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Interview mit Andrea Löw

»Es gibt einerseits Gesamtdarstellungen, die eher auf das Täterhandeln und die Organisation und Durchführung der Deportationen abzielen, andererseits hervorragende Lokalstudien über die Herkunftsorte, in denen auch die Betroffenen zu Wort kommen. Ich versuche in meinem Buch eine Gesamtgeschichte der Erfahrungen der Deportierten zu schreiben, auf der Basis ihrer Quellen, ihren Stimmen möchte ich Gehör verschaffen, unabhängig davon, aus welcher Stadt sie verschleppt wurden. Und vor allem richte ich mich ausdrücklich an eine breite Leserschaft, ich habe kein kompliziertes Buch voller Theorie geschrieben.«

Interview Andrea Löw

Liebe Frau Löw, Sie haben ein sehr bewegendes, erschütterndes Buch geschrieben und jahrelang an diesem Projekt gearbeitet. Die Geschichten der Menschen, die Sie erzählen, wecken starke Gefühle, Wut, Trauer, Fassungslosigkeit. Wie sind Sie damit umgegangen?

In der Tat wecken diese Geschichten auch nach vielen Jahren die Gefühle, die Sie nennen, auch bei mir. Mal mehr, mal weniger. Manchmal sitze ich am Schreibtisch und arbeite eben an einem wissenschaftlichen Projekt, aber dann kommt plötzlich eine Stelle in einem Bericht, die mich nahezu aus der Bahn wirft. Mir ist wichtig, dass ich abends im Bett immer noch etwas ganz anderes lese, auch sonst sorge ich für Ausgleich, etwa durch Sport.

 

Sie arbeiten bereits seit vielen Jahren zur Geschichte des Holocaust. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Während meines Studiums in den 1990er Jahren hat sich die deutsche Geschichtsschreibung nur wenig für die Perspektive der Verfolgten interessiert. Zugleich gab es damals schon sehr viele Erinnerungsberichte Überlebender, ebenso Tagebücher etwa aus den Ghettos. Dieses Missverhältnis hat mich geärgert. Zugleich gab es in dieser Zeit immer wieder Forderungen nach einem Schlussstrich, es müsse doch einmal gut sein mit der Erinnerung an den Holocaust. Das hat mich noch mehr geärgert, und so kam eins zum anderen.

 

Was war Ihre Motivation, aus dem Forschungsprojekt ein solches Buch zu machen, eine Erzählung über die Deportationen der Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich?

Diese Geschichte hat ungeheuer viel mit uns allen zu tun: Aus unserer aller Nachbarschaft wurden damals Menschen, die ihr gesamtes Leben dort verbracht hatten, zusammengetrieben und „nach Osten“ verschleppt, in eine fremde und brutale und mörderische Welt. Von jetzt auf gleich wurden sie aus ihrem Leben gerissen, mussten einen Koffer packen, alles andere zurücklassen und aufbrechen, ohne zu wissen, wohin. Was für eine Situation! Sie kamen in verschiedene Ghettos im deutsch besetzten Osteuropa und mussten sich dort irgendwie zurechtfinden und um ihr Leben kämpfen. Diese Geschichten, die uns einerseits so nah sind, die aber zugleich kaum noch jemand kennt, die wollte ich erzählen. Und leider habe ich den Eindruck, dass wir in Zeiten leben, in denen es immer wichtiger wird, an diese Geschichte zu erinnern.

 

Es gibt ja viele Studien über die Deportationen, was ist an Ihrem Buch anders?

Es gibt einerseits Gesamtdarstellungen, die eher auf das Täterhandeln und die Organisation und Durchführung der Deportationen abzielen, andererseits hervorragende Lokalstudien über die Herkunftsorte, in denen auch die Betroffenen zu Wort kommen. Ich versuche in meinem Buch eine Gesamtgeschichte der Erfahrungen der Deportierten zu schreiben, auf der Basis ihrer Quellen, ihren Stimmen möchte ich Gehör verschaffen, unabhängig davon, aus welcher Stadt sie verschleppt wurden. Und vor allem richte ich mich ausdrücklich an eine breite Leserschaft, ich habe kein kompliziertes Buch voller Theorie geschrieben.

 

Wie waren die Begegnungen mit den Überlebenden, die Sie für Ihr Buch befragt haben?

Es leben nur noch sehr wenige der damals Deportierten. Mit einem, Bernd Haase aus Gelsenkirchen, der heute in New Jersey lebt, bin ich in schriftlichem Kontakt, er hat mir Kopien seiner Erinnerungen und Zeichnungen zur Verfügung gestellt, das hat mich sehr bewegt. Mich berühren aber auch die Begegnungen mit den Kindern der Überlebenden sehr, die mir ihre Familiengeschichten erzählen und auch Dokumente zur Verfügung stellen. Ich bin für dieses Vertrauen sehr dankbar. In den USA habe ich einige von ihnen besucht, so war ich gemeinsam mit meinem Mann mehrere Tage bei George Nathan und seiner Frau in Atlanta zu Gast. Seine Großmutter, Mutter und Tante haben gemeinsam das Ghetto in Riga überlebt. Wir haben den gesamten Nachlass zusammen durchgeschaut und stundenlang geredet. Das war sehr intensiv, und wenn ich nun über die Familie von George schreibe, hat das noch einmal eine sehr besondere Bedeutung für mich.

 

Wo sind sie überall hingereist, um Ihre Quellen zu finden, was waren das für Orte, wie war es für Sie, die vielen Dokumente zu entdecken und zu lesen?

Die Quellen, auf denen mein Buch basiert, stammen aus Archiven in mehreren europäischen Ländern, aus Israel, den USA und aus Australien. Einiges habe ich vor Ort recherchiert, manches aus der Ferne, entweder waren Quellen online verfügbar oder ich habe Scans angefragt. Am längsten habe ich in den USA geforscht, da ich als Gastwissenschaftlerin neun Monate lang am United States Holocaust Memorial Museum in Washington arbeiten durfte. Es blieb bis zuletzt ungeheuer aufregend, neue Quellen zu finden und zu lesen, und immer auch berührend, wenn ich etwa mit Originalen von Briefen aus den Ghettos arbeiten konnte, mit dem Wissen, dass die Verfasser, die ja denselben Bogen Papier in ihren Händen gehalten hatten, nicht überlebt haben.

 

Was tun Sie eigentlich, wenn Sie nicht in Archiven unterwegs sind und an Büchern arbeiten?

Ich lese gerne und viel, und ich bin gerne sportlich aktiv. Ich praktiziere Yoga und wandere, vor allem aber laufe ich gerne und lange. Manchmal mache ich mehrtägige Laufwettkämpfe in der Wüste oder in den Bergen, irgendwo weit weg von meinem Schreibtisch und auch von diesem Thema. Dann laufe ich an mehreren Tagen insgesamt 250 Kilometer durch wunderbare Landschaften und bin nur in diesem Moment. Dann ist mein Körper erschöpft, aber mein Kopf nicht mehr. Naja, und ich sitze auch sehr gerne mit Freundinnen und Freunden zusammen, trinke einen guten Wein und unterhalte mich über alles Mögliche.

Andrea Löw

Andrea Löw

Dr. Andrea Löw, geboren 1973, war von 2004 bis 2007 an der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen tätig. Seit 2007 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte, seit 2013 als stellv. Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien. 2006 erschien ihr Buch ›Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten‹, 2013 publizierte sie zusammen mit Markus Roth ›Das Warschauer Getto. Alltag und Widerstand im Angesicht der Vernichtung‹.