Hinter den Kulissen

Nachtfahrt mit Arundhati Roy

Zum internationalen Erscheinen von ›Das Ministerium des äußersten Glücks‹ erzählt Programmleiter Hans Jürgen Balmes, wie der lang herbeigesehnte neue Roman der Booker-Preisträgerin Arundhati Roy zu S. Fischer kam.

Am Ende hing alles an einem Blatt. Und wir saßen in einem Taxi auf dem Weg in den Verlag. Doch der Reihe nach.

Vor zehn Jahren hatte es begonnen – von einem Freund, in dessen Garten der gleiche Strauch stand wie in unserem, der im Januar blüht und im Herbst leuchtend rote Blätter hat, hörte ich, dass Arundhati Roy an einem neuen Roman schreibt. Zehn Jahre nach dem ›Gott der kleinen Dinge‹. Nach Jahren, in denen sie mutige Einsprüche und messerscharfe Stellungnahmen verfasste, für die Unberührbaren eintrat und sich mit Ureinwohnern durch die Urwälder schlug, um sie vor der Rodung zu bewahren. Die Liste der Menschen, für die sie mit ihrem Ruhm als Booker Preisträgerin eintrat, ist lang, aber nicht lang genug für ihre Herzlichkeit, ihre Liebe und ihre Begeisterung für die Menschen. Ihr Optimismus scheint unerschöpflich. »Oh, wir sind in Indien, der Himmel stehe uns bei!« Und dazu lacht sie.

Wenn Arundhati Roy vor den Feindseligkeiten ausweichen musste, weil man in indischen Straßen Puppen mit ihrem Konterfei verbrannte, blieb sie trotzdem höchstens ein paar Tage in London, fuhr mit dem Zug nach Paris zu unserem Freund, um ihm – als einzigem auf der Welt – ein paar Seiten aus dem Roman vorzulesen. Und auf der Rückreise machte sie manchmal geheime Abstecher wie 2009, als sie nach Moskau zu Edward Snowden flog. Hier traf sie sich mit ihm, John Cusack und dem Mann, der vor 50 Jahren die Wahrheit über die Bombardierung Vietnams ans Tageslicht brachte: Daniel Ellsberg. Zwei Whistleblower unter sich, und dabei eine Frau, die die Menschenrechte beim Wort nimmt und weiß, wie sich Globalisierung in einem indischen Dorf auswirkt. Ihren Freund in Paris nannte sie »Jumbo«, er sie bewundernd »Utmost«, »Äußerst«, und wenn sie sich aufregte und keine Ruhe zum Romanschreiben fand, sagte er, er stehe jetzt hinter ihr und fächele ihr mit seinen Ohren kühle Luft zu.

Wenn man ihr in den Jahren eine Mail schrieb, weil ein Journalist sie in Neu Delhi treffen wollte oder wir Fragen bei der Übersetzung eines Essays hatten, erzählte sie oft von einem Vogel, einem weißen Reiher, dachte ich oder, schlug man im Wörterbuch nach, einer der freundlichen Vögel, die auf einem Büffel sitzen und ihm die Fliegen von den Ohren picken. Sie schrieb und schrieb, und dann kam wieder ein Essay und wir hielten die Luft an – ist der Roman ins Stocken geraten?

                                            *

Und plötzlich war der Roman da. Ohne Vorankündigung gingen kurz vor der Frankfurter Buchmesse 40 nummerierte, mit Wasserzeichen versehene Exemplare per Kurier um die Welt. Einen Tag mit Blick in den Garten und lesen, lesen, lesen. Jede Zeile sagte, auf Dich habe ich gewartet, und man sah Arundhati Roy vor sich, wie sie in ihrer Wohnung in Neu Delhi nach innen lauschte, damit ihr kein Wort ihrer Figuren entging, den Helden und Heldinnen ihres Romans, die ihr beim Schreiben zu innigen Freunden geworden waren. Man bewunderte die groß angelegte Architektur des Romans, seine Reisen über den ganzen Kontinent und in seine Geschichte, um das Hier und Jetzt zu verstehen. Beim Lesen bangt man mit Anjum und Tilo, den beiden Heldinnen, die versuchen, alles in einer rettenden Geste zusammenzuhalten und denen es gelingt, ein »Ministerium des äußersten Glücks« zu gründen. Auf einem verwilderten Friedhof mitten in Old Delhi bilden ihre Heldinnen und Helden eine Zuflucht für alle, die mit dem Leben angeeckt sind. An einem Ort des Todes finden sie das Leben: eine Familie aus Outcasts, eine Familie aus Menschen, die mit List und Ausdauer, mit unbeirrter Zärtlichkeit und Mut für einander einstehen: Eine Familie, wie man sie sich nur wünschen kann.

Wie hat sie das alles gemacht? Verwundert schaute ich in den Garten und wusste gleich, dass das eines der Bücher ist, wie man es nur einmal im Leben liest. Man hat es als Lücke gespürt, als das eine Buch, was einem das Leben so zeigt, dass man sein eigenes besser versteht. Und so trug ich das Buch weiter mit mir, sprach mit Anjum und Tilo und wollte ihnen mein Leben erklären. Wieder las ich einige Seiten und blätterte zurück und war wieder ganz gebannt von der Geschichte, den Dialogen, den Schauplätzen – der Melodie der Worte und Sätze, die mir in den Ohren nachklang. Über die Kontinente, über die Leben hinweg.

                                                *

Und dann war Arundhati Roy selbst in Frankfurt zur Buchmesse: Fünf deutschen Lektoren war es genauso gegangen wie mir. Und da sie in der Vergangenheit auch Bücher von ihr verlegt hatten, hatten sie auch die Kuriersendung erhalten und nun kreisten wir alle um einen Salon im Hotel Frankfurter Hof, um nach und nach sie und ihre Agenten zu treffen. 20 Minuten Vorsprechtermin.

Was bringt man mit, außer seiner Begeisterung und einem Angebot? Während der Lektüre waren die Blätter der Zaubernuss, so heißt der Strauch im Garten, scharlachrot geworden, und ich hatte sie zwischen das Manuskript des Romans geschoben. Jetzt steckten sie in einem Gedichtband, den ich ihr zuschob. Während ich erzählte, wie ich die Geschichte von Anjum und Tilo las, mit ihnen reiste und was der Roman mit mir als Leser gemacht hat, strich Arundhati über die Blätter. Nach dem Gespräch war der Rahmen gefunden, aber nicht das Kleingedruckte. Alles stand noch auf der Kippe...

An dem Tag traf sie nicht nur die deutschen Verlage, sondern auch internationale. Am Abend standen alle, die den Zuspruch bereits erhalten hatten, in einem  holzgetäfelten Salon und toasteten sich zu. Nur wir standen noch draußen und diskutierten, immer wieder ging die Agentin hinein und stimmte sich mit Arundhati ab – bis sie zurückkam und die Hand ausstreckte. Jetzt wurde auch ich eingeladen – und wieder war es, als ob sich eine Lücke schließt.

Arundhati Roy wollte gleich den Verlag sehen, sehen, unsere Büros in Frankfurt, wo und wie wir arbeiten. Und schon fuhren wir im Taxi über den von Lichtern glitzernden Fluss und standen auf der Party: Tausend Hände, tausend Stimmen, bis wir im Büro von Verleger Jörg Bong saßen und den Moment noch einmal anhielten – für Anjum und Tilo und die Blätter vom Strauch.

PS ›Das Ministerium des äußersten Glücks‹ war wahrscheinlich der letzte Roman, den John Berger, der Freund in Paris, vor seinem Tod im Januar 2017 gelesen hat. Es bedeutete Arundhati Roy alles, dass sie ihm, der den Roman wie kein anderer von ihr gefordert hatte, in der Woche vor der Buchmesse zu Hause daraus vorlesen konnte. Witchazel, Zaubernuss, hieß seine E-Mail-Adresse.

Arundhati Roy

Arundhati Roy

Arundhati Roy wurde 1959 geboren, wuchs in Kerala auf und lebt in Neu-Delhi. Den internationalen Durchbruch schaffte sie mit ihrem Debütroman »Der Gott der kleinen Dinge«, für den sie 1997 den Booker Prize erhielt. Neben dem Schreiben widmete sie sich ihrem politischen und humanitären Engagement. Bei S. FISCHER erschienen »Das Ministerium des äußersten Glücks« und die Essaybände »Azadi heißt Freiheit«  und »Mein aufrührerisches Herz«. 2024 wurde Arundhati Roy mit dem PEN Pinter Prize ausgezeichnet.