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Augenblicke der Selbstentzündung

Vor fünf Jahren starb Roger Willemsen. Warum der Schriftsteller und Universaldenker für Menschen wichtig werden kann, die ihn nie gekannt haben, beschreibt Oliver Klemp in einem sehr persönlichen Beitrag.

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© © Anita Affentranger

»Was stört und ärgert Sie am meisten?«, wurde Roger Willemsen einmal gefragt. »Wenn mich jemand an und in meiner eigenen Entwicklung hindert«, antwortete der Schriftsteller, Interviewer und Kulturvermittler. Heute, am 7. Februar 2021, ist es fünf Jahre her, dass Roger Willemsen im Alter von sechzig Jahren gestorben ist.

Entwicklung. Entwicklung, und nicht Verwicklung. Sich aus und von Dingen lösen, sich befreien. Und nicht, sich noch weiter verstricken, um einen noch geringeren Radius an Beweglichkeit zu besitzen. Das Entwickeln ist eine Bewegung von Innen nach Außen, eine sich herausschälende Potentialentfaltung. Das Verwickeln bildet die Gegensätzlichkeit, ein Drücken, ein Pressen hinein in ein Dickicht mit einem Weniger an Handlungsspielraum.

Meine erste Begegnung mit Roger Willemsen fand während meiner Gymnasialzeit in der zwölften Klasse statt. Unweit der Nordseebrandung, damals noch hinter einem nicht verstärkten Schutzdeich, arbeitete ich in einem kleinen inhabergeführten Buchladen. Beim Kassieren und Büchereinräumen fiel mir ein Buch in die Hände, »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!« – Die Weltgeschichte der Lüge. Ein samtroter Theatervorhang ziert den Titel. Vor ihm zwei seriös gekleidete Männer mit Chuzpe im Blick und der Haltung, schwörend die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit. Der eine ist der Kabarettist Dieter Hildebrandt und der andere Roger Willemsen. Drehte ich das Buch um, zeigte es die Rücken der beiden, gab den Blick frei auf die überkreuzten Zeige- und Mittelfinger und offenbarte so den Bruch des Schwurs, den der Buchtitel versprach. Jene Pointe, sie gefiel mir und blieb mir im Kopf.

Meine Arbeit in dem Buchladen war ein schulisches Pflichtpraktikum und mündete wöchentlich in einen Abschlussbericht. Es erschien mir nur nachvollziehbar, dass meine Begegnung mit der Weltgeschichte der Lüge in jenem Bericht Erwähnung finden musste. Bei Rückgabe des Berichts fand sich seitlich in den Korrekturen eine kleine, aber weitreichende Notiz: »Sie wissen, dass Roger Willemsen auf diese Schule ging?« Nein, das wusste ich nicht. Was sind Noten, wenn man so eine Notiz findet? Mein Erstkontakt mit dem Schriftsteller Roger Willemsen war also kein Satz, kein Text und kein Interview. Es war eine Geste, ein Blick auf einem Buchumschlag. Ja, viel mehr noch – es war eine Haltung.

Einige Zeit zuvor sah ich zum ersten Mal den Film Der Club der toten Dichter und erhielt mit ihm ein Maß für sämtliche Lehrpersonen, die mir von diesem Augenblick an begegnen sollten. Und wie sich Dinge manchmal ergeben, behandelten wir ein paar Monate später jenen Film im Englischunterricht. Doch was wir mit ihm anstellten, wie wir die Erzählung anfassten und welche Fragen wir an die Charaktere formulierten und welche nicht – wir taten das, was Roger Willemsen vermutlich »als die Übersetzung der Erotik in Bürokratie« beschrieben hätte, so wie er es einmal in Tragödien der Forschung. Über eine Literaturwissenschaft ohne Literatur formulierte. In jenem Moment erwuchs eine Ahnung, dass es einen Unterschied gibt zwischen Lehrkörper und Leerkörper.

An dieser Stelle und aus jenem Mangel heraus stieß mir Roger Willemsen zu. Und jener Mangel, der eine Leerstelle bildete, transformierte sich in eine Lehrkraft, und aus der Leerstelle entwickelte sich eine Lehrstelle, ein Erfahrungsort.

Persönlich kennengelernt habe ich Roger Willemsen nie. Es stellt sich also die Frage: Warum kann jemand für einen wichtig werden, den man gar nicht persönlich kannte?

Bei meiner Beschäftigung mit Willemsens Werk stieß ich in Die Weltgeschichte der Lüge auf eine Unterscheidung Willemsens zur Aneignung von Wahrheit. Willemsen differenziert, indem er schreibt, »dass wir nicht mehr fragen sollen ›Wie ist Wahrheit möglich?‹, sondern ›Wozu ist sie nötig?‹«. Die Unterscheidung zielt auf ein Verständnis von Wahrheit und Wahrheitserschließung, die hinter eine Lüge und in einen Sachverhalt hineinblicken möchte, um sich auf einen Erkenntniskern zuzubewegen. In Willemsens Afghanische Reise heißt es: »Wohin reist du: In einen Blick. Wo willst du ankommen? In einem Blick.« Der Erzähler ist bestrebt, eine Sichtweise zu erlangen, die eine eigene ist. Um aus diesem eigenen Blickwinkel heraus eine Perspektive gewinnen zu können, um Wirklichkeit und Welt zu erfahren. An diesem Punkt wird eine Parallele im Denken von Roger Willemsen und der Lehrerfigur des John Keating aus dem Club der toten Dichter sichtbar. Sowohl Willemsen als auch Keating sind in ihrem Vermitteln und Wirken darum bemüht, einen Blick zu eröffnen und zu entwickeln, der ein eigener ist. Diese Vorstellungen und Gedanken trafen mich mitten ins Mark.

In diesem Unterfangen, sich um eine eigene Perspektive zu bemühen, fängt man an, Forschungen zu betreiben und die Welt durch fremde Augen zu sehen. Aber man stellt sich nur vor, die Welt durch fremde Augen zu sehen, denn eigentlich sieht man die Welt durch die eigenen Augen in einer Perspektive, die die eigene Entwicklung ist. Eine Anregung der eigenen Imagination und eine Sinnesschulung der eigenen Empfindungsfähigkeit. Ein Wachsen durch sich selbst an sich selbst.

Warum also kann jemand für uns wichtig werden, den wir gar nicht persönlich gekannt haben? Menschen können für Menschen wichtig werden, weil sie mitunter durch ihre Art des Sehens, ihre Form des Fragenstellens und ihren Sound der Sprache bewirken können, dass sich ein Verkennen in ein Erkennen wandelt und zu einer Erkenntnis wird. Der Buchstabe »V« des Wortes »Verkennen« beginnt sich plötzlich auszuradieren. Jener Vorgang fand bei mir mit Roger Willemsens Werk in Verbindung mit der Figur des John Keating aus dem Club der toten Dichter statt. Manchmal lassen Werke, Personen oder Figuren unser inneres Urfeuer auflodern.

In Der Knacks schreibt Roger Willemsen, dass sich die wichtigsten Dinge retrospektiv erschließen, nachdem sie ins Leben gekommen sind und allmählich tiefer sinken. Dies bedeutet, dass ihre Tragweite sich erst im Laufe der Zeit zeigt. So, wie es mir mit der Weltgeschichte der Lüge ergangen ist. Das Prägen und Wichtigwerden begann im Verlauf der Zeit, das Entwickeln jedoch in dem Moment, in dem mich das Buch ansprach.

In einer Geschichtsklausur schrieb ich einmal das Wort »Miserefall«. Einen roten Kringel und die Frage »Was soll das sein?« erntete ich in den Korrekturen. Ein Glücksfall ist es, wenn einem ein Werk wie das von Roger Willemsen zustößt.

Robert Musil schrieb einst der Literatur zu, was Roger Willemsen manchmal der Musik zuschrieb und was Kunst und Kultur in ihrem Kern zuzuschreiben ist: dass sie den inneren Menschen erfinden können. Es wird Idee und Möglichkeit das, was eine Antwort auf die Frage sein könnte: »Wie leben, und was für ein jemand möchte ich sein?«

Über seinen Weggefährten und Geisteskomplizen Dieter Hildebrandt sagte Roger Willemsen einmal, »er war ein Letzter«. Willemsen war es auch. Doch was wissen schon die Kindergartenkinder? Die Letzten werden die Ersten sein.

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© privat

Oliver Klemp

Oliver Klemp besuchte das Nordsee-Gymnasium in Büsum, das auch Roger Willemsen eine Zeitlang besuchte. Anschließend studierte er in Göttingen Deutsche Philologie, Philosophie und Geschlechterforschung. Seine Bachelorarbeit schrieb er über die Rockband »Die Ärzte«, an der Humboldt-Universität in Berlin verfasste er in der Literatur- und Kulturwissenschaft seine Masterarbeit über Roger Willemsen und seinen »sehenden Blick«. Er arbeitet mit an der Erschließung von Willemsens Nachlass.

Roger Willemsen, geboren 1955 in Bonn, gestorben 2016 in Wentorf bei Hamburg, arbeitete zunächst als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold, den Rinke- und den Julius-Campe-Preis, den ...

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