Interviews

Ende offen: Sieben Fragen an Thomas von Steinaecker

In seinem Buch »Ende offen – Das Buch der gescheiterten Kunstwerke« erzählt Thomas von Steinaecker die außergewöhnlichsten Geschichten hinter dem Scheitern. Im Interview über die Arbeit an dem Buch berichtet er von der Alltäglichkeit des Scheiterns, vom Unvollendeten als Urknall der Fantasie und von der Vollendung als Makel.

Der Autor Thomas von Steinaecker schaut in die Kamera. Er steht vor einem strukturierten Hintergrund aus Beton und trägt ein weißes T-Shirt unter einem offenen Kapuzenpullover mit Reißverschluss und einer Jacke.
© Dirk Skiba
Was ist für Dich das Faszinierende am Scheitern in der Kunst? 

Dass ein Kunstwerk gelingt und das heißt in erster Linie: dass es überhaupt fertig und veröffentlicht wird, ist ja eher die Ausnahme als die Regel. Das vergisst man immer angesichts unserer Kulturgeschichte, die mit Meisterwerken reich bestückt ist. Was ist aber mit all der Masse von Werken, die nie fertig wurden? Und warum blieben sie unvollendet? Was ist da passiert? Und was bedeutet das überhaupt: scheitern? Das hat ja immer einen sehr negativen Beigeschmack. Es gibt aber halt auch Werke, die sind nicht zu 100% gelungen – und sei es nur, dass sie nie fertig wurden. Aber trotzdem enthalten sie geniale Passagen, die es lohnt, näher anzusehen.

 

Die Liste der gescheiterten oder unvollendeten Kunstwerke ist lang, wie hast Du entschieden, welche dieser Projekte Du in Deinem Buch behandeln möchtest?

Ich habe mich einerseits vom Kanon leiten lassen, obwohl das heute natürlich ein problematischer Begriff ist. Trotzdem wird es niemanden geben, der die Bedeutung Michelangelos, Beethovens, Kubricks oder Bachmanns in Frage stellt. Was ist also mit diesen Genies? Was hatten sie außer ihren bekannten Meisterwerken noch in der Schublade liegen und warum sind sie damit nicht zu Rande gekommen? Andererseits war ich egoistisch und habe mir Künstler:innen angeschaut, die ich persönlich toll finde, obwohl sie vielleicht eher nischig sind. Den genialen Dilettanten James Hampton zum Beispiel. Oder die Singer-Songwriterin Judee Sill, die vielleicht tragischste Heldin des Rock ’n‘ Rolls.

 

Du bist selber Schriftsteller, gibt es gescheiterte oder unvollendete Kunstwerke, die Dich als Autor besonders beeinflusst haben?

Mich haben als Jugendlicher die Romane Franz Kafkas beim Schreiben stark beeinflusst. Gerade weil sie alle drei nicht vollendet sind und das natürlich – wie bei jedem unvollendeten Kunstwerk – bei mir ein Kopfkino in Gang gesetzt hat: Wie geht diese Geschichte aus? Davon handelten dann manchmal meine allerersten Texte, was im Nachhinein natürlich ziemlich größenwahnsinnig war, dass ich da einfach Fortsetzungen von »Der Process« und »Das Schloss« geschrieben habe. Aber das Unvollendete der gescheiterten Kunstwerke ist in gewisser Weise auch ein Urknall für die Fantasie. 

 

Das Buch erzählt vom Scheitern unterschiedlichster Kunstwerke im Film bis zur Architektur, gibt es eine Kunstform, bei der das Risiko zu scheitern höher ist als bei anderen und wenn ja, warum?

Ja, ich denke schon. Und zwar weiß ich das aus eigener leidvoller Erfahrung als Regisseur. Beim Fernsehen und besonders beim Kino gibt es so viele unterschiedliche, höchst riskante Faktoren, dass der Friedhof der gescheiterten Filme geradezu unermesslich ist und täglich anwächst. Film ist ja nicht nur – mehr als alle anderen Kunstsparten – Teamarbeit (vom Drehbuch über die Schauspieler:innen, die Kamera und die Regie), wo nur ein Gewerke ausfallen muss und schon explodiert alles,  es ist auch die neben der Architektur teuerste Kunst. Und Filmfirmen tendieren ja manchmal dazu, bankrott zu gehen…


Bei all den Projekten, mit denen Du dich beschäftigt hast, gibt es da eines, bei dem Du dir es am meisten wünschen würdest, es wäre vollendet worden?

Da ist die Liste lang. Beethoven zehnte Sinfonie würde mich brennend interessieren. Auch der vierte Satz der 9. Sinfonie Anton Bruckners. Wenn es nach mir ginge, hätte Ludwig II. noch ein paar seiner geplanten Schlösser bauen dürfen. Und natürlich würde man zu gern wissen, wie Charles Dickens‘ »Edwin Drood« oder Jane Austen’s »Sanditon« denn nun ausgegangen wären. 

 

Und andersherum gefragt: Gibt es ein Kunstwerk, bei dem Du dir wünschen würdest, es wäre nie vollendet worden, weil die Realität nicht so spannend ist, wie die Vorstellung davon, was alles möglich gewesen wäre?

Ich freue mich sehr für Brian Wilson, den Kopf der »Beach Boys«, dass er nach sage und schreibe 35 Jahren dann doch noch sein »Smile«-Album fertigstellte. Aber die fünf, sechs Stücke, die es von dem originalen Album aus den 1960ern gibt, haben so eine unglaubliche Strahlkraft, dass die Neuaufnahme mit einem hörbar gealterten Wilson und Originalinstrumenten von damals, denen aber digital nachgeholfen wird, den Eindruck der ursprünglichen Fragmente nachträglich ein bisschen beschädigt.

 

Häufig scheitern Projekte an den Kosten oder am Tod der Künstler:innen, mittlerweile sind die Produktionskosten in vielen Bereichen geringer und selbst verstorbene Schauspieler:innen sind aufgrund neuester Technik noch in aktuellen Filmen zu sehen. Wird es in Zukunft weniger gescheiterte Kunstwerke geben?

Das Scheitern wird nicht aufhören. Und das ist gut so. Denn gerade, dass etwas nicht gelingt, ist ja oft Anstoß für etwas, das dann doch noch glückt. Wenn auch vielleicht viel später und jemand anderem. Aber auch Ideen, die nicht umgesetzt wurden, weil sie vielleicht zu groß und unrealistisch waren, sind ja ständiger Ansporn, es trotzdem und nun erst recht zu versuchen. Fail again! Fail better!

Thomas von Steinaecker, geboren 1977 in Traunstein, wohnt in Augsburg. Er schreibt vielfach ausgezeichnete Romane – unter anderem »Wallner beginnt zu fliegen« und »Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen« – sowie Hörspiele. Außerdem dreht er Dokumentarfilme, für die er unter anderem den ...

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Die faszinierende Kulturgeschichte der gescheiterten Kunstwerke

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