Interviews

Im Gespräch mit Eva Scharenberg, der Übersetzerin von Bénédicte Belpois' »Hingabe«

Nächste Woche erscheint »Hingabe« von Bénédicte Belpois. Mit ihrer Übersetzerin Eva Scharenberg sprachen wir über das Übersetzen von erotischen Szenen, das Vereinbaren von Liebe und Begierde und fragten sie, mit welcher der Figuren aus »Hingabe« sie die innigste Beziehung hat.

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© Francesca Mantovani / Editions Gallimard
Fiel Ihnen die Entscheidung schwer, den Übersetzungsauftrag für »Suiza« anzunehmen?

Zugegeben, bevor ich das Buch gelesen hatte, war ich schon ein wenig unschlüssig. Mit der Übersetzung von erotischen Szenen hatte ich bis dato noch keine Erfahrung gesammelt. Darüber hinaus wirkt die Geschichte auf den ersten Blick nicht gerade emanzipiert und die gesamte erzählte Welt konservativ – politisch nicht gerade auf der Höhe der Zeit. Doch schon beim ersten Lesen mochte ich die Atmosphäre des Romans, die Gegensätzlichkeit von Tomás‘ Rohheit und Suizas Zerbrechlichkeit, die Mischung aus Glaubwürdigkeit, Humor und Poetik, die sympathischen Charaktere, einfach die Lebendigkeit der Geschichte. Auf eine Diskussion um gesellschaftliche Normen ist Bénédicte Belpois gar nicht aus. In diesem Kontext sind auch die zahlreichen erotischen Szenen nicht wie befürchtet ordinär, sondern vielmehr auf natürliche Weise Detail einer sich entwickelnden leidenschaftlichen Liebesgeschichte. Ich bin froh, dass ich das Buch übersetzen durfte.

 

War es schwer, die erotischen Stellen des Romans zu übersetzen?

Es war zumindest eine kleine persönliche Herausforderung. Dass die Szenen weder über die Maßen schockieren noch unfreiwillig komisch wirken durften, stand außer Frage, war aber dennoch eine Gratwanderung. Abgesehen von dem Beschriebenen an sich wirkten sie im ersten Übersetzungsversuch mit dem Wechsel vom Französischen ins Deutsche gleich sehr viel anstößiger, ja schmierig. Schilderungen, die im Französischen leicht von den Lippen gingen, waren auf Deutsch derb, obszön. Daher bemühte ich mich, hier und da durch kleine Brechungen eine subtile Sinnlichkeit zu erzeugen, ohne dass jedoch die zentrale Dimension der Brutalität verlorenging. Ausschlaggebend dafür war auch die männliche Erzählperspektive: sozusagen die zweite Zwickmühle, da hier eine weibliche Autorin einen maskulinen Ton sehr gut getroffen hat.

 

Haben Sie ihn gerne übersetzt?

Ja, die Übersetzung von „Hingabe“ hat mir tatsächlich großen Spaß gemacht. Da ich selbst auf dem Land aufgewachsen bin und heute wieder dort lebe, konnte ich mich mit dem Schauplatz gut identifizieren und habe insbesondere die Übersetzung der Naturbeschreibungen genossen. An anderer Stelle konnte ich meinen Übersetzer- und persönlichen Horizont erweitern und fühle mich im Nachhinein für Themen wie Psychologie von Gewalt, Feminismus und damit verknüpft die männliche Perspektive sensibilisiert.

Ohne zu viel verraten zu wollen, habe ich mir gern ausgemalt, wie die Reaktionen der Leser*innen auf das Ende aussehen mögen.

 
Gibt es Kritikpunkte an dem Roman?

Nun, mit einem Augenzwinkern gesprochen: Über das Ende lässt sich natürlich streiten … Ansonsten ist der Inhalt an vielen Stellen wie gesagt gewagt, die Sprache ist recht schnörkellos, teilweise trocken, was sicherlich polarisieren kann. Für mich macht allerdings genau das eine bemerkenswerte Authentizität aus, eine angenehme Bodenständigkeit.

 

Was ist für Sie der Unterschied zwischen pornographischen und erotischen Texten?

Beides bezeichnet die Darstellung von körperlicher Sexualität. Pornographie ist dabei immer drastisch explizit, es geht um die rein sexuelle Handlung, wobei jede emotionale Komponente ausgeklammert wird. Der Mensch (besonders die Frau) wird zum Objekt geschlechtlicher Begierde degradiert. Ziel ist die sexuelle Erregung des Lesers bzw. Betrachters. Erotische Texte legen dagegen mehr Gewicht auf Beziehungen und transportieren eine gewisse Ästhetik.

 

Wie schätzen Sie die erste Sexszene des Romans ein, ich meine die Gewalt in der Szene.

Die erste Sexszene ist natürlich ein sehr starker Einstieg, schockierend, animalisch, heikel. Es ist die Beschreibung einer Vergewaltigung. Einer Vergewaltigung jedoch, bei der das Opfer sich weder körperlich noch innerlich wehrt. Diese Tatsache hat mir zunächst sogar noch mehr zugesetzt als die Brutalität an sich. Suiza lässt jede Art von Gewalt, so wird im Laufe der Geschichte klar, über sich ergehen und empfindet sogar eine tiefe Zuneigung zu Tomás. Tomás wiederum, aus dessen Perspektive die Szene erzählt wird, wird von Wut geleitet, Schmerz, Angst; Angst vor ihrer ihn verschlingenden Weiblichkeit. Hier wird schon deutlich, dass eigentlich Suiza größeren Einfluss auf Tomás hat, als umgekehrt. Die Szene war für mich also in mehrfacher Hinsicht ergreifend, da sie in ihrer erschütternden Härte überraschenderweise so aufschlussreich ist.

 

Glauben Sie, dass Liebe und Begierde immer so einfach zu vereinbaren sind wie bei Tomàs und Suiza?

Sie meinen, dass hemmungslose Gier, eigentlich sogar körperliche Gewalt, sich in Liebe verwandeln kann? Nicht unbedingt. Ich glaube, wir haben es hier mit einer Art Fantasie zu tun. Mit einem Mann, der beim bloßen Anblick einer Frau jede Selbstbeherrschung verliert und sie auf der Stelle will, zum Tier wird, und dem die junge hübsche Frau, die nicht für sich selbst sorgen oder sich gar verständigen kann, nichts als ihre Zartheit entgegensetzt und ihn auf diese Weise zähmt, werden zweifellos einige erotische Klischees bedient. Das funktioniert in „Hingabe“, weil beide Charaktere das seelische Gleichgewicht verloren haben und aus dieser Tragik der gegenseitigen Anziehung Liebe erwächst. Ich verfüge zwar nicht über tiefergehende Kenntnisse der Psychologie, aber diese Gegebenheit ist für mich hier ein künstlerisches Motiv.

 

Entwickeln Sie beim Übersetzen eine Art Beziehung zu den Figuren?

Ja, bei Romanen entwickle ich zumindest eine Sympathie oder natürlich Abgeneigtheit – mal mehr, mal weniger. Oft auch eine Art Respekt. Allerdings versuche ich, diese Beziehung weitestgehend außer Acht zu lassen, da sonst z.B. in Dialogen leicht einmal sprachliche Nuancen einfließen, die die jeweilige Figur liebenswerter bzw. unsympathischer zeichnen, als sie eigentlich intendiert sind.

 
Mit welcher der Figuren aus »Hingabe« haben Sie die innigste Beziehung und warum?

Agustina mit ihrer kernigen Art und ihrem großen Herz mag ich am liebsten. Sie wird in so vielen charmanten Details beschrieben und wird dadurch zu einem der dreidimensionalsten Charaktere. Ich kann mir vorstellen, dass es im Umfeld von Belpois tatsächlich eine Agustina gibt.

Bei ihr spüre ich nicht diese innere Kluft, obwohl sie als Angehörige einer anderen Generation eindeutig auch eine tragische Figur ist. Ihr hartes Leben, das sie ausnahmslos anderen gewidmet hat, ist der Inbegriff der Fürsorge, der Mutter letztlich. Mit ihrer derben Sprache, ihrer Schlagfertigkeit, ihrem positiven Tatendrang, ihrer absolut geerdeten Zuversichtlichkeit und ihrem rauen aber herzlichen Umgang mit Tomás rückt sie die Dinge einfach immer ins rechte Licht.  

 

Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist sehr hierarchisch in dem Roman, haben Sie sich daran gestoßen?

Nur zu Anfang. Zwar zieht sich dieses Schema unbeirrt durch das ganze Buch, doch in dieser ländlich und landwirtschaftlich geprägten Umgebung wäre eine „moderne“ Struktur auch unpassend. Tomás als Bauer bestellt die Felder und kümmert sich um das Vieh, Suiza besorgt den Haushalt. Agustina kümmert sich ihr Leben lang um andere. Ramón ist ein in die Jahre gekommener Schürzenjäger. Das alles ist schon recht simpel, ja, doch auch das Leben ist hier noch ganz ursprünglich: Letztendlich geht es ums nackte Überleben – in Tomás Fall sogar buchstäblich.

Die Autorin Bénédicte Belpois ist Hebamme, die auch Frauen behandelt, die Opfer von Gewalt geworden sind, wie sie in einem Interview erzählt. Ich spreche ihr also ein ausgeprägtes Bewusstsein für das Frausein in jeder Hinsicht zu, das gleichzeitig ein bodenständiges, organisches sein muss.

Löse ich mich mit diesem Gedanken im Hinterkopf etwas von dem starren gesellschaftlichen Gefüge im Buch, erkenne ich in Tomás außer dem ungehobelten Landwirt auch einen sensiblen Musiker, einen krebskranken Mann, dessen Maskulinität vor Suiza bröckelt. Suiza setzt dem ihre ausgesprochene Weiblichkeit entgegen, erträumt sich eine Zukunft, gewinnt Lebensfreude, lernt eifrig neue Dinge. Indem sich unsere Charaktere sinnbildlich komplementieren, so habe ich den Eindruck, werden diese Hierarchien eigentlich nebensächlich.

 

Wir haben es hier mit einer fast altertümlichen Beschreibung des Land- und Dorflebens zu tun, Sie selbst leben auf dem Land, für wie realistisch halten Sie Belpois‘ Beschreibung?

In das Land- und Dorfleben in einem spanischen Dorf habe ich natürlich keinen Einblick. Hierzulande würde ich sagen, sind Belpois‘ Beschreibungen gar nicht so realitätsfern. Abends trifft man sich in der Kneipe, hilft sich gegenseitig mit Arbeitsgerät und –kraft aus, Klatsch und Tratsch sind an der Tagesordnung. Das kleine Geschäft und der Dorfplatz sind Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens, Eigenbrötler und „Neue“ sind das Zentrum des Interesses. Einzelne konkrete Szenen, z.B. dass die Dorfbewohner Tomás‘ Verhalten Suiza gegenüber am ersten Abend dulden, halte ich aber für nicht realistisch. Niemand greift ein, als er sie mit sich fortzerrt, sogar die Gespräche gehen ungerührt weiter, als sie draußen sind, niemand folgt ihnen, um sicherzustellen, dass Suiza nichts zustößt. Das ist schon abwegig.

 

Werden Sie das Buch Freunden, Verwandten schenken?

Ja. Schenken oder aber empfehlen. Wenn ich selbst übersetzte Bücher verschenke, komme ich ohnehin mit der/dem Beschenkten immer auch ins Gespräch, sei es die berühmte Frage: „Und worum geht’s?“ oder eine Rückmeldung während oder nach der Lektüre, nicht selten auch eine kleine Diskussion. So kann ich vielleicht bei dieser etwas ausgefalleneren Liebesgeschichte ein paar Impulse geben und zart besaitete Freunde und Verwandte schon einmal einstimmen bzw. „vorwarnen“ …

 

Was lesen Sie gerade privat?

Gerade lese ich eins meiner Lieblingsbücher zum ersten Mal auf Englisch: Tracks von Robyn Davidson.

Eva Scharenberg, geboren 1989, studierte Germanistik und Romanistik in Bonn und Literaturübersetzen in Düsseldorf und übersetzt seit 2014 aus dem Englischen, Französischen und Schwedischen. Zuletzt übersetzte sie Violaine Huisman, Shenaz Patel, Octave Mirbeau, Arthur Conan Doyle, Ann-Marie Ljungberg.

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Das neue Buch von Bénédicte Belpois

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