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Bilanz nach einem Jahr in der Pandemie

Ute Frevert zieht Bilanz nach einem Jahr in der Pandemie: Was hat sich geändert? Was blieb gleich? Wie leben wir zusammen?

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© Bill McCormick

Mein Leben danach

Nach einem Jahr Leben mit Corona (und Sterben an Corona) scheint nichts so verheißungsvoll wie die sogenannte Rückkehr zur Normalität. Wir vermissen viel von dem, was diese Normalität einmal ausgemacht hat. Aber zuweilen kommen Zweifel. War denn die Vor-Corona-Zeit tatsächlich so leicht, so unbeschwert, so unbegrenzt glücklich? Haben wir nicht damals schon gejammert, gemeckert, genörgelt, geklagt – über zu viel Hektik, zu viel Unruhe, zu viele Anforderungen? Ich erinnere mich, wie ich Mitte Dezember 2019 von meiner letzten dienstlichen Reise zurückkam. Eine Woche war ich non-stop unterwegs gewesen, zu Vorträgen und Ausstellungseröffnungen in Südkorea. Viermal in jenem Jahr hatte ich Flugzeuge bestiegen, die mich in verschiedene Orte der USA führten. Dreimal war ich in Israel gewesen, einmal im Libanon. Auch Hongkong, Indien und Japan hatten auf dem Programm gestanden, von den Reisen ins europäische Ausland ganz zu schweigen. Ich war erschöpft – und nahm mir vor, im kommenden Jahr häuslicher zu sein.

Ob ich die guten Vorsätze tatsächlich befolgen würde, war jedoch unklar. Denn das Reisen war ja nicht nur anstrengend (und schlecht für das Klima). Es war auch lustvoll. Zwar war ich aus dem Alter heraus, in dem Vorträge im Ausland als Ausweis wissenschaftlicher Reputation hoch geschätzt werden. Das brauchte ich, mit Mitte 60, nicht mehr. Aber ich traf woanders aufregende Menschen, freute mich über ihr Interesse an meinen Forschungen, lernte selber Neues. Würde ich darauf wirklich verzichten wollen? Selbst wenn mir die jungen Leute von Fridays for Future imponierten und ich ihre Ziele teilte, war ich mir unsicher, ob ich sie konsequent umsetzen würde.

Dann kam Corona und machte alle kleinen Fluchten und Ausflüchte zunichte. Und siehe da: Es gefiel mir. Anfangs war ich sogar dankbar, dass ich mich am Schreibtisch festklammern konnte. Das geplante Buch wäre unter normalen Umständen nicht so rasch und lustvoll fertig geworden. Ich gewann auch dem neuen Kommunikationsformat der Videokonferenz mehr und mehr ab. Sicher, es macht größere Freude und ist elektrisierender, Vorträge vor Ort und real anwesenden Menschen zu halten. Auch Diskussionen und Debatten sind analog oft lebendiger und spritziger als virtuell. Und dann die heilige Kaffeepause und das anschließende Abendessen mit dem Vortragsgast, in großer, aufgelockerter Runde! Aber selbst dafür gibt es digitalen Ersatz – nicht »vollumfänglich«, aber immerhin. Außerdem sind längst nicht alle Gäste so hinreißend, dass man unbedingt noch mit ihnen essen gehen möchte … Andere, über die man sich freut, hätte man im Übrigen gar nicht analog einladen können, weil sie zu weit weg wohnen oder aus familiären und gesundheitlichen Gründen nicht reisen möchten. In meinen virtuellen Kolloquien sitzen jetzt regelmäßig Student*innen und Kolleg*innen aus Rumänien, Asien, Afrika oder Südamerika, die unter normalen Umständen niemals daran hätten teilnehmen können.

Das ist eine neue Normalität, die ich großartig finde und die der Idee globaler, nationale Grenzen und Einschränkungen überwindender Wissenschaft sehr viel näher kommt als das früher übliche conference hopping, das überwiegend den Wissenschaftler*innen des Globalen Nordens vorbehalten war. Dass sich auf diese Weise dann auch noch die durch Flugreisen verursachten CO2-Emissionen verringern, ist ein weiterer, alles andere als unerheblicher Gewinn.

Auf diese Gewinne werde ich auch nach Corona nicht mehr verzichten wollen. Das heißt nicht, dass nur noch digital vorgetragen oder diskutiert werden soll oder darf. Persönliche Begegnungen, auch über Ozeane hinweg, sind auch in der wissenschaftlichen Community notwendig und sinnvoll – aber keinesfalls in der bedenkenlosen Fülle, an die man sich vor der Pandemie gewöhnt hat. Die gewonnene Zeit, die man dann nicht mehr auf Flughäfen, in Flugzeugen und öden Hotelzimmern verschwenden muss, lässt sich sehr viel sinnvoller nutzen, für Arbeit ebenso wie für Nicht-Arbeit.

Auf die Nicht-Arbeit nach Corona freue ich mich unbändig. Und mache schon jetzt eifrig Pläne – wohl wissend, dass sie sich verschieben können, je nach Infektionslage. Aber irgendwann wird es wieder möglich sein: im Lieblingsrestaurant mit Freund*innen essen; beim Stadtbummel einen Kaffee trinken (aber nicht to go!); in die Oper, ins Theater, Konzert und Kino gehen; vertraute Menschen zu Hause besuchen und Gäste bewirten; in der U-Bahn sitzen und die Nachbarn nicht auf den richtigen Sitz ihrer Maske taxieren; im Park spazieren, ohne anderen Spaziergängern weiträumig auszuweichen, weil sie »Gefährder« sein könnten. Wichtiger als in den Alpen zu wandern und im Hotel »zu touristischen Zwecken« zu übernachten, ist mir, die eigene Stadt – Berlin – wieder in ihrer Lebendigkeit und Quirligkeit, in ihrer Urbanität zu erfahren. Sicher, auf die Sauftouristen am Wochenende kann ich gut verzichten, und auch der Straßenstrich fehlt mir nicht. Aber zur Urbanität gehören eben auch die hässlichen Seiten. Lieber nehme ich sie in Kauf, als städtisches Leben, wie in Corona-Zeiten üblich, verkümmern zu sehen.

Ute Frevert zählt zu den wichtigsten deutschen Historikern. Sie lehrte Neuere Geschichte in Berlin, Konstanz und Bielefeld. Von 2003 bis 2007 war sie Professorin an der Yale University, seit 2008 leitet sie den Forschungsbereich »Geschichte der Gefühle« am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Sie wurde 1998 von der DFG mit ...

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