Interview mit Linda Castillo

Linda Castillo hat mit ihrem ersten Thriller ›Die Zahlen der Toten‹, der in der
Amisch-Gemeinde von Painters Mill, Ohio, spielt, einen beispiellosen Erfolg nicht nur in den USA, sondern in mehr als 30 Ländern gehabt. Die Romane mit Polizeichefin Kate Burkholder, die selbst bei den Amischen aufgewachsen ist, dann aber die Gemeinde verlassen hat, um bei den „Englischen“ Polizistin zu werden, handeln von der tiefen religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Kluft zwischen beiden Gruppen.
db-mobil: Linda, Ihre Thriller mit Kate Burkholder spielen in Amisch-Country, einer amerikanischen Subkultur, von der die meisten nur wenig wissen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Thriller dort anzusiedeln?
Linda Castillo: Ich stamme ursprünglich aus West-Ohio, einer ländlichen Gegend, und in meiner Klasse gab es tatsächlich ein Amisch-Mädchen. Natürlich hat mich das damals als Kind gar nicht interessiert, aber als ich älter wurde, lernte ich mehr über die Kultur der Amischen und fand ihr Leben faszinierend. Und je mehr ich darüber las, umso spannender fand ich das ganze Thema. Deren Kultur ist wirklich sehr unterschiedlich von unserer. Und sie halten sich von allen zivilisatorischen Errungenschaften fern. Das kann zu Konflikten führen, da wir ja alle in ein und der- selben Welt leben.
db-mobil: Haben Sie detaillierte Nachforschungen bei den Amischen angestellt?
Linda Castillo: Ja, ich habe viel darüber gelesen. Ich wollte auf keinen Fall die Amischen stereotypisieren. Ich bin letztes Jahr in einer amischen Gemeinde in Ohio gewesen und habe mit vielen Leuten dort gesprochen. Dort in Ohio leben heutzutage die meisten Amischen, mehr noch als in Lancaster, Pennsylvania.
Blutige Stille
FISCHER Taschenbuch
db-mobil: Was hat Sie dort am meisten bewegt?
Linda Castillo: Nun, es ist eine Sache, wenn man über eine solche Gemeinschaft schreibt, und eine andere, wenn man dann tatsächlich vor Ort ist. Etwas ist mir dort aufgefallen: Die Straßen in Ohio können mitunter recht eng und kurvenreich sein. Vor mir fuhr also dieser amische Mann in seinem Buggy. Ich hatte keine Eile, also fuhr ich langsam hinter dem Gespann her und betrachtete nebenbei die Landschaft.
Natürlich bildete sich rasch eine Schlange hinter mir, und natürlich musste dann dieser rote Corvette-Fahrer mehrmals hupen, ausscheren und dann überholen. Da habe ich sozusagen aus erster Hand die Unterschiede zwischen beiden Gemeinden mitbekommen.
db-mobil: Waren die Bücher mit Kate Burkholder schon von Anfang als Serie gedacht?
Linda Castillo: Ja, das waren sie. Ich liebe nämlich Serien. Das ist viel spannender für einen Autor, eine Figur zu entwickeln und fortzuschreiben, als wenn man das nur in einem einzigen Buch tun kann. In meinen Serien sollen die Helden wachsen und auch älter werden können.
db-mobil: Wenn wir von Helden sprechen: Was ist mit Ihrer Heldin Kate Burkholder? Sie wurde als Amische erzogen, ging dann aber bei den „Englischen“ zur Polizei.
Linda Castillo: Oh, ja Kate! Was ich besonders an ihr liebe, ist, dass sie nicht perfekt ist. Sie kämpft so gegen manches. Als ich mir für das erste Buch Gedanken über sie machte, da sollte sie dem Leser einen Eindruck von der amischen Gemeinde vermitteln. Ihre Sicht also, als sie noch dort lebte. Sie lebt praktisch in zwei Kulturen, aber irgendwie passt sie nicht mehr zu den Amischen, und zu den „Englischen“ leider auch nicht so ganz. Ich glaube, ihr wirklicher Platz ist der bei der Polizei. Dort kann sie beide Seiten miteinander in Einklang bringen. Und viele Leser haben mir geschrieben, dass sie Kate über die Maßen toll finden.
db-mobil: Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag von Linda Castillo aus?
Linda Castillo: Ich bin ein Morgenmensch; ich schreibe das Meiste am frühen Morgen. Ich stehe früh auf und gehe direkt an meinen Computer. Wir leben 12 Meilen außerhalb der nächsten Stadt. Ich nehme dann meinen Laptop, fahre in die Stadt und setze mich in ein Café. Das ist ein fantastischer Ort, um zu schreiben. Ich fühle mich nie abgelenkt, trinke meinen Kaffee und tauche immer tiefer in die Geschichte ein. Ich schreibe meistens ungefähr vier Stunden am Tag. Ich könnte länger als das schreiben, aber wenn man möchte, dass das Geschriebene auch wirklich gut wird, dann sollte man es dabei belassen.
db-mobil: Wie geht’s weiter mit Kate und ihren Kollegen?
Linda Castillo: Nun, Kate und John Tomasetti werden im dritten Buch mit ihren eigenen Dämonen kämpfen. Ich konzentriere mich im Moment besonders darauf, dass die Charaktere sich entwickeln. Dass sie nicht stehenbleiben und immer das Gleiche tun. Und das wird sich im dritten Buch zeigen.

Das Interview führte das DB-Kundenmagazin "mobil" (Heft Juli 2011).

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