Extras

Hans Keilson zum 10. Todestag

Vor zehn Jahren, am 31. Mai 2011, ist Hans Keilson im Alter von 101 Jahren gestorben. Der jüdische Schriftsteller und Psychiater emigrierte 1936 in die Niederlande, wo er bis zu seinem Tod lebte. Ein Gespräch mit dem Dichter und Keilson-Biographen Jos Versteegen.

Der Autor Hans Keilson bei einer Lesung
© Martin Spieles
Wann haben Sie begonnen, sich mit dem Werk und dem Leben Hans Keilsons zu beschäftigen?

Das war 2014. Am Ende dieses Jahres sollte die niederländische Übersetzung des Untertauchtagebuches von Hans Keilson erscheinen, das bei S. Fischer als Tagebuch 1944 veröffentlicht worden war. Der holländische Verlag, Van Gennep, wollte in dieses Buch zehn der 46 Sonette aufnehmen, die Keilson im gleichen Jahr für seine Geliebte, Hanna Sanders, geschrieben hatte. Ich habe diese Sonette ins Niederländische übersetzt. Marita Keilson-Lauritz, die Witwe von Hans Keilson, fragte mich dann, ob ich die anderen 36 Sonette auch übersetzen wolle. Ich sagte zu und war fast ein ganzes Jahr damit beschäftigt. Und im Laufe dieses Jahres gab es noch eine andere Frage der Witwe: Würde ich die Biographie ihres Mannes schreiben wollen? Weil ich mich allmählich in der Keilson-Welt mehr ›zu Hause‹ fühlte, hatte ich den Mut, noch einmal ›ja‹ zu sagen.

 

Mit seinen Romanen, Gedichten und Essays, seinem Tagebuch aus dem Versteck und dem autobiographischen Bericht »Da steht mein Haus« hat Hans Keilson ein großes Werk hinterlassen. Gibt es einen Text oder ein Gedicht, das für Sie eine besondere Bedeutung hat?

Sie kennen die ›Rucksackszene‹ aus dem Roman Der Tod des Widersachers. Während des Krieges packt ein alter Mann einen Rucksack für sich und seine Frau, weil sie in Kürze auf eine Reise gehen müssen. Wohin – das steht nicht im Text, aber der Leser weiß: das Ehepaar wird demnächst deportiert. Der Mann hat seiner Frau nichts über den Rucksack gesagt, weil er sie nicht in Angst versetzen will. Doch die Frau weiß schon alles, trotzdem schweigt sie darüber. Eindrucksvoller kann eine Roman-Szene fast nicht sein.

 

Welche Keilson-Lektüre würden Sie heutigen Leserinnen und Lesern empfehlen?

Für diejenigen, die schnell einen Überblick über das Leben von Hans Keilson bekommen möchten, würde ich Da steht mein Haus empfehlen. Für Leser die besser verstehen möchten, was Leben im Versteck während des Krieges eigentlich bedeutete, ist die Novelle Komödie in Moll geeignet, würde ich sagen. Der Tod des Widersachers ist intellektuell interessant. Das sehr ungewöhnliche, große Thema dieses Buches ist: Auf welche Weise sind Feinde miteinander verbunden?

 

Sie schreiben selbst Gedichte und haben, wie erwänt, Hans Keilsons Zyklus »Sonette für Hanna« ins Niederländische übersetzt. Worin bestand die größte Herausforderung dabei?

Es war eine große ›technische‹ Herausforderung. Auf Niederländisch sollten die übersetzten Gedichte auch wieder Sonette sein, fand ich. Genau so wie im Deutschen mussten im Niederländischen die Jamben und Reime erhalten bleiben. Und selbstverständlich war es auch meine Absicht, den Inhalt nicht zu verbiegen. Es wurde mir klar, dass ich hier an die Grenze meiner literarischen Möglichkeiten kam. Manchmal brauchte ich für vier Zeilen fünf oder sechs Stunden

 

Sie arbeiten inzwischen schon seit einigen Jahren an Ihrer Biographie Hans Keilsons. Gibt es eine Entdeckung, die Sie bei Ihren Recherchen besonders überrascht hat?

Im Nachlass von Hans Keilson fand ich ein Notizbuch mit Gedichten. Eines davon war ein langes Gedicht über Tom, seinen Sohn, der direkt nach der Geburt gestorben ist. Das war im August 1940. Der Krieg hatte im Mai angefangen, und dann musste er wenige Monate später auch noch das Sterben seines Kindes erleben. Hier sind vier Zeilen:

Ich habe meinen Sohn im Sterben angeschaut.
Ich fühlt – ich, der ich Vater ward – in meiner Hand
sein kleines Leben, wie’s noch von Geburt betaut,
zur bitteren Seligkeit entschwand.

 

Das ist wirklich sehr bewegend. Hans Keilsons Leben ist untrennbar mit dem Holocaust verknüpft. Seine Flucht in die Niederlande rettete ihm das Leben. Wie würden Sie seinen Blick auf Deutschland in der Nachkriegszeit beschreiben?

Es war ein Blick ohne Hass. Der Nazi-Hass war imstande, ganze Völker zu vernichten. Und wenn man hasst, sagte Hans Keilson, vernichtet man letztendlich auch sich selber. Er wollte diesen lebensgefährlichen ›Zyklus des Hasses‹ durchbrechen. In Deutschland hat er viele Vorträge gehalten, und in den 60er Jahren bauten er und seine Frau sich ein Ferienhäuschen im Odenwald. So blieb er sozusagen auch zu Hause in seinem Vaterland. Er wollte die deutsche Sprache nicht verlieren. Aber wirklich zurückgehen und wieder Deutscher werden, das wollte er nicht. In Holland hatte er ein neues Leben aufgebaut, hauptsächlich als Psychiater und Psychoanalytiker. Er half vielen Opfern von Krieg und Verfolgung.

 

Sie sind Hans Keilson nie persönlich begegnet. Ist das ein Vorteil für die biographische Arbeit?

Es ist insofern ein Vorteil, als in Keilsons Leben nichts Neues mehr dazukommen kann. Stellen Sie sich vor, ich hätte 2009 eine Biographie über den damals 100-jährigen Hans Keilson publiziert. Wer hätte sich vorstellen können, dass er danach, also in den Jahren 2010 und 2011, mit Spitzengeschwindigkeit ein weltweit berühmter Schriftsteller wurde? Da hätte ein interessantes Schlusskapitel meines Buches gefehlt. 
Aber es ist natürlich auch ein Nachteil, dass ich Hans Keilson nichts fragen kann, z.B.: Wie haben Ihre Eltern auf Ihren ersten Roman, Das Leben geht weiter, reagiert? Das ist ein sehr realistisches Buch, unter anderem über das Textilgeschäft seiner Eltern. In der Wirtschaftskrise um 1930 geht es mit dem Laden immer schlechter, und schließlich gerät er in Konkurs. Das alles beeinflusst natürlich das Leben der Eltern. Es gibt Spannungen in ihrer Ehe, und das geht so weit, dass der Vater sich erschießen will. Es muss doch erschütternd gewesen sein, das alles über sich selbst zu lesen? Die Eltern besaßen ein Exemplar des Romans mit einer Widmung ihres Sohnes: »
Um dieses Buches willen, ist nichts vergebens gewesen. Für meine lieben ‚Alten’. Hans.«

 

Wie Sie bereits erwähnten, kam es ab dem Jahr 2010 zu einem großen internationalen Erfolg für Hans Keilson. Wie erklären Sie sich diese späte Begeisterung für ihn?

Es gab eine Rezension in der New York Times im August 2010. Die Rezensentin fand die Bücher Keilsons einfach genial. Das war der Anfang eines Hype. Wenn eine so wichtige Zeitung wie die New York Times das schreibt, dann sind die Medien weltweit interessiert. Ich denke, dass man sich bei den Medien in Holland gefragt hat: Wie ist es möglich, dass wir diesen interessanten Mann, der schon so lange in den Niederlanden lebt, so schlecht kennen?

 

Gibt es ein Gedicht von Hans Keilson, das Sie unserer Leserschaft zum Abschluss kurz vorstellen möchten?

Ich möchte das Sonett XLIV wählen, geschrieben 1944. Zu dieser Zeit ist es Hans Keilson fast unmöglich, weiterhin auf Deutsch zu schreiben. Aber es gibt eine Lösung: seine junge Geliebte Hanna, auch jüdisch und auch untergetaucht, liest ihm seine Texte vor. So konnte Hans Keilson sich mit seiner Muttersprache versöhnen.

Ward je der Zunge, die er sprach, ein Dichter
so gram wie ich, der ich mich bitter schäm,
dass ich bespien, besudelt von Gelichter
Zeichen und Laut aus ihrem Munde nehm?

Und zwiefach gram, da, die mein Singen beut,
Geliebte Du und fremder Sprache Kind,
doch mir verwandt, von gleicher Not umdräut,
als wären’s ihre, meinen Klängen sinnt.

Und jedes Wort, das mir unwillig fast
entfällt und steht, erinnert mich an eines,
das ich verdammt, und schwer wird mir die Last

des Verses, hart der Mund wie eines Steines.
Du, die rauh-lieblich nachsprichst Ton und Mass,
gabst neuen Glanz und Schall, dass ich vergass.

Jos Versteegen, geboren 1956, ist ein niederländischer Dichter. 2015 veröffentlichte er eine Auswahl an Gedichten von Hans Keilson in Niederländisch. Außerdem arbeitet er an einer Keilson-Biographie. ...
Zum Autor

Alle Bücher von Hans Keilson

Zu allen Büchern