Interview mit Eva von Redecker
Warum braucht es einen Begriff des Faschismus?
Um den Faschismus überhaupt zu erkennen. Sonst bleiben wir in schlechten Analogien stecken oder suchen in der Gegenwart nach Vergangenem. Mit einem Faschismusbegriff sind wir weniger sprachlos und wissen, worüber wir reden.
Wie kann uns die Philosophie dabei helfen, dem Rechtsruck zu begegnen?
Der Faschismus lebt von einem Ausschalten der Reflexion, also des Nachdenkens über die eigenen Verhältnisse. Und er setzt auf Schockstarre bei Opfern und Betrachter:innen. Dagegen hilft Philosophie tatsächlich ein klein wenig. Als Kritische Theorie leistet Philosophie aber noch etwas anderes: Sie deckt die Verhältnisse auf, die den Faschismus hervorbringen. So können wir Ursachen bekämpfen, anstatt pausenlos Symptome zu skandalisieren.
Um welchen Drang nach Härte geht es in deinem Buch?
Wir teilen fast alle das Gefühl, dass die Zeiten irgendwie rauher werden, das Leben schwerer, man sich ständig wappnen muss. Und anstatt die Gründe dafür zu suchen, Krisen zu bewältigen, Ungerechtigkeiten zu überwinden, überbietet der Faschismus diese Härten einfach mit einer noch massiveren Verhärtung: mit der Zerstörungswut des geprellten Eigentümers. Die faschistische Härte versteift sich auf Scheineigentum – Phantombesitz, wie ich es nenne. Und sie entfesselt absoluten Terror gegen Andere, die diesen Besitz angeblich angreifen.
Wie unterscheidet sich der Faschismus heute von dem der 1930er Jahre?
Beide Varianten eint, dass sie einen verschobenen Eigentumsrausch entfesseln. In den 1930ern war der Phantombesitz eher kollektiv, es ging um nationale Größe und Blut und Boden. Gegenwärtig sehen wir mehr individualistische Phantombesitzverteidigung, also toxische Männlichkeit, rassistische Selbstjustiz, oder grenzenlose Meinungsfreiheit. Ich denke, dass der Faschismus damals wie heute ein Todeskult ist. Aber die Organisationsform und die Medien unterscheiden sich.
Was sind deine Top 3 Leseempfehlungen für alle, die tiefer in das Thema eintauchen möchten?
Ich finde den Aufsatz End-times-fascism von Naomi Klein und Astra Taylor grandios. Alberto Toscanos Spätfaschismus gibt einen tollen Überblick über verschiedene radikale Theorieströmungen. Und ehrlich gesagt, geht für mich bis heute nichts über Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, insbesondere die ersten beiden Teile zum Antisemitismus und Imperialismus.