Interviews

Im Gespräch mit John Ironmonger

Letztes Frühjahr erschien bei uns John Ironmongers »Der Wal und das Ende der Welt«, übersetzt von Tobias Schnettler und Maria Poets. Im Englischen Original erschien der Roman bereits 2015. Um was es geht? Ein kleines Dorf. Eine Epidemie und eine globale Krise. Und vor allem erzählt der Roman von Menschlichkeit. Wir fragten John Ironmonger, wie die Menschen in seinem Roman mit der Krise umgehen und was er heute über den Plot seines Buches denkt.

Am Ende Ihres Buches »Der Wal und das Ende der Welt« beschreiben Sie eine Begegnung mit Jared Diamond. Sie haben ihn damals gefragt, wie realistisch der Plot Ihres Buches sei. Er antwortete: »Sehr realistisch.« Was denken Sie heute darüber? 

Wie schnell Fiktion zu Realität wurde! Als ich mit Jared Diamond sprach, waren wir in einem kleinen Eck des Paradieses der Insel Sumatra. Jegliches Gerede von Pandemien und Apokalypse erschien sehr phantasievoll und ein bisschen absurd. Ich fühlte mich wie ein Verrückter, der warnt: »Das Ende der Welt naht!«. Ich war überrascht, wie empathisch Jared Diamond auf das Szenario reagierte, das ich beschrieb. »Das kann definitiv passieren«, sagte er mir. Heute sind wir eingesperrt in unseren Wohnungen und beobachten die Ausbreitung der Corona-Krise. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein komisches Déjà-vu. Im Roman bricht die Pandemie zusammen mit einer weltweiten Ölkrise aus, so dass die Versorgungsketten unterbrochen werden. Zum Glück müssen wir uns darüber im Moment zumindest keine Gedanken machen. Ich hoffe, dass wir alle den Gemeinschaftssinn entdecken, der im Roman das Dorf St. Piran rettet. Das wäre etwas Gutes, was aus dieser Krise folgen könnte.

Ihr Buch ist ein Buch über Menschlichkeit und Solidarität. Wie gehen die Menschen in St. Piran mit der Krise um, und können wir ihrem Beispiel folgen? 

Für mich war ein Ziel des Buches zu zeigen, wie Gemeinschaften auf Krisen reagieren, in dem sie nicht selbstsüchtig, sondern gemeinsam die Herausforderungen angehen. St. Piran ist ein kleiner Ort, an dem jeder Bewohner den anderen kennt. Sie meistern die Krise, da jeder eine Rolle findet: Manche fischen, andere melken Kühe, manche holen Wasser aus dem Brunnen, andere stellen Cider her, manche kochen und so weiter. Jeder wird wertgeschätzt. Niemand ist ausgeschlossen. Für mich ist das die Botschaft des Buches: Wir haben alle einen Teil beizutragen. Ein Nebeneffekt der Isolation durch die Corona-Krise ist, dass alle mehr Zeit damit verbringen, Nachrichten zu schreiben und Videoanrufe zu tätigen, um mit Verwandten und Freunden in Kontakt zu bleiben. Das ist auch sehr wichtig. Wenn wir alle in ein paar Wochen hoffentlich wieder aus der Isolation hervorkommen, brauchen wir unser Netzwerk an Freunden. Wir erleben gerade eine außergewöhnliche Zeit in der Geschichte. Die großen Held*innen werden die Menschen des Gesundheitswesens sein, die ihr Leben hinten anstellen um infizierten Menschen zu helfen. Auch das ist eine Chance für uns alle, einen Teil beizutragen. So wie in St. Piran. 

Die Menschen von St. Piran sind es gewohnt, dass die Zeit langsam läuft. Für Millionen Menschen ist das heute durch Isolation und Quarantäne eine neue Erfahrung. Haben Sie auch das Gefühl, dass die Zeit für Sie etwas langsamer vergeht - und wie gehen Sie damit um? Irgendwelche Tipps? 

Meine Frau Sue und ich sind seit Mitte März in Selbst-Isolation und komischerweise (sagen Sie das niemandem) genießen wir es sogar etwas. Wir leben neben einem Fußpfad an der Küste. Wir haben ruhige Zeiten am Tag entdeckt (meistens kurz vor der Dämmerung), zu denen wir rausgehen und spazieren, für eine Stunde oder so. Oft treffen wir dabei keine weitere Seele. Das hat uns relativ fit gehalten – und gesund. Das würde ich Menschen raten: Eine ruhige Stunde suchen, um zu spazieren oder laufen zu gehen, wenn es die Vorschriften erlauben. Ich habe Glück, denn ich kann mich immer in meine Bibliothek zurückziehen, um zu schreiben, während Sue in ihrem Studio malt. Außerdem habe ich einen großen Stapel an Büchern, die darauf warten, gelesen zu werden. Noch warte ich gar nicht so gespannt darauf, dass die Isolation endet. 

John Ironmonger

John Ironmonger

John Ironmonger kennt Cornwall und die ganze Welt. Er wuchs in Nairobi auf und zog im Alter von 17 Jahren mit seinen Eltern in den kleinen englischen Küstenort, aus dem seine Mutter stammte. John promovierte in Zoologie; nach Lehraufträgen wechselte er in die internationale IT-Branche. Schon immer hat er geschrieben; seine Romane wurden in viele Sprachen übersetzt. Inspiriert zu »Der Wal und das Ende der Welt« haben ihn unter anderem die biblische Geschichte von Jonas und dem Walfisch, das Werk des Gesellschaftsphilosophen Thomas Hobbes, Jared Diamonds Sachbuch »Kollaps« und viele andere Quellen der Phantasie und des Zeitgeschehens. John Ironmonger lebt heute in einem kleinen Ort in Cheshire, nicht weit von der Küste. Er ist mit der Zoologin Sue Newnes verheiratet; das Paar hat zwei erwachsene Kinder und zwei kleine Enkel. John Ironmongers Leidenschaft ist die Literatur – und das Reisen auf alle Kontinente.

  • Der Wal und das Ende der Welt
    John Ironmonger

    Der Wal und das Ende der Welt

    Das Buch der Stunde, das uns Hoffnung macht. Ein kleines Dorf. Eine Epidemie und eine globale Krise. Und eine große Geschichte über die Menschlichkeit. »Eine erstaunliche Vorwegnahme.« Frankfurter Neue Presse »Abenteuerlich und ergreifend.« Stern »Dieser Roman gibt einem den ...

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