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Ohne Musik wäre das Sterben ein Irrtum

Am 25. Juli jährt sich der Todestag des großen Schriftstellers Dieter Kühn zum fünften Mal. Werner Klüppelholz erinnert an Dieter Kühn und dessen alles durchströmende Liebe zur Musik

Musik durchzieht das Werk von Dieter Kühn. Mit »Ich Wolkenstein«, einem Buch über den spätmittelalterlichen »Liedermacher«, wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt; »Clara Schumann, Klavier« ist eine formal ingeniös komponierte Biographie, die die musikwissenschaftlichen Experten des Schumann-Hauses in Zwickau stets noch als die vollständigste und verlässlichste betrachten; Kühns Möglichkeitssinn, der Frage seit seinem Erstling »N«: Was wäre gewesen, wenn?, verdankt sich ein Roman über Beethoven. Daneben hat er auf dem Feld der Musik immer wieder Namen aus dem Schatten der Geschichte herausgeholt, etwa mit der Biographie über den Mozart-Sohn Franz Xaver (»Ein Mozart in Galizien«). Dieter Kühn war ein Augenmensch, das braucht es zum Schriftsteller, und zugleich war er ein Ohrenmensch, das schließlich prädestinierte ihn zum Hörspiel. »Schlachtsinfonie«, »Ludwigslust« oder »Goldberg-Variationen« sind auditive Kunstwerke, die das soziale Elend hinter aller musikalischen Sublimierung beschreiben. Wie hat die Geschichte konkret ausgesehen, lautet hier die zweite der Grundfragen Kühns; nennen wir es Wirklichkeitssinn.
Ohne Musik, wie Nietzsche sprach, wäre das Leben ein Irrtum – den hat Dieter Kühn nicht begangen. In seinem Leben war sie allgegenwärtig; als klassische, als Neue, als Jazz. Dabei faszinierten ihn nicht allein die Kompositionen (oder Improvisationen), vielmehr in gleichem Maße ebenfalls ihre Interpretationen. Kühn selbst war ja Interpret, Übersetzer, zum Beispiel aus dem Mittelhochdeutschen (des Wolkenstein, Neidhart, Tristan, Parzival). Daher besaß er eine feine Wahrnehmung für sprachliche wie musikalische Nuancen. Wenige Monate vor seinem Tod notiert er: »Staunen über die Rigorosität, die ungewohnten Phrasierungen, die absolute Modernität, mit der das Busch-Quartett schon in den dreißiger Jahren Beethoven einspielte. Dagegen erscheinen neue und neueste Einspielungen acht Jahrzehnte später vielfach kommod.« Die Kühn selbstredend alle kannte, denn die Kammer- und Klaviermusik Beethovens war das musikalische Zentrum seines Lebens, noch vor John Coltrane.
In seiner Autobiographie »Das Magische Auge« berichtet er, wie er in Köln-Mülheim – am Wiener Platz – in eine Hochhauswohnung einzieht und beim Blick aus dem Fenster ihn, den durchaus nüchternen Zeitgenossen, ein Tagtraum heimsucht. Kühn schaut nach Süden, auf das Bonn gegenüber liegende Siebengebirge, das schon der junge Beethoven mit dem Fernrohr beobachtet hat, und dann schweift Kühns Blick imaginär immer weiter in diese Richtung, so weit wie nur denkbar. Beethoven auf der Reise nach Afrika, das erscheint wie der pure Möglichkeitssinn, denn in Wahrheit ist er über Prag und Berlin nie hinausgekommen. Gleichwohl ist der Roman »Beethoven und der schwarze Geiger« gesättigt mit historischen Fakten; das Schreib-Programm Dieter Kühns, dieses wort- und bildgewaltigen Erzählers könnte heißen Recherchieren – Imaginieren – Fabulieren. Die Reise findet im Jahr 1813 statt, als Beethoven kaum komponiert hat, er also frei gewesen wäre. »Da lass ich ihn«, so Kühn im Gespräch, »mit diesem Mulatten, so hieß das damals ja, mit dem Mulatten Bridgetower, dem Geiger, nach Westafrika fahren. Bridgetower will seine roots wiederfinden, Beethoven will von seinen Gesundheitsproblemen wegkommen, und die beiden reisen nach Afrika. Bei Beethoven war die Biographie stark festgelegt auf die verdammten Krankheiten, die Koliken, das Hörproblem.« Auf einem britischen Dreimaster, der »Southern Cross«, fährt Beethoven von Genua ins heutige Dakar, und zumindest dem Gehör geht es dabei spürbar besser. Die Reisegesellschaft besteht aus George Bridgetower, Sohn eines ehemaligen Sklaven aus Barbados und einer Polin, für den Beethoven ja tatsächlich eine »Sonata mulattica« schrieb, Bridgetower gewidmet und von beiden 1803 in Wien uraufgeführt. Beethoven nimmt die Widmung allerdings wieder zurück – ein Hauptmotiv des Romans –, und das Stück wird später als »Kreutzer-Sonate« berühmt, obwohl dieser Geiger sie einer Aufführung nicht würdig befand. Dann gibt es den englischen Kapitän, im Nebenberuf möglicherweise Pirat; einen beleibten schottischen Dudelsack-Spieler; einen Maskierten, der sich am Schluss als der Beethoven-Mäzen Lichnowsky entpuppt, und eine junge Frau namens Charlotte, der in der Realität Beethovens große Liebe Josephine von Brunswick entspricht. Kühns Buch, motivisch so dicht verknüpft wie eine Sinfonie des Helden, ist in Einem ein Entwicklungsroman, ein Abenteuerroman, eine Reiseerzählung, vor allem aber zeigt es, welche biographischen Alternativen für diese Figuren bestanden hätten und welche nicht komponierten Werke Beethovens vorstellbar gewesen wären; ein Cello-Konzert etwa oder eine Odysseus-Oper oder rheinische Tänze für Dudelsack. »Ein Zug fährt auf einer Strecke und kann dabei jeweils nur einer Weichenstellung folgen. Ich lasse den Zug wieder ein Stück zurückfahren, lege die Weiche um und lasse ihn versuchsweise auch in eine Richtung fahren, die nicht tradiert ist. Im Rückblick sieht die Entwicklung stets folgerichtig aus. Ich will aber zeigen, wie viel biographische Möglichkeiten es gegeben hat, die nicht realisiert wurden.«
Das Ende des Lebens bietet freilich nur noch eine biographische Möglichkeit. Seinen ein Jahr währenden körperlichen Verfall, bewirkt durch eine tückische Krebserkrankung, hat Kühn genau protokolliert. Am Schluss der Notate zitiert er Beethoven: »Bringe mein Leben elend zu. Traurige Erfahrung. Den Schöpfer und mein Dasein verflucht.« Nicht ganz schlüssig war Dieter Kühn bei der Musik, »die mich beim letzten Übergang begleitet«. Die Arie »Am Abend, da es kühler ward« aus Bachs Matthäuspassion, Vivaldis »Nisi Dominus« oder doch die Canzone »Hor ch’è tempo di dormire« von Tarquinio Merula vom Ende der Renaissance, dem Zeitalter der Wiedergeburt? Das Booklet seiner Aufnahme dieses Stückes – gesungen unbedingt von Sara Mingardo – enthält einen Druckfehler, anstelle des Verbs »schlafen« steht dort »morire«, nun ist es Zeit zum Sterben.

 

Über den Autor: 
Werner Klüppelholz, Studium der Komposition, Schulmusik, Musikwissenschaft, Soziologie und Phonetik in Köln, Promotion, Habilitation, 1977 – 2012 Professor für Musikpädagogik an der Universität Siegen, seit 1975 Autor und Moderator im Hörfunk der ARD, zahlreiche Veröffentlichungen überwiegend zur Neuen Musik, namentlich über Mauricio Kagel.

Dieter Kühn, geboren 1935 in Köln, starb 2015 in Brühl. Für seine Biographien, Romane, Erzählungen, Hörspiele und hoch gerühmten Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen (das ›Mittelalter-Quartett‹) erhielt er den Hermann-Hesse-Preis, den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und zuletzt die Carl-Zuckmayer-Medaille. Zu seinen Werken gehören große Biographien (über Clara ...
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