Neue Rundschau

Editorial

Neue Rundschau Omri Boehm Magazin

[W]as, wenn der Grund für meinen Glauben, ich könnte eine bestimmte Absicht
nicht ausführen, meine Überzeugung ist, dass mir dafür die nötige Willenskraft fehlt?
Doch das sollte besser nur als Grund für den Glauben zählen, dass ich sie nicht
umsetzen werde, nicht dass ich es nicht kann.

Richard Holton: Willing, Wanting, Waiting

 

Sisyphos jedoch lehrt uns die höhere Treue, die die Götter leugnet und Felsen hebt.
[ … ] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder
unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen
in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel
vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen
Menschen vorstellen.

Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos

Auf nur wenige philosophische Grundsätze beruft man sich so gern – und biegt sie sich so bequem zurecht – wie auf die Maxime Sollen impliziert Können. Doch lässt sich dieses Prinzip auf zweierlei Weise interpretieren; in ihm stecken zwei unterschiedliche, ja gegensätzliche Logiken, zwischen denen zu entscheiden zu einer Schicksalsfrage unserer Zeit geworden ist.
      Wenn wir, so die erste Logik, zeigen können, dass eine Aufgabe unmöglich ist, dann sind wir nicht verpflichtet, sie auszuführen. Das klingt bescheiden, fast prozedural: Man kann von niemandem verlangen, etwas zu tun, was die betreffende Person nicht tun kann, oder ihr verübeln, dass sie es nicht versucht. Eine Pflicht schrumpft somit unweigerlich auf das Maß ihrer Machbarkeit. In einer Zeit, die großer Entwürfe überdrüssig, der Ideale von Gerechtigkeit oder Frieden müde ist, hat diese Position das Ansehen von Nüchternheit oder Reife erlangt. Manche nennen sie Realismus.
      Doch die Bescheidenheit trügt. Denn was genau bedeutet ich kann nicht in diesem Zusammenhang? Ich kann mich nicht dazu bringen, es zu tun? Kann es mir nicht leisten, es zu versuchen? Habe das Recht, das Risiko nicht einzugehen? Kann nicht ist flexibel. Wird Machbarkeit erst einmal zum Maß der Pflicht, dann beginnen die Grenzen zwischen Kleinmütigkeit, Unfähigkeit und Widerstreben zu verschwimmen, und was zunächst als logische Begrenzung der Pflicht erschien, gerät stillschweigend zur moralischen Anpassung. Die Pflichten schrumpfen; die Realität bleibt praktischerweise unangetastet.
      Doch welches Verständnis von Realität wird hier eigentlich vorausgesetzt? Wessen Beschreibung der Welt bestimmt – zweifellos: objektiv – , was möglich ist, so dass noch Raum für ein Sollen bleibt, und was nicht? Wenn die Verpflichtung aus den Umständen abgeleitet wird, dann werden die Umstände zum Gesetzgeber. Die realistische Lehre erweist sich so als eine Quelle der Tendenz, die Tatsachen zu kuratieren – eine Hervorhebung hier, eine Abmilderung da – , bis ein umfassendes Bild der Welt gestaltet worden ist, das die erwünschten Grenzen der Pflicht durch eine angebliche Unmöglichkeit vorgeben kann.
      Es gibt Gründe, daran zu zweifeln, dass die Realität einen solchen Realismus überleben kann. Da unterschiedliche Akteur*innen vielfältige Interessen haben, werden zahlreiche gegensätzliche Versionen der Welt erzeugt, und eine Objektivität, die ihren Namen verdient – weil sie geteilt werden kann – , wird im Prozess der Angleichung von Pflichten geopfert. Da selbst Tatsachen ihre Geltung einem umfassenden Kontext verdanken, untergräbt die Existenz unvereinbarer Tatsachen ihre Geltung und droht, »bloßen Text« aus ihnen zu machen.
      Doch gibt es noch eine andere Auslegung des Sollen-Können-Prinzips. Es ist in Wirklichkeit die ursprüngliche. Nach diesem Verständnis weiß ich in einem gehaltvollen Sinn, dass ich etwas tun kann, wenn ich es tun soll, was auch immer der gegenteilige Anschein sein mag. Dies bedeutet nicht, dass der Erfolg gesichert ist – das wäre blinder Optimismus von der Art, die Camus’ Sisyphos so bewundernswert zurückweist, wenn er sich jeder falschen Hoffnung verweigert. Es heißt jedoch sehr wohl, dass Zuversicht möglich bleibt in einer Welt, in der die Hoffnung zur Absurdität geworden und gestorben zu sein scheint – jene Haltung, die Camus’ Mensch in der Revolte an den Tag legt, wenn er »die höhere Treue« lehrt, die »Götter leugnet und Felsen hebt«. Was Camus hier und andernorts Treue nennt, ist das, was wir als Zuversicht bezeichnen können, das affektive Gegenstück zum Grundsatz, dass Sollen Können impliziert, ungeachtet aller Umstände. Der Rebell bewahrt diese Haltung nicht als heroische Ausnahme, sondern als strukturelle Möglichkeit menschlichen Handelns, »eine Bewegung, die den einzelnen zur Verteidigung einer allen Menschen gemeinsamen Würde aufstehen lässt«, um an jener »verzweifelten und blutigen Anstrengung« festzuhalten, »den Menschen demgegenüber zu bestärken, was ihn verneint«.
      Die Versuchung liegt nahe, eine solche existenzialistisch-idealistische Verpflichtung auf die Menschenwürde als eine Form romantischen Wunschdenkens abzutun, die in Relativismus mündet: Man verkündet eine utopische Pflicht, und die Realität, wie absurd sie auch scheinen mag, soll sich ihr beugen. Doch dieser Versuchung sollte man widerstehen. Aus demselben Grund, aus dem der Realismus in die Aufopferung der Realität gemündet ist, weil er viele gegensätzliche Realitäten hervorgebracht hat, ist Zuversicht in den Vorrang des Sollens selbst eine Voraussetzung der anhaltenden Kritik an der ideologischen Vervielfältigung von Realitäten. Wie sich zeigt, hängt Objektivität von der Behauptung ab, dass sich die Welt verändern sollte.
      Das ist freilich nicht dasselbe wie eine irrationale Blindheit für Grenzen. Es bleibt wahr, dass niemand verpflichtet ist, das physisch Unmögliche oder historisch Widersinnige zu leisten. Struktureller Widerstand ist aber noch nicht Unwirksamkeit, das Eingefahrene nicht das Notwendige. Die einzige Möglichkeit, faktische Unmöglichkeiten objektiv zu bestimmen, besteht darin, den Vorrang des Sollens stillschweigend oder explizit anzuerkennen. Denn objektive Grenzen lassen sich nur als Tatsachen in einer objektiven Realität bestimmen, die geteilt werden kann. Sobald die Zuversicht in den Vorrang des Sollens den Umständen geopfert wird, erodieren Handlungsfähigkeit und Objektivität im Tandem und mit ihnen der schiere Zusammenhalt einer geteilten Realität. Camus hat dies in seiner überraschenden Wendung von Descartes’ Cogito erfasst: »Ich revoltiere, also sind wir.« So zeigt sich der Idealismus als der einzige Realismus, der diesen Namen verdient. Diese Behauptung mag paradox klingen, bis wir uns daran erinnern, dass sie für Plato oder Kant vollkommen offensichtlich gewesen wäre.
      Die Kluft zwischen Realismus und Idealismus durchzieht heute das politische Leben. Über Kontinente und Konflikte hinweg hören wir dieselbe Melodie: Die idealistische Ordnung ist zusammengebrochen; das Ende des Zeitalters eines im Ideal des Friedens verankerten Rechts ist ein Faktum; bekenne dich zu »weniger Moral« und akzeptiere die Realität – die nackte Wahrheit der Macht. Ein solcher Realismus erkennt nicht einfach Grenzen; er beansprucht, sie zu ziehen. Die Erosion von Normen wird zur vermeintlichen Tatsache; die Tatsache wird zur Schranke; die Schranke wird zum moralischen Horizont. Was einmal als Scheitern hätte beschrieben werden können, das neue sisyphoshafte Anstrengungen verlangt, wird zur Besonnenheit umgedichtet, die Anpassung erfordert.
      Ein Beispiel für diesen Trend ist vielleicht die neuerliche Berufung auf Camus’ bekannte – und oft missbrauchte – Bemerkung: »Wenn das Gerechtigkeit ist, dann ist mir meine Mutter lieber.« Zu oft wird sie angeführt, um auf die vermeintliche Gefahr abstrakter Gerechtigkeit hinzuweisen oder eine tragische Spannung zwischen allgemeinen Grundsätzen und persönlichen Bindungen hochzustilisieren. Camus aber hatte an ihrem Kontext keinen Zweifel gelassen: »Zurzeit werden Bomben in die Straßenbahnen von Algier geworfen. Meine Mutter könnte sich in einer dieser Straßenbahnen befinden.« Eine tragische Spannung zwischen universeller Gerechtigkeit und individuellen Bindungen ergibt sich hier nur, wenn man unterstellt, Bomben in Straßenbahnen zu werfen könnte jemals gerecht sein. Camus’ Bemerkung war nie eine Zurücknahme oder Korrektur seiner Treue, sondern ihre unmissverständliche Beteuerung: Terrorismus ist nie gerecht. Aus irgendeinem Grund kommt man nun jedoch auf seine Erklärung mit Vorliebe nicht als eine der Treue zur Menschenwürde zurück, die die Grenzen markiert, sondern als eine, die angeblich einen Verdacht gegenüber der Treue schürt – als wäre diese zu »abstrakt« oder vielleicht sogar mitschuldig an Gewalt. Der Grund scheint nicht in dem Verdacht zu bestehen, dass die Zuversicht in den Vorrang des Sollens – die Treue zur menschlichen Würde – in Terrorismus münden könnte, sondern umgekehrt darin, dass sie der zunehmenden Versuchung im gesamten politischen Spektrum noch widersteht, die vermeintliche Notwendigkeit verschiedener Formen von Terrorismus einzuräumen.
      Die Gefahr liegt nicht in Camus’ Bemerkung selbst, sondern in dem, was ihre Umkehrung billigt. Sobald man der Notwendigkeit erlaubt, zu entschuldigen, was abgelehnt werden muss, verschiebt sich mehr als nur ein Urteil: Der Standard, nach dem wir urteilen, gerät ins Rutschen. Was sich ändert, ist nicht nur die Politik, sondern auch unser Selbstverständnis.
      Und so gleicht, was sich als Besonnenheit ausgibt, zunehmend vorauseilendem Gehorsam. Welche Form vorauseilender Gehorsam politisch annimmt, ist uns allzu vertraut: Wir passen unsere Forderungen an und zensieren uns selbst im Hinblick darauf, was die Autoritäten unserer Meinung nach wohl dulden werden. Auch seine psychologische Form ist uns nicht unbekannt: Angst lässt unseren Möglichkeitssinn schrumpfen. Es gibt aber eine noch tiefere Form – einen ontologischen vorauseilenden Gehorsam – , die unser Handeln einschränkt, indem sie die bloße Idee des Menschen verändert. Camus’ Treue galt der Wahrung der Menschenwürde durch die Verpflichtung auf eine Handlungsfähigkeit, die den Umständen trotzt. Wird die Treue zur Handlungsfähigkeit durch eine Konzeption ersetzt, die das Sollen am Können festmacht, dann ist Gehorsam kein tragischer Grenzfall mehr; er wird natürlich, rational, ja »erwachsen«. Das Bild des Menschen als eines Revoltierenden, der die Würde inmitten des Absurden bewahrt, weicht dem Bild des Menschen, der das Recht reklamiert zu gehorchen. Zuversicht in den Vorrang des Sollens offenbart den Zusammenhang zwischen der existenzialistischen Figur des Rebellen und der idealistischen Konzeption des Menschen, der die Würde schützt, indem er genau dieses Recht ablehnt – und gerade damit am Ursprung des Gesetzes steht.

 

Aus dem Englischen von Michael Adrian

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Dieser Textauszug ist aus der NEUEN RUNDSCHAU 2026/1

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Omri Boehm
© Emil Salman

Omri Boehm

Omri Boehm, geboren 1979, ist Associate Professor für Philosophie und Chair of the Philosophy Department an der New School for Social Research in New York. Er ist israelischer und deutscher Staatsbürger und forschte u. a. in München und Berlin. Er schreibt über Israel, Politik und Philosophie in Haaretz, Die Zeit und The New York Times. Bei Propyläen erschienen seine von der Kritik hochgelobten Bücher Israel – eine Utopie und Radikaler Universalismus sowie Der bestirnte Himmel über mir, ein Gespräch mit Daniel Kehlmann über Kant. 2024 wurde Omri Boehm mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.