Extras

Disturbing the Peace

Ángel Santiesteban muss immer wieder wegen politischer Repressionen in Kuba untertauchen. Aus gegebenem Anlass stellt Michi Strausfeld das literarische Gewissen Kubas vor - inklusive einer Kurzgeschichte, in der Ángel Santiesteban seine Haftstrafe in Kuba verarbeitet hat.

Der kubanische Autor Ángel Santiesteban steht in gestreiftem Hemd mit verschränkten Armen vor einer Landstraße, im Hintergrund flaches Land und ein bewölkter Himmel
© Hendrik Rojas

Ángel Santiesteban (*1966) führt, so liest man in kubanischen Internetforen wie 14ymedio, einen »persönlichen Krieg« gegen das Regime, das er eine Diktatur nennt. Als vielversprechender junger Autor erhielt er alle wichtigen Literaturpreise des Landes: UNEAC, Alejo-Carpentier und Casa-de-las-Américas, bis er 2008 einen Blog publizierte, Die Kinder, die niemand wollte, und sogleich in Schwierigkeiten geriet. Seitdem unterliegt er einem Publikationsverbot. Nach etlichen »Zwischenfällen« wurde er 2012 in einem abgekarteten Prozess zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt, kam in berüchtigte Gefängnisse und trat zweimal in Hungerstreik. Man lese dazu die Erzählung Mandela, sie kommen dich holen. Dank der Unterstützung durch den internationalen PEN, Reporter ohne Grenzen sowie diplomatischer Bemühungen, die der damalige Außenminister Steinmeier anschob, kam er 2015 nach 2 ½ Jahren frei, durfte jedoch erst nach Ende der Haftstrafe wieder ins Ausland reisen.

So kam er 2019 auch zum Internationalen Literaturfestival nach Berlin, um seinen Erzählband Wölfe in der Nacht vorzustellen. Er machte unmissverständlich klar, dass er nicht die Absicht habe, ins Exil zu gehen. Unermüdlich übt er weiter scharfe Kritik, schreibt Romane und Drehbücher - Plantados wurde verfilmt und erhielt in Miami den Publikumspreis. Thematisiert werden die Unruhen von 1994. Aus dem Skript entstand ein gleichnamiger Roman. Seine Erzählungen – die alle nicht mehr in Kuba publiziert werden –wurden mit dem Franz-Kafka-Preis und dem Reinaldo-Arenas-Preis ausgezeichnet.

Für sein unablässiges Engagement wurde ihm 2020 die bislang bedeutendste internationale Auszeichnung verliehen: der »Disturbing the Peace-Award«, den die Václav Havel Library Foundation jährlich verleiht. (2018 ging er an den chinesischen Fischer-Autor und Dissidenten Liao Yiwu.)

Der 11. und 12. Juli 2021 stellen eine weitere Zäsur in der Geschichte Kubas dar. Hunderttausende protestierten im ganzen Land gegen die Lebensmittelknappheit, die Unterversorgung mit Medizin, die steigenden Corona-Zahlen und die fehlenden Freiheiten. Vor allem die Jugend, die keine Zukunft mehr für sich auf Kuba sieht, ging auf die Straße. Sie skandierten »Vaterland und Freiheit«, statt des obligatorischen »Vaterland oder Tod«. Natürlich reagierte das Regime wie immer: inhaftierte Hunderte, verurteilte im Schnelltempo, verstärkte die Polizeipräsenz und veranstaltete Solidaritätskundgebungen für die »Revolution«, an die niemand mehr glaubt.

Ángel Santiesteban war dabei und hilft mit seinen Unterstützern und Netzwerken, um Jugendliche vor einer Verurteilung zu bewahren. Er selbst lebt seitdem versteckt in wechselnden Wohnungen, denn natürlich ist er besonders gefährdet. Sein »persönlicher Krieg« geht weiter.

 

von Michi Strausfeld

In der Erzählung ›Mandela, sie kommen dich holen‹ hat Ángel Santiesteban seine auf zweieinhalb Jahre verkürzte Haftstrafe in Kuba verarbeitet. Die Geschichte ist dem Erzählungsband »Wölfe in der Nacht« entnommen, in dem 16 Kurzgeschichten des Autors versammelt sind.

Mandela, sie kommen dich holen!

Kubas grauenhaftem Strafvollzug gewidmet, insbesondere dem Gefängnis 15–80 in Havanna, auf dass es diese Erzählung wegsperren und daran hindern möge, nach draußen zu gelangen und frei umherzufliegen.

Heute ist mein neunter Tag im Hungerstreik. Sie hatten mich nackt in die Zelle geworfen und dann vergessen. Ich bekomme bloß ihre Hände zu sehen. Sobald die Sonne aufgeht, bricht mir vor Hitze der Schweiß aus, und nachts finde ich vor Kälte kaum Schlaf. Das Bett aus Gussbeton verursacht dort, wo der Körper aufliegt, stechende Schmerzen. Früh am Morgen höre ich Rufe aus den benachbarten Zellen.

Als ich in dieses Gefängnis verlegt wurde, wartete der Chef fürs Interne zusammen mit zehn Wärtern auf mich, die Gefangenen hatten allen Grund anzunehmen, dass etwas Ungewöhnliches vorging, und die Anspannung war groß. Gerüchte machten die Runde, es werde jemand Gefährliches gebracht, einer vermutete ein Monstrum wie Hannibal Lecter und schürte damit die Furcht unter den Gefängnisbewohnern, bis sie durch meine Weigerung, die Anstaltskluft zu tragen, erfuhren, dass ich ein Politischer war. Das erzählt mir der Gefangene gleich neben mir und sagt, er sei froh, dass ich in Ordnung bin, dann würde ich den Elefanten nichts tun. Ich halte den Mund und versuche, den Witz zu verstehen. Da versichert er mir, dass sie draußen weiden. Wovon redest du?, frage ich. Siehst du sie denn nicht!, entgegnet er. Sie sind dort, vor deiner Nase, sagt er, hinter der scheinbaren Dunkelheit. Sie sehen irgendwie grün aus. Und ich starre hin, weil ich sie gern erkennen möchte, das brauche, und mein Blick verliert sich in diesem angestrengten Fokussieren, wie ein Papierdrachen, der sich, wenn die Schnur reißt, mit dem Wind verbündet, aufsteigt und zwischen den Wolken davontreibt, dann falle ich ins Leere, ein Taumel erfasst mich, ich trudele, es ist wie auf Droge, es befördert mich durch Zeit und Raum. Dann nehme ich allmählich eine sanfte Bewegung wahr, Blätter, vom Wind bewegt, ich rieche Erde und taufeuchtes Gras und sehe die Dickhäuter in der freien Natur, wie sie ihre Rüssel tanzen lassen zum Rhythmus von Gottes Oboenspiel.

»Schön, aber genug für heute!«, unterbricht mich mein Nachbar. »Jetzt erhol dich von der langen Reise … Ich passe auf und beschütze sie.«

Ich fühle mich erschöpft, bin verschwitzt. Die Beine taub, als hätte ich den Dschungel durchwandert. Der Durst ist ein aufdringliches Kratzen im Hals, Katzen in überstürzter Flucht. Ich falle in ohnmächtigen, bleiernen Schlaf.

Den Gefängnisdirektor, der mich mit Drohungen zum Essen bewegen will, ignoriere ich. Als er weg ist, fragen die Gefangenen, ob ich durchhalte, fürchten, ich könnte abbrechen, und rufen deshalb, dass ich bin wie Mandela, du kriegst sie unter, du machst ihnen zu schaffen, gib nicht auf.

Sie hören mein Lachen und applaudieren.

»Er bleibt dabei«, verkündet der, der sich Isla nennen lässt.

In dieser Nacht suchen die Schwindelgefühle mich heim, bei der kleinsten Bewegung steht die Dunkelheit kopf. Mir war nicht klar, dass ich mitten im Nichts einen Punkt verlieren kann, den es, auch wenn ich ihn nicht zu lokalisieren vermag, offenbar gibt. Ständig fragen die Gefangenen, wie es mir geht, meine Antwort »es geht weiter« genügt ihnen. Ich weise die Ärzte ab, die meine Vitalparameter überprüfen wollen. Das Schlimmste ist gar nicht der Hunger, der ist nach dem dritten Tag vorüber, schlimmer ist die Angst, dass man die Zähne verliert, das Augenlicht, dass man Blut spuckt und hinterher nicht mehr derselbe ist, sollte das Schlimmste geschehen: dass man am Leben bleibt; aber die Quälerei ist es wert, denn auf dem Weg in den Tod erstrahlt etwas im Innern und durchbricht das Dunkel. In die Einsamkeit hinein ruft mich eine nahe Stimme bei dem Spitznamen Mandela, und ich antworte nicht, will kein anderer sein, akzeptiere das einfach nicht. Misstrauen steigt in mir auf, es könnte Einbildung sein, ein Spiel meiner Phantasie, Fallstricke meiner Gedanken, um mich zu retten. Aber er bleibt beharrlich, ich bin’s, Isla, sie haben mich zum Scheren rausgeholt, und ich rücke näher ans Gitter: was? Bleib stark, bittet er, halt durch, wir sind stolz auf dich, dein Kampf ist auch unserer, wenn du es schaffst, dass die von der Staatsanwaltschaft kommen, dann müssen sie uns auch anhören. Wir Allerweltsfälle sind denen egal, erklärt er, nie haben sie die beiden angehört, die dann vor Monaten hier gestorben sind, in der Zelle, wo du jetzt bist. Ich habe Glasscherben geschluckt, Löffel, aber denen ist mein Protest egal, auch wenn ich auf meine Rechte bestanden habe, bei dem ganzen Unrecht, das sie uns hier antun. Wir interessieren die nicht.

»Mandela«, sagt er über einen Gang hinweg, durch zwei Gitter von mir getrennt, »du bist die einzige Hoffnung. Ohne dich sind wir machtlos, ist alles verloren.«

Und dann geht er fort, bevor er entdeckt wird. Es ist ihnen verboten, sich mir zu nähern, nach mir zu sehen, das ist nur den Wärtern erlaubt.

Am Morgen träume ich vom Wind, der über mein Gesicht streift, ein wohliges Gefühl durchströmt mich, ich muss lächeln und wache auf. Es kribbelt an meiner Nase, und als ich mich kratze, entdecke ich eine Kakerlake, wische sie angewidert fort von mir und suche mich dann am ganzen Körper ab. Mich schaudert bei dem Gedanken, dass Papillon so was essen musste, um am Leben zu bleiben.

Die Wachsoldaten treten an mein Gitter und höhnen, dass ich bald sterben werde. Ich antworte nicht. Schweigen ist die gröbste Beleidigung. Sie schalten das Licht auf dem Gang an, die Helligkeit ist mir unerträglich, grell wie Sonnenlicht prügelt sie auf meine Sinne ein, ich flüchte mich in eine Ecke, will meine Augen schützen.

Ich sehe sie nicht reinkommen, plötzlich sind sie über mir. Sie fixieren mich mit ihren Handschellen, legen sie mir möglichst stramm um Handgelenke und Fußknöchel. Im Sitzen halten sie mir die Nase zu, so dass ich durch den Mund Atem holen muss, und diesen Moment nutzen sie, um mir eine stinkende Flüssigkeit einzuflößen, die mir die Luft nimmt.

Aus ihren Zellen schreien die Gefangenen zu uns rüber, und sie hören auf, gehen raus zum Prügeln, kehren von manchen unverrichteter Dinge zurück, weil die sich mit Exkrementen beschmiert und einen Teil davon als Wurfgeschosse zurückbehalten haben.

»Wir kommen wieder, wenn deine Schweinerei da getrocknet ist«, versichern sie und ziehen ab.

Danach fragt Isla, wie es mir geht. Ich habe die stinkende Flüssigkeit schon erbrochen und sage unter Spucken und Husten, gut.

»Sie kriegen dich nicht klein, Mandela«, ruft er.

Die kalte Nacht umfängt uns früher als an den Tagen zuvor. Isla erzählt sein Leben, er war von Gerona nach Havanna gezogen in der Hoffnung auf ein lukratives Geschäft, aus dem aber nichts wurde, weil man ihn mit Unterstützung der Polizei übers Ohr gehauen hat. Ich weiß nicht, wann ich aufgehört habe, seiner Geschichte zu lauschen. Als wäre die Zeit in einem Blitzstrahl vergangen, bricht der Tag an, und da ist Isla nach seinem Bericht, man könnte meinen, er hat nicht geschlafen, hat ein Guten Morgen für mich und die Neuigkeit, dass alle bereit sind, mich ohne Rücksicht auf die Folgen zu unterstützen, wenn man noch mal versucht, mich zu brechen.

Als mich die Offiziere drei Tage später nicht zum Frühstücken bewegen können, wenden die Wachsoldaten noch einmal dasselbe Verfahren an, damit ich die stinkende Suppe schlucke, und wieder erbreche ich mich und bekomme Durchfall.

Isla will nicht länger zulassen, dass ich gequält werde, man muss etwas tun! Er fordert eine solidarische Erhebung, einen Generalstreik, worauf ich ihm klarzumachen versuche, dass das mein Kampf ist, dass sie das Leid aushalten müssen, das kann ich ihnen allerdings nicht ersparen, und dann bin ich still vor Erschöpfung. Er wahrt ein Schweigen, das ich als einen Schrei aus Ohnmacht empfinde.

»Mach dir keine Sorgen, Mandela«, sagt er, »wir finden eine Lösung.«

Seit Tagen habe ich mich bemüht, mit dem Elefantenwärter Kontakt aufzunehmen, hatte schon etliche Versuche unternommen, in seine Scheinwelt zurückzukehren, die Illusion zu betreten, ohne dass es mir gelungen wäre. Ich dachte, ich brauchte vielleicht den ermutigenden Singsang, in dem er die Zauberworte gesprochen hatte, ein Murmeln des unvergesslichen Flusses der Kindheit, es bedürfe so etwas wie einer Erlaubnis, um in die Geisterwelt zu gelangen, im Kaleidoskop zu stranden und sich zwischen Figuren aus buntem Glas zu verlieren, deshalb rufe ich weiter nach ihm, ohne Antwort. Ich stelle mir vor, wie er diesen Dschungel durchstreift, wo niemand ist und nichts und alles, und dabei seine grünen Elefanten bestaunt.

Ich habe schon aufgegeben, da höre ich seine Stimme laut werden, sein unausgesetztes Klagen, kaum zu verstehen.

»Sie sind fort«, sagt er.

»Wer?«

»Die Elefanten.« Und er weint.

»Wohin?«

»Ich weiß nicht, sie haben sie mitgenommen.«

»Vielleicht bringen sie sie wieder zurück.«

»Ausgeschlossen«, sagt er ohne einen Rest von Zweifel. »Die Soldaten haben sie vertrieben, und die bringen nichts zurück.«

Eine ungeheure Stille breitet sich aus, wie am tiefsten Meeresgrund, von wo es keine Rückkehr gibt.

Um die Mittagessenszeit höre ich einen Aufruhr, hastende Schritte und das Scheppern der Gitter. Wir kommen dich holen, Mandela! Du bist frei! Ich begreife nicht, und ich wundere mich, dass sie offenbar die Schlüssel haben. Sie schalten das blendende Licht ein, zertrümmern die fortgesetzte Nacht, die in meinen Augen herrscht. Als ich ihre Umrisse erahnen kann, stehen sie als Gruppe vor mir, ich bitte sie, etwas zu sagen, damit ich sie an den Stimmen auseinanderhalten kann, und während sie das tun, ordne ich ihnen Namen zu. Isla ist der Erste und mir am vertrautesten, er antwortet auf das Was ist passiert? Wo sind die Wärter? Ich erkenne jetzt, dass ihm Zähne fehlen, und er hat ein paar Schnitte an den Armen. Er versichert, dass es ihnen gutgeht, sie säßen mit Handschellen gefesselt und mit Knebeln im Mund in einer Zelle, zusammen mit den beiden Gefangenen, die fürs Putzen zuständig sind. Die gehen uns nicht mehr auf den Sack, sagt der Zurdo, die Kehle könnte ich denen durchschneiden. Und in seinen Augen sehe ich die Gewalttätigkeit des Mörders.

»Ich lasse nicht zu, dass ihr den Wärtern oder den Gefangenen etwas antut oder sie demütigt«, sage ich, so energisch ich kann. »Die Ordnung muss wiederhergestellt werden: Sie zurück auf ihre Posten und wir in die Zellen.«

Der Zurdo beschwert sich, sie hätten das für mich getan, damit die täglichen Misshandlungen aufhören. Ich versuche, ihnen begreiflich zu machen, dass das Teil der Auseinandersetzung ist, dass die Antwort darauf gewaltlos sein muss, weil uns das von ihnen unterscheidet, sonst wären wir wie sie, und gekämpft wird für einen Wandel, weniger einen politischen als einen menschlichen.

Sie sehen mich enttäuscht an. Dann bringe ich sie zu den Zellen und schließe unter ihren verständnislosen Blicken hinter jedem Einzelnen das Vorhängeschloss. Ich trete zu der Zelle des Elefantenwärters. Ein Einsiedler, der sich im Vergessen verloren hat. Er sitzt auf dem Boden, der gesenkte Kopf lehnt am Gitter, sein stumpfer Blick ist in die Ferne gerichtet. Ich grüße ihn, und er antwortet nicht, ich fasse seine Schulter an, und sie ist kalt, ich bewege ihn, und er bleibt ohne Regung.

Ich gehe zu den vier Geknebelten, um sie zu befreien, nehme ihnen die Lappen aus den Mündern, erkläre, dass ihre andauernden Misshandlungen diese Aktion provoziert haben, dass wir die Disziplin aus Gewissensgründen wiederherstellen, also sollten sie das hinterher nicht ausnutzen und mit Repression beantworten. Sie erklären sich einverstanden und bitten mich, ihnen die Handschellen abzunehmen. Ich mache aber nur die Gefangenen los und gebe ihnen die Schlüssel, um zurück hinter Gittern zu sein, wenn sie die Wärter befreien.

Unverzüglich kontrollieren sie, ob alle wieder eingesperrt sind. Als klar ist, dass sie erneut das Sagen haben, schreien sie Grobheiten, schwören Rache, rufen den Wachoffizier und berichten ihm, was vorgefallen ist. Wenig später kommen sie mit Druckwasserschläuchen an und richten Wasserstrahlen auf uns, die uns gegen die Wand schleudern. Ich schlucke Wasser, will mich bewegen auf der Suche nach einem Mundvoll Sauerstoff, aber ich kann nicht, weil mir weiter Wasser in die Kehle dringt, in die Nase und die Ohren, ich fühle mich wie auf dem Meeresgrund.

Als sie fertig sind, legen sie mir Handschellen an und zerren mich in den Hof, lassen mich dort in der prallen Sonne liegen. Die anderen bringen sie im gleichen Zustand. Sie verpassen uns jedes Mal Tritte, wenn sie vorübergehen, Schläge, unter denen wir aufstöhnen. Weil die Handschellen sich schmerzhaft ins Fleisch graben, schreien wir sie an, sie zu lockern, und bekommen nur Häme zur Antwort.

Isla bereut, die Meuterei ohne Verhandlung beendet zu haben, du hast uns verraten, Mandela, sagt er. Ein anderer meint, das hätte auch nichts gebracht, weil sie uns sowieso belogen hätten. Dem Zurdo macht zu schaffen, dass er sie nicht umgebracht hat, das würde zumindest die Strafe rechtfertigen.

»Nichts hab ich denen getan, verdammt«, jammert er. »Und das bei allem, was sie uns angetan haben, diese Wichser!«

Da fallen die Wärter über ihn her, treten so fest auf ihn ein, dass sich die Tritte nach einer Weile formlos anhören, hohl, als wäre in dem Körper kein Atem mehr, er nur noch ein leeres Gefüge, das keinen Widerstand bietet. Und das lässt sie aufhorchen, sie betrachten uns, verwundert vielleicht, und angesichts unserer entschlossenen Zurückhaltung und des stummen Protestschreis, der uns den Hals zuschnürt, zerren sie ihn weg zu den Zellen.

Als die Sonne sich zurückzieht, werden wir unter Stößen und Tritten wieder hineingeschafft. Die Wärter stellen sich in zwei Reihen auf, bilden ein Spalier, ziehen uns, wenn wir an ihnen vorbeikommen, mit aller Kraft die Schlagstöcke über und versichern uns dabei, dass wir das nicht noch einmal versuchen werden. Sie nehmen uns die Handschellen ab, ehe sie die Gitter schließen. Wir haben kaum noch Gefühl in den Armen, das wiedereinströmende Blut schmerzt, es dauert, bis wir die Muskeln wieder bewegen können.

»Sie kommen dich holen, Mandela«, warnt Isla mich vor.

Sie richten mich auf und zerren mich in Handschellen nach draußen. Der Schatten, den er wirft, zieht meinen Blick auf ihn. Und ich sehe den Zurdo am Fenstergitter hängen. Sein Mund und die Augen lassen nicht auf Erstickungstod schließen. Sie bringen mich in den Haarschneideraum. Mein erster Gedanke ist, dass sie befehlen werden, mich kahlzuscheren. Da fragen sie mich, ob ich zugebe, die Meuterei angeführt zu haben. Ich antworte nicht.

»Wenn du nicht reden willst, dann haben wir was für dich«, sagen sie und stopfen mir dabei einen Lappen in den Mund, es sind dieselben Wärter, denen ich die Knebel rausgezogen habe. Sie lachen. »Hast du gedacht, du kriegst, was du willst? Dass du nach der Meuterei dastehst wie der Retter?«

»Wir wissen, dass du nicht dumm bist«, sagt ein anderer, »aber du hast uns unterschätzt.«

Und sie schalten das Licht aus. Der alte Friseurstuhl dreht sich schneller und schneller, und sie schlagen mit ihren Gummiknüppeln auf mich ein.

Ich bekomme nicht mit, wann sie damit aufhören, noch nicht einmal, wann und wie ich in die Zelle zurückgebracht werde. Zum Glück hatte ich das Bewusstsein verloren. Ich rieche nach Exkrementen, taste mich ab, bestätige mir, dass ich das bin, bepinkelt habe ich mich auch. Niemand spricht. Die Gefangenen sind still. Seit der Meuterei wurde kein Essen mehr ausgegeben, zur Strafe hat man einen Hungerstreik verhängt. Die Kopfschmerzen sind heftig, das Bedürfnis zu schlafen drängend. Der Schlaf ist die einzige Möglichkeit, dieser Hölle zu entfliehen. Ich rufe mir die Lektüre des Grafen von Monte Christo ins Gedächtnis. Ich werde ein Edmond Dantès, eingesperrt im Château d’If. So entkomme ich der Realität.

Am Morgen öffnen sie die Zelle, und ich flüchte in eine Ecke, ich will nicht, dass sie mich zurück auf den Friseurstuhl bringen, ich würde auch keine Prügel mehr ertragen oder dass sie mir mit Gewalt etwas zu essen einflößen. Sie kriegen mich unter, ich gebe auf, ich bitte um Gnade; aber sie hören nicht, legen mir Handschellen an und zerren mich wieder weg, niemand erhebt die Stimme dagegen, die anderen tun, als wären sie nicht da, oder vielleicht sind sie wirklich nicht da, sind in andere Gefängnisse verlegt worden; jetzt bin ich der einsamste Mensch im Universum. Aufhören, schreie ich, ich komme an dem mit einem Laken verhängten Leichnam des Eremiten vorbei, und um ihn herum sehe ich die Elefanten, traurig und abgemagert. Draußen nehmen sie mir die Handschellen ab und lassen mich auf der Erde liegen. Nach einer Weile versuche ich, die Lider einen Spaltbreit zu öffnen, damit meine Augen sich an die Helligkeit gewöhnen. So erkenne ich langsam, wo ich bin. Auf dem Baseballfeld. Ich sehe mich um, und niemand ist da. Ich suche ein Fleckchen Schatten, um das Brennen auf der Haut zu lindern.

»Mandela«, ruft jemand.

Erschrocken schaue ich in die Richtung, aus der Islas Stimme gekommen sein muss. Ich antworte; mir ist egal, ob ich mir das nur einbilde, ich muss wissen, was mit ihnen passiert ist, mir notfalls etwas vormachen und so etwas gegen meine Verzweiflung tun.

»Mandela«, ruft er wieder.

Ich sehe ihn näher kommen, er ist allein und ohne Handschellen. Mühsam richte ich mich auf. Wie kann der menschliche Körper all das aushalten! Ich öffne die Arme, um ihn zu begrüßen, wie er es verdient, und ihm zu zeigen, wie sehr ich mich freue. Als er zu mir tritt, nehme ich ein verdächtiges Aufblitzen in seinen Händen wahr, er drückt mich an sich, und ich spüre, wie das Metall in meinen Körper dringt. Ich sacke auf seine Oberarme.

Ich starre ihn an, will ihn an seinem Blick wiedererkennen, der jetzt feucht ist, der klar war in den Minuten der Kühnheit im Zellentrakt.

»Und der Kampf?«, frage ich.

»Ich hatte Hunger!«

»Und die Prinzipien?«

»Sie haben meine Männlichkeit erniedrigt!«

»Wie schaffen wir Gerechtigkeit?«

»Sie haben mir die Freiheit versprochen«, rechtfertigt er sich und umarmt mich.

Über seine Schulter hinweg sehe ich den Posten an der Sicherheitsschleuse und sein Gewehr, das auf uns zielt. Ich versuche, Isla zu decken, er merkt es, lächelt und lässt nicht zu, dass ich ihn schütze.

»Besser als nichts, Mandela!«, sagt er und schenkt mir seinen durchscheinenden Blick. »Ich konnte nicht mehr. Sie haben mich untergekriegt.«

Wie ein Blitz in mondloser Nacht zerreißt eine Kugel seinen Schädel, wir stürzen hin, unser Blut fließt zusammen.

»Mich auch«, sage ich, und endlich kommt der ersehnte Frieden.

 

Übersetzt aus dem Spanischen von Svenja Becker.

Michi Strausfeld, Hispanistin, Anglistin, Romanistin, promovierte über Gabriel García Márquez und den neuen Roman Lateinamerikas. Herausgeberin zahlreicher Anthologien und Materialienbände, u.a. »Schiffe aus Feuer«. Sie lebt in Berlin und Barcelona. Im Mai 2012 wurde Michi Strausfeld von der Buchmesse Buenos Aires auf die Liste der 50 wichtigsten Personen für die ...

Zur Autorin

Ángel Santiesteban, geboren 1966 in Havanna, ist das literarische Gewissen Kubas. Jahrelang war er der gefeierte Autor seiner Generation und wurde mit allen wichtigen Literaturpreisen des Landes ausgezeichnet. Nachdem er einen regimekritischen Blog zu schreiben begann, wurde er wiederholt bedroht und schließlich zu einer Haftstrafe verurteilt. Auf Druck des Writers ...

Zum Autor

16 Geschichten aus Kuba

Zum Buch