Interviews

»Ich kenne sie doch ein Stück weit – durch ihr Werk.«

In der Nähe des Berliner Tiergartens und der Philharmonie lebt die Übersetzerin Heidi Zerning, 73, die seit dreizehn Jahren die Bücher der Nobelpreisträgerin Alice Munro und auch vieler anderer großer Autoren wie Virginia Woolf und Truman Capote ins Deutsche übersetzt hat. Die S. Fischer-Lektorin Friederike Schilbach hat sie zu Hause besucht.

Heidi Zerning, wie haben Sie vom Nobelpreis für Alice Munro erfahren?
Ich war an dem Tag im Berliner Kant Kino, in der Nachmittagsvorstellung habe ich mir vier Stunden lang ›Die andere Heimat‹ von Edgar Reitz angesehen – mit großem Gewinn und Genuss übrigens. Als ich nach Hause gekommen bin, habe ich vom Nobelpreis erfahren.

Wie?
Ich hatte fünfundzwanzig Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter.

Was war der erste Gedanke, der Ihnen durch den Kopf ging?
Na endlich!

Was ist das Besondere an Alice Munros Sprache? Worauf muss man beim Übersetzen ihrer Stories achten?
Alice Munros Sprache ist eigentlich unauffällig und unaufwendig, aber sehr, sehr fein. Man muss wirklich auf die kleinsten Nuancen achten, um bestimmte Bedeutungsebenen mitzubekommen, die manchmal mitschwingen.

Welches Buch würden Sie jemandem empfehlen, der noch nichts von Alice Munro gelesen hat?
Den Band ›Die Liebe einer Frau‹. Die titelgebende Geschichte darin ist eine längere Erzählung, eine Novelle, fast schon ein Kurzroman. Eine wunderbare und spannende Erzählung, in der man alle Facetten von Munros Können kennenlernen kann.

Haben Sie die Autorin eigentlich einmal selbst getroffen?
Nein. Ich weiß, dass Alice Munro zurückgezogen auf dem kanadischen Land lebt und auch nur selten Interviews gibt – daher habe ich eine große Scheu, aufdringlich zu sein. Außerdem kann sie unmöglich ihre sämtlichen Übersetzer kennen lernen, die es weltweit gibt – es sind ja so viele. Aber ich denke, ich kenne sie doch ein Stück weit – durch ihr Werk.

Sind Sie mit anderen Alice-Munro-Übersetzern in Kontakt?
Nein. Ich weiß nur, dass Alice Munro zum Beispiel in Israel seit Jahren ungeheuer geschätzt wird, und dass gerade auch ihr letztes Buch in Israel über den grünen Klee gelobt wird, also muss ihre hebräische Übersetzerin sehr gut sein.

Wie kam es eigentlich, dass Sie Übersetzerin geworden sind?
Das ist eine lange Geschichte. Ursprünglich habe ich Anglistik und Amerikanistik studiert, habe dann aber die unfertige Doktorarbeit in den Papierkorb geschmissen und bin ans Theater gegangen. Ich hatte zig Funktionen am Theater, von Pianistin bis Souffleuse. Und da kam eines Tages ein Regisseur zu mir, der die Broadway-Komödie ›Room Service‹ inszenieren wollte, die aber schrecklich übersetzt war. Sein Englisch reichte nicht für eine Neuübersetzung, und da hat er mich gebeten, ob wir das nicht zusammen machen könnten. Das war der Anfang.

Gibt es neben Alice Munro noch andere Leidenschaften in Ihrem Leben?
Ich spiele seit Jahren begeistert Badminton und nehme auch Badminton-Trainerstunden. Und ich beschäftige mich ganz intensiv mit der hebräischen Sprache – ich möchte unbedingt noch fähig sein, hebräische Romane zu lesen.

Sie übersetzen seit Jahren Alice Munro und natürlich auch viele andere große Autoren. Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?
Was ich unbedingt brauche, jeden Tag, und das seit Jahrzehnten, ist ein Mittagsschläfchen. Wenn es sehr brennt, muss ich schon morgens an den Schreibtisch, obwohl ich vormittags eigentlich gerne draußen bin und mich bewege, um fit zu bleiben. Das Wichtigste ist die Abendschicht – sie geht bis tief in die Nacht.
 

Heidi Zerning

Heidi Zerning

Heidi Zerning, geboren 1940 in Berlin, studierte Anglistik, Amerikanistik, Geschichte und Philosophie und ist seit 1990 hauptberuflich als Übersetzerin tätig. Neben Alice Munros Erzählungen hat sie Werke von Virginia Woolf, Truman Capote und Steve Tesich übersetzt.