzt in die Seite, hart und systematisch. Ich spürte keinen Schmerz, nicht direkt, aber etwas anderes, Schlimmeres, das furchtbare, beängstigende Gefühl, dass etwas grundfalsch war. Ich konnte nicht atmen. Ich erkannte mit einer schrecklichen, kühlen Klarheit, dass ich vielleicht sterben würde, dass sie jetzt sofort aufhören mussten, weil es sonst zu spät wäre, aber ich bekam keine Luft, um ihnen diese eine unerträglich wichtige Sache zu sagen – Ich versuchte, wegzukriechen, flach auf dem Bauch, Finger hilflos verkrallt. Ein Tritt in den Hintern trieb mein Gesicht weiter in den Teppich und noch einer und noch einer. Männerlachen, schrill und wild und triumphierend.

Von irgendwo:

– noch andere –?

Nee sonst hätten die

Guck nach. – Freundin –

Wieder das Lachen, dieses Lachen, aufgeladen mit einer neuen Gier. Ja klar Mann.

Ich wusste nicht mehr, ob Melissa da war oder nicht. Eine frische Welle des Entsetzens packte mich, und ich versuchte, mich vom Boden hochzuhieven, aber ich konnte nicht, meine Arme waren weich wie Gummi, jeder Atemzug ein verstopftes, rasselndes Schniefen durch Blut und Rotz und Teppichfasern. Die Tritte hatten aufgehört; die Riesenhaftigkeit der Erleichterung spülte den letzten Rest Kraft aus mir heraus.

Schabende Geräusche, angestrengtes Ächzen. Der Kerzenständer, unter einen umgestürzten Sessel gerollt. Ich konnte nicht mal dran denken, danach zu greifen, aber irgendwie brachte er ein Puzzleteilchen in meinem wirren Hirn an die richtige Stelle Gute Nacht schlaf schön, Melissa sicher in ihrer Wohnung, Gott sei Dank – Das Licht stach mir in die Augen. Krachen von umkippenden Gegenständen, wieder, wieder. Das grüne geometrische Muster meiner Vorhänge, nach oben gedehnt, aus einem ungewohnten Blickwinkel, es verschwamm, wurde klar, verschwamm

Das wär‘s

– hat irgendwelche –

– scheiß drauf. Raus hier

– Moment ist er?

Ein dunkler Fleck kam näher. Ein harter Schlag in meine Rippen, und ich rollte mich zusammen, hustete, hob schwach die Hände gegen den nächsten Tritt, aber der kam nicht. Stattdessen erschien eine behandschuhte Hand in meinem Gesichtsfeld und schloss sich um den Kerzenständer, und ich hatte gerade noch Zeit, mich benommen zu fragen, warum sie den haben wollten, als eine gewaltige, lautlose Explosion die Luft verdunkelte, und alles war weg, alles.

Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos war. Nichts von dem, was dann kam, fügt sich irgendwie zusammen. Ich habe bloß einzelne Augenblicke, gerahmt wie Dias und mit derselben durchsichtigen, losgelösten Qualität, nichts dazwischen außer Schwärze und dem trockenen Klicken, wenn eines ausgeworfen wird und das nächste einrastet.

Rauer Teppich an meinem Gesicht und überall Schmerz; der Schmerz ist überwältigend, atemberaubend, aber das scheint nicht besonders wichtig zu sein oder überhaupt mit mir zu tun zu haben, was zählt, ist der erschreckende Umstand, dass ich blind bin, total, ich kann nicht

Klick

Versuch, mich vom Boden hochzudrücken, aber meine Arme beben, als hätte ich einen Krampf, knicken unter mir weg, Gesicht voran auf den Teppich

Klick

irre Bögen und Spritzer in Rot auf weißem Stoff, satter metallischer Blutgeruch

Klick

auf allen vieren, kotzend, warme Flüssigkeit platscht auf meine Finger

Klick

gezackte blaue Porzellanscherben, verstreut (im Rückblick denke ich, dass das die Überreste meiner Espressotasse gewesen sein müssen)

Klick

durch ein endloses, waberndes, knisterndes Trümmerfeld kriechen, meinen Knie rutschen weg, die Ränder meines Gesichtsfelds brodeln

Klick

der Flur erstreckt sich meilenweit, braun und beige und pulsierend. Eine kurze Bewegung weit weit weg am Ende, etwas Weißes

gegen die Wand gestützt, ruckartig vorwärts taumelnd, als wären alle meine Gelenke durchtrennt worden. Ein schreckliches krächzendes Geräusch von irgendwoher, rhythmisch und unmenschlich. Ich versuche verzweifelt, schneller zu werden, zu fliehen, bevor es angreifen kann, aber ich komme nicht aus der alptraumhaften Zeitlupenbewegung heraus, und das Geräusch ist noch da, in meinen Ohren, hinter meinem Rücken, um mich herum (und heute bin ich mir natürlich ziemlich sicher, dass es mein eigener Atem war)

Klick

braunes Holz, eine Tür. Kratzen, das Schaben meiner Fingernägel, ein heiseres Stöhnen, das keine Worte bilden kann

Klick

eine Männerstimme, die eindringlich irgendwas fragt, das Gesicht einer Frau, vor Entsetzen verzerrt, aufgerissener Mund, rosa wattierter Bademantel, und dann wird eins von meinen Beinen flüssig, und die Blindheit kommt zurückgerauscht, und ich verschwinde.

 

Preis € (D) 16,99 | € (A) 17,50
656 Seiten
ISBN: 978-3-651-02562-2

Shop-Button-Amazon

Shop-Button-Thalia

Preis € (D) 14,99
E-Book
ISBN: 978-3-10-490614-0

Shop-Button-ebook.de

oder bei Ihrer Buchhandlung vor Ort.