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Ideen in Bewegung

Annemarie Botzki und Geraldine de Bastion, Teil der Bewegung »Extinction Rebellion«, schreiben hier über Innovationen, offene Technologien und Ideen wie ein Klima-Lösungen-Netzwerk. Mehr davon gibt es in zwei Tagen, denn dann erscheint »WANN WENN NICHT WIR*. Ein Extinction Rebellion Handbuch«.

Emission: netto null. Das bedeutet eine völlige Veränderung unserer Lebensweise.
Und doch: Nichts weniger als das beschloss 2015 die Pariser Klimakonferenz.

Aber: Wer baut diese Welt, eine Welt ohne Emissionen? Wann fangen wir an? Und wo ist der Plan, so schnell und gerecht wie möglich an dieses Überlebensziel zu gelangen?

Mutige Revisionen des globalen Energie- und Wirtschaftssystems sind notwendig. Gesellschaftliches Ziel darf nicht länger nur Wachstum und Gewinnmaximierung sein, sondern ökologische und soziale Gerechtigkeit und stabile Lebensbedingungen.

So radikal das erscheinen mag – es ist nicht das erste Mal, dass eine Gesellschaft neu justieren musste. Dabei half dem Menschen meistens eines seiner größten Talente: Sein Erfindungsgeist. Wenn sich die Bedingungen des Überlebens veränderten, waren Menschen stets in der Lage,  um Ecken zu denken, neues auszuprobieren. Ackerbau statt Jagen und Sammeln, Hütten statt Höhle: Innovationen, letztendlich. Um nun im 21. Jahrhundert ein würdiges und, besser noch, schönes Leben für eine Rekordzahl von Menschen auf der Erde zu ermöglichen, erfordert es wieder neue Technologien, die Menschen ökologisch transportieren, ernähren und beherbergen. Wie können wir Innovationen fördern, wie die Wirtschaft bewegen, sich in den Dienst dieser veränderten Herangehensweise zu stellen?

Innovationen

Dieser Paradigmenwechsel ist möglich und machbar. Er bedeutet keine Rückkehr in die Vergangenheit. Innovationen sind ein Abkommen für die Zukunft. Wichtige Innovationen verändern unsere Vorstellung des Möglichen und Schaffen neue Lebensgrundlagen.

Ohne technische Innovationen könnten wir keine Treibhausgasneutralität bis 2025 fordern. Durch Solar-, Wasser- oder Windtechnik und noch zu erfindende Technologien wird die Forderung nach der Abschaffung von Kohle, Öl und Gas machbar.

Wie und in welchem Umfang werden Solarfolie, Fleischersatz, CO2-aufsaugende Reaktoren, hölzerne Wolkenkratzer und Wellenkraft unsere Zukunft gestalten? Wann können wir elektrische Flugzeuge fliegen? Oder vielleicht sogar sauberes Wasser aus Molekülen herstellen und durch Replikatoren unsere Produktkreisläufe anders denken? Nichts hiervon ist Science-Fiction: Bereits heute arbeiten junge Unternehmen an all diesen Erfindungen.

Start-Ups nutzen neuste Technologien, um die lebensbedrohliche Zerstörung von Wälder im industriellen Maßstab zu stoppen. Drohnen und neue Software können Landschaften analysieren und Gebiete kartierten, um festzustellen, wo Bäume gepflanzt werden sollen.

Innovative Materialien helfen auch, den Gebäudesektor zu revolutionieren, der für etwa 36% der Kohlenstoffemissionen Europas verantwortlich ist: Dank neuer Materialien und Produkt-Innovation ist es kein Problem und kein hoher Kostenaufwand mehr, Null-Energiehäuser zu bauen. Diese haben innovative isolierte Wände, Fußböden, Fundamente und Dächer.  Photovoltaikzellen finden sich mittlerweile nicht nur auf Dächern, sondern auch an Gebäudefassaden und sogar in transparenten Modulen, die als Fenster verwendet werden. Wolkenkratzer bieten ideale Standorte für Windkraftanlagen auf dem Dach.

Mittlerweile können Solaranlagen sogar schwimmen: Das Pilotprojekt wurde in Japan, in Honshu gebaut. Die vielen Binnenseen und Stauseen des Landes beherbergen mittlerweile 73 der 100 größten schwimmenden Solaranlagen der Welt.

Doch obwohl der Energiemarkt revolutioniert wird: Eine Transformation fehlt.

In Bezug auf Vielfalt liegt der Sektor weit hinter anderen Branchen zurück: In keinem anderen Bereich arbeiten so wenige Frauen wie im Energiesektor. Fast 90% der Führungsetagen der Energieunternehmen sind mit Männern besetzt. Ein Mangel der den Fortschritt einschränkt.

Es braucht eine Revolution, um das 200 Jahre alte Modell der fossilen Energie, der zerstörerischen Landwirtschaft und einer verschwenderischen Bauindustrie komplett hinter uns zu lassen. Das ist gleichzeitig die Chance, eine neue Wirtschaft zu erschaffen, die nicht auf Ausbeutung der endlichen Ressourcen basiert, sondern grundlegende Verbindung mit der Natur etabliert, diese schützt, Leben fördert und Lebensräume heilt.

Und eine Chance, für freien Ideen, Austausch und Kooperation einzustehen. Investitionen im Bereich saubere Technologien und Energie boomen – in Afrika fließen die meisten Investionssgelder neben Fintech, also Finanztechnologie, in den Sektor CleanTech, weltweit wurden letztes Jahr$10 Billionen in Startups im Bereich saubere Energie investiert.  Gleichzeitig begrenzen immer mehr Investor*innen und Finanzhäuser Investitionen in Klimakiller-Industrien.

Modernes Patentrecht wird dafür genutzt, Wissen zu monopolisieren und monetisieren, anstatt die weite Verbreitung von Wissen zu ermöglichen.  Patentrecht bedeutet also, anderen die Nutzung zu verbieten, für etwas, was man selber als erstes getan oder gedacht hat. Aber wem gehören Ideen und wer hat das Recht Zugang zu geben oder zu verwehren? Insbesondere, wenn Technologien überlebensnotwendig werden?

Geistiges Eigentum und Patenrecht liegt meist bei westlichen Firmen, die vor allem neue Absatzmärkte suchen. Ebenso verhält es sich mit unseren Daten, die von großen Konzernen für kommerzielle Zwecke gesammelt werden. Ideen sind also nicht frei. Unsere Daten auch nicht. Dabei sind Wissen und Daten eine Grundlage für globale Innovationen.

Wollen wir Klagen oder Kooperationen? Es ist im Sinne jede*r Erfinder*in, dass wir die weltweite Transformation zur Treibhausgaseutralität schaffen. Denn auf einem toten Planeten gibt es kein Patentrecht.

Wie schaffen wir eine Innovationslandschaft in der Anreize zur Erfindung neuer Ideen existieren, die Erfindungen aber der Allgemeinheit zugute kommen statt einige wenige Startupgründer*innen und Investor*innen reich zu machen? Wann wird das Wissen von sauberen Technologien der Öffentlichkeit freigegeben?  Wie können wir sicherstellen, dass alle Länder Zugang zu nachhaltigen Technologien haben?

Auf die Exxons und Shells ist kein Verlaß.  Denn 90 Firmen haben in den letzten 25 Jahren zwei Drittel der globalen Emission erzeugt, lange nachdem wir wussten welche Katastrophe das auslösen wird. Verantwortungsbewusstsein ist etwas ganz anderes. Gutes Wirtschaften auch.

Wetterextreme zerstören jetzt schon Länder des globalen Südens, die am wenigsten zu den Emissionen und der ökologischen Zerstörung beigetragen haben. Wir aber halten an unseren Handelsabkommen und Patentrechten fest, die Grundlage zur Ausbeutung von Ressourcen für Großkonzerne schaffen.

Offene Technologien

Heute können wir es uns weder erlauben, die wichtigsten Erfindungen bei einigen großen Konzernen in der Schublade versauern lassen, noch uns leisten, dass alle unsere Daten in der Hand weniger Internetkonzerne liegen – Daten, die keine Persönlichgkeitsechte beschneiden, sollten offen gelegt werden, um als Antriebskraft für Innovationen, die allen zugute kommen, zu dienen.  Open-Source-Modelle haben sich in der digitalen Welt bereits durchgesetzt. Sie legen Technologien, Ideen und Erfindungen offen und werden für Andere zugänglich gemacht, sodass jeder damit arbeiten und sie weiterentwickeln kann: Ein Miteinander also der Ideen statt dem althergebrachten Wettstreit.  Wie lässt sich das auf saubere Technik übertragen?

Es gibt viele spannende Entwicklungen, die Hoffnung machen: Ein weltweites Netz an Makerspaces, in denen lokale Hardwareinnovationen gebaut werde. 3D-Drucker die mit recycelten oder erneuerbaren Materialien lokale Produktion ohne Transportwege ermöglichen: Eine große Chance für Ländern, die unter einer unsicheren Energieversorgung und einem Mangel an Produktionsstätten leiden. Es gibt andere Wege, gesellschaftliche Entwicklung voranzubringen als die, die westliche Industrienationen gegangen sind. Leider haben es solche Innovationen schwer, globale Wirkung zu erzielen.

Der Staat spielt eine bedeutende und wegweisende Rolle, Technologieentwicklung zu fördern und Markteinführung zu erleichtern, statt alte Monopole zu festigen und Kontrolle zu sichern. Staaten können Experimentierräume, offene Technik-Labore und freie Schulungen unterstützen. Neben guter Regulierung braucht es eine Umstellung öffentlicher Beschaffung hin zur Zusammenarbeit mit nachhaltigen Unternehmen und Initiativen zur Freigabe von Daten, die für klimarelevante Forschungszwecke und Innovationen genutzt werden können. Regierungen müssen mutig sein. Klare Ziele können Märkte revolutionieren.

Schweden hat bereits 1991 eine CO2-Steuer eingeführt sowie eine Steuerentlastung, die zu Reparatur statt Neukauf anregen sollen. Neuseeland verbietet alle neuen Offshore-Ölexplorationen. China fordert von globalen Automobilherstellern, die in China produzieren, dass sie zu einem Großteil Elektroautos herstellen werden. Deutschland hat die weltweite Energiewende mit Unterstützungen für Sonne und Windkraft vorangetrieben. 

Aber: Der konkrete Wandel kommt nicht von oben, sondern von unten – von den Vielen.

Wie wäre es also mit einem Innovationsraum und Klima-Lösungen-Netzwerk, in jeder Stadt, in der Ideen, die uns zu 100% erneuerbare Energien, Artenschutz und Ressourcenschonung bringen, erforscht werden können? Aufforstungsprogramme, an denen wir zusammen arbeiten, Labore, in denen wir ohne viel Bürokratie für Gelder forschen können. Räume, die für Coachings, Veranstaltungen wie Workshops, als Anlaufstellen für Beratung und als Büros für Pilotprojekte genutzt werden, so dass mehr Menschen an der Entwicklung von Innovationen beteiligt und werden Zugang zu Wissen bekommen.

Städte und Kommunen sollten nicht auf Klimaschutzpakete und große Konzerne warten müssen, um neue Technologien einzuführen, sondern selber in die Lage versetzt werden, dies zu tun, wenn sich Bürger*innen dafür entscheiden.  

Ob die nächsten klimarettenden Innovationen aus Silicon Valley, Jakarta oder Accra kommen, ist offen – faire globale Handelsbeziehungen, Zugang zu offenen Daten und offenen Technologien wären die Grundlage, dass sich die Erfindung über Landesgrenzen hinaus verbreiten kann. Egal wo sie herkommt.

Unser Überleben hängt von Lösungen ab. Wir brauchen eine grüne und gerechte Revolution. Das Problem wird nicht nur durch intelligente Erfinder*innen gelöst werden, sondern durch internationale Zusammenarbeit. Es ist an der Zeit, mit Innovationen und Kollaboration aus der Krise zu steuern.