Interviews

»Das Leben schützt sich selbst«

»Das perfekte Gift« ist der neue Roman von Sergej Lebedew. Wir haben mit ihm gesprochen über die Arbeit an diesem Roman: über Giftattentate und ihre russische Geschichte, über Agenten, totalitäre Kontrolle und die Wissenschaft und darüber, was die Weimarer Republik mit Sergej und Julia Skripal zu tun hat.

Der russische Autor Sergej Lebedew lehnt auf einer Brücke an einem Geländer, im Hintergrund ein großes, monumentales Gebäude aus Stein.
© James Hill
Ihr Roman »Das perfekte Gift« handelt von der Entwicklung eines tödlichen, nicht nachweisbaren Giftes, das stark an den Nervenkampfstoff Nowitschok erinnert. In einem zweiten Handlungsstrang geht es um einen geplanten Mordanschlag mit diesem Gift in der Gegenwart. Wahrscheinlich werden viele Leser*innen sofort an die Vergiftung von Alexej Nawalny denken. Aber Sie haben den Roman vor der versuchten Ermordung Nawalnys geschrieben – und die Details der Handlung lassen einen auch eher an die Vergiftung von Sergej und Julia Skripal in Salisbury denken. War es dieser Fall, der Sie auf die Idee für das Buch brachte? Was hat Sie an dem Thema interessiert?

Ich habe für einige Zeit über einen Roman über die aktuelle russische Politik nachgedacht. Ein politischer Roman im umfassenden Sinne. Denn wenn wir über die aktuelle russische Literatur sprechen, würde ich sagen, dass sie nicht sehr politisch ist. Sie beschäftigt sich eher mit der Vergangenheit und einer unbestimmten Gegenwart, aber sie hat keine politische Botschaft. Früher, im 19. und zum Beginn des 20. Jahrhunderts, war es die wichtigste Tradition der russischen Literatur, politisch zu sein. Nicht im Sinne einer bestimmten Ausrichtung oder Zugehörigkeit zu einer Partei: die Literatur war in ständigem Kontakt mit der politischen Realität, mit den aktuellen Themen, mit Menschenrechtsfragen und so weiter. Ich habe also eine Zeitlang über so einen Roman nachgedacht und verschiedene Themen in Betracht gezogen. Ich habe auf ein Signal gewartet: Das ist dein Thema. Als dann der Fall Skripal kam, als die ersten Nachrichten über das Attentat in Salisbury eintrafen, erregte ein bestimmtes Detail meine Aufmerksamkeit. Es wurde erwähnt, dass der verwendete Nervenkampfstoff, Nowitschok, wahrscheinlich in einem geheimen sowjetischen Labor in der kleinen, geschlossenen, geheimen Stadt Schichany entwickelt wurde. Das war das Signal, auf das ich gewartet hatte. Denn ich wusste aus den Recherchen für meinen vorherigen Roman »Kronos‘ Kinder« einiges über Schichany. Ich hatte mich mit der geheimen militärischen Zusammenarbeit zwischen der Weimarer Republik und der Sowjetunion in den zwanziger Jahren beschäftigt, ein wenig bekanntes Thema. Deutschland stand unter den Restriktionen des Versailler Vertrags, so dass die Entwicklung bestimmter Arten von Waffen verboten war. Deshalb suchte die deutsche Regierung nach geheimen Orten, an denen die Rüstung fortgesetzt werden konnte. In der Sowjetunion wurden eine Panzerschule und eine Schule für Jagdflieger eingerichtet – und das geheime deutsch-sowjetische Militärlabor zur Entwicklung chemischer Kampfstoffe in Schichany. Das bedeutet, dass die Geschichte um Skripal sehr weit in die Vergangenheit reicht. Als mir das klar wurde, beschloss ich, darüber zu schreiben, ich wollte es als eine Art modernen faustischen Roman erzählen, verpackt in die Form eines Thrillers oder eines Spionageromans. Und so begann ich, das Thema zu recherchieren. Ich war in einigen freigegebenen KGB-Archiven in den ehemaligen Sowjetrepubliken und habe mich auch mit den Methoden der Stasi beschäftigt. So ist die Idee entstanden. Und das Wichtigste ist: Ich betrachte den Terror mit chemischen Waffen als ein charakteristisches Merkmal des modernen Bösen. Nowitschok wurde dessen Fußabdruck. Ich habe versucht, nicht über die Chemie des Nervenkampfstoffs zu schreiben, sondern über die Chemie des Bösen, darüber, wie das Böse produziert wird.

 

Kalitin ist einer der Hauptfiguren des Romans. Er ist der Wissenschaftler, der den Nervenkampfstoff entwickelt. An einer Stelle sagt er, dass Angst das beste Gift ist. Es geht bei einem Giftanschlag nicht so sehr um die Person, die vergiftet wird, sondern um die Angst, die in denjenigen entsteht, die fürchten, ebenfalls vergiftet zu werden. Ist das der Grund, warum sich der russische Staat für Gift als Waffe entschieden hat?

Wenn wir die russische Geschichte betrachten, gibt es zwei verschiedene Perioden der Repression. In den 1920er und 1930er Jahren, zur Zeit von Stalins Terror, war Gift nicht nötig. Alles lief einfach und brutal ab, man brauchte nur eine Schreibmaschine, eine Pistole und ein Auto. Aber nach Stalins Tod, während des Kalten Krieges, griffen sie zu raffinierteren Methoden. Das Angriffsziel waren keine großen Gruppen, sondern kleine Kreise von Dissidenten oder Geistlichen, und es war sehr einfach, sie ausfindig zu machen, Druck auf sie auszuüben und, wenn nötig, geheime Mittel einzusetzen, um sie zu eliminieren. Natürlich war das die Sowjetunion, da gab es keine Berichte in den Zeitungen, das ging einfach so weiter. In der modernen digitalisierten Welt wäre das gar nicht mehr möglich. Die letzten Fälle geschahen unter den Augen der Kameras, nach zwei oder drei Tagen war alles klar, wie die Attentäter ins Land kamen, wer sie waren, ob sie in Hotels waren, ihre Tickets und so weiter. Es kann nichts mehr verborgen werden wie zur Zeit der Sowjetunion. Einerseits ist das gut, weil die Täter nicht länger unentdeckt bleiben können, aber andererseits ist es schlecht, weil sie letztendlich trotzdem ungestraft bleiben. Und es gibt dem Bösen die Möglichkeit, für sich zu werben. Denn Russland geht immer so vor: Sie begehen ein Attentat und tun dann so, als wäre es aus dem Nichts gekommen, es wird gesagt, es war eine Krankheit, es waren die Amerikaner, es waren die Aliens, einfach nur ein dummer Zufall ... Ich würde sagen, dass das Führen eines solchen Informationskrieges selbst Gift ist, es fügt der ursprünglichen Vergiftung etwas hinzu, denn es schwächt und untergräbt die öffentliche Moral.

Die Gesellschaft in Russland heute ist sehr atomisiert. Oppositionelle Führungsfiguren spielen eine wichtige Rolle. Für viele ist Nawalny so etwas wie der Mann, der gekommen ist, um alles zu verändern – das ist natürlich eine unrealistische Vorstellung. Aber für die Staatssicherheit bedeutet es, dass sie diese Leute aufspüren, ausspionieren und notfalls eliminieren oder so tun, als ob sie die Absicht hätten, sie zu eliminieren und so weiter. Als Nawalny vergiftet wurde, passierte in Moskau nichts, niemand ging auf die Straße. Es war sehr schockierend und eine sehr brutale Botschaft, und die Leute werden das nicht zugeben wollen, aber ich würde sagen, sie haben die Botschaft verstanden.

 

Bei den Attentaten auf Nawalny und Skripal haben vielen Leute – auch solche, die Putin kritisch gegenüberstehen – Zweifel geäußert, dass die russische Regierung verantwortlich war. Sie sagten, dass russische Agenten nicht so dumm wären und eine geplante Ermordung vermasseln würden. Haben Sie eine Erklärung für diese Zweifel?

Das ist ganz klar eine psychologische Schutzreaktion. Man macht sich über die Attentäter lustig und mindert so ihre Bedeutung. Und die Regierung spielt dieses raffinierte Spiel, weil ein Giftmord das Worst-Case-Szenario für die Ermittler ist. Morde mit Gift werden dutzendfach seltener nachgewiesen als alle anderen Tötungsarten. Und wenn der Mörder und der Ermittler derselben Struktur angehören, ist das natürlich eine ideale Sache. Man kann diese Unsicherheit einsetzen, sich sogar über Nawalny lustig machen – zum Beispiel, dass er betrunken war usw. Und natürlich kann man den größten KGB-Mythos überhaupt ausnutzen: Wenn der KGB etwas anfängt, wird er es zu Ende bringen, das Opfer wird niemals überleben und so weiter. Aber die Regierung war tatsächlich sehr effektiv, denn sie hat alle Ziele erreicht, obwohl Nawalny überlebt hat. Die Opposition und die Gesellschaft sind immer einen Schritt hinter der Regierung, sie spielen immer das Spiel, das ihnen angeboten wird. Und gerade in diesem Fall ist das Gift natürlich die bevorzugte Waffe: Es untergräbt das öffentliche Bewusstsein.

 

Was ihren Roman interessanter macht als eine bloße politische Diskussion, ist, dass Sie diese Themen in Charaktere und eine spannende Geschichte verpackt haben. Zwei der Hauptfiguren sind Agenten, die mit einem Giftmord beauftragt werden. Im Vergleich zu dem perfekten, nicht nachweisbaren Gift, sind sie nicht ganz so perfekt, sie handeln nicht so professionell, wie man es erwarten würde. Und sie haben ziemlich viel Pech.

Erst mal würde ich sagen, dass das perfekte Gift nicht perfekt ist. Die Grenzen, die die Natur setzt, sind immer ein großes Thema. Man entwickelt dieses perfekte Gift, aber die Perfektion ist getrübt. Weil es zu stark ist, zu instabil und so weiter. Das macht es sehr schwer einzusetzen. Das ist für mich die Balance zwischen diesem unter Umständen perfekten Gift und seinen unperfekten Handhabern. Das ist der Hintergrund, den ich aus den KGB-Archiven habe. Wenn man sieht, wie diese Agenten arbeiten, wenn man sieht, wie sie die Fälle handhaben, wie sie vorgehen, ist das natürlich nicht die James-Bond-Welt. Sie sind Produkte des Systems, sie sind in ihrer eigenen Routine gefangen. Es gibt keinen Grund, Klischees auszuschlachten, etwa dass sie super produktiv sind, super intelligent, perfekt ausgebildet und so weiter. Sie sind gut ausgebildet, aber ich würde auch sagen, dass das Leben selbst nicht auf ihrer Seite ist. Das Leben schützt sich selbst vor der schlechten Wissenschaft, vor den Attentätern und so weiter. Wenn die beiden Agenten im Roman sich dem Opfer nähern, geht es nicht nur um diese drei Personen, es gibt immer eine Vertikale in all diesen Situationen. Die Agenten können nicht sagen, dass es Gott ist, weil sie nicht an Gott glauben, aber irgendetwas hält sie auf, und das war mein kleines metaphysisches Experiment im Roman.

 

Kalitin, der Wissenschaftler, der das Gift entwickelt, ist ein faszinierender Charakter. Etwas in seiner Persönlichkeit macht ihn zu einem bösen Menschen. Und die Umstände, in denen er arbeitet, sind perfekt für jemanden wie ihn.

Wenn man über die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts spricht, sollte man dabei nicht die Rolle der Wissenschaft vergessen. Denn alle Kontrollinstrumente, mit denen man tief in das Privatleben der Menschen eindrang, wurden von der Wissenschaft ermöglicht. Jemand hat sie entwickelt, sein Genie in sie gesteckt. Ich bin ein wenig überrascht, dass darüber so wenig geschrieben wird. Alexander Solschenizyn hat im Roman »Im ersten Kreis« über seine eigenen Erfahrungen in einem Geheimlabor geschrieben, in dem Wissenschaftler gezwungen wurden, Instrumente für die Staatssicherheit zu entwickeln. Sie waren vor eine ganz klare Wahl gestellt: Wenn du etwas entwickelst, das den Agenten hilft, andere zu bespitzeln, kommst du frei, kommst du zu deiner Frau, zu deinen Kindern, und wenn nicht, kommst du ins Lager. Ich war extrem überrascht, dass dieser Roman nie erwähnt wurde, als es um den Skripal-Fall ging und die Leute anfingen, über die Wissenschaftler zu reden. Es ist wie aus dem Gedächtnis gelöscht. Und die Wissenschaftler, die dazu beigetragen haben, Nowitschok zu entwickeln, werden ins russische Fernsehen eingeladen wie angesehene Experten ...

In meiner eigenen Kindheit gab es eine Figur, die Kalitin ähnelte. Es war ein entfernter Verwandter, den wir manchmal in seiner Wohnung besuchten. Es war eine sehr große Wohnung. Ich hatte noch nie Wohnungen mit fünf Zimmern gesehen, die einer einzigen Person gehörten. Er hatte besondere Bücher, war sehr aufgeschlossen, sprach über Religion und Dissidenten und so weiter. Es gab bei ihm andere Musik, andere Gespräche, anderes Essen und Verbindungen zu den Traditionen der Vergangenheit. Und dadurch war er sehr geheimnisvoll. Ich meine, alle anderen wirkten dagegen wie angekettet, sie waren alle einander ähnlich. Er ragte heraus, er war nicht sowjetisch.

Aber später, in den Neunzigern, als er verstarb, erfuhr ich plötzlich, dass er früher Generalmajor der sowjetischen Armee gewesen war und ein Experte für biologische Kriegsführung.

Aus dieser realen Person entwickelte ich Kalitin oder sie half mir irgendwie, Kalitin zu erschaffen. Denn ich bin bis heute gefesselt von dieser Vorstellung von zwei Leben in einem, das Rätsel der doppelten Persönlichkeit von jemandem, der in seinem Büro der loyale und eifrige Diener des Staates ist, der hoch dekoriert ist mit Orden und militärischen Abzeichen, und der sich zu Hause in einem ganz anderen Modus befindet.

 

»Das perfekte Gift« ist in Russland bereits erschienen, aber der Roman hat dort noch nicht viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, obwohl es das meistübersetzte russische Buch des Jahres ist. Denken Sie, dass das politische Gründe hat?

Man könnte sagen, dass das Problem war, dass das Buch gerade mitten in der Nawalny-Krise, wenn man es so nennen will, veröffentlicht wurde. Es war so ein großes Thema in Russland, dass es alles andere in den Schatten stellte. Alle sprachen von Nawalny. Und man hätte denken können: Hier kommt das passende Buch. Aber der Fokus der Öffentlichkeit war sehr begrenzt. Später gab es natürlich einige Rezensionen und so weiter. Eine sehr bekannte Literaturkritikerin schrieb, dass das ganze Thema überholt sei, was meinen Verdacht nur bestätigte, dass die Leute einfach nicht bereit sind, sich auf das Thema einzulassen. Ich würde sagen, das Buch ist zu radikal. Denn die Leute wollen sich lieber lustig machen und über Attentäter diskutieren, die nicht wissen, wie sie ihren Job machen, aber sie wollen sich nicht mit der Realität auseinandersetzen. Vielleicht ist es nicht der richtige Zeitpunkt, vielleicht ist es einfach ein Indikator dafür, was gerade in Russland passiert, dass manche Themen nicht willkommen sind. Und zwar nicht nur beim Staat, sondern bei der breiten Leserschaft.

 

Das Interview führte und übersetzte Norma Schneider.

Sergej Lebedew arbeitete nach dem Studium der Geologie als Journalist. Gegenstand seiner Romane sind für den 1981 Geborenen die russische Vergangenheit, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland. Bei S. FISCHER sind bislang seine Romane »Der Himmel auf ihren Schultern« (2013), »Menschen im August« (2015) und »Kronos' ...

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Der fesselnde Roman von Sergej Lebedew

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