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Junge Literatur in Europa 2019

Wie in jedem Jahr haben sich junge europäische Autor*innen in Greifswald getroffen und über das Schreiben und das Leben und alles andere gesprochen. In ihren Texten berichten sie von der Tagung im vergangenen November.

ARBEITEN KAUFEN STERBEN

So hat es jemand auf ein leeres Haus in der Greifswalder Innenstadt gesprüht.

 

ARBEITEN KAUFEN STERBEN

 

Drei Wörter, fast schon eine Geschichte, vielleicht die des Menschen, der im Mühlrad des Kapitalismus zermürbt wird. Stünde da „Arbeiten Kaufen Leben“, es wäre schon wieder eine vollkommen andere Story. Werbung oder der Auftakt für die Weisheiten eines Influencers. So bedeutend ist es, jede Silbe, jedes Wort.

 

ARBEITEN KAUFEN STERBEN

 

Wären diese drei Worte in einem der Texte, die während 20. Tagung der Hans Werner Richter-Stiftung vorgestellt wurden, so aneinander gereiht aufgetaucht, wir Teilnehmer*innen hätten uns ausführlich damit auseinandergesetzt. Nachdenklich, mit Respekt und mit nicht unkritischen Fragen.

 

ARBEITEN KAUFEN STERBEN

 

Jede Kurzgeschichte, jeder Romananfang, über den wir sprachen, war so eigen in der Wahl seiner Welten, seiner Zeiten, seines Tons und doch! Vielleicht kann man sie zusammenfassen, dass es darin meistens mindestens um eines dieser drei ging: Ums Über-die-Runden-kommen, um prekäre Verhältnisse, ums Verkaufen, ums Konsumieren, um Schulden, ums Saufen, ums Gewinnen, ums Vereinsamen, um Verletzungen, um Unfälle, um Lebensbedrohliches, um Todesängste und Todbringer.

 

ARBEITEN KAUFEN STERBEN

 

Erstaunlich viel ist damit gesagt, aber längst nicht alles. Auch wir hatten keinen Anspruch auf Vollständigkeit, obwohl es während der Tagung ums Ganze ging. Um die Repräsentation von Frauen und Minderheiten in und außerhalb der Literatur, um unsere Verantwortung, wie und was wir erzählen, um Machtverhältnisse, um Fragen, deren Antworten sich von Generation zu Generation verschieben. Und abends, wenn alle Texte des Tages besprochen waren, staunten wir: über die Graffitis der Stadt, oder in welcher Rekordzeit der Barmann im Déjà-vu Dutzende von Biersorten aufzählen kann.

 

ARBEITEN KAUFEN STERBEN

 

Ob das immer noch an dem Haus steht, wenn ich nächstes Mal vorbeikomme? Oder ist es dann längst übermalt? Ich würd’s gern herausfinden, vielleicht bei einer weiteren Tagung. Aber bis dahin hab ich noch so viel zu tun.

 

Zum Beispiel:

 

SCHREIBEN RAUFEN LIEBEN

 

© Katharina Adler, 2019

 

Fellmonster im Schnellwaschgang

 

Bei der diesjährigen Tagung „Junge Literatur in Europa“ soll alles anders sein als bei den vorangegangenen. Der Ort. Der Ablauf. Die Lesungen. Die Diskussionen. Zum 20. Jubiläum gibt es einen Neustart. Niemand kann sich mehr davor drücken, etwas Unveröffentlichtes vorzustellen. Und alle müssen alle Texte gelesen haben. Vorab ließen uns die Veranstalter nämlich wissen, dass man eine Art Patenschaft für einen der Texte übernehmen müsse – um welchen Text es sich dabei aber handele, werde erst zu Beginn der Tagung vor Ort ausgelost.

Und so sitze ich im Zug von Berlin nach Greifswald, einen Ordner voller Geschichten vor mir, und lese gegen die Zeit: Texte von Kristine Bilkau, Andreas Lehmann, Svenja Leiber, Berit Glanz, Svealena Kutschke, Katharina Adler, Jochen Veit, Sascha Reh, Sascha Macht, von der tschechischen Autorin Alice Horáčková und der estnischen Autorin Eia Uus, Geschichten von der Brüchigkeit des Bürgertums, von traumatischen Erlebnissen, von Bernsteinsammlern, vom Klickproletariat, von Arbeitslosen, Gerichtsvollziehern, Sozialarbeitern, Nachbarn, Babysittern und Brettspielern.

Die anderen haben den Shuttle Service in Anspruch genommen, zwei Busse vom Berliner Hauptbahnhof, und obwohl sie vor mir gestartet sind, bin ich vor ihnen im Hotel Adler in der Hans-Fallada-Straße. Ich nutze die Ruhe, um mich kurz hinzulegen, aber als ich aufwache, merke ich, dass die Tagung schon begonnen hat. Parka und Schal überwerfend eile ich die Fußgängerzone entlang zum „soziokulturellen Zentrum“ St. Spiritus, einem ehemaligen Hospital am Dom, in dem, wie es auf der Website heißt, einst Kranke, Alte, Wanderer und Fremde aufgenommen und behandelt wurden – ein Ort der Geschichte und Geschichten.

Als ich den Tagungsraum im ersten Stock betrete, steht Hans Dieter Zimmermann, der Vorsitzende der Hans Werner Richter-Stiftung, schon vor dem Stuhlkreis und spricht über Hans Werner Richter: „… und hab bei der Gelegenheit gemerkt, das konnte man nur, wenn man ihn persönlich kannte, warum das 20 Jahre mit der Gruppe 47 funktioniert hat, dass er die so zusammengehalten hat. Er war freundlich, herzlich, aber bestimmt und doch zu Kompromissen bereit … und wir, die Nachfolger, sind heute dabei, 20 Jahre Hans Werner Richter-Stiftung zu feiern und bald über die Gruppe 47 hinauszuwachsen.“

"Junge Literatur in Europa" ist ebenso wenig eine festgefügte Gruppe wie es die Gruppe 47 gewesen ist, es ist eine alljährliche Begegnung deutschsprachiger, tschechischer, baltischer, finnischer und polnischer Autoren und Autorinnen. Der große Unterschied besteht darin, dass es keine Kritiker und Kritiker gibt, keine Öffentlichkeit, dass die Schreibenden ganz unter sich sind, dass die Tagung einen Werkstattcharakter hat – diesmal mehr denn je.

Ich hatte immer Angst davor gehabt, aus Halbfertigem zu lesen, hatte mich nie an Schreibrunden beteiligt, habe nie an Schreibkursen teilgenommen, gebe meine Texte erst heraus, wenn ich sie für abgeschlossen halte. Nicht weil ich Kritik scheue, sondern weil mich, während ich schreibe, die Meinungen anderer verwirren, weil ich das Gefühl habe, die Geschichte allein zu einem Ende führen zu müssen. Seit ein paar Wochen aber kam ich mit einem Kapitel nicht weiter, einem Kapitel aus dem Auswandererroman, einer Binnengeschichte. Und ich dachte, dass die Tagung eine gute Gelegenheit sei, mit meinen Gewohnheiten zu brechen. Hier zu lesen, meinen halbfertigen Text zur Diskussion zu stellen, ist also auch für mich ein Neustart.

Nach den einführenden Worten von Hans Dieter Zimmermann bittet uns Hans-Gerd Koch, ein anderes Vorstandsmitglied, zum Speed-Dating an die Stehtische. In fünf Minuten sollen wir uns kennenlernen, bevor die Glocke erklingt und wir die Positionen wechseln. In fünf Minuten erzählen wir uns unser Leben, sprechen über Zöliakie, anwesende Kinder und abwesende Eltern, die Krise des Romans, Netflix, die Wohnungsfrage, feste Arbeitszeiten, Sexismus im Kulturbetrieb, die Klimakatastrophe, die Lage der Kurden in Nordsyrien, Erdogan, Trump, den Brexit, AfD, Neonazis, Greifswald, die uns seltsam anmutenden Verhaltensweisen jugendlicher Großstädter und Recherchemethoden.

Dann beginnen die Lesungen. Den Auftakt macht Sascha Macht mit einem Auszug aus einem noch in Arbeit befindlichen Roman namens „Spiderling“, es ist die Geschichte von einigen Brettspielekoryphäen, die sich auf Einladung eines mysteriösen und abwesend bleibenden Gastgebers, eben jenes titelgebenden Spiderlings, auf einem Weingut versammeln, zu einer alljährlichen „Konsultation“, um über „die Zukunft des Brettspiels“ zu debattieren. Kein Text könnte für unsere Tagung passender sein als dieser, schließlich sind auch wir hier versammelt, um über unsere Zukunft zu sprechen, über unsere zukünftigen Bücher, über die Zukunft der Literatur, und der Gastgeber, der Spiritus rector, Hans Werner Richter, wird für uns für immer abwesend sein, so sehr wir uns auch anstrengen, ihn durch unsere Worte, unsere Texte, unsere Versammlungen herbeizurufen.

Sascha Machts „Spiderling“ ist der einzige Text, den ich, weil ich mittags im Hotel eingeschlafen bin, nicht zu Ende lesen konnte, und ich bin froh, nach der Lesung nicht dafür Pate stehen zu müssen. Jochen Veit, der sich aus dem Stehgreif Gedanken gemacht hat, sagt, dass ihn das alles an Roberto Bolaño erinnere, an dessen Roman „Das Dritte Reich“, gehe es darin doch auch um die Verbindung von Brettspiel und Faschismus: „Also wer schon mal ‚Risiko‘ gespielt hat, da kommen diese ganzen Sprüche ja wieder raus. Da habe ich immer den Eindruck, dass sich die Leute über den Afrika-Feldzug besonders freuen. Auch wenn die tatsächlich nicht so eingestellt sind. Das fand ich das Interessante an dem Text, dass anhand der eigentlich harmlosen Spieltätigkeit das Allerabgründigste sich offenbart.“ Ein Referenzgeflecht. Ein Rätsel. Der Text als Spiel: „Ich hab das Gefühl, dass die Anlage selbst ein Brettspiel ist“, sagt Katharina. „Ein Schloss, eine Figur, die nicht gefunden werden will, und Spieler, die sich versammeln, um das Rätsel zu lösen.“

"Ein Horrorsetting", sagt Svealena.

"Ein Krimi", sagt Katharina.

"'Eine Leiche zum Dessert'", sage ich.

Und Berit sagt: „Closed Circle Mystery. So heißt das Genre. Aber das ist ja auch ein romantischer Plot. Wir sind auf dem Schloss und erzählen uns Geschichten.“

Und von dieser Diskussion kommen wir auf andere Themen zu sprechen.

"Wie erzählt man Frauenfiguren?", fragt Katharina. "'Ich dachte an meine Periode', heißt es hier einmal. Das hab ich noch nie gemacht. Das funktioniert nicht richtig. Frauen in den Mittelpunkt des Erzählens zu stellen, finde ich dagegen total wichtig, auch und gerade von Männern, aber selbst ich stoße da an meine Grenzen, weil auch ich durch männliche Hauptfiguren sozialisiert bin."

Und Sascha Reh fragt: „Was macht einen Text glaubwürdig? Hier ist ja alles ausgedacht, Daytona Sepulveda, King Trakto Sherpa, die Figuren heißen, wie kein Mensch heißt. Und trotzdem muss es in sich stimmig sein. Realistisch muss der Text nicht sein, aber glaubwürdig.“

Am Nachmittag bin ich an der Reihe, ich lese einen Auszug aus „In Höhlen, unter der Erde“, die Geschichte eines New Yorker Korrekturlesers, dem es in der McCarthy-Ära immer schwerer fällt, zwischen Fakten und Fiktionen zu entscheiden. Ich bin überrascht, dass die anderen mit der gleichen Gewissenhaftigkeit und Ernsthaftigkeit an den Text herangehen wie zuvor, dass sie mich nicht auseinandernehmen, in ihrer Kritik sehr zurückhaltend sind. Während ich schweige, spricht Kristine Bilkau, meine Patin, über „Mad Men“, über „Tod eines Handlungsreisenden“, die Fünfziger Jahre, über einen Helden, der in eine Krise gerät, über das Ende von Gewissheiten – bevor die anderen ihre Anstöße aufgreifen und sich über die Irritationen im Text austauschen, über die Störungen, die das Realistische, diesen, wie Sascha Reh sagt, „übergrellen Realismus“ durchbrechen, sonst sei es ja nichts anderes „als ein Pastiche der Nachkriegszeit“.

"Der heutige Leser erwartet das Dunkle", sagt Sascha Macht. "Den Untergang der Welt."

"Aber das kann ja auch die Provokation sein", sagt Katharina, "das abzubilden, was war, in all seinen Details."

"Ich finde, in dem Text drückt sich die Angst vor der Automatisierung aus", sagt Svealena. "Und das hat ja auch viel mit der Gegenwart zu tun, mit unserer Angst vor der Digitalisierung."

"Ich hatte dabei ein ganz komisches Lesegefühl", sagt Jochen. "Als wäre das nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft angesiedelt, in einer Zukunft nach dem Zusammenbruch, so eine Art Retrofuturismus."

Als ich aber erzähle, wie es weitergeht, was ich mir vorgestellt habe, mischen sich Zweifel ein, ob das am Ende alles so aufgeht. Dafür müsste die Hauptfigur noch an Kraft und Stärke gewinnen, meinen sie, dafür müssten die Irritationen noch zunehmen, und ich müsse aufpassen, dass mir die Geschichte nicht um die Ohren fliege, wenn ich das ganz große Ding erzähle: FBI, CIA, Area 51, Roswell, Weltverschwörung etc. Gleichzeitig sprechen sie mir Mut zu, aufs Ganze zu gehen, das, was nur angedeutet ist, auszuerzählen, und je länger wir darüber reden, desto besser fühle ich mich, fast erleichtert, dass die Geschichte, die ich bisher nur mit mir selbst ausgemacht habe, hier einen literarischen Resonanzraum gefunden hat, einen produktiven Widerhall.

 

Und so geht es weiter, von Text zu Text, bis wir abends im Déjà-vu in der Fleischerstraße an der Theke sitzen, Bier und Wein und Gin Tonic trinken und uns andere Geschichten erzählen, von denen die meisten bis zum Morgen wieder verblasst sein werden. Manche aber, die besten, schaffen es, sich im Gedächtnis zu halten: wie die von Hermine Moos, die im Auftrag von Oskar Kokoschka eine Sexpuppe gestalten sollte. Katharina erzählt von ihr, von ihrer Recherche, von den überlieferten Bildern dieser Puppe, und als ich mein Telefon heraushole, um mir die Fotos im Internet anzuschauen, muss ich an ein Fellmonster denken, an eine groteske Nachbildung der Wirklichkeit, und daran, dass auch wir in unseren Geschichten oft Fellmonster erschaffen, auch wenn sie nach außen hin menschlich und glatt und völlig natürlich wirken mögen. Und bevor der Alkohol weitere Geister und Dämonen und Homunkuli heraufbeschwört, mache ich mich auf den Weg ins Hotel.

Am Freitag lesen erst Alice Horáčková und Eia Uus, die einzigen klassischen, moderierten Lesungen, die einzigen Texte, die bereits erschienen sind oder kurz vor der Veröffentlichung stehen. Mittags fahren die meisten ans Meer, nach Wieck, nur Sascha Reh und ich bleiben in der Stadt, und als ich ihn frage, was er vorhabe, sagt er: „Schuhe kaufen“, und in dem Moment habe ich tatsächlich ein Déjà-vu: Genau das hat er vor zwei Jahren, als wir beide zum letzten Mal in Greifswald eingeladen waren, auch gesagt, und zwar zur gleichen Zeit, als wir beide einander versicherten, dass wir mittags nicht mit ans Meer fahren würden. Damals hat er sich Schuhe gekauft, diesmal bin ich es, weil er nichts Passendes findet.

Nachmittags kehren sich die Paarungen um: Jochen Veit liest mit „Die Entführung“ eine Horrorgeschichte, die denen von Stephen King in nichts nachsteht – ein Onkel soll übers Wochenende auf seine Neffen aufpassen, während sich um sie herum die Welt drastisch verändert – und Sascha Macht sagt, was ihm dabei aufgefallen ist, „Mutation“, „Invasion“, „Black Mirror“, leitet das Gespräch ein, bevor alle anderen ihre Eindrücke schildern, fast wie im Rausch Ideen beisteuern, Referenzen aufzeigen, weiterführende Lektüren vorschlagen, „Die Wand“, „Die Büchse der Pandora“, „Paw Patrol“, Fragen stellen, die eigenen und fremden Geschichten in Gedanken schon fortschreibend. Kristine Billkau liest einen Auszug aus einem Roman, drei Episoden, drei Provinzgeschichten. Sie stellt eine vermeintliche Vor- oder Kleinstadtidylle dar mit Efeu bewachsenen Backsteinhäusern und einem Kanal in Sichtweite. Die eine Protagonistin sieht einen Jungen im Garten stehen und fühlt sich dadurch an ihre Kinderlosigkeit erinnert, „an diese kleine Schmerzstelle“. Die andere Hauptfigur, eine Polizistin, nimmt den Tod einer Frau in der Badewanne auf und wird sich in dem Moment, wo sie die Luftbläschen am Körper wahrnimmt, „ein Silberregen, der nicht fiel, sondern stieg“, ihres eigenen Alters bewusst. Ein Sozialarbeiter kehrt nach der Trennung von seiner Frau ins kalte leere Haus zurück, wo ihn die Angst befällt, dass sich die Dynamik zwischen Erwachsenen und Kindern bald umdrehen könnte, bis sie sich umdreht, als er seinen Sohn anrufen und fragen muss, wie denn die Heizung funktioniert. "Das sind", sage ich in meinem Statement als Pate, "kleine Miniaturen über die Erschütterungen des Alltags."

Die einen erinnert das an die Kurzgeschichten Raymond Carvers, die anderen an die Ingo Schulzes. „Das Faszinierende ist, es verweigert sich einer Dramatik und ist trotzdem total spannend“ (Katharina) – „kraftvoll in der Ruhe“, „da ist kein Wort zu viel“ (Sascha Reh) – „für mich sind die Geschichten insofern verbunden, als dass sie eine unendliche Einsamkeit beschreiben und ohne dass da Gewichte draufgelegt werden“ (Svenja) – „hier wird die Stille erählt“ (Svealena). Ich verkünde, mir aus Begeisterung den Satz „Achtlosigkeit zwischen Erwachsenen ist keine Straftat“ aufs T-Shirt drucken zu lassen.

Je länger die Tagung dauert, desto überraschter bin ich von der entspannten Atmosphäre, der kollegialen Stimmung, der kollektiven Euphorie und von der Qualität der Texte, darüber, dass alle aus persönlichen Krisen herausgefunden, Schreibkrisen überwunden haben, dass scheinbar mit Leichtigkeit etwas Neues entstanden ist. Gleichzeitig merke ich, wie ich dieser ganzen Positivität misstraue, weil ich so viel Glück nicht gewohnt bin. Ich frage mich, ob wir nicht zu nett zueinander sind, ob nicht einer von uns aufstehen und uns „Beschreibungsimpotenz“ vorwerfen müsste wie Peter Handke seinerzeit bei einer der letzten Tagungen der Gruppe 47. Jochen Veit zum Beispiel, der Jüngste von uns. Kaum äußere ich diesen Gedanken, werde ich von den anderen auf das Liebevollste darauf hingewiesen, dass ich mich doch auch einmal freuen könne. Und das tue ich. Ich freue mich. Ich freue mich wirklich. Für mich. Und für die anderen.

Welche Lust, Literatur entfalten kann, zeigt sich endgültig am Abend, als wir beim sogenannten „Prosa Slam“, beim Speedreading im Wolfgang-Koeppen-Haus Fünfminutentexte lesen, ohne jeden Kommentar, einfach drauflos. Ein fulminantes Finale, das in seiner Schnelligkeit und in seinem Abwechslungsreichtum am ehesten dem gleichkommt, was eine Lesung im Idealfall zu leisten imstande ist: einen Eindruck zu vermitteln, welche Stimmungen und Gedanken und Vorstellungen Sprache hervorzurufen vermag. Mit seinen „76 Fragen“ treibt Sascha Macht diese Bandbreite und Geschwindigkeit auf die Spitze, indem er mit jedem Satz ganze Welten in unseren Köpfen erschafft, ein Imaginationsgewitter: „… Warum vergeht die Zeit? Was ist der Unterschied zwischen Gut und Böse? Wer ist Inez Marchi? Warum werden hier so viele Fragen gestellt? Wohin zieht die Karawane des Todes? Wie ist die Schönheit eines Fjords zu erklären? Wer erschoss Mr. Burns? Warum kann ich mein Knie nicht anfassen? Was ist ein Gefühl? Warum gibt es die ‚Bild‘-Zeitung …“

 

© Jan Brandt, 2019

 

 

 

Unsortierte Gedanken, Tweets
und halbfertige Notizen zu
einer Tagung in Greifswald

 

Prolog:

Straßen voller gelber Säcke. Krähen reißen Kondomverpackungen aus den gelben Fetzen. Müde Beine, eingewickelt in Athleisure.

 

1.

In meinem Drucker war kein weißes Papier mehr und ich habe deswegen die Texte der anderen Teilnehmer*innen der Literaturtagung auf altes vergilbtes Briefpapier aus der 2. Klasse gedruckt. Alle Rückseiten sind voll mit Delfinen, Blümchen und Seepferdchen.

 

2.

Ich habe noch nie an einem Speed-Dating teilgenommen und bin überrascht, wie schnell ich mit den anderen Autor*innen in gute Gespräche verfalle.

 

3.

Was sagen Figurenkonstellationen über unsere Gesellschaft aus?

 

4.

Warum erwarte ich bei 50er-Jahre Milieustudien immer, dass gleich das Unheimliche einbricht?

 

5.

Feminismus ist eine starke Unterströmung, die in den Diskussionen immer wieder offenbar wird. Autorinnen sind kritisch, denken viel über das Thema nach.

 

6.

Starke Gefühle von Solidarität über Häppchen und Wein.

 

 

7.

Ich mag Geologie-Metaphern sehr.

 

8.

Wohnsituationen, Einkaufen, Warenwelt sind häufige Motive

 

9.

Ich weiß nicht, ob realistisches Erzählen bei dem die Fiktion wieder und wieder und wieder auf einer beschissenen Realität aufbaut, ohne diese in Frage zu stellen, überhaupt noch funktioniert.

 

10.

Entscheidet sich ein Text für Hoffnung oder für Zynismus? Das ist ein zentraler Punkt bei der Frage, ob mich Literatur interessiert.

 

11.

Ist es die Aufgabe der Literatur auf die Schattenseite des Wohlstands zu schauen?

 

12.

Viele Autor*innen der Tagung schreiben aktiv gegen Geschichtsrevisionismus an ­– Ist engagierte Literatur eine Tendenz?

 

13.

Wie viel Traurigkeit verträgt ein literarischer Text?

 

14.

Macht Literatur uns wirklich empathischer?

 

15.

Sind die vielen Fragen, die ich mir stelle, angelehnt an einen der vorgelesenen Texte?

 

 

16.

Ich sammle auf fremdsprachigen Lesungen Sprachen, die ich noch lernen will.

 

17.

Ich hätte mir kein freundlicheres, konstruktiveres und besseres Publikum vorstellen können, um erstmalig aus meinem neuen Romanprojekt vorzulesen.

 

18.

Zugewandte Kritik als Zeichen einer besonders guten Gruppendynamik

 

19.

Wie schnell einem fremde Menschen sympathisch werden können.

 

20.

Literatur nicht als Kampfarena betrachten, sondern als Raum für freundliche Diskussion und Nachdenklichkeit.

 

Epilog:

Frage auf Twitter woran die Leute bei Gruppe 47 denken. 117 Replies.

 

© Berit Glanz, 2019

 

Bericht

 

Vielleicht lag es an dem eröffnenden „Speed-Dating“, dass ich am Ende der Tagung mit dem Gefühl abreiste, ich hätte mich in jede/n der Teilnehmer*innen verliebt; vielleicht lag es an den überaus fröhlichen, überaus warmen, etwas versoffenen, durchaus abgründige Erfahrungsberichte offenbarenden Frauenrunden an den Abenden, dass ich mich nie allein gefühlt habe; aber vielleicht, und das hoffe ich, denn ich möchte daran glauben, dass das die Zukunft vieler Autor*innenzusammenkünfte sein möge, lag es auch an der empowernden, kollegialen, humorvollen, wachen, korrekten, abwägenden, fachkundigen, zugewandten, konstruktiv kritischen Art und Weise der Diskussionen über die Texte, die mich wirklich glücklich gemacht hat.

Tausend Dank.

 

© Svenja Leiber, 2019

 

Speed-Dating in Greifswald

 

Zweieinhalb Ewigkeiten lang war ich auf keiner Tagung mehr – und nun gleich auf zweien kurz hintereinander. Zuerst auf der, um die es hier geht, auf der „20. Internationalen Autorentagung Junge Literatur in Europa“, und kurz darauf auf einer ganz anderen, auf einer akademischen Tagung zum Thema „Was ist Musikphilosophie?“, als Gast. Rückblickend hat das deutlich gemacht, was neben vielem anderen das Besondere an Greifswald war: Dort nämlich waren wir alle, die miteinander getagt und, bei einem bis anderthalb Bieren, geabendet und genachtet haben, Teilnehmer und Gegenstand in Personalunion. Genaugenommen nicht wir, sondern unsere Texte, aber die Trennlinie ist unscharf, man merkt es immer wieder. Ob man sich trifft, um ein Thema einzukreisen, zu definieren, zu besprechen und zu konstruieren, oder ob man immer auch der ist, über den gesprochen wird, das ist etwas ganz anderes. Es macht die Sache komplizierter, manchmal auf schmerzhafte Weise, aber auch aufregender, unmittelbarer, fruchtbarer. Das Persönliche, das nur Subjektive dabei hinter sich zu lassen und zu einem produktiven Gespräch zu finden, gelingt am besten, indem man immer wieder vom einzelnen Text abstrahiert und über Themen diskutiert, die alle Texte miteinander verbindet. Was ist Literatur?, um mal groß einzusteigen – was kann sie und was soll sie, was hält sie am Boden und verankert sie, was bringt sie zum Fliegen, lässt sie abheben? Was genau verbindet die einzelnen Texte, so unterschiedlich sie sind in ihrer Sprache, ihrem thematischen und formalen Zugriff, in ihrem Gestus und ihrer Traditionsverankerung, und verweist so auf den diskursiven Boden, auf dem sie alle wachsen?

In diesem Jahr standen Fragen im Fokus, die man sich als Schreibender immerzu stellt, immer schon gestellt haben muss: Fragen nach der Vermeidung von Klischee-Gefahren etwa oder nach Figuren-, genauer: nach Geschlechtergerechtigkeit. Sie wurden forciert, hartnäckig, pointiert gestellt und vor allem: stark eingebunden in politische und gesellschaftliche Diskurse. Diese Einbindung holt auch die Literatur insgesamt näher, enger in diese Kontexte hinein, nicht nur die einzelnen Texte, um die es jeweils geht. Was das bewirkt, darüber könnte man eine eigene Tagung veranstalten: Stärkt es die Literatur, betont es ihre Relevanz? Oder gefährdet es ihre Autonomie, macht sie zu einem von vielen Kommunikationskanälen oder rhetorischen Modi innerhalb eines großen Gesprächs, in dem es um Ästhetik kaum oder gar nicht mehr geht? Eine Antwort gab es nicht, natürlich nicht. Diese Fragen, diese Diskurse aufzunehmen, aus so vielen Perspektiven, wie es Teilnehmer gab, das war eine anregende, herausfordernde und horizonterweiternde Erfahrung.

Das Gleichgewicht zwischen den großen Fragen und sich eng am jeweiligen Text entlang bewegenden Detaildiskussionen ist schwer herzustellen, schwer aufrecht zu erhalten. Am Kleinen kann sich Großes entzünden, das große Ganze verweist immer wieder auf die vielen, vielen kleinen Bausteine, aus denen es gemacht ist. Manch ein Text steht dabei voll im Mittelpunkt, wird diskutierend eingeordnet in den Hintergrund, vor dem er steht, vielleicht auch ganz unmittelbar entstanden ist. Andere Texte, so scheint es, kommen etwas zu kurz und dienen mehr als Anlass, sich diesen Hintergrund zu vergegenwärtigen in all seiner Komplexität und drängenden Widersprüchlichkeit. Doch das ist wohl unvermeidbar und wiederum Teil und Anlass eines Gesprächs über das Gespräch – denn natürlich können Schreibende nicht tagen, ohne auch über die Tagung als solche zu tagen. Irgendwer hat mal gesagt, Romane vermittelten grundsätzlich das Gefühl, dass das Leben weitergehe. Und das Gespräch über Texte vermittelt das Gefühl, dass es sowohl mit den Texten als auch mit dem Gespräch über sie immer, immer weitergehen wird. Das ist kein schlechtes Ergebnis.

Und das Schönste ist dann wohl doch immer das Subjektive – das kollegiale Kennenlernen, das sich eben nicht auf und vor einem Podium erschöpft, sondern sich fortsetzt in den Pausen und später in den Kneipen, die in Greifswald eine angenehm überschaubare Gesamtlandschaft bilden. Schlafen kann man auch zuhause.

Los ging es mit einem Speed-Dating – wir gingen von Tisch zu Tisch und plauderten uns miteinander warm –, und es endete auch mit einem, diesmal über den eigenen Kreis hinausweisend: mit einer Abfolge von Kurzlesungen, bei der wir alle fünf Minuten Zeit hatten, uns dem Publikum vorzustellen. Das war so kurzweilig, wie es sich anhört, und es hat gut getan, sich wieder so zu öffnen.

Um nach Greifswald zu kommen, muss man eben schreiben – und um zum Schreiben zu kommen, muss man auch wieder fort aus Greifswald. Mindestens bis zum nächsten Mal!

 

© Andreas Lehmann, 2019


 

Tagungsbericht Junge Literatur
in Europa 2019

 

Ich saß also mit meinem neuen Freund Wuppke in dieser Greifswalder Autorenanhörung.

Ich weiß, dass es unprofessionell ist, sich mit Romanfiguren zu befreunden. Wer es ernsthaft tut, wird mit großer Berechtigung für wenig zurechnungsfähig gehalten, der Schritt zur psychopathischen Symptomatik ist da ganz schnell getan. Ich habe mich dennoch mit Wuppke befreundet, denn es beginnt mich weniger und weniger zu interessieren, was die Leute von mir halten. Vielleicht – und das ist nicht unwichtig – habe ich mir das sogar bei Wuppke abgeguckt.

Wuppke also Figur, ich sein Schöpfer, wie man so sagt. Eine bizarre Beziehung. Was heißt bizarr: Halt eine Mischung aus Stockholmsyndrom und Schizophrenie. Kompliziert, in jedem Fall.

Wuppke sagte kein Wort, ich auch nicht. Dafür hörten wir zu, deswegen ja auch Anhörung. Sehr aufmerksam hörten wir zu, was das Gremium der Anhörung, allesamt Sachverständige zum Thema „Junge Literatur in Europa“, über Wuppkes jüngstes Abenteuer dachten und fühlten.

Von verschiedenen Seiten wurde dies und das über Wuppkes Abenteuer geäußert oder auch vorgebracht. Wuppkes Abenteuer wurde sozusagen von allen Seiten beäugt und betrachtet und beurteilt und bewertet. Es wurde auf Herz und Nieren geprüft, oder, um literarisch in der Spur zu bleiben: auf Topik, Tropik und Typik wurde es geprüft. Was immer das heißen mag.

Wuppke hat natürlich selber nichts zu seinem Abenteuer gesagt, das wäre ja noch schöner. Wuppke hätte eh nur durch mich zu den Gremiumsmitgliedern sprechen können, ich wäre also quasi als sein Medium aufgetreten, und es hätte dann so ausgesehen … naja, man kann sich ja vorstellen, wie das ausgesehen hätte. Das kann man heute so nicht mehr machen. Man muss Figuren ihre ontologische Eigenständigkeit zugestehen, das ja, aber ohne affektierte Künstlerallüren. Dann wiederum soll man sie nicht durch Mansplaining toterklären. Erklärt wollen Sachverständige eh nichts bekommen, sie können sich ja selbst einen Reim auf alles machen. Bloß rechtfertigen darf man sich für die Figuren, wenn ‘s drauf ankommt. Das ist kein Widerspruch, auch wenn es so klingt.

 

Meistens haben eh die Sachverständigen gesprochen. Wie bei einer Anhörung üblich, wurden viele Fragen gestellt, die dann allerdings von meiner Seite unbeantwortet blieben. Von Wuppkes sowieso. Die Fragen hatten durchaus einen kritischen Kern. In der Hauptsache waren es ganz allgemeine Fragen zu Wuppkes Abenteuer, wie etwa „Warum muss man das denn so machen?“ oder „Warum kann man das denn nicht anders machen?“ Die Fragen wurden sehr nett vorgetragen, und dass ich sie nicht beantwortete, nahm mir niemand übel. Mehr noch, eine Antwort wurde gar nicht erwartet. Und um es auf den Punkt zu bringen: Es wäre sogar als übergriffig empfunden worden, hätte ich die Fragen beantwortet. Die moderne Gesellschaft hält viele Fallstricke bereit.

Die Fragen wurden in einer ganz netten Atmosphäre gestellt. Nicht nur untereinander waren die Gremiumsmitglieder nett, sondern auch einzeln und für sich genommen. Nette Leute. Literaturleute, was immer das heißen soll. Alle mit Sachverstand, aber auch mit ihren eigenen Themen und Dings. Die Themen und Dings wurden natürlich zwangsläufig auch verhandelt. Zum Beispiel fiel oft das Wort Stereotype, oder auch Zuschreibungen. Es gab Stellen, da hatte ich das Gefühl, dass die Themen und Dings auch mit Wuppke in Beziehung gesetzt wurden. Da war mir dann so, als würde sich Wuppkes Körper neben mir, oder wo auch immer, versteifen. Im übertragenen Sinne natürlich. Als würde Wuppke da sagen: Leute, ich bin doch nur eine einfache Romanfigur, was kommt Ihr mir denn jetzt mit euren Zuschreibungen!

Gut, dass Wuppke das nicht gesagt hat. Und ich auch nicht. Denn die Gremiumsmitglieder hätten dann vermutlich gesagt: Moooment, Freundchen. So nicht! Du bist ein Verkehrsknotenpunkt der Tendenzen des Allgemeinen! Und als Verkehrsknotenpunkt der Tendenzen des Allgemeinen hast du dich bitteschön nicht als Unschuldslamm zu gerieren. Pflaumenaugust! Revisionist der schlimmsten Sorte bist du, und es gab Zeiten, da hätte man einen wie dich . aber davon reden wir heute nicht mehr.

Es ging dabei vor allem um Wuppkes Umgang. Er hatte zu Beginn seines Abenteuers zweifelhaften Umgang, aber das war nicht das Hauptroblem. Das Hauptproblem war, dass ich, als Wuppkes und des Abenteuers Schöpfer, diesen Umgang überhaupt erst ermöglicht und ihn dann auch noch in das schlechteste Licht gerückt habe. In Wirklichkeit, so sagte das Gremium, sei doch alles ganz anders, und noch viel wichtiger: müsse das alles doch ganz anders dargestellt werden. Die fehlerbehaftete Aussprache levantischer oder osmanischer Integrationsskeptiker, wie sie in Wuppkes Abenteuer gezeigt werden, gebe es so gar nicht. Und wenn es sie gebe, dürfe man sie nicht so zeigen. Die Neuköllner Türken oder Libanesen seien gar nicht in eine chauvinistische Machokultur hineinsozialisiert, sondern in Wahrheit ganz liebe, fügsame und talentierte Absolventen diverser humanistischer Bildungsgänge, und wenn nicht, solle man sie doch bitte als solche beschreiben. All diese Verallgemeinerungen, wo sollen die denn hinführen. Zur Realität? Und wenn schon! Wozu denn dieses ganze Schreiben, wenn man nicht das bisschen Macht, die der Autor besitze, für den guten Zweck aufwende, die Realität zu redigieren.

Obgleich also Stereotype und Zuschreibungen, wie beschrieben, mehrheitlich abgelehnt wurden, hatte man Wuppkes Abenteuer am Ende des Tages gar nicht einmal schlecht bewertet. Ganz im Gegenteil, es war freundlich belächelt worden. Man muss schon fast sagen: belacht. Man darf dieses Lachen aber nicht missinterpretieren, etwa als Reaktion auf Lustigkeit. Eher war es eine Schockreaktion auf die infame Roheit falschen Bewusstseins. Es sei ja schon Lustiges daran, sagte das Gremium; aber warum sei es denn lustig? Hm?

Ja, warum! Schuldbewusst leitete ich die Frage an Wuppke weiter. Wuppke meinte darauf, er wisse es nicht, er sei doch nur eine einfache Romanfigur. Außerdem hätte ich ihm das alles eingesagt, er könne gar nichts dafür. Ich sagte ihm, er könne sich seine Unschuldstour sonstwohin stecken, der alte Revisionist.

Es kam so weit, dass wir uns stritten.

Der Streit musste aber geheim bleiben, alles andere hätte einen falschen Eindruck vermittelt. Beziehungsweise, es hätte den richtigen Eindruck vermittelt, der wäre aber ganz falsch aufgenommen worden. Oder nicht falsch, sondern durchaus richtig, bloß hätte ich es als falschen Eindruck deklarieren müssen. Schon allein aus Höflichkeit, aber auch, um den Eindruck geistiger Integrität und rechten Bewusstseins aufrecht zu erhalten. Also des rechten falschen Bewusstseins, um mich ganz präzise auszudrücken.

Die Diskussion wurde mit großer Leidenschaft geführt. Mit Sachlichkeit, aber auch mit Leidenschaft. Natürlich wurden alle gesprochenen Wörter von großem Respekt getragen, sowohl hin- als auch her. Wenn in der Politik mit so großem Respekt Wörter hin und hergetragen würden, wäre viel gewonnen. Auch in der Politik werden Fragen ja nicht beantwortet.

 

Es war aber zum Glück keine Politik, dazu fehlte, wie soll man sagen, die politische Bühne. Es wurden ja in dem Sinne auch keine wichtigen Entscheidungen getroffen in Greifswald. Es wurde einfach geredet, hinterher ging man etwas essen, es war eine Demonstration hochzivilisierten Benehmens. Wuppke blieb dabei die ganze Zeit stummer Zaungast, klar. Was will man von einer Romanfigur auch erwarten. Er redete nicht mit, und warum auch. Sein Abenteuer hatte er ja längst erledigt.  

 

© Sascha Reh, 2019

 

 

Imagined Literature

 

On the way to Greifswald we got lost. We got very lost indeed.

We were in a van, and I took pleasure in how differently everyone in the car reacted to the getting lost. One cried, one shouted, one tried to calm the driver gently, one was resolute… None of the navigation apps helped and we kept stopping to ask the police for directions, but we still drove around in a loop. There was no way out – once again we were on the same street, around, around, same street, around, around, same street.

Of course, I instantly imagined a story, a supernatural story. Maybe we were there because of karma, maybe each one of us had to make peace with something.

Then I realized it was a van full of writers – so everyone had a narrative going, everyone was writing a story in their mind.

 

When we arrived in Greifswald, it felt like another Estonian town, completely homey. When people started asking what is Estonia like, well… “Well, it’s really just like Germany. We used to be Germany, you know.” In today’s world this doesn’t make very much sense, Estonia seems so far away, but there have been periods in history, near and far, when German was our official language. A lot of the words still are in use.

In my favourite Estonian play, “Endless Coffee-Drinking” by Madis Kõiv, a man always goes to the same café to drink coffee. He is also there during the tumultuous times in Estonian history: one day he goes there, and they tell him how now we greet in a different way, different language, and no, today you must pay in Rubles, or Reichsmarks.

The man in the café is unphased by this, he takes it all very calmly.

My favourite thing about the written text was that all the Germans spoke German, and the Russians spoke Russian, so if you didn’t already speak these languages, watching the play, you would be as lost as the person in the café – a military man yells at you in a foreign language, and you have no idea what he wants you to do.

Unfortunately, at the theatre production, they skipped the ending: aliens from outer space take over the café – and the endlessly coffee-drinking man remains again completely calm. He is used to changes.

I wish everyone had seen this. It is a very accurate description of Estonian temperament, the Estonian soul.

 

Walking in Greifswald I thought about my German heritage. And I remembered a story we just recently discovered in some old village annals. It was maybe a hundred and fifty years ago, when one of my female relatives had become pregnant by the local German baron. In that village this was considered so terrible that she was locked alone in a shed to give birth. And then left there, locked in the shed, her and her baby, to die.

 

But I don’t speak some German because my grandmother spoke it and my other great grandmother escaped to Germany after the Second World War (she had made up a funny song about Stalin), but because from ages nine to fourteen I lived on German television. I lived in a village with not much to do except for read, write and watch German TV.

So normally, when people speak it, I understand it, even though I haven’t studied it.

 

But this time, in Greifswald, during Junge Literatur, I noticed there were times when it lost me. The German language was a wild horse, throwing me off now and then.

Because there was no context – there were no actors, no setting, only words. There was no waiter with a menu or an old lady on a street. It was just words in a language I had never learnt, and sometimes it went over my head.

But I sat there, listening. Imagining.

I understood a lot at times – and then I just filled in blanks a lot. The extracts I imagined hearing might have been very far away from the originals; tainted by my own imagination.

And at times my brain needed a break. It had a limit of foreign words per day.

 

I was in Greifswald with my upcoming book, “Tüdrukune”, translated as “Bemädelt”. It is wonderful to read your own work in a language you mostly understand, especially when you remember and recognize the original in the sentences (and it’s worrying how well your brain remembers the original text, as if you’ve memorized it).

Greifswald was like the book launch for “Bemädelt”, as it hadn’t been published in Estonia yet. The reason? I had no cover.

For the last few weeks I’d been commissioning artists and designers to do the cover, I’d seen dozens of terrible versions, one worse than the next, I’d been looking at classic art, modern art, music videos, Instagram feeds… I’d scanned through the WHOLE of Frankfurt Buchmesse, with no luck.

The last night in Greifswald I was walking alone in the rain, almost in tears, because this book would have to go to print with a blank white cover, and nobody would find it in the store. And then. I saw an X somewhere. And suddenly it hit me. I had the whole cover. It was perfect. It was magic. The X on a woman’s face: she is anonymous, she is an X in statistics (rape, domestic violence, education, etc), a random number, X chromosome, etc etc etc. This X told me a million stories.

 

Our discussion on my book was fantastic. Remember, how before I said we’re just like Germany? The conversation showed me we’re not – we have not had the opportunity to grow our minds in freedom. You are older as a society. We are teenagers in a way.

In my book I have to explain to the readers gently that patriarchy exists. It is something that hasn’t had its time in the media and society at large, since having been comrades in a Socialist country, feminism never came up.

But – writers from a more advanced society, namely the other female writers at Junge Literatur asked: “Your main character describes the other woman in a very sexist way, is this intentional, to show how she has been broken and molded by the patriarchy?” What an excellent point.

Another example: “Your writing is quite humorous. How can you joke when talking about such serious matters? Here you could never do that.”

 

It was a stunning launch, and gave me a lot to look at during my last round of editing the book. It became stronger thanks to Junge Literatur Europa in Greifswald.

 

When the book was published, the publisher had an unreasonably large first print run. And on the FIFTH day they ordered a new print run. The book exploded.

© Eai Uus, 2019

 

 

Bericht aus den nördlichen Gebieten

 

Bereits Tage vor Beginn der zwanzigsten Hans Werner Richter-Tagung fahre ich von München nach Berlin. Zora und Lasse beherbergen mich. Ich erzähle davon, wie ich mir die Veranstaltung vorstelle, zu der ich unterwegs bin. Noch beim Reden kommt mir das alles unwahrscheinlich vor, aber ich rede einfach wieter und weiter, als würde ich die Tagung nicht nur beschreiben, sondern müsste mich durch die Beschreibung auch von ihrer Wirklichkeit überzeugen. Draußen rauscht die Yorckstraße. Am Dienstagabend gehen wir auf ein Konzert (why?), am Mittwoch besuche ich die Sammlung Scharf-Gerstenberg. Dort hängt, was ich vor meinem Besuch nicht wusste, der Radierungszyklus von Max Kleinger, aus dem ich die Kreatur geklaut habe, die in den Text einbricht, den ich mit zur Tagung genommen habe. Ich bin euphorisch, als ich aus dem Museum komme, tippe sogar ein paar Sätze in mein Smartphone. Am Telefon erzähle ich L. begeistert von dem Museum.

Am Donnerstagmorgen die Fahrt mit dem VW-Bus nach Greifswald. Im Bus herrscht konzentriertes Schweigen. Draußen grummelt und greint ein endloser Kiefernwald, herbstliche Birken wirken mit ihrem Gelb im Nebel zu intensiv. (War es neblig? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls aber hatte ich das Gefühl, dass entweder eine Verwechslung vorliegen muss, ich falsch erkannt wurde und irgendwo andershin unterwegs bin oder dass wir zwar nach Greifswald zur Autorentagung fahren, dieses Greifswald aber überhaupt nicht das normale oder eigentliche Greifswald ist und es in diesem anderen auch keine Tagung gibt usw.)

Ich will noch einen sehr langen Text zu Ende lesen, doch hinten im Bus ist das undenkbar, also starre ich weiter in meinen Wald. Im Hotel scheinen sich alle zu kennen. Ich bekomme das größte Zimmer. Nicht nur ein King-Size-Bed bekomme ich, auch eine kleine Sitzgruppe gibt es, und kurz stelle ich mir vor, wie ich alle möglichen Gäste in diesem Zimmer empfange und ihnen Espresso serviere, den ich irgendwie zubereiten kann, obwohl es im Zimmer keine Kaffeemaschine gibt. Ich bin übermüdet, schlafe zunehmend schlecht außerhalb meines Alltags, den man kaum so nennen kann. Ich hoffe, dass das der Grund ist für diese Espressofantasien. Kurze Zeit später gehen einige Teilnehmer auch tatsächlich ein Fischbrötchen essen und trinken danach Espresso, und während auch ich Espresso trinke, fällt mir die Sitzgruppe wieder ein, aber schon als wäre sie nur ein Traum. Die Gespräche sind noch Geplänkel, die Literatur hat ihren Einzug noch nicht gehalten. Dennoch zeichnet sich bereits ab, dass diese Tage herausgeschnitten worden sind.

Die Tagung beginnt. In diesem Jahr ist alles anders, erfahre ich. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen. Es gibt Speed-Dating, die Lesereihenfolge wird ausgelost, gleichzeitig werden Paare gebildet, die füreinander ein erstes Statement in der Diskussion abgeben müssen. Eine erste Verteidigung gegen die womöglich feindliche Außenwelt. Meine Verteidigerin ist Svenja Leiber. Sie liest noch heute, als zweite (glaube ich, ich habe die Reihenfolge nicht notiert). Schnell verschwinde ich in den Flur, schaue nochmal in ihren Text, lege mir ein paar Sätze zurecht, von denen ich hoffe, dass sie ihm halbwegs gerecht werden oder zumindest einen Einstieg in die Diskussion ermöglichen.

Als die erste Lesung beginnt, ist es draußen bereits dunkel. Der Winter ist beinahe schon da, heißt das, die Tagung wird noch vier Stunden dauern, ohne Tageslicht. Die Texte gefallen mir allesamt vorgelesen besser als auf dem Papier, vielleicht stimmt irgendetwas mit mir nicht. Ich stopfe massenhaft Weihnachtsgebäck in mich hinein, spüle dessen breiige Reste mit Filterkaffee herunter. Vielleicht liegt es am Koffein, aber bevor ich meine Fürsprache halte, zittern meine Hände. Feingefühl und Geschichte.

Genderdiskurs und Repräsentationsfragen kommen immer wieder auf. Außerdem scheint ein Zusammenhang zu bestehen zwischen Kreuzworträtseln und utopischem Erzählen. Es ist relativ klar, dass alle Texte anhand ihrer intrinsischen Normen bewertet werden, nur Fragen der Authentizität werden scheinbar von außen an sie herangetragen. Wie und ob als Mann aus Sicht einer Frau erzählen? Wie arbeiten mit und wie sich schützen vor Klischees? Gegen Ende ist mir ganz schwummrig, also stürze ich ins Büffet. Ich kleckere mir Suppe in den Bart und muss mir ständig mit der Serviette das ganze Gesicht abwischen, das Bier stößt mir immer wieder auf. Kurz habe ich Angst, dass unsere Texte uns fressen könnten. Zum Schutz esse ich anschließend dutzende Schnittchen und diese kleinen Blätterteigtaschen mit der Frischkäsefüllung, während um mich herum über Altersvorsorge, Fonds und Immobilienkauf geredet wird (rein fiktional). Ich schleiche mich mit meinem Bier davon, um kurz mit L. zu telefonieren.

 

Fast alle gehen noch einen Absacker im Déjà-Vu trinken. Man spricht über Sexismus im Literaturbetrieb und über Männer und ihre Gefühle. Um zwei verlassen einer der Saschas und ich die Bar, ein anderer Sascha bleibt zurück. Wir reden über Brettspiele und Greifswald. Im Hotel sage ich, ich müsste jetzt eigentlich noch etwas essen, um dem Kater vorzubeugen. Sascha geht auf sein Zimmer und bringt mir seine Hotelschokolädchen.

In meinem Zimmer nehme ich außer den Schokolädchen eine geheime Katerrezeptur ein, die aus einer ganzen Reihe in der Apotheke frei erhältlicher Mittelchen besteht. Ich setze mich dazu an den Schreibtisch, fühle mich aber, während die Brausetabletten sich auflösen, von der Sitzgruppe her beobachtet. Schließlich putze ich mir ungefähr 15 Minuten lang die Zähne, dann schaffe ich es ins Bett. Ich werfe noch einen letzten Blick auf die Sitzgruppe. Es ist alles gut, da ist niemand. Ich schreibe L. auf WhatsApp und schlafe ein. Die See brandet an mein Bett.

Nach dem Frühstück lesen die Autorinnen aus Tschechien und Estland. Männliche Leser verstehen das Ende von Eia Uus‘ Roman nicht. Ich hoffe sehr, sie hat es nicht geändert. Dann:

Gebäck. Filterkaffee. Ungesunde Gesichtshitze. Wiek. Sitzgruppe. Bohle. Bodden. Fischsuppe. Schlaf. Tagungsraum. Lesung. Diskussion. Lesung. Diskussion. Sitzgruppe. Feingefühl. Filterkaffee. Weihnachtsgebäck. Literatur. Gender. Repräsentation. Referenzen. Sitzgruppe.

Endlich muss auch ich lesen (meine unerträgliche Selbstbezogenheit tut mir leid, aber ich bin in diesen Tagen wirklich schrecklich auf mich zurückgeworfen). Diese merkwürdige Geschichte liegt also vor mir und ich lese sie und merke dabei schon, dass das eben noch passende Wort nicht mehr passt, stolpere, lese schlecht (kurz frage ich mich sogar, ob das überhaupt meine Geschichte ist, ob ich nicht vielleicht eine der anderen erwischt habe). Eine Tür wird verriegelt, nicht versiegelt, denke ich und verlese mich, aber jetzt habe ich sie doch wieder versiegelt, denn sonst kann das Siegel nicht gebrochen werden, und dann ist das Ganze auch nicht mehr so biblisch. Invasion und Mutation, sagt meine Fürsprecherin. Ich empfinde die Diskussion als eine der kritischeren, bin mir aber nicht sicher. Nach der öffentlichen Lesung und dem Abendessen verschwinde ich zügig ins Hotel.

Am nächsten Morgen stehe ich um halb sechs auf, ich reise als einziger verfrüht ab, verpasse deswegen die Lesungen von Svealena Kutschke und Berit Glanz. Und die Abmoderation. Aber auch ich habe mich gefreut, hier gewesen zu sein usw. usf., denke ich im Zug sitzend, während ich das Hotelschokolädchen frühstücke, das mir Hans gestern Abend noch für die Reise mitgegeben hat. Meine Reise geht noch weiter, aber irgendwann am Sonntagnachmittag komme ich wieder in München an, der Ostbahnhof ist labyrinthisch, wenn man einen Ausgang sieht, muss man ihn nehmen. L. holt mich ab, wir verpassen einander aber in diesem Gewirr und müssen uns zusammentelefonieren. Ich denke kurz an die Sitzgruppe. Ich frage ins Wohnzimmer: »Ich setze Espresso auf, willst du auch?«

Am nächsten Morgen geht es mir schrecklich, ich bin krank und habe ein paar Scheißmails bekommen, das Hoch der Tagung ist augenblicklich gestürzt, sie erscheint mir nicht nur geografisch, sondern auch zeitlich so weit entfernt, dass von ihrer Wirklichkeit keine Rede mehr sein kann. Als ich mich aber auf facebook anmelde, finde ich dort die Freundschaftsanfrage meiner Verteidigerin. Und als wäre diese obskure Internetseite ewig (und tief mit der Wirklichkeit verwoben), weiß ich nun sicher, dass die Tagung stattgefunden hat.

 

© Jochen Veit, 2019

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