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Übersetzerin Margarita Ruppel zur Arbeit an Jia Tolentinos »Trick Mirror«

Übersetzen als Gesprächsanlass, Spanx-Unterwäsche und unser Ich im Internet: Margarita Ruppel spricht in unserem Übersetzerinnen-Fragebogen über ihre Arbeit an Jia Tolentinos Essayband »Trick Mirror«. Und erfährt selbst, was Übersetzen mit Sportstudios zu tun hat.

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© privat
Was war die größte Herausforderung beim Übersetzen von »Trick Mirror«?

Die größte Herausforderung bestand wohl darin, den Mix aus komplexen Gedanken über Kultur, Gesellschaft etc. und zutiefst persönlichen Erzählungen zu treffen, der Jia Tolentinos Essays auszeichnet. Ihr Stil ist lässig, humorvoll und prägnant, egal worüber sie schreibt. Dabei schafft sie es beispielsweise in einem einzigen Essay, Übersetzungen eines Werks der antiken griechischen Dichterin Sappho und die Auflösungsphantasien einer christlichen Mystikerin zu diskutieren, die Geschichte des Hip-Hop-Genres Chopped & Screwed sowie dessen Erfinders DJ Screw in eine atmosphärische Beschreibung der Metropole Houston einzubetten und über ihre eigene Kindheit in einer baptistischen Mega-Kirche und ihre spätere Entfremdung von der Religion zu erzählen. Spoiler: Alles hat irgendwie mit Drogen beziehungsweise ekstatischen Zuständen zu tun. Bei der Vielfalt an Themen gab es natürlich auch jede Menge zu recherchieren. Aber das ist schließlich auch ein Aspekt, der mir am Literaturübersetzen so gut gefällt: Man lernt ständig etwas Neues.

 

Dieses Buch sollte man unbedingt lesen, weil…

… es diesen eben erwähnten Mix so toll hinbekommt. Darin finden sich viele scharfsinnige Beobachtungen, in denen man sich häufig wiedererkennt, ertappt fühlt, oder aber die man noch nie in der Form wahrgenommen hat. Wichtig finde ich, dass es keine Beobachtungen von außen sind. Jia Tolentino schreibt über unser Ich im Internet als eine, die schon seit der Kindheit »internetsüchtig« ist und privat wie beruflich ständig online ist/sein muss, oder über die Vergewaltigungskultur an US-Universitäten als eine, die an der University of Virginia selbst Mitglied einer Studentinnenverbindung war und einmal auf einer Party K.o.-Tropfen im Drink hatte (was in ihrem Fall nochmal gut gegangen ist).

Tolentino versammelt in ihren Essays außerdem so viele verschiedene Themen, dass einem der Gesprächsstoff für das nächste Dinner mit Freunden bzw. das im Trend liegende Zoom-Bierchen nicht ausgeht. Wie oft ich mich im letzten Jahr habe sagen hören: »Wie in dem Buch, das ich gerade übersetze! Da geht es um …«

 

Worüber mussten Sie lachen? Was hat Sie fast zum Verzweifeln gebracht?

Lachen musste ich an vielen Stellen, und zwar auch nach mehrmaligem Lesen immer wieder. Wenn Jia Tolentino beschreibt, wie sie zum ersten Mal Spanx-Unterwäsche beziehungsweise einen »98-Dollar-Foltertanga« anprobiert und sich im Spiegel betrachtet, oder wie sie während einer Yoga-Stunde der Muschifurz-Attacke einer der Kursteilnehmerinnen ausgesetzt ist, oder wie sie sich während einer Autofahrt mit ihrem Freund hysterisch in Rage redet, als sie zu erklären versucht, warum es sie so stört, dass sie ständig gefragt wird, ob sie nicht insgeheim doch heiraten möchte.

Verzweifelt bin ich manchmal an den unzähligen Zitaten, die sie mit Leichtigkeit raushaut und die in deutscher Übersetzung herauszusuchen einiges an Arbeit bereitet. Vieles findet man heute zum Glück relativ schnell online, einiges musste ich jedoch durch viele Gänge zur Bibliothek, Fernleihen und Bestellungen gebrauchter Bücher zusammentragen.

 

Um sich abends vom Übersetzen zu entspannen, haben Sie…

… einmal die Doku »FYRE« auf Netflix geschaut. Darin geht es um ein Luxus-Festival auf den Bahamas, das von dem notorischen Hochstapler Billy McFarland episch in den Sand gesetzt wurde. Die Story taucht im Essay »Die Geschichte einer Generation in sieben Betrugsmaschen« auf, und man glaubt es kaum, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat.

Das Buch hat mich außerdem dazu angeregt, die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante zu lesen (ich habe alle vier Bände verschlungen!) und einmal eine Barre-Stunde auszuprobieren (was ich unbedingt noch nachholen werde, sobald Sportstudios wieder geöffnet haben).

 

Würden Sie’s nochmal tun?

Unbedingt! Ich kann es auch kaum erwarten, das nächste Buch von Jia Tolentino zu lesen. Sie hat im letzten Jahr ein Kind bekommen. Vielleicht regt das ja eine Hülle und Fülle neuer spannender Beobachtungen und Anekdoten an. Sie wieder zu übersetzen wäre mir jedenfalls eine große Ehre und Freude.

Margarita Ruppel, geboren 1988, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Sie hat Literaturübersetzen an der Heinrich-Heine-Universität studiert und übersetzt seitdem literarische Werke aus dem Englischen und Spanischen ins Deutsche.

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Jia Tolentinos rasante Essaysammlung

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