Hinter den Kulissen

#HosemannsPapierkorb (13)

Jürgen Hosemann ist Lektor. Am Ende des Tages landen seine Notizen über Lesen, Schreiben und alles, was dazugehört, in seinem Papierkorb – wo wir sie aber nur zu gern wieder herausfischen. Auf Twitter unter #HosemannsPapierkorb ganz aktuell, hier schön beisammen.

Können Sie wirklich lesen? Oder hatten Sie in den letzten Jahren nur das Glück, diese Fähigkeit nicht unter Beweis stellen zu müssen?

 

Aus dem Wörterbuch der Lektoren: »interessant« heißt »interessant, aber nicht für uns«, »schön« heißt »schön naiv«, »ich würde deinen Text gern lesen« heißt »ich würde deinen Text ungern lesen«.

 

In der Corona-Zeit habe ich gelernt aufzuräumen mit Marie Kondō und Hideko Yamashita. Bei Büchern immer die Taschenbücher rollen und die Hardcover falten, bevor man sie wegwirft.

 

Du kannst nur über das schreiben, was weit genug weg ist von dir. So dass du es ganz sehen kannst, es dir aber nichts tun kann.

 

Auch wenn wir uns seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben, wüsste ich manchmal gerne, was du jetzt liest.

 

Wir dürfen dem Niedergang dieser Branche nicht tatenlos zusehen, wir müssen ihn aktiv mitgestalten!

 

An welchem Werk hat Herman Melville – Autor von »Moby Dick«, »Bartleby der Schreiber«, »Benito Cereno« und »Billy Budd« die letzten 34 Jahre seines Lebens geschwiegen?

 

Schlechte Texte sind wichtig. Man braucht sie, um die guten zu erkennen.

 

Tipp: Chipstüten knistern lauter, wenn man sie in einer Bibliothek öffnet. 

 

In der Regel wird ein Autor auf den ersten Seiten nicht alles zeigen, was er kann – aber alles, was er nicht kann.

 

Meine Romantrilogie »Der Blödmann kommt«, »Der Blödmann«, »Der Blödmann ist immer noch da« und »Der Blödmann geht« ist autobiographisch. 

 

Die Sprache ist nicht das Meer, in dem wir uns bewegen, sondern das Meer, in dem wir untergehen; und je weiter wir uns hinausbewegen, desto sicherer sehen wir kein Land mehr. 


Die Hauptfigur in meinem etwas anderen Entwicklungsroman ist zuerst ein ziemlicher Arsch ... und dann kommt als Überraschungsmoment, dass er sich überhaupt nicht verändert und bis zum Schluss der unsympathische Arsch bleibt, der er schon am Anfang war.

 

Die ebenso viel verwendete wie viel kritisierte Formulierung »alles gut« ist großartig. Sie ermöglicht uns, auf einfache, positive und sozial verträgliche Weise zu sagen, dass nichts gut ist und jedes weitere Gespräch bitte zu unterbleiben hat.
 

Alle Bücher sind misslungen. Aber die guten weniger.

 

Gerade den ersten Band des Grimmschen Wörterbuchs zu Ende gelesen, Einträge »A – Biermolke«. Meine Lieblingswörter: abfenstern, ansommern, aufwatscheln, ausschrumpfeln.

Jürgen Hosemann, geboren 1967, arbeitet als Lektor in Frankfurt am Main. ...
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