Über Zsuzsa Bánk

Zsuzsa Bánk
Foto: Gaby Gerster

Vita

Zsuzsa Bánk, geboren 1965, arbeitete als Buchhändlerin und studierte anschließend in Mainz und Washington Publizistik, Politikwissenschaft und Literatur. Heute lebt sie als Autorin mit ihrem Mann und zwei Kindern in Frankfurt am Main. Für ihren ersten Roman ›Der Schwimmer‹ wurde sie mit dem aspekte-Literaturpreis, dem Deutschen Bücherpreis, dem Jürgen-Ponto-Preis, dem Mara-Cassens-Preis sowie dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Für die Erzählung ›Unter Hunden‹ aus ihrem Erzählungsband ›Heißester Sommer‹ erhielt sie den Bettina-von-Arnim-Preis. Zuletzt erschien ihr Roman ›Die hellen Tage‹.

Literaturpreise:

Open Mike-Preis 2000
Jürgen-Ponto-Preis 2002
aspekte-Literaturpreis 2002
Deutscher Bücherpreis 2003
Mara Cassens Preis 2003
Bettina-von-Arnim-Preis 2003
Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung 2004


Interview

Zsuzsa Bánk im Gespräch mit ihrem Lektor Jürgen Hosemann, 20.02.2017
Jürgen Hosemann: »Schlafen werden wir später« besteht ausschließlich aus E-Mails, die sich die beiden Hauptfiguren Johanna und Márta schreiben. Früher hat man so etwas einen Briefroman genannt, und beim Publikum waren solche Romane oft sehr erfolgreich. Was macht denn für Sie als Autorin den besonderen Reiz dieser Form aus?
Zsuzsa Bánk: So konnte ich private und intime Stimmen entwickeln wie sonst nie. Ich habe zwar auch davor in der Ich-Perspektive geschrieben, aber nun hatte ich gleich zwei Ich-Perspektiven. Schon lange wollte ich einen Briefroman schreiben. Einen Roman, der zwei so intime Einblicke erlaubt. Das große Leben erzählt aus zwei kleinen Blickwinkeln – das geht nur im Tagebuch oder Brief. Alltag wollte ich beschreiben. Und viel Alltag wird beschrieben. Zwischen Aufstehen und Schlafen hören wir, lesen wir Beichte, Zweifel, Freude, Angst in vielen Nuancen und Härtegraden – das ließ sich in dieser Form fast mühelos, hürdelos fassen. In anderen Erzählformen sind Innenansichten logischerweise eingeschränkt, nur begrenzt möglich.
Für mich war es also ein Aufbruch, eine Befreiung hin zu einem gewagteren Schreiben, bei dem alles erlaubt war. Ich musste es Johanna und Márta nur sagen lassen. Sie dürfen fluchen, sie dürfen Lautmalerei benutzen, Peng! und Zisch!, auch Wörter wie »bekloppt« und »Kotze« und »Pisse«, das war in meinen anderen Romanen undenkbar. Das geht nur mit wörtlicher Rede, hier gegossen in Briefform. Es hat mir Freude gemacht einmal so schreiben, einmal das Korsett der Sprache ablegen zu dürfen, mich in der Sprache auszutoben, Wörter zu erfinden, Wort-Aneinanderreihungen, Mischungen und Wiederholungen, Verszeilen aus Mártas Gedichten, Lyrik-Einsprengsel. Einen Code zu entwickeln, der die Freundinnen wie ein Gesang, ein gemeinsamer Kanon verbindet, auf unauflösliche Weise.
Radikal subjektive Literatur fand ich immer schon umwerfend, Intimitäten, Seeleneinblicke, das große Ausziehen und Nacktdastehen. Tagebücher, Briefe, Romane als Lebensbericht, die werden ja auch zuhauf von Johanna und Márta zitiert, die Zitate spielen sie einander zu wie Tennisbälle, in ihnen spiegelt sich ihr Gefühlszustand, ihr Seelenstatus. Immer wieder bin ich auf solche Bücher gestoßen, Märta Tikkanens »Die Liebesgeschichte des Jahrhunderts« hat mich nahezu überwältigt, später dann die milderen Fomen, Tagebücher und Briefe von Sylvia Plath, Brigitte Reimann, Maxie Wander, also jede Art hingebungsvoller, intensiver Alltags- und Lebensbetrachtung, die praktisch vor nichts halt macht und nichts unausgesprochen lässt, die alles beleuchtet und alles beleuchten will. Zuletzt Connie Palmens quälend persönlicher Roman »I.M.« und Barbara Honigmanns Briefroman »Alles, alles Liebe!« Ich dachte immer, genau das will ich auch machen. Ich will auch einmal so schreiben: Kopf, Herz, Alltag, Vergangenheit, Liebe und Familie, das Innen und Außen, das Schreckliche und das Leuchtende – alles miteinander verbinden. Diesen Wunsch habe ich mir jetzt erfüllt.

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