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Der Covid 19-Roman von Marlene Streeruwitz

Ausgezeichnet mit dem Preis der Literaturhäuser, sollte Marlene Streeruwitz im Frühjahr zu einer fulminanten Lesereise aufbrechen. Durch die Corona-Pandemie wurde alles anders. Nun schreibt die Autorin, die sich wie keine andere mit dem inneren Lockdown in krisenhaften Situationen auskennt, an einem fiktiven Tagebuch. Lesen Sie hier Season 1 Episode 1.

Marlene Streeruwitz, Covid19-Roman
© Heribert Corn

»Was machst du jetzt?« hatte sie sich gefragt. Betty Andover als Auskunftsperson?
Tagebuch. Tagebuch schreiben. Zur Coronakrise. Zum Coronalockdown. 

Die Anfrage war vom Standard gekommen. Drei Tage ihrer Quarantäne sollte sie beschreiben. In 7000 Zeichen. »Frau Andover.« hatte die Redakteurin gemailt. »Ich will sie da dabei haben.« Und sie hatte drei Tage zugewiesen bekommen. 

Tagebuch simulieren? Oder wollte sie wieder Tagebuch schreiben? Sie hatte das nur in den schlimmsten Zeiten geschafft. Aber da hatte sie die Selbstmordgedanken vom Alltag trennen müssen. Da war so eine Tagebuchführerei eine Hilfe gewesen. Jetzt. In der Quarantäne. Sie war schon eine Woche vor allen anderen in die freiwillige Selbstisolation gegangen. Sie war in Südtirol gewesen. In Bozen. Sie hatte eine Lesung da gemacht. War also in der Öffentlichkeit gewesen. Der Saal war voll gewesen. Ein niedriger Saal. Eine neue Bibliothek. Aber genau deshalb. Weil es schon so lange dauerte. Was hätte sie in ein Tagebuch eintragen können? Wie die Kleinteiligkeit der durchwarteten Zeit schildern? Wie schildern, daß jeder Augenblick alles Warten war und sie dann aber mit einem Mal keine Ahnung hatte, wie die Zeit nun vergangen war? Und keine Erinnerung? Keine Erinnerung an diese Zeiten? Bewußtlosigkeit? War das nicht Bewußtlosigkeit? Und die Ungewißheiten? Rechnete sie nicht immer wieder und immer wieder durch, wann sie das letzte Mal Kontakt gehabt hatte? Wann das letzte Mal die Gelegenheit gewesen war, daß sie sich angesteckt haben hätte können? Waren es schon 14 Tage, die vergangen waren? Oder war es der Atem von diesem Mann in der Bäckerei? Hatte sie nur seinen Mundgeruch aufgenommen, als er sich von der Theke wegwendend an ihr vorbeigegangen war? Oder hatte er ihr auch ein Tröpfchen mit dem Geruch mitgeschickt. Trug sie schon längst eine dieser orange eingefärbten Stachelkugeln von Virus mit sich herum? Schnappten ihre weißen Blutkörperchen schon nach diesen Stachelkugeln? War der Ringkampf schon losgegangen, und sie wußte noch nichts davon? Und hatte sie nicht immer ein kleines Defizit bei den weißen Blutkörperchen? Beim großen Blutbild. Machten sich die Stachelkugeln schon daran, ihre Lungen in vollgesoffene Badeschwämme zu verwandeln? War dieses kleine Hüsteln nach dem Aufstehen schon ein Zeichen? Und warum war der Virus jetzt manchmal auch grün eingefärbt?

Sie war wütend. »Betty ist böse.« sagte sie zu ihrem Spiegelbild. Sie war das Leben allein gewohnt gewesen. Sie hatte sich für dieses Leben entschieden. Und jetzt mußte sie so leben. Und alle anderen auch. Sie alle mußten in die Quarantäne gestopft philosophisch leben lernen. Gleich gemacht. Sie fühlte sich gleich gemacht. Auf die perfideste Weise gleich gemacht. Gleichheit. Das war für sie etwas anderes. Gleichheit. Die sollte bunt auftreten. In Vielfalt. In Durcheinander. In Lärm und Aufregung. Chaotisch. Ein Tanz. Ein Abenteuer hätte das sein sollen. Die gleich Berechtigten in ihrer Verschiedenheit. Aber das war ins Spitalshemd zusammengeschrumpft worden. Hinter Beatmungsschläuchen und nur noch dunkle Profile. Und warum? Warum war Schutzkleidung so oft türkis? 

Sie war wütend. Sollte Gleichheit nicht ein Beschluß sein? Ein Beschluß nach langem Überlegen und Bedenken? Was bedeutete denn Gleichheit als Folge der Gleichmacherei einer Ansteckung? War das Vernunft, wenn alle das befolgten? Und mußte sie hoffen? Mußte sie hoffen, daß doch etwas Gutes herauskommen konnte? Aber wie sollte es dieses Mal so sein? War nicht eine ihrer Ängste, daß sie so weggesperrt in einen reinen Gegenstand vewandelt werden konnte? War das ein Weg in die Verdinglichung? Und hatte sie nicht ihr ganzes Leben gegen diese Verwandlung angekämpft? 

Tagebuch? Sie wußte nichts von diesen Tagen. Nichts von einem Tag. Und die Spiralen der Ereignislosigkeit mußten sich erst erlernen. Sie wußte vom Schlaf. Sie schlief immer mehr. Jeden Tag eine halbe Stunde mehr. Schön war das. Es war schön im Schlaf. Beim Einschlafen. Beim Aufwachen. Der Schlaf eine Umarmung und  langsames Versinken und wieder Entwinden und der Tag weit weggehalten. 

An diesem Abend. Freitagabend. Sonst. Sonst war sie an einem Freitagabend nie allein. Treffen. Essen gehen. Einladungen. Filmmuseum. Konzert. Am liebsten ging sie in ein Konzert. Während sie die Musik hörte, dehnte sich die Zeit des Wochenendes weit aus und keine Verpflichtungen und die Musik alles in Beschlag legen konnte. An diesem Abend beim Einschlafen. Sie hatte die Pressekonferenz des Bundeskanzlers angeschaut. Und bei dieser Pressekonferenz. Hatte der nicht wie Waldheim geredet? Hatte der nicht in diesem österreichischen Diplomatendeutsch geredet, wie der Waldheim das getan hatte? Und hatte der Kanzler sich nicht auch wie Waldheim bewegt? Die Arme ausgebreitet und um Verständnis gerungen? Und wie konnte dieser Kanzler so fürsorglich für die Risikogruppe an alle appellieren und zur gleichen Zeit den Flüchtenden in Griechenland die Frontex an den Hals schicken? War es dieser Widerspruch gewesen, der den Waldheim im Sebastian Kurz zum Vorschein gebracht hatte?

Beim Einschlafen. Wie sollte dieser Widerspruch wieder ausgehalten werden?

Und warum hatte sie es einmal mehr nicht geschafft, den Küchenboden aufzuwaschen? Was sollten diese dummen Widerstände? War es nicht schlimm genug, daß sie die Knöpfe für die Bettwäsche nicht kaufen konnte? Hätte sie nicht geradezu Lust gehabt, ihre Bettwäsche in Ordnung zu bringen? Und wo war wieder diese eine dunkle Sportsocke geblieben? Wo war nun wieder dieses Sockenland, in dem sich alle diese verschwundenen Socken versammelten? 

Und morgen. Sie mußte sich aus dieser angespannten Untätigkeit herausretten. Sie mußte.  

Neue Folgen jeweils donnerstags ab 19 Uhr auf www.marlenestreeruwitz.at

Marlene Streeruwitz, in Baden bei Wien geboren, studierte Slawistik und Kunstgeschichte und begann als Regisseurin und Autorin von Theaterstücken und Hörspielen. Für ihre Romane erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter zuletzt den Bremer Literaturpreis und den Preis der Literaturhäuser. Ihr Roman »Die Schmerzmacherin.« stand 2011 auf der Shortlist für den Deutschen ...

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