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Bilanz nach einem Jahr in der Pandemie

Thorsten Padberg zieht Bilanz nach einem Jahr in der Pandemie: Was hat sich geändert? Was blieb gleich? Wie leben wir zusammen?

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Wie wird die Welt sein, wenn wir uns wiedersehen?

Wenn wir mitten in der Krise die Hoffnung nicht verlieren wollen, dann blicken wir voraus auf ihr Ende. Auf die Zeit danach, wenn die Dinge wieder so sein werden, wie sie sein sollten. Oder besser noch: Wenn wir etwas aus der Krise gelernt haben. Sie dazu genutzt haben, fällige Veränderungen herbeizuführen.

Doch noch ist es nicht so weit. Familien erleben, wie stark Institutionen wie Schulen und Kindergärten das Zusammenleben vor Covid-19 erleichtert haben. Genauso fehlen Großeltern, die ihre Rolle gern dadurch erfüllen, dass sie einen Teil der Lasten tragen. Diejenigen, die allein leben, müssen jedes Zusammensein mit Freunden abwägen, fast nichts ergibt sich von selbst. Sogar diejenigen, die die Entschleunigung im ersten Lockdown als Entlastung erlebten, haben ihre Schwierigkeiten. »Endlich einmal in Ruhe Krieg und Frieden lesen!«, haben wir gedacht. Doch dann haben wir nur stundenlang Candy Crush gespielt.

Die Isolation tut uns nicht gut. Viele machen sich Sorgen, um die psychische Gesundheit. Ängste und Depressionen haben zugenommen. Viele meiner Kolleg:innen haben für diese schwierige Zeit Hinweise gegeben, wie man am besten auf sich achten kann. Sie empfehlen Entspannungsübungen, Videocalls und eine feste Tagesstruktur. Arrivierte Professoren berichten, ein mittäglicher Spaziergang wirke wahre Wunder! Eine Kollegin verfasste solche Hilfestellungen auch für uns Therapeut:innen, die als Expert:innen in der Krise ebenfalls ein Auge auf die eigene Psyche haben sollten. Sie empfahl Entspannungsübungen, Videocalls und Tagesstruktur. Zudem hoffte sie, man würde sich in der Krise »nicht zu viel zumuten«! Es geht bei diesen Ratschlägen nicht darum, etwas tiefschürfendes zur Lösung der Krise beizutragen. In einer Welt, die plötzlich fremd und leer ist, ist eine vertraute Stimme, die immer wieder auf das Naheliegende hinweist, viel wichtiger. Falls es Ihnen gerade nicht gut geht, probieren Sie es also gern mit Entspannungsübungen, Videocalls und einer Tagesstruktur. Denken Sie dabei an Psychotherapeut:innen wie mich, die das für eine gute Idee halten und Ihnen dabei aufmunternd zunicken!

Und wenn diese Krise denselben Verlauf nimmt wie andere Katastrophen, gibt es wenig Grund zur Sorge um die Zukunft. Nach Ereignissen wie dem 11. September oder Hurrikan Katrina sank die psychische Belastung wieder, je mehr sich der Staub gelegt und die Flut zurückgezogen hatte. Der Alltag war wieder da und damit auch die mit ihm verbundene Unbeschwertheit. 

Wie also wird die Welt sein, wenn wir uns nach der Pandemie wiedersehen? Wahrscheinlich wird sie dieselbe sein wie vorher. Eine Zeit lang werden wir uns bewusster begegnen. Aber dann werden wir alles wieder so hinnehmen wie zuvor, weil genau das ein »normales« Leben ausmacht: das Allermeiste anfassen und überall atmen dürfen und sich mit jedem treffen, mit dem man das möchte, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Wir werden uns das Selbstverständliche nicht länger gegenseitig sagen müssen, wir werden es einfach leben. Und je mehr das Leid vergessen sein wird, wird auch die Motivation schwinden, etwas zu verändern.

Aus meiner Arbeit als Psychotherapeut weiß ich, dass Veränderungen mühsam sind. Es ist oft genau der Versuch, einen »großen Wurf« zu machen, alles von Grund auf zu verändern, der einer Veränderung entgegensteht. Wo sollen wir nur ansetzen, wenn es um das große Ganze geht? Jeder echte Umschwung beginnt mit einem ersten, kleinen Schritt.

Wenn das Leid der Krise für die meisten verblasst, dann können wir uns daran erinnern, wie schwer es war, ohne einander mit sich und der Welt etwas anzufangen. Wie verunsichernd das gewesen ist, ohne all die kleinen Selbstverständlichkeiten zu leben: Umarmungen, ein Gegenüber ohne Maske, eine ausgestreckte Hand. Vielleicht haben wir dann in Zukunft vermehrt ein Auge für diejenigen, die damit jeden Tag umgehen müssen: die Alten und Kranken, die Einsamen und Zurückgelassenen. Und gehen auf sie zu, damit sie an unserer wiedergewonnenen Normalität teilhaben können. Dieser Schritt sollte nicht zu groß sein. Er könnte zu einer Selbstverständlichkeit werden, wenn wir uns immer wieder gegenseitig darauf hinweisen. Und dann könnte die Welt nach der Pandemie doch noch ein kleines bisschen besser werden.

 

 

Thorsten Padberg ist Psychotherapeut und Dozent für Verhaltenstherapie, unter anderem an der Psychologische Hochschule Berlin.