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Philippe Sands zum 60. Geburtstag

Am 17. Oktober wird der Menschenrechtsanwalt und Autor Philippe Sands 60 Jahre alt – unsere Autorin Katja Riemann erinnert sich hier an die erste Begegnung mit ihm und an die Aufführung seiner musikalischen Lesung von »Rückkehr nach Lemberg«. Herzlichen Glückwunsch, lieber Philippe Sands, von den Kolleginnen und Kollegen des Fischer Verlags!

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© © Mirjam Knickriem / photoselection & © Antonio Zazueta Olmos

Als ich an der Haustür klingelte, im Norden Londons, wo ich ewig mit der Tube hingefahren war, öffnete mir ein Mann, der mich in einer vertrauten Weise begrüßte, als wäre ich die Cousine, die nur für einige Zeit abwesend gewesen war. Come in, Katja, sagte er und konnte zu meinem Erstaunen meinen Namen richtig aussprechen, was daran lag, wie ich allerdings erst später erfuhr, dass seine jüngste Tochter ebenfalls Katia heißt.

»Tee?« fragte er. 

»Unbedingt,« sagte ich, erleichtert, dass es keinen Kaffee gab.

Das Zimmer, in dem wir dann bei Tee in Gläsern unmittelbar zum Thema kamen, war rot, durcheinander und voller Bücher; hier wurde gedacht, geschrieben, gelesen und recherchiert, die Energie war hoch, ich konnte nicht fassen, dass ich an einem solchen Ort sein durfte: im Arbeitszimmer von Philippe Sands, dem berühmten Human-rights-Anwalt und Autor. 

Ich hatte einige Zeit vorher eine E-Mail erhalten von der Royal Opera London, was wie ein Witz anmutete, so dass ich schon dachte, es sei Werbung, um dann festzustellen, dass es eine Anfrage war, die mich vom Hocker riss. (Mein Schreibtischstuhl ist übrigens wirklich ein Hocker, by the way.)

Man fragte mich per Mail, ob ich mir vorstellen könnte, für einen von zwei Abenden in Nürnberg als Schauspielerin Teil einer musikalischen Lesung zu sein, basierend auf Sands Buch ‚East West Street‘, zu deutsch ‚Rückkehr nach Lemberg‘, in dem es um Genozid und Menschenrechte geht, um drei Männer, Hersch Lauterpacht, Raphael Lemkin und Hans Frank – und um Philippes Großvater Leon Buchholz. 

Ich sagte natürlich sofort zu, what else, und buchte stante pede einen Flug nach London, um Philippe Sands zu treffen.

Dann sagte Vanessa Redgrave das Konzert in Nürnberg ab, weil es ihr gesundheitlich nicht gut ging, und ich durfte beide Konzerte spielen, begleitet von fünf Kameras, mit einem riesigen TV-Team aus London, in dem alle sehr freundlich waren, und ich fühlte mich ganz international, denn die beiden anderen Kollegen des Abends, der Bassbariton Laurent Naouri und der - wie er sich selbst nennt - musikalisch bilinguale (weil Jazz und Klassik) Pianist Guillaume de Chassy, kamen aus Paris. 

Die Idee war, jeweils eine Schauspielerin des Landes, in dem das Stück aufgeführt wurde, zu den drei Männern dazu zu holen. Nach Vanessa Redgrave in England war dies also der erste Versuch: Deutschland. Noch dazu Nürnberg. Noch dazu der Nürnberger Justizpalast. Noch dazu im Saal 600, wo 1946 die Nazi-Kriegsverbrecher verurteilt worden waren. Bis dato hatte niemand jemals in diesem Raum ein Konzert oder eine Lesung veranstaltet. Wir waren die Ersten. Das wurde gefilmt. Der Saal war brechend voll, in der ersten Reihe saßen zwei Männer ü90, die extra aus den USA angeflogen waren; der eine war während des Prozesses Übersetzer gewesen, der andere der Bodyguard des Chefanklägers Jackson. Während des Konzerts nickten sie immer wieder kurz ein. 

Anschließend gab es ‚questions and answers‘, die für mich, man kann es wohl so sagen, zu einem Schlüsselmoment wurden. Eine deutsch-amerikanische Anwältin stellte uns vieren allen dieselbe Frage: Why are you here? Warum sind Sie hier? Ach, dachte ich, da sagen wir ja alle das Gleiche…

Philippe begann und war wie immer äußert eloquent, humorvoll und gesegnet mit dem Talent, auf unverwechselbare Weise alle möglichen Sachverhalte Dinge hochinteressant, umfassend und verständlich zu erläutern, jederzeit in der Lage, Bezüge herzustellen, sodass man wünscht, er möge nie mehr aufhören zu sprechen. 

Dann kamen Laurent und Guillaume an die Reihe, und inzwischen wunderte ich mich ein bisschen, dass keiner sagte, was ich dachte, dass alle sagen würden.

Also sagte ich: »Ich bin hier, weil wir nicht nur von deutscher Geschichte, sondern auch von europäischer Geschichte erzählen, und hier stehen Engländer, Franzosen und Deutsche als Kollegen und Künstler miteinander auf der Bühne und gestalten freundschaftlich und kreativ diesen Abend. Da kann man doch sehen, dass wir einen Weg gegangen sind, seit den Nürnberger Prozessen, und dass sich Umstände wandeln können. Als Teil dessen bin ich hier und sehr dankbar dafür.«

Auf dem Weg in die Garderobe, die natürlich keine Garderobe war, sondern der holzgetäfelte Raum, in den sich die Richter zur Beratung zurückziehen, mit einem Tisch in der Mitte, der so groß war wie ein Boot und an dem ich mich vor der Vorstellung geschminkt hatte (sowas hatte der Tisch noch nicht erlebt), auf dem Weg zurück jedenfalls in dieses ehrfürchtige Zimmer sagte Philippe über mich hinweg zu den Frenchmen: »Well, she gave the best answer. She should be a part of our group.« Es wurde zustimmend auf Französisch genickt - und so blieb ich. 

Auch für alle anderen Länder. Wir wurden eine Band. Wir sind es immer noch. Wir reisten bis nach Australien, spielten vor den Menschenrechtsanwälten in The Hague und auch in Lemberg, da, wo alles begann. In Paris spielten wir auf Französisch, in Berlin und Freiburg auf Deutsch, in New York konzertierte Emmanuel Axe mit uns. Wir spielten in 2000-Personen-Hallen in Melbourne und vor 100 interessierten Schülern im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, online und als Talk in einer kleinen Buchhandlung in Berlin oder im Polnischen Institut, und eines Tages, das hoffen wir, werden wir in Ruanda und Israel spielen.

Philippe ist mein Freund, so wie auch Laurent und Guillaume, und sie bereichern mein Leben mit ihrem Wissen und Können, ihrem Humor und ihrer Freundschaft. 

Dafür danke ich dir, Philippe und gratuliere dir zu diesem inhaltsschweren Leben.

 

Your friend Katja.

Katja Riemann ist eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen. Sie ist seit 2000 UNICEF-Botschafterin, unterstützt unter anderem »Plan International« und »amnesty international« und setzt sich ein für eine offene Gesellschaft und Menschenrechte, besonders für die von Mädchen und Frauen. Für ihr Engagement erhielt sie 2010 das Bundesverdienstkreuz am Band und 2016 ...

Zur Autorin
Philippe Sands, geboren 1960, ist Anwalt und Professor für Internationales Recht und Direktor des Centre on International Courts and Tribunals am University College London. Leidenschaftlich setzt er sich für humanitäre Ziele und das Völkerrecht ein. Er formulierte u. a. die Anklage gegen den chilenischen Diktator Pinochet. Sands hat selbst ...
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