Extras

Bilanz nach einem Jahr in der Pandemie

Friedrich von Borries zieht Bilanz nach einem Jahr in der Pandemie: Was hat sich geändert? Was blieb gleich? Wie leben wir zusammen?

Miniaturbild
© privat

Ist das noch Stadt? – Ja!

Auf den ersten Blick ist das, was man im letzten Jahr in der Stadt erleben durfte, nicht mehr „Stadt“. Auf der anderen Seite haben viele Menschen versucht, aus der Not eine Tugend zu machen – Erfahrungen, die Mut machen, dass wir Stadt nach der Pandemie positiv weiterentwickeln können.

Viele Künstler:innen haben die geschützten Räume der Kunst verlassen und sich in die Räume begeben, die noch offen waren: So entstanden kleine spontane Konzerte im öffentlichen Raum, die keine großen Menschenmengen anzogen, aber doch Kunstgenuss ermöglichten. Hier eröffnet sich eine neue urbane Perspektive: Kunst wartet nicht, bis die Menschen zu ihr (ins Museum, ins Theater, in die Oper) kommen, sondern öffnet sich nach außen. Toll! Dann, wirklich beeindruckend: lokale Solidarität. In fast jedem Haus hingen Zettel mit dem Angebot, für andere den Einkauf mitzuerledigen – so entstand ein Gefühl von Gemeinschaft, das es vorher oft nicht gab. Und schließlich die andere Wahrnehmung des öffentlichen Raumes: Welche Bedeutung Grünraum für das Wohlbefinden hat, wurde gerade in der Zeit, als man ihn nicht benutzen durfte, deutlich.

Als letzter Punkt: Die Pop-Up-Fahrradwege. Noch ist nicht absehbar, wie sich die Erfahrungen der Pandemie auf die urbane Mobilität auswirken. Die Angst vor Ansteckung im öffentlichen Nahverkehr hat für viele Menschen das Auto wieder attraktiv gemacht. Andererseits wurde auch ans Fahrrad gedacht, in vielen Städte entstanden improvisierte Fahrradwege. Bleibt zu hoffen, dass sie auch nach Covid-19 bestandhaben und in Zukunft auch mehr an Fußgänger:innen gedacht wird.

Ich wünsche mir also, dass das, was Stadt für mich attraktiv macht – Kultur, gutes Essen, und die Möglichkeit überraschender Begegnung mit anderen Menschen – bald wieder möglich sein wird. Aber ich hoffe auch, dass der Geist von Solidarität, die Offenheit für Improvisation und Wertschätzung für urbanes Grün uns in die Zukunft begleiten werden.

Friedrich von Borries, geb. 1974, ist Architekt und Professor für Designtheorie an der HFBK Hamburg. Das von ihm gegründete Projektbüro Friedrich von Borries setzt sich theoretisch und praktisch mit der Zukunft der Stadt auseinander.

...
Zum Autor