»Im Amt« - Ein Text von Sebastian Guggolz
Ein Text von Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zu den Herausforderungen und Chancen seines neuen Amtes.
Am meisten habe ich wohl mit Aufregung zu tun, seit ich ins Amt des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gewählt wurde. Aufregung aber nicht im Sinne von Lampenfieber oder Versagensängste, sondern eher im Sinne von Anspannung und Vorfreude, von Lust auf das, was mir bevorsteht, ein bisschen – wenn ich dieses abgegriffene Bild benutzen darf – wie ein Rennpferd oder wie ein Windhund kurz vor dem Rennen. Ich habe das Gefühl, ich habe schon eine ganze Weile mit den Hufen oder Pfoten gescharrt, und jetzt darf ich endlich ran!
Denn was das Amt mit sich bringt, ist eine Menge an Möglichkeiten, bei denen ich einen Akzent setzen und öffentlich wirken kann. Dieser Verantwortung bin ich mir immer bewusst. Das sind etwa die Eröffnungen der Buchmessen in Leipzig und Frankfurt, des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, des Deutschen Buchpreises, des Deutschen Sachbuchpreises, auch Reden in verschiedenen anderen Situationen mit großer Aufmerksamkeit. Die Eröffnungsrede der Buchmesse in Leipzig, die ich im Gewandhaus am Mittwochabend halten darf, wird der erste dieser großen Momente sein. Man spürt doch sicherlich meine positive Aufregung schon durch diese Zeilen?
»Ich spreche nun als Stimme für die Buchbranche zu der politischen Sphäre.«
Über diese prominenten Gelegenheiten hinaus, die Stimme erheben und sprechen zu dürfen (und viel wichtiger: dass mir auch zugehört wird!), gibt es vieles, was im Hintergrund abläuft: Aufsichtsratssitzungen, Ausschüsse, Gremien, Kuratorien … All das ist kaum weniger wichtig, auch wenn es weniger sichtbar ist. Dort werden Weichen gestellt, dort werden personelle, strategische und politische Entscheidungen getroffen. Und apropos Politik: Auch dieses Feld ist von großer Wichtigkeit. Ich spreche nun als Stimme für die Buchbranche zu der politischen Sphäre. Ich betreibe Lobbyarbeit für die Branche der Bücher – positive Lobbyarbeit natürlich! Auch ein großes Privileg, und auch hier wieder entscheidend: dass mir nun zugehört wird.
Toll ist, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der in Frankfurt im Haus des Buches sitzt, gleich am Römer bei der Paulskirche, eine so gut organisierte, so gut arbeitende Geschäftsstelle hat. Von der Rechtsabteilung über die Pressestelle und die Mitgliederbetreuung bis hin zur Ausschussorganisation, und natürlich bis zu den Unternehmenszweigen des Börsenvereins. Das sind vor allem die Frankfurter Buchmesse und der Mediacampus, beides ganz elementare Bestandteile dieser Buchbranche, beide sind Töchterunternehmen. Und auch die MVB, das ist der Unternehmensteil des Börsenvereins, der etwa ISBN vergibt und die ganzen logistischen und systematischen Dinge regelt, die den Betrieb mit Büchern am Laufen halten. Die MVB betreibt auch das Börsenblatt.
»Doch nur, wenn wir eine Bandbreite an Informationsmöglichkeiten haben, können wir uns auch eine eigene Meinung bilden.«
Die deutlich gesteigerte Kommunikation, die mit meinem neuen Amt verbunden ist, die Mails, Telefonate, Treffen, nehme ich gerne dafür in Kauf, dass ich nun mitgestalten kann. An der Zukunft dieser Branche. Und da gibt es Themen, die mir ganz besonders wichtig sind.
Zum einen die Stärkung des Bereichs des unabhängigen Sektors. Der ist enorm unter Druck, die Kosten steigen seit Jahren so sehr, dass das kaum noch zu kompensieren ist. Das gilt selbstverständlich auch für das Feld der Konzernverlage und Filialisten im Buchhandel, aber die größeren Unternehmen können sich leichter darauf einstellen und haben breitere Spielräume. Ich werbe für eine staatliche Unterstützung, des unabhängigen Buchhandels wie der unabhängigen Verlage. Denn die Vielfalt und Vielzahl dieser kleinen Unternehmen ist ein großer Wert.
»Buchhandlungen sind Orte für Austausch, Begegnung, Kultur, Leseförderung, für ein Miteinander und für Zusammenhalt – für gesellschaftlich grundlegende Dinge, die uns seit längerem schon verloren zu gehen drohen.«
Nur weil wir (noch!) in fast jeder Kleinstadt eine Sortimentsbuchhandlung und für fast jede Nische einen Verlag haben, steht uns als Bücherlesende dieses riesige Angebot an unterschiedlichsten Büchern zur Auswahl. Das ist nicht nur toll für alle Bücherliebende, sondern auch eine Grundlage unserer demokratischen Gesellschaft. Ein wenig pathetisch mag das klingen, zugegeben. Doch nur, wenn wir eine Bandbreite an Informationsmöglichkeiten haben, können wir uns auch eine eigene Meinung bilden. Nur, wenn wir das ganze Spektrum von klein bis groß, von links bis rechts, von unabhängig bis abhängig, von nischig und schwierig bis populär und gefällig zur Verfügung haben, können wir einen eigenen Weg durch diese Meinungs- und Stimmenvielfalt finden. Eine staatliche Förderung von Buchhandlungen und Verlagen wäre ein Zeichen, dass diese unabhängige Vielfalt auch politisch gewünscht ist. Mir ist das sehr wichtig, denn man sieht beispielsweise in den Buchhandlungen, dass dort meist sehr viel mehr stattfindet als nur Buchverkauf. Buchhandlungen sind Orte für Austausch, Begegnung, Kultur, Leseförderung, für ein Miteinander und für Zusammenhalt – für gesellschaftlich grundlegende Dinge, die uns seit längerem schon verloren zu gehen drohen.
Und zum anderen sehr wichtig für mich ist die Förderung der nachwachsenden Generationen, vor allem bei der Fähigkeit zu lesen, bei der Lesekompetenz. Auch hier sind die Gründe immer auch politischer Natur. Wir müssen dafür sorgen, dass auch kommende Generationen flächendeckend lesen können und Zugang zu den Inhalten der Bücher haben und ihre Meinung bilden können. Ohne lesen zu können, lässt sich umso schwerer zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden, ohne lesen zu können, wird es auch umso schwerer, sich komplexen Gedanken auszusetzen. Das Lesen schult zudem die Fähigkeit, sich in andere Menschen und Situationen einfühlen zu können. Neben der Tatsache – und das wissen alle, die lesen, aus eigener Erfahrung –, dass das Lesen einem Glücksmomente schenkt, die man nur in der Lektüre haben kann. Dieses Glück will ich möglichst vielen Menschen ermöglichen.
»Denn die Bücher, um die es am Ende geht, die bedeuten uns etwas – und die machen einen Unterschied.«
Das schönste und erfüllendste an meiner neuen Position ist, dass ich so vielen Leuten begegne, die sich fürs Büchermachen, Bücherverkaufen und vor allem Bücherlesen einsetzen. Das zeichnet ein großes Bild. Nämlich dass viele von uns ohne Bücher nicht leben wollen, wahrscheinlich auch gar nicht leben können. Und die Solidarität, die unbedingte Bereitschaft – meistens ehrenamtlich, aus tiefer Überzeugung –, etwas dafür zu tun, dass es weitergeht und besser wird mit den Büchern und den Leserinnen und Lesern, weil das unser Leben ausmacht, das ist ein berauschendes Gefühl, das mir Kraft verleiht für die anstehenden Aufgaben: für die Mühen des Alltags und für die Herausforderungen der Ausnahmesituationen. Denn die Bücher, um die es am Ende geht, die bedeuten uns etwas – und die machen einen Unterschied.