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Die Entstehung von »Adas Raum«

Schreiben, das ist immer auch Lesen: von bekannten und unbekannten Geschichten, von verschwiegenen Tabus und solchen, die gebrochen werden. Sharon Dodua Otoo hat die Arbeit an ihrem Roman »Adas Raum« auf Facebook in einer Leseliste abgebildet, die wir hier dokumentieren.

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© Ralf Steinberger
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Chinua Achebe: »Alles Zerfällt« (engl. »Things Fall Apart«)

Während ich »Adas Raum« schrieb, fand ich es schwer, andere Romane zu lesen, besonders neue Werke. Aber gelegentlich kam es vor, dass eine Person mir sagte, ich hätte etwas geschrieben, das sie an etwas anderes erinnerte. Dann schlug ich es nach.

In meinem Roman habe ich den Satz geschrieben:

»Der Wind heulte um die Bäume und ärgerte die Palmblätter und lachte ihm ins Gesicht und alles, alles drohte auseinanderzufliegen.«

Meine sehr gute Freundin, Manuela Bauche, meinte, das erinnere sie an den Titel »Things Fall Apart« von Chinua Achebe. Ich habe ihn einmal vor Jahren gelesen, doch ich bin so froh, dass ich ihn wieder lesen konnte. Was für ein brillanter Roman. Er spielt im vorkolonialen Westafrika (das später Nigeria heißen würde) und folgt dem Leben eines Igbo-Mannes namens Okonkwo und wie die Ankunft der Europäer seine Lebensweise ruiniert und ihn schließlich vernichtet. Obwohl der Roman in englischer Sprache verfasst ist, stützt sich Achebe in seinem Schreiben eindeutig auf westafrikanische mündliche Erzähltraditionen und verwebt Sprichwörter, Bildsprache und Humor miteinander. Okonkwo ist kein Held in einem moralischen Sinne, jedoch fühlen wir mit ihm. Besonders gefallen haben mir die Schlusssätze dieses Romans. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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Yaa Gyasi: »Heimkehren« (engl. »Homegoing«)

Ein weiteres Buch, das mich eine Zeit lang begleitet hat, während ich »Adas Raum« schrieb, ist »Homegoing« von Yaa Gyasi (auf deutsch »Heimkehren«). Wie Gyasi bin ich fasziniert davon, wie sehr die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt. Sie erforscht dieses Thema, indem sie die Geschichten von Effia und Esi, zwei Schwestern aus dem Gebiet, das heute als Ghana bekannt ist, und deren Nachkommen erzählt. Die Geschichte beginnt im 18. Jahrhundert und verfolgt ihre Schicksale bis in die heutigen USA. Es ist eine wirklich fesselnde Lektüre, abwechselnd tragisch, brutal und aber auch heilend. Es fiel mir schwer, das Buch aus der Hand zu legen, und ich hatte eine gewisse Ehrfurcht vor Gyasis Leistung. 2018 während ihrer Lesereise in Berlin durfte ich sie kennenlernen.

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James Baldwin: »Giovannis Zimmer« (engl. »Giovanni’s Room«)

Hier ist ein weiteres Buch, das ich einmal gelesen, aber nur noch vage in Erinnerung hatte. Als ich über den Titel »Adas Raum« nachdachte (was man mit »Ada's Room« übersetzen könnte), erinnerte ich mich sofort an »Giovanni's Room« des unnachahmlichen James Baldwin und nahm es sofort wieder in die Hände. Obwohl es relativ kurz ist (etwa 150 Seiten), fand ich es schwierig zu lesen. Die Geschichte ist so schön und doch so voller Schmerz. Sie wird von David erzählt, einem amerikanischen Mann, der im Paris der 1950er Jahre gelandet ist und immer noch versucht, seine Sexualität zu unterdrücken, was ihm nicht gelingt. Davids Freundin, Hella, ist in Spanien und erwägt seinen Heiratsantrag an sie. Während sie weg ist, beginnt David eine Affäre mit Giovanni und setzt damit eine katastrophale Kette von Ereignissen in Gang. Ich mochte David wirklich nicht. Er ist egozentrisch und voller Hass. Aber Baldwin zeichnet ihn so lebendig, dass ich das Gefühl habe, ihn wirklich zu verstehen. Dieses Buch ist eine herausragende Leistung.

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»Adinkra. Symbolsprache der Ashanti«

Ich habe dieses Buch vor fast 26 Jahren gekauft, wahrscheinlich bei einer Veranstaltung zum Black History Month in Berlin. »Adinkra. Symbolsprache der Ashanti« zeigt eine Sammlung von 52 westafrikanischen Symbolen mit ihren Bedeutungen auf Deutsch und Englisch. Der Name »Adinkra« soll von dem Akan-Begriff »di nkra« abstammen, was so viel wie »trennen« oder »Abschied nehmen« bedeutet. (Die Akan sind Gruppen von Menschen, die in den südlichen Regionen des heutigen Ghana und der Elfenbeinküste leben. Akan ist auch der Oberbegriff für viele dort gesprochene Sprachen.) Speziell das Adinkra-Symbol »Sankofa« war eine starke Inspiration für »Adas Raum«. In dem »Adinkra« Buch wird eine stilisierte Version des Symbols abgebildet. Ich habe Ohrringe, die auf dem bekannteren Vogel-Symbol basieren.

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Ivor Wilks: »Forests of Gold«

Ich wusste schon früh, dass ich einen Roman schreiben wollte, der auf Weisheiten basiert, über die ich viel zu wenig weiß. Es war gar nicht so einfach, die Informationen zu finden, nach denen ich suchte. Ich begann mit Büchern wie diesem hier: »Forests of Gold. Essays on the Akan and the Kingdom of Asante« von Ivor Wilks. Eigentlich habe ich einfach immer wieder nur hinein geblättert, denn ich hatte spezifische Fragen zum Leben im vorkolonialen Westafrika und zu Konzepten von Leben und Tod. Es war ein sehr guter Anfang. Darin ist ein Diagramm des Asante-Konzepts von Zeit und Raum. (Das Asante-Reich, auch Ashanti geschrieben, war einer der Akan-Staaten, der im 18. und 19. Jahrhundert auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Es lag im heutigen südlichen Ghana.) Das Diagramm prägt die Ideen und Schauplätze in meinem Roman, doch ich passe sie etwas an. Keine*r weiß wirklich, wie das mit dem Leben nach dem Tod funktioniert. Das Diagramm zeigt, dass der Ort, an dem die Ungeborenen »leben«, und der Ort, wohin die Verstorbenen »reisen«, zwei getrennte Orte sind. Durch Diskussionen, die ich mit einer Gruppe von Menschen in Sekondi-Takoradi hatte, wurde mir jedoch klar, dass selbst dies umstritten ist. Mein herzlicher Dank geht vor allem an Dr. Mary Owusu und Nana Nketsia V.

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Peter und Ama Shinnie: »Early Asante«

Im August 2017 bin ich nach Ghana gereist. Ich hatte die Ehre, während meines Besuchs Professor Wazi Apoh an der Universität von Ghana in Legon besuchen zu können. Er zeigte mir dieses Buch (eigentlich eher ein Pamphlet), »Early Asante« von Peter und Ama Shinnie. Leider war es mir nicht möglich, ein eigenes Exemplar zu bekommen, aber ich machte mir reichlich Notizen. Die Autor*innen sind Archäolog*innen und versuchen, eine prägnante Zusammenfassung ihrer laufenden Forschungen in der Ashanti-Region in Ghana zu geben. Es war für mich faszinierend, über Ereignisse und Menschen zu lesen, die vor dem 18. Jahrhundert in dieser Gegend lebten. Und das Symbol auf der Vorderseite des Buches? Ist auch ein Adinkra-Symbol. Es bedeutet »Gye Nyame«, was frei übersetzt »außer Gott« bedeutet (Gott ist allmächtig und ewig). Meinen herzlichen Dank an Professor Wazi Apoh.

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Kotey A. Nikoi und Esther A. Nikoi: »Kofi kɛ Ama«

Bis jetzt habe ich hauptsächlich über die Kultur und Geschichte der Asante (auch Ashanti buchstabiert) geschrieben. Einer der traurigsten Aspekte des Lebens in der Diaspora ist es, so weit von meiner eigenen Familie und meinem Erbe entfernt zu sein. Meine Eltern sind beide Ga. Es gibt unendlich viel mehr Informationen über Asante, Adinkra, Akan und Twi im Internet und in gedruckter Form, als über die Sprache und Kultur der Ga. Das einzige Buch, das ich besitze, ist dieses, »Kofi kɛ Ama« - auf Deutsch »Kofi und Ama«. Es ist ein Buch für diejenigen, die zum ersten Mal lesen lernen, und es ist einer meiner wertvollsten Schätze! Unter anderem deshalb gibt es in meinem Roman auch ein paar Worte in der Ga-Sprache.

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Ijeoma Umebinyuo: »Questions for Ada«

Ich würde gerne behaupten, dass dieser Beitrag ein kreatives Stück Performance-Kunst war, aber das wäre eine Lüge. Kind 4 hat meinen Versuch, das wunderschöne Cover von Ijeoma Umebinyuos großartigem Gedichtband »Questions for Ada« zu fotografieren, wiederholt Fotobombe-mäßig vereitelt. Und da ich das Buch längst an eine andere Person ausgeliehen habe, muss dieses Foto genügen. (Aber sucht mal im Netz danach, es ist wunderschön - innen und außen.)

Ich wurde schon früh von diesem Buch angezogen, natürlich wegen des Namens »Ada«.  Ich suchte nach einer Verbindung zu meiner Hauptfigur, aber am Ende habe ich mich selbst gefunden. Es ist ein atemberaubendes Buch: leicht, weise, verletzlich und tiefgründig. Ich hoffe wirklich, dass Ijeoma Umebinyuo immer noch schreibt... Ich freue mich so sehr darauf, mehr von ihr zu lesen (und drücke die Daumen, dass die deutsche Übersetzung bald einen Verlag findet).

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Charles Dickens: »David Copperfield«

Ein Teil meines Romans spielt im England des 19. Jahrhunderts. Und aus Gründen, die ich hier nicht verraten werde (!), dachte ich, es wäre eine gute Idee, »David Copperfield« von Charles Dickens zu lesen. Naja. Bei 980 Seiten war wohl es eine ambitionierte Lektüre. Ich habe es bis Seite 242 geschafft.

Erst seit heute weiß ich, dass es eine Verfilmung des Romans gibt, in der Dev Patel die Hauptrolle spielt. Wow! Vom Trailer her sieht es fantastisch aus und ehrlich, der Roman selbst ist gut geschrieben. Ich werde darauf zurückkommen, wenn mein Gehirn wieder längere belletristische Kunstwerke verkraften kann.

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f. c. delius: »die frau, für die ich den computer erfand«

Eine der Adas in meinem Roman basiert auf der echten Persönlichkeit Ada Lovelace, die weithin als die erste Person gilt, die ein Computerprogramm schrieb (egal welchen Geschlechts). Für biografische Details habe ich mich auf Internet-Recherchen verlassen. Aber hin und wieder weckten einige Bücher meine Aufmerksamkeit. Eines davon ist dieser Roman von Friedrich Christian Delius, »Die Frau, für die ich den Computer erfand«. Es stellt sich heraus, dass dieser Roman gar nicht so viel mit Ada Lovelace zu tun hat, sondern mehr von der Besessenheit der Hauptfigur von ihr handelt. Er, Konrad Zuse, ist auch eine reale Figur und er gilt als der Erfinder des Computers. In einem seltsamen Zufall enthält der Roman auch einen Kommentar zur Situation im Konzentrationslager Dora. Dieses ist auch einer der Schauplätze in »Adas Raum«.

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Sydney Padua: »The Thrilling Adventures of Lovelace and Babbage«

Ein weiteres Buch, in das ich eintauchte, um mehr über Ada Lovelace zu erfahren, war diese ziemlich brillante Graphic Novel, »The Thrilling Adventures of Lovelace and Babbage« von Sydney Padua. Es ist eine höchst unterhaltsame, exzellent recherchierte und schön gezeichnete Darstellung der Erfindungen, die schließlich zum ersten Computer führten. Im Anhang gibt es sogar eine Sammlung von Primärdokumenten. Letztendlich basiert meine Darstellung von Ada Lovelace größtenteils auf Ereignissen, die sich innerhalb weniger Stunden zugetragen haben, sodass viele der biografischen Informationen, die ich über sie erfahren habe, nicht verwendet wurden. Aber ich bin trotzdem super dankbar, dieses Buch als einen meiner Orientierungspunkte gehabt zu haben.

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Jens-Christian Wagner: »Produktion des Todes«

Ein Teil meines Romans spielt im Konzentrationslager Mittelbau-Dora im Jahr 1945. Politisch gesehen ist diese Entscheidung eine der riskantesten, die ich als Autorin bisher getroffen habe. Der Grund, warum ich das tun wollte, war einfach. Ich habe eine Kurzgeschichte über einen Mann namens Helmut Gröttrup geschrieben. Gröttrup war eine fiktionalisierte Version eines echten Raketenwissenschaftlers, der während der Nazizeit lebte. Unter Wernher von Braun entwickelte Gröttrup Waffen, die unter mörderischen Bedingungen von Versklavten in Mittelbau-Dora produziert wurden. Ich wollte mit meiner Fiktion einen kleinen Teil ihrer Geschichte erzählen. Das bedeutete natürlich, dass ich mir sehr genau überlegte, wie ich das machen kann. Was kann ich zeigen? Was muss ich weglassen? In der Tat: Was muss ich zeigen? Und natürlich - was gibt mir die Legitimation, über dieses Thema zu schreiben? Das war unheimlich beängstigend. Aber ich habe gelernt: Immer wenn ich Angst habe, etwas zu schreiben, ist das mit ziemlicher Sicherheit genau das Thema, worüber ich schreiben sollte.

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Christa Paul: »Zwangsprostitution«

Bei Recherchen über Gefangene in Mittelbau-Dora erfuhr ich, dass es dort ein Bordell gegeben hatte - als Teil eines Belohnungssystems für männliche Gefangene. Vor der Veröffentlichung des Buches »Zwangsprostitution. Staatlich errichtete Bordelle im Nationalsozialismus« von Christa Paul gab es noch keine systematische Untersuchung der Zwangsprostitution in Konzentrationslagern. Paul entdeckte Unterlagen, die die Existenz von Bordellen u.a. in Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora belegen. Dieses Kapitel der NS-Geschichte wurde streng tabuisiert und in Schweigen gehüllt. Die Frauen selbst waren traumatisiert und stigmatisiert, während die Männer sich in der Regel zu sehr schämten. Die Existenz dieser Bordelle verkompliziert das gängige Verständnis von »Opfer« und »Täter«. Ein Teil meiner Geschichte spielt sich genau hier ab.

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Edwidge Danticat: »Create Dangerously«

»Gefährlich kreieren, für Menschen, die gefährlich lesen. Das ist es, was ich immer dachte, was es bedeutet, ein*e Schriftsteller*in zu sein. Schreiben, zum Teil in dem Wissen, dass, egal wie trivial deine Worte erscheinen mögen, eines Tages, irgendwo, eine Person ihr Leben riskieren könnte, um sie zu lesen ... Es gibt viele mögliche Interpretationen dessen, was es bedeutet, gefährlich zu kreieren, und Albert Camus, wie auch der Dichter Ossip Mandelstam, schlägt vor, dass es eine Revolte gegen das Schweigen ist ...«

aus »Create Dangerously« von Edwidge Danticat.

Ich denke, Schweigen geschieht nicht zufällig. Manche Geschichten werden nicht erzählt, weil sie als Tabu gelten, andere werden nicht erzählt, weil die »Gatekeepers« sie für zu speziell, zu nischenhaft halten - und wieder andere werden nicht erzählt, weil wir noch auf der Suche nach der Sprache sind. Manche Vokabeln werden erst gefunden, wenn wir schreiben oder sprechen, und wir merken, dass die Worte fehlen. Danticats brillantes Buch konzentriert sich speziell auf die Rolle der migrantischen Künstlerin. Was ich sicherlich bin. Ich habe daraus viel Mut und Ermutigung mitgenommen. Ich lege es allen Kunstschaffenden ans Herz.

Auf ihrer Autorinnenseite bei Facebook berichtet Sharon Dodua Otoo regelmäßig von ihren Begegnungen mit Menschen, Büchern und Kunstwerken, die sie bei der Arbeit an »Adas Raum« inspiriert haben.

Sharon Dodua Otoo (*1972 in London) ist Autorin und politische Aktivistin.  Sie schreibt Prosa und Essays und ist Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe ›Witnessed‹ (edition assemblage). Ihre ersten Novellen ›die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle‹ und ›Synchronicity‹ erschienen zuletzt 2017 beim S. Fischer Verlag. Mit dem Text ›Herr ...

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Das neue Buch von Sharon Dodua Otoo

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