Interviews

Übersetzerin Britt Somann-Jung zur Arbeit an Kate Davies' »Love Addict«

Dass zu viel genau die richtige Menge sein kann, wie die Queen Homosexuelle bezeichnet und welche Auswirkungen das Übersetzen auf die Browserchronik hat: Beim Übersetzen von Kate Davies' Roman »Love Addict« hat Britt Somann-Jung so einiges gelernt. In der zweiten Ausgabe unseres Übersetzerinnenfragebogens spricht sie über einige dieser Erfahrungen.

Porträt der Übersetzerin Britt Somann-Jung mit schulterlangen Haaren vor schwarzem Hintergrund
© Inga Sommer
Was war die größte Herausforderung beim Übersetzen von Love Addict?

Den Humor möglichst britisch-pointiert und nicht deutsch-behäbig rüberzubringen und die Sexszenen möglichst unpeinlich.

 

Was hat Ihnen am meisten Freude bereitet beim Übersetzen von Love Addict?

Siehe erste Frage. Und generell mochte ich sehr, wie liebevoll und glaubwürdig sämtliche Figuren, auch Julias Eltern, Freund*innen und Arbeitskolleg*innen, gezeichnet sind.

 

Haben Sie ein neues Wort kennengelernt? Welches Wort mussten Sie nachschlagen?

Den Begriff »Friends of Dorothy« für Gays kannte ich noch nicht. Wenig später habe ich ihn dann aus dem Munde der Queen vernommen (na gut, nur in The Crown). Das ist eigentlich der Klassiker – kaum hat man was Neues aufgeschnappt, drängt es sich plötzlich überall auf.

 

Wenn Sie jetzt nochmal in Ihren Browserverlauf schauen – was denken Sie?

Ich wundere mich eigentlich, dass mir nicht mehr Sextoys angeboten wurden.

 

Was haben Sie beim Übersetzen gelernt?

Na ja, jede Menge über eine bestimmte lesbische Lebenswelt in London. Vor allem aber, dass unsere Herzen alle gleich dumm sind, egal worauf der dazugehörige Körper gerade so steht.

 

Worüber mussten Sie lachen? Was hat sie fast zum Verzweifeln gebracht?

Ich habe ständig gelacht. Das Buch steckt voller Situationskomik und Dialogwitz, Julia stolpert eigentlich von einer filmreifen Szene in die nächste. Ich bin ein großer Fan ihrer Therapeutin Nicky, die immer viel zu direkt und wertend ist, aber meistens recht hat; die Büroszenen im Gesundheitsministerium sind ein Fest für jeden, der schon mal angestellt war, und Julias Akademiker-Eltern, die ganz unterschiedlich auf ihr Outing reagieren, sind unvergesslich. Zum Verzweifeln hat mich eigentlich nur Julias dominante Freundin Sam gebracht, aber das geht Julia ja nicht anders.

 

Würden Sie’s nochmal tun?

Aber hallo!

 

Haben Sie eine Lieblingspassage?

Mir begegnete der Blick eines Mannes, der nur einen Cockring trug. Er lächelte mich an.

›Dein Outfit ist toll! Du siehst fantastisch aus!‹, sagte er.

›Du auch!‹, erwiderte ich.

 

Wenn Sie während des Übersetzens Freunden in einem Satz erklärt haben, was Sie gerade machen – wie lautete der Satz?

Ich habe da eine lesbische »Coming of Age«- und »Coming Out«-Geschichte auf dem Tisch, sehr lustig und sehr explizit (und alle so huuuh).

 

Dieses Buch sollte man unbedingt lesen, weil…

... wir alle Suchende und Liebende sind.

 

Als Sie mit dem Übersetzen fertig waren, haben Sie zuallererst…

... gedacht, ich müsse dringend mal wieder nach London. Dann kam Corona.

 

In welchem Setting liest man dieses Buch am besten?

Es braucht kein Setting und keine Inszenierung, das echte Leben reicht.

 

Als Getränk passt zu diesem Buch am besten...

... was immer gerade da ist und davon dann zu viel (so macht es jedenfalls Julia im Buch).

 

Leser*innen, die dieses Buch mögen, empfehlen Sie auch...

... eine Schwester im Geiste und in hetero ist sicher Dolly Alderton mit ihrem Buch Gespenster. Gespannt bin ich auf Nell Zinks Virginia, das hier schon eine Weile wartet.

Britt Somann-Jung studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Hamburg und London. Nach Stationen beim marebuchverlag und den Ullstein Buchverlagen von 2008 bis 2014 Lektorin für Internationale Literatur im S. Fischer Verlag. Seit 2014 übersetzt sie aus dem Englischen, u. a. Bücher von Ta-Nehisi Coates, Elizabeth Gilbert, Tayari Jones, Kate Davies, Romalyn ...

Zur Autorin

»Love Addict« von Kate Davies

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