Interviews

Im Gespräch mit Julia Franck

Julia Francks Buch »Welten auseinander« ist ein Familienroman des 20. Jahrhunderts, eine Erzählung von Scham und Trauer ebenso wie von Tod und Liebe, ein Tribut an eine große Liebe. Im Interview erzählt die Autorin von ihrem Ringen um eine Form im Angesicht der überwältigenden Vielzahl an Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen, und von der gleißenden Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

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© Mathias Bothor
In all Ihren Romanen haben Sie Teile Ihrer Biografie verarbeitet. In »Welten auseinander« erzählen Sie von einem Mädchen, Julia, das seinen Weg ins Leben findet. Wie lässt sich eigene Geschichte in Erzählung verwandeln?  

Geschichten werden linear erzählt, aus einer ganz bestimmten Perspektive. Wer sich literarisch und historisch mit Geschichtsschreibung beschäftigt, erkennt sofort, dass unterschiedliche Zeitzeugen, historische Blickwinkel und auch Literaturen je nach Standpunkt vollkommen unterschiedliche Geschichten erzählen. Selbst die Zeit und Reihenfolge der Ereignisse unterscheiden sich, je nach Quelle. Selbst in der Genesis finden wir schon scheinbar widersprüchliche Aussagen darüber, in welcher Reihenfolge sich die Schöpfung zugetragen haben könnte. »Welten auseinander« stellt Erinnerungen, orale Überlieferungen wie familiäre Legenden, Mythen, Behauptungen, Tagebücher unterschiedlicher Menschen, Dokumente aus Archiven, Briefe und ähnliches nebeneinander, sie erlangen ihre gleichwertige Gültigkeit in der Auswahl und Perspektive, aus der ich erzähle. Daten und Fakten der Geschichte stimmen, sie sind von dritten nachprüfbar. Es gibt hier aber keine objektive Erinnerung, keine objektive Geschichte. Wie sollte eine solche aussehen? Wir können unsere Geschichte nur subjektiv erzählen. Dabei folge ich bestimmten Motiven, die mich in der Jugend geprägt haben, das Fremdsein und Anderssein. Die Scham. Ängste. Mut. Die gleißende Sehnsucht nach Zugehörigkeit. 

 

"Welten auseinander" lässt sich auch als Familienroman des 20. Jahrhunderts lesen. Wie haben Sie eine Form gefunden für diese umfassende Geschichte? 

So wenig meine Kindheit für eine ost- oder westdeutsche, jüdisch-deutsche Nachkriegskindheit typisch war, weder typisch für das Sozialhilfemilieu mit Schwarzarbeit, noch für die '68er Aussteiger oder das Bildungsbürgertum (mondän in Ost-Berlin?), und auch wenn dieser Familienroman von Migration und Ausgrenzung wie Ankommen geprägt ist, immer wieder eine stolze Künstler-Bohème aufscheint, so wenig ich mich als die eine identifizieren ließ und selbst identifizieren konnte, so universell und allgemein verbreitet ist vermutlich die Erfahrung des Menschen im Heranwachsen: dass er sich unterscheidet und anders ist als jeder andere. Die Fremdheit und das Geworfensein in die Welt sind wohl vollkommen archaische Erfahrungen, man teilt sie mit unendlich vielen Menschen auf der Welt, gerade weil jeder seine ganz eigenen Merkmale hat. Schwierig wird es, wenn wir uns mit Gruppen identifizieren wollen, die uns nicht als zugehörig betrachten, schwierig wird es auch, wenn wir Identitäten in Anspruch nehmen wie Etiketten, um uns abzugrenzen und Zugehörigkeit zu behaupten, zu homogenen Gruppen, die uns nicht dulden. Diese identitären Impulse der Gegenwart empfinde ich als lästig. Ich glaube, dieses Buch ist anti-identitär, es ist hoch subjektiv und darin universell.

Wenn man das Buch als Familienroman des 20. Jahrhunderts lesen möchte, so kann man auch das nur exemplarisch verstehen, da diese Familie in jeder Hinsicht mit herkömmlichen Familienmodellen bricht, mal zwangsläufig und mal freiwillig, selten ideologisch und willkürlich. Eltern und Vorfahren der Urgroßmutter kommen aus Breslau, Königsberg und anderen osteuropäischen Orten. Lotte wird in Berlin geboren, wächst zwischen Schöneberg und Wilmersdorf behütet und vornehm auf. Sie ist die erste ihrer Familie und einzige ihrer Geschwister, die sich nicht in einen Juden verliebt, die darauf besteht, einen Goj zu heiraten. Was für eine moderne und romantische Frau. Sie ist erst 1984 gestorben, daher kannte ich sie noch gut. Lottes Tochter Inge darf nach den Rassegesetzen 1938 nicht mehr an einer deutschen Kunsthochschule studieren, sie darf auch nicht heiraten, sie hat keine Zukunft im Nazideutschland und geht ins Exil. Ihre Kinder bekommt sie unehelich, wie auch Julia später ein uneheliches Kind sein wird. Es gibt also keine ungebrochenen Traditionen, keinerlei institutionelle und rechtliche Form in dieser Familie. Zunehmend verlieren sie Kontinuität, Anschluss, Sicherheiten. Die frühe Begegnung mit dem jungen Tod, mit Mord, Selbstmord, Krankheit und Unfall prägt diese vier Generationen von Frauen, von denen Julia die jüngste ist. Ihre Kindheit und Jugend sind von unzähligen Wechseln und Brüchen geprägt. Familie, Wohnort, Staat, Schule, alles wechselt. Wie übrigens auch immer wieder in den Generationen zuvor. Julia wächst ohne Großvater, Vater, Onkel, Bruder auf – es gibt Freunde. Die politischen, religiösen, beruflichen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse innerhalb dieser Familie unterscheiden sich stark, sie zeigen ein buntes Chaos.


Eine wichtige Figur im Leben Julias ist Stephan. Was bedeutet diese Liebe für die Figur Julia? 

In gewisser Hinsicht ist Stephan das Gegenüber der Erzählerin, er ist der Freund, dem sie eines Tages, nach dem Tod ihres Vaters, in der Schule begegnet und in den sie sich verliebt. Sie kommen aus vollkommen unterschiedlichen sozialen, gesellschaftlichen und familiären Verhältnissen. Die Anziehung des Fremden. Während Julias Welt ein ziemliches Chaos ist, erscheint ihr in Stephans Welt auf den ersten Blick anfangs alles in heiler Ordnung. Es wächst eine große Liebe zwischen beiden. Aus Liebe erzählen beide einander ihre Geschichten, wahren die Geheimnisse des anderen wie die eigenen, sie denken zusammen, streiten und schreiben. Das Buch ist ein Tribut an diese Liebe.


Was hat Ihnen beim Schreiben die größte Freude bereitet? 

Die Entwicklung der Motive von Fremdheit, Anderssein, Scham, Liebe, Trauer, Ohnmacht, Glück und Verstehen. Wenn ich den Erfahrungen und Geschichten dieser Familie nachgehe, scheinen mir die Handlungen, Entscheidungen und besonderen Bedingungen dieser Frauen klarer, weder muss ich sie als gut und schlecht bewerten, noch mit mir selbst vergleichen, aber ich begreife etwas, lerne etwas von und mit diesen Menschen.

Es ist das erste Mal, dass ich eins meiner Bücher in drei sehr unterschiedlichen Versionen geschrieben habe. Jedes Mal, wenn ich mit dem Buch fertig war, wollte ich es wenige Wochen später anders schreiben, anderen Motiven folgen, andere Figuren im Buch stärker machen oder sie ganz rauswerfen. Ich konnte mich nicht trennen. Eines Tages merkte ich, es könnte ein unendliches Schreiben werden, wie es sie in der Literaturgeschichte öfter gibt. Manche Autoren können einfach nicht aufhören. Sie arbeiten in Fragmenten, fangen immer wieder an, löschen, stellen um, beenden ihre Sätze selten und nur widerwillig. Oder sie schreiben ihre Geschichte (in Varianten) von Buch zu Buch weiter. Musil, Bernhard, Johnson, Koeppen, Foster Wallace, Ernaux, Duras, Knausgaard, Coetzee, sie schreiben über Jahre (und wenn der Leser Glück hat, über viele Bücher hinweg) im Grunde immer wieder an ihrer Geschichte. Wir sehen uns überwältigt von den unzähligen Möglichkeiten, eine Geschichte so oder so zu erzählen. 

Es hat mir Freude bereitet, auch literarisch mit den Brüchen und Widersprüchen zu arbeiten, von denen ich erzähle. Das Buch gehorcht keiner herkömmlichen Chronologie, und ich glaube, der moderne Leser braucht eine solche nicht mehr.

Julia Franck wurde 1970 in Berlin geboren. Sie studierte Altamerikanistik, Philosophie und Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin. 1997 erschien ihr Debüt ›Der neue Koch‹, danach ›Liebediener‹ (1999), ›Bauchlandung. Geschichten zum Anfassen‹ (2000) und ›Lagerfeuer‹ (2003). Sie verbrachte das Jahr 2005 in der Villa Massimo in Rom. Für ihren ...

Zur Autorin

Julia Francks bewegender Roman

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