Interviews

»In einer anderen deutschen Großstadt würde ich nicht leben wollen«

Roland Schimmelpfennig spricht mit seinem Lektor Sascha Michel über seinen neuen Roman »Die Linie zwischen Tag und Nacht«. Es geht um Berlin und um brennende Punkte in der Nacht. Es geht um Freundschaft und Tischtennis. Und es geht um Stil.

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© Foto: Heike Steinweg
Liest Du Krimis?

Früher mehr als heute. Die Romane um Kommissar Martin Beck von Maj Sjöwall und Per Wahlöö haben mich früher sehr begeistert. Raymond Chandler. Sehr wichtig war  für mich ein amerikanischer Autor, der in Deutschland weniger bekannt ist: Jerome Charyn. Von Charyn habe ich über viele Jahre alles gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Charyn hat allerdings nicht nur Krimis geschrieben, sondern auch viele andere Bücher, unter anderem eines über Ping Pong.

 

Ich habe neulich ein sehr schönes Interview mit dem Regisseur Dominik Graf gelesen. Er erzählt da von seiner Liebe zu Polizeiserien, vom »kleinen Kino« im Fernsehen. Es geht um handwerkliche Professionalität und vor allem um die mögliche Leichtigkeit von Polizeiserien, die im Idealfall nicht nur spannend und schnell erzählt sind, sondern Raum lassen fürs Beiläufige und Zufällige, für schöne Details. Kannst Du nachvollziehen, dass ich dabei auch an Deinen Roman dachte?

Details sind wichtig, auch wenn sie scheinbar nichts mit dem »Plot« zu tun haben. Deshalb erscheint das »Beiläufige und Zufällige«, wie Du es nennst, vielleicht  gar nicht so zufällig. Figuren oder Situationen lassen sich gar nicht anders skizzieren, sonst bleiben sie – und  damit auch die Erzählung – zweidimensional.

Grafs eigener zehnteiliger Film »Im Angesicht des Verbrechens« ist vielleicht deshalb in seiner Qualität so bestechend – weil man die ganze Zeit an den Figuren dranbleibt. Sebastian Schippers »Victoria« war und ist ein weiterer Solitär, aber das war Kino, kein Fernsehen.

 

Dein erster Roman »An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts«, der 2016 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, ist sehr visuell erzählt und beginnt mit dem Bild eines Feuers im Schnee auf der Autobahn. An den Anfang Deines neuen Romans hast Du erneut ein starkes Bild gesetzt: Eine Frau treibt im weißen Brautkleid auf dem grünen Wasser des Landwehrkanals. Wie wichtig sind Dir solche Bilder, und stehen sie auch am Anfang des Schreibens oder kommen sie nach und nach in den Text?

Das Anfangsbild der auf dem Wasser treibenden Braut stand tatsächlich ganz am Anfang des Schreibprozesses von »Die Linie zwischen Tag und Nacht«. Das Bild war die Initialzündung für die Entwicklung des Textes. Bei den anderen beiden Romanen war es ähnlich. Bei jedem der drei Romane musste ich zuerst den bildhaften Einstieg in die Erzählung finden, als wäre ich auf der Suche nach der richtigen Kamera-Einstellung. »Die Sprache des Regens« beginnt mit der auf dem Meer vorüberziehenden Stadt, die auch eine riesige Maschine sein könnte. Das allererste Bild im »Januarmorgen« beschreibt den Wolf, der den zugefrorenen Fluss überquert und dann über weite, verschneite Felder zieht, bis er schließlich verschwindet. Eine Luftaufnahme, könnte man sagen, an der ich lange gearbeitet habe, bis sie für mich stimmte. Von dem strahlend hellen, stillen Bild des Wolfs im Schnee führt die Geschichte dann weiter zu der Massenkarambolage auf der verschneiten Autobahn bei Nacht.

 

Eines meiner Lieblingsbilder ist die Szene, in der Karl, ein Polizist, den die Arbeit buchstäblich krank gemacht hat, mit einer Fackel Schlittschuh läuft. »In kalten Wintern lief Karl manchmal nachts zu Fuß über das Eis des zugefrorenen Sees, manchmal lief er auch nachts mit einer Fackel in der Hand Schlittschuh, ein brennender Punkt in der Nacht.« Das ist sehr schön und auch ganz schön pathetisch. Ich frage deshalb mal ganz pathetisch: Geht es Dir beim Erzählen um solche brennenden Punkte in der Nacht?

Karl ist ein an seinem Beruf zerbrochener Polizist, der vollkommen zurückgezogen in einer Hütte auf einer der Inseln im Tegeler See lebt. Das Bild von dem Schlittschuhläufer zeigt einen Außenseiter, der sich durch einen fast vollkommen schwarzen Raum bewegt. Darin ähneln sich Karl und die Hauptfigur Tommy, die selbst komplett aus der Bahn geworfen wurde.

 

Gerade ist ein schönes Buch über Stil erschienen: Michael Maars »Die Schlange im Wolfspelz«. Du bist ja seit vielen Jahren auch international vor allem als Dramatiker bekannt. Das ist jetzt Dein dritter Roman. Ich glaube, ich würde nach ein paar Seiten sofort erkennen, dass das Prosa von Roland Schimmelpfennig ist. Glaubst Du an so etwas wie Stil? Und wenn ja, wie würdest Du Deinen Stil als Prosaautor beschreiben?

Ja, ich glaube an sowas wie Stil. Zumindest weiß ich, was ich beim Schreiben suche und was ich vermeide. Ich komme ursprünglich vom Theater. Theater erstickt an falscher Ausführlichkeit, gute Theatertexte leben meiner Meinung nach – unter anderem – von Auslassungen, und diesen Ansatz habe ich für meine Form der Prosa sicher übernommen. Gleichzeitig sind meine Theatertexte oft »narrativ«, die Prosatexte hingegen vielleicht eher »bildhaft«. Die Theatertexte und die Prosa verhalten sich damit zueinander andersherum, als man vielleicht zunächst erwarten würde. Beide Ansätze entspringen einer gewissen Verweigerungshaltung. Ich will die Dinge nicht »zu Ende erzählen«. Details sind wichtig, aber ich will nicht alles ausformulieren.

 

»Die Linie zwischen Tag und Nacht« ist Dein erster Roman mit einem Ich-Erzähler. Warum diese Perspektive, und wie war das Schreiben in der ersten Person im Vergleich zu Deinen anderen beiden Romanen?

Das war ungewohnt und erstmal komplizierter als ich gedacht hatte, da der Ich-Erzähler ja nicht die Erzählperspektive wechseln kann, das heißt, er kann nicht einfach von der Wahrnehmung einer Figur zu der nächsten springen. Der Erzähler in Ich-Form weiß nur, was er durch eigenes Erleben wissen kann. Alles, was er nicht wissen kann, muss ihm jemand berichten. Oder er muss es herausfinden. Er muss sich auf die Suche machen, und das ist eines der Themen des Buches.

 

Auf die Frage, was Deine Arbeit als Dramatiker mit Deiner Arbeit als Romanautor verbindet, hast Du mal gesagt, dass Deine Geschichten und Stücke immer von Veränderung handeln. Zumindest von dem Wunsch nach Veränderung. Schon im »Januarmorgen« sind es vor allem die Jungen, die diese Veränderung suchen, die abhauen von zu Hause, die ein anderes Leben ausprobieren. Die älteren Figuren bei Dir sehnen sich zwar auch danach, bleiben nicht einfach stehen, aber ich habe den Eindruck, die Veränderungen widerfahren ihnen eher. Siehst Du das auch so? Der Drogenermittler Tommy, Deine Hauptfigur, wird ja erst durch einen schrecklichen Unfall aus seinem alten Leben herauskatapultiert.

Wäre dieser Unfall ein reiner Zufall gewesen, hätte er Tommy vielleicht nicht in diesem Ausmaß aus seinem Leben herauskatapultiert. Für Tommy wird der Tod des Kindes, das er während eines Polizeieinsatzes überfährt, zu dem ebenso logischen wie furchtbaren Resultat einer langen Rechnung von Sinnlosigkeiten.

Was die von Dir angesprochene »Veränderung« angeht – ich glaube, es gibt in der Literatur – ob  im Theater oder in der Prosa, bei Lyrik bin ich mir nicht sicher, aber eventuell trifft die These am Ende auch da zu, immer diese untergründigen Themen: Etwas muss oder wird sich ändern. Oder auch: etwas darf sich nicht ändern, ich will oder muss eine Veränderung verhindern. Oder: eine Veränderung bricht über mich herein, und jetzt muss ich handeln. Oder: eine Veränderung bricht über mich herein, und ich bin unfähig zu handeln.

 

In Deinem letzten Roman »Die Sprache des Regens« bewegen wir uns in einem eher unbestimmten, offenen Raum, einer südlichen Landschaft am Meer. Jetzt kehrst Du wieder wie im »Januarmorgen« nach Berlin zurück. Was bedeutet diese Stadt für Dich? Auffällig finde ich zum Beispiel, mit welcher Selbstverständlichkeit Du vom multikulturellen Leben erzählst. Tommys Nachbarn sind vietnamesische Gemüsehändler, es gibt einen Tattoo-Meister aus Japan, eine indische Feuerspuckerin, eine junge Frau aus dem kriegszerstörten Syrien ...

… oder eine kolumbianische Zeichnerin oder einen kroatischen Dachdecker, einen italienischen Kellner und einen russischen Automechaniker. Berlin ist eine in vieler Hinsicht hermetische, elitäre Stadt und gleichzeitig immer noch ein in der Bundesrepublik einzigartiger Ort der Freiheit und der Subkultur. In einer anderen deutschen Großstadt würde ich nicht leben wollen. Hier leben meine Kinder, und hier leben viele meiner Freunde, die aus unterschiedlichen Teilen der ganzen Welt kommen, und das macht für mich die Schönheit dieses Ortes aus. 

 

Es gibt eine große Einsamkeit und Verlorenheit bei Deinen Figuren. Andererseits führen die Veränderungen, über die wir gesprochen haben, auch zu neuen, tröstlichen Beziehungsformen. Im Grunde geht es in Deinem neuen Roman vor allem um Freundschaft, oder? Da ist zum Beispiel die vorsichtige, zärtliche Freundschaft zwischen Tommy und der vietnamesischen Nachbarin Vinh, die Tommy später auf jeden Fall mal heiraten will. Da ist die Liebe zwischen Mara, Tatjana und Mauricio, die in keine Ordnung von Monogamie und Heterosexualität passt. Und da ist die Freundschaft zwischen Tommy und dem Drogendealer Csaba. Nicht nur wegen Corona haben die Tischtennisszenen mit Csaba, wenn die coolen Männer draußen in der Sonne über Filme und Raumschiffe fabulieren, für mich was fast Utopisches.

Weil du sagst: »nicht nur wegen Corona« – es ist in der Tat ein mehr als sonderbares Gefühl, diesen Text mit seinen Beschreibungen von auf engstem Raum tanzenden Menschenmassen jetzt als Buch in der Hand zu haben.  Durch Corona erscheint der vor der Pandemie geschriebene Text nun auf einmal wie aus einer anderen Zeit. Vielleicht erscheint er in diesem Moment auch als Utopie – aber so war der Text natürlich ursprünglich nicht gedacht.

Die Freundschaften in der Geschichte sind oft gleichzeitig brüchig und eng. Die Figuren haben zum Teil fast nichts als diese Freundschaften, woran sie sich festhalten können. Gegen alle Widerstände versuchen sie, so etwas wie eine neue, eigene  Familie zu erschaffen.

 

Hat das Schreiben der Tischtennisszenen Spaß gemacht? Oder anders gefragt: Hast Du manchmal beim Schreiben auch lachen müssen? Wenn Mauricio zum Beispiel in das Restaurant seines Vaters kommt und plötzlich die Einrichtung zusammenballert – das ist jetzt nicht unbedingt nur die elementare, existentielle Ebene, über die wir gesprochen haben, sondern auch erzählerischer Spaß, oder?

Beim Schreiben des Moments mit  Mauricio in dem Restaurant habe ich selbst nicht unbedingt gelacht. Das war eine Szene, an der ich sehr lange gearbeitet habe – der Moment mit dem tanzenden Jungen ist zunächst lautlos, langsam, fast wie in Zeitlupe, und dann zersplittert alles. Bei der Diskussion am Tischtennistisch darüber, wer der legitime Raumschiffkommandant der EU MAX SCHMELING ist, wird die elementare, existentielle Ebene des Universums allerdings eindeutig verlassen.

Roland Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, ist einer der meistgespielten Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Er hat als Journalist in Istanbul gearbeitet und war nach dem Regiestudium an der Otto-Falckenberg-Schule an den Münchner Kammerspielen engagiert. Seit 1996 arbeitet Roland Schimmelpfennig als freier Autor. Weltweit werden seine Theaterstücke in über 40 Ländern mit großem Erfolg gespielt. ...

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Das neue Buch von Roland Schimmelpfennig

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