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Looking for Turner – erste Reisen am Rhein

Auf den Spuren von William Turner wandelnd hat sich Hans Jürgen Balmes auf eine Reise entlang des Rheins begeben. Hier schildert er nun seine Eindrücke und gewährt uns einen Blick in seine Notizbücher, seine steten Begleiter.

Porträt von Autor, Lektor und Herausgeber Hans Jürgen Balmes mit Brille
© Jörg Steinmetz

Der Beginn

Vor sechs Jahren wanderten Maria und ich von St. Goar nach Oberwesel – auf dem linksrheinischen Burgenweg, dem berühmten Rheinsteig gegenüber. Im Jahr zuvor waren wir in Cornwall auf dem Coast Path gewandert: Klippen und Wasser, Felsen und Meer. Das suchten wir nun bei uns in der Nähe. Und zugleich wollten wir die Landschaft unserer Jugend wiederentdecken: Wir stammen beide aus Koblenz, wo die Mosel in den Rhein mündet.

Im Rucksack hatten wir Abzüge von Aquarellen und Zeichnungen William Turners, der vor 200 Jahren durch das gleiche Tal gewandert war, und wir waren überrascht, wie sehr das Tal noch seinen Bleistiftskizzen glich. Auf der Wanderung schauten wir von oben in das Rheintal hinunter, das sich hier um die Loreley windet. Mit jedem Schritt entrollte sich die Landschaft vor uns wie auf einer chinesischen Bildrolle, die »Berge und Flüsse« zeigt, die beide zusammen das chinesische Zeichen für »Landschaft« bilden.

Auf seiner ersten Wanderung durch das Mittelrheintal 1817 sah Turner, wie sich das Tal genauso vor ihm entfaltete. Er zeichnete den Blick von der Loreley aus stromab, stromauf auf ein Blatt – für ihn war die Landschaft keine fixierte Ansicht, sondern ein dynamisches Entdecken. Sein Skizzenbuch war so groß wie eine Postkarte, und er wendete es im Kreis, um keine Ansicht der Loreley zu verpassen. Mitstenographierte Landschaft.

Die Loreley

Zum ersten Mal kam Turner 1802 an den Fluss. Auf einer Schweizreise besuchte er den Rheinfall bei Schaffhausen. Dieser musste ihm als etwas Elementares erscheinen, eine Wand aus Gischt, deren Leuchten er bei Tag und bei Nacht zu ergründen versuchte. Zuvor hatte er auf der Reise am Mont Blanc und im Aostatal Gletscher gesehen und gezeichnet, und beides schiebt sich nun für ihn ineinander: als würde sich der Eisstrom vor seinen Augen verflüssigen und die Felsschwelle hinunterdonnern.

Er wird den Rheinfall sein Leben lang immer wieder malen. Eine der letzten Versionen, der er selbst keinen Titel gab, galt lange als »Val d‘Aosta«, bis es in »Falls of Schaffhausen« umbenannt wurde. Auf dem Vorsatzpapier öffnet und schließt das Bild das Buch. Es ist eine der Stellen, an denen »die Schöpfung an sich selber arbeitet«, wie Tomas Tranströmer sagte.

Das Frontispiz

Wir folgten dem Rhein stromauf zu seinen Flüssen, die erst vor 10.000 Jahren zu seinen Quellen wurden – erst nach der letzten Eiszeit, als der abtauende Rheingletscher den Bodensee freigab, über den der Alpenrhein Anschluss zum Hochrhein bei Schaffhausen fand. Davor war er über Bregenz hinweggeflossen und in die Donau gemündet.

Folgt man den Flüssen, steigt man hoch in die Mitte der Berge. Entlang dem Bett des Hinterrheins kommt man zum »Ursprung«: So heißt der Talkessel, in dem drei einst mächtige Gletscher zusammenströmen, der Zapport-, der Paradies- und der Hexgletscher. Zu ihren Füßen liegt die »Höll«, eine steile Schlucht, in die eine Serie von Gletschermühlen gewundene Gänge gegraben haben, durch die der Fluss wie durch Wendelgänge hinabstürzt. Von den Gletschern ist heute nicht mehr viel zu sehen, Schutt und Geröll bedecken das Eis. Wo vor hundert Jahren das Eis eine riesige Schicht bildete, liegt heute nur noch eine Schaufel Schnee zwischen dem Geröll.

Der Ursprung

Die Vorderrheinquelle gilt offiziell als Quelle des Rheins, aber es gibt Nebenflüsse, die höher liegen oder weiter von der Mündung entfernt sind – der Medseler Rhein, der im Val Cadlimo aus dem Lago Scuro entspringt, oder der Rein da Sumvitg, der durch die Greina fließt, die noch vor wenigen Jahrzehnten unter einem Stausee verschwinden sollte. In der Schweiz regte sich landesweiter Protest, der schließlich zur Rettung der Hochebene führte. Die Greina sollte zum Symbol einer Wende unseres Umgangs mit der Natur werden, die dann doch nicht eintrat.

Die Birkhuhnfeder

Wir steckten unsere Alu-Wanderstöcke in den noch jungen Rhein, legten unsere Ohren an die Griffe und hörten wie durch Teleskope sein Strömen, das Schlagen der Steine und das Zischen der Kiesel. Tiere begleiteten uns tiefer in die Berge hinein. Am Ufer fanden wir die Feder eines Birkhuhns. Alpenapollo-Falter, Bergpieper, Alpendohlen, ein Falke. Der Horizont bestand nur noch aus Fels, wo war die Lücke, durch die der Fluss entkam?

Das Greina-Tal

Alles Fließen, Tosen und Strömen sucht nur den Horizont des Meeres. Am Ende seiner ersten Reise an die Loreley malte Turner das Postschiff aus Rotterdam, das kurz vor dem Hafen in Dordrecht in eine Flaute geriet. Hier ist die Stille, die Turner am Wasser genauso schätzte: Das Wasser scheint zu stehen, der Rhein teilt sich auf seinen letzten Kilometern in Seitenarme auf, bildet ein Delta und wartet, dass ihm die Flut entgegenläuft. Die beiden Zustände des Wassers: das Rasen und das Innehalten.

Turners späte Aquarelle, oft als Studien oder Vorstufen katalogisiert, wurden für mich zu »stummen« Karten wie jene im Schulatlas, die keine Städte oder Straßen verzeichnen. Diese Karten zeigen alles von einer Landschaft, aber aus einer anderen Perspektive, nicht des Raumes, sondern der Zeit. Nichts wird von Symbolen verdeckt. Es ist, wie Walter Benjamin sagte, »die namenlose Erscheinung« einer Landschaft, ihr Antlitz.

Die Seascapes

Auf unseren Reisen begegneten wir vielen Menschen, die uns wie Turner einen anderen Rhein zeigten. Wir wanderten mit einem Schalensteinforscher, der bronzezeitliche Kalender und Sonnenuhren entdeckte, hörten von der Rückkehr der Wanderfische, trafen den letzten Rheinlotsen, sahen vom Schwarzen Meer eingewanderte Fische und Krebse. Anhand von Fossilien lernten wir die verzwickte Geologie und die paradoxe Entstehung des Flusses kennen, der von seiner heutigen Mitte her entstand. Wir lasen Protokolle von der jahrhundertealten Vergiftung der kanalisierten Wasserstraße, besuchten die riesige offene Giftdeponie an der Mündung. Wir sahen Flussregenpfeifer und Trauerseeschwalben, die am Niederrhein auf schwimmenden Nestern brüten und im Flug Libellen erbeuten. Beinahe wären sie am Rhein ausgestorben, bis man künstliche Nistflöße für sie erfand. Jetzt sind sie wieder da. Ihre Widerstandsfähigkeit ist wie die Stille und das Tosen ein Zeichen für das Leben des Flusses. Seit Jahrtausenden wandern sie am Ende des Sommers zu ihren Winterquartieren in Westafrika, nur, um im Mai wieder bei uns aufzutauchen. Sie leben in einem Raum, dessen Koordinaten wir umreißen können, dessen Dimensionen uns aber verschlossen bleiben. Als trüge das kleine Tier das ganze Firmament als Kompass in sich. Stundenlang stand ich am Ufer und schaute ihnen zu.

Eine Strichzeichnung einer Trauerseeschwalbem, die ihr Junges füttert.

»Die Trauerseeschwalbe« von Alma Lucia Balmes

Hans Jürgen Balmes, 1958 in Koblenz geboren, ist Lektor und Übersetzer. Für »Mare« schrieb er über die »Quellen der Meere«. Porträts und Aufsätze schienen u. a. in der »Neuen Zürcher Zeitung« und der »Süddeutschen Zeitung«. Aus dem Englischen übersetzte er John Berger, Barry Lopez sowie Gedichte von Robert ...

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