Wer schreibt die Erzählung des eigenen Lebens?
Reinhard Kaiser-Mühlecker unternimmt mit seinem großen neuen Roman »Von einem Tag zum anderen« dieses Wagnis und folgt dem Weg und den Abwegen von Hans, der als jüngerer, aber zur Landwirtschaft veranlagter Sohn den Sohn der Eltern übernimmt. Hans scheut keine noch so schwere Arbeit und findet in dem schier endlosen Takt der Tage einen Halt, während er in der Familie nur Gewalt, Härte und Ablehnung erlebt. Hans nimmt das Leben so an, wie es sich ihm zeigt, so schwer es auch ist, und er setzt sich allen Hindernissen zum Trotz durch. Den groben Vater erträgt er ebenso wie den missgünstigen Bruder und die kalte Mutter, er geht seinen Aufgaben auf dem Hof nach und findet in zart aufblühender Liebe zu einer Klassenkameradin einen Hoffnungsschimmer. Als dieser aufkeimende Ausweg jedoch in Verrat endet, ebenso später die Möglichkeit einer Wahlfamilie mit dem geliebten Neffen tragisch endet, gibt er seine letzten Sehnsüchte auf. Er wendet er sich gänzlich dem Grund und dem Vieh zu, bringt den Betrieb auf Vordermann und lässt die Freiheit und die Schönheit des Lebens nur noch in der heimlichen Liebe zum Motorradfahren und zum winterlichen Eislaufen zu. Spät treten schließlich die Liebe und die Versöhnung doch noch in Hans’ Leben.
Wie verläuft ein Leben? Und was bestimmt es? Wie stark sind wir von unserer Herkunft geprägt?
So existenziell Reinhard Kaiser-Mühleckers Schreiben ist, so existenziell sind die Fragen, die dieser Roman aufwirft. Mit langem Atem und großer menschlicher Tiefe erzählt »Von einem Tag zum anderen« vom Leben eines Mannes im Spannungsfeld von Archaik und Gegenwart, von Leben und Sterben, von Sehnsucht und Verpflichtung, von Tradition und Modernisierung.