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Bilanz nach einem Jahr in der Pandemie

Isabelle Lehn zieht Bilanz nach einem Jahr in der Pandemie: Was hat sich geändert? Was blieb gleich? Wie leben wir zusammen?

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© A. Sophron

Synkope New York

Synkopen unklarer Ursache sind alle Synkopen, die sich nicht klar einordnen lassen.

Ich kann nichts mehr klar einordnen, seit die Zeit wie ausgesetzt ist. Wenn ich in Unordnung gerate, verzeihe ich mir großzügig. Es geschieht ja nicht wirklich, sage ich mir. Nichts davon passiert im wirklichen Leben, alles ist Antistruktur, eine Art Karneval in einsam und still. What happens in lockdown stays in lockdown. Also darf ich jetzt alles, weil alles Ausnahme ist. Hinübersein, bevor der Tag endet, mit meinen Netflixfreunden die Zeit vergeuden, das Internet leerkonsumieren. Die analogen Tage, an denen keine Zoom-Meetings stattfinden, werden vom Klingeln des Lieferdiensts strukturiert. Kommt ein Paket oder ist es das Essen? Das sind aufregende Fragen, und in einem Leben, das um sie kreist, versuche ich, immer Kleingeld zu haben. Ich möchte Trinkgeld geben, um kurz das Gefühl haben, einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.

Ansonsten denke ich meistens an später. Später funktioniere ich dann wieder. Später ist mein großes Versprechen, und im Rückblick, verspreche ich mir, wird diese Zeit bloß eine Synkope gewesen sein. Ein kurzer Atemstillstand, das Aussetzen des Herzschlags und ein Zustand der Ohnmacht, in dem die Betroffene zwar seit nunmehr einem Jahr ohne Bewusstsein ist, infolge von Mangeldurchblutung des Gehirns, es aber für unrealistisch hält, dass dauerhafte Schäden zurückbleiben.

 

Die Synkope geht mit einem Verlust der Haltungskontrolle einher. Auch das wird sich ändern. Ich werde wieder Sport treiben, irgendwann später, und mir die Zeit, die nicht wirklich vergangen ist, einfach nicht anmerken lassen. Ich schmiere mir Retinol ins Gesicht, und das Leben davor wird nahtlos in ein Danach übergehen, später wird sich wieder wie früher anfühlen und irgendwann wird so sein wie es war einmal. Glaub dir doch keine Märchen!, sagt eine Stimme in meinem Kopf, die vielleicht auch aus dem Schlafzimmer kommt. Dort lebt der Mensch, mit dem ich diese Wohnung teile, ein Mensch, den ich eigentlich liebe, im wirklichen Leben, aber jetzt gehen wir uns aus dem Weg, um uns in der Wohnung, wo wir gemeinsam die Zeit absitzen, die wir nicht mit unserem Leben verwechseln, nicht gegenseitig auf die Füße zu treten. Manchmal streiten wir uns, aber das zählt nicht. Unsere Hoheitsgebiete sind klar markiert: Ihm gehört das Bett, mir der Rest der Wohnung. Ich brauche viel Platz, um die Dinge, die meine Freunde geworden sind, seit sie mir die Freunde ersetzen, von einem Zimmer ins andere zu tragen. Ich räume die Wohnung auf, die meine Welt geworden ist, es war noch niemals so leicht, die Welt in Ordnung zu bringen, und danach setze ich mich an den Schreibtisch und schiebe Wörter hin und her, die mir einfallen, um nach der Welt auch mich selbst zu retten und Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Das ist meine Arbeit, Tag für Tag, jeder Tag gleicht einem anderen, und obwohl sie so gleich sind, wissen die Tage nichts voneinander. Sie kennen sich nicht, leben nebeneinander her und vor sich hin, isoliert von einem Zusammenhang, der sich früher einmal Zeit genannt hat. Eine Zeit, die nur noch aus Synkopen besteht, eigentlich unbetonten Takten, weil wir auf eins zu klatschen gelernt haben.
Seit die Tage von einander nichts wissen, lohnt es sich nicht mehr zu planen. Es lohnt sich auch nicht, sich zu erinnern. Über Strukturen nachzudenken oder einen Roman zu entwerfen. Wann soll man den schreiben und wo soll er hinführen, wenn heute schon nach einem Tag endet? Nach heute kommt heute. Und dann wieder heute. Woran anknüpfen, ohne gestern zu haben, und wie weitermachen, wenn es morgen nicht gibt? Ich schreibe fast nur noch Anfänge. Jeder Tag ist ein Anfang, ein Aufraffen, ohne Ziel oder Plan. Das ganze letzte Jahr ist eine Schublade voller Anfänge, mit denen ich nicht weitergemacht habe. Aber zum Glück zählt das ja nicht. Selbst das Nichtschreiben zählt ja nicht mehr. Und auch das Nichtschreiben, verspreche ich mir, wird bloß eine Synkope gewesen sein, irgendwo in der Wortmitte, der
unbetonte Vokal zwischen zwei Konsonanten.

Was ich mir für die Zeit danach wünsche? Mal wieder etwas zu Ende zu denken. Ein Wort zu Ende zu schreiben, das ich nicht wieder löschen muss. Einen Satz mit einem Punkt abzuschließen und darauf zu vertrauen, dass ihm ein weiterer Satz folgen wird. Und zwar nicht irgendein Satz, sondern ein Satz, der sich auf etwas bezieht. So etwas wünsche mir. Beziehungen zwischen den Wörtern. Zwischen anderen Menschen und mir, Verbindungen, die ich zu den Wörtern herstelle und zu den Orten, die ich bereisen werde, an Tagen, die miteinander verbunden sind. Ich wünsche mir, dass es wieder einen Zusammenhang gibt.

Auch dieser Text geht eigentlich weiter. Aber er endet hier. Wäre es anders, würde er mich nach New York führen, in die Erinnerungen an die Stadt der Bilder, den Spiegel der Spiegel, vor den ich mich stelle, um an frühere Reisen zu denken und eine zukünftige Reise zu planen. Es gibt eine Rohfassung dieses Textes, in der ich mich vor dem Spiegel drehe und von vorne und hinten betrachte. Damals und heute, vorher und nachher. Doch ich habe anderes zu tun, ich muss die Wohnung aufräumen, Dinge von einem Zimmer ins andere tragen, einen weiteren Corona-Text schreiben und den Stream einer Podiumsdiskussion vorbereiten. Ich werde die Pakete der Nachbarn entgegennehmen, die Wohnung nach Trinkgeld durchsuchen, und ganz insgeheim in eine Welt flüchten, die nicht existiert, obwohl sie sich so wirklich anfühlt, in die fragile Realität eines Romans, ein loser Zusammenhang, den ich wie ein Kassiber durch die letzten Wochen geschmuggelt habe. Jeden Tag habe ich Angst davor, dass es sich auflöst, wieder abbricht, weil jeder Tag ein Abbrechen ist. Tag für Tag ist immer ein Abbrechen, ein Aufgeben und Aussetzen, ein Aussitzen der stolpernden Zeit. Manchmal aber fühlt es sich beinahe so an, als könnte ich wieder denken und atmen.

Isabelle Lehn, geboren 1979 in Bonn, lebt heute in Leipzig und führt auf den ersten Blick ein erfolgreiches Leben: promovierte Rhetorikerin, Autorin des mehrfach ausgezeichneten Debütromans »Binde zwei Vögel zusammen« und zuletzt des Romans »Frühlingserwachen«, Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Derzeit ist sie außerdem Heinrich-Heine-Stipendiatin in Lüneburg. ...

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