Neue Rundschau

Linienspiel der Hoffnung

Neue Rundschau Kateryna Mishchenko

Seit über zehn Jahren arbeite ich als Verlegerin mit einem Ehepaar zusammen: Maryna ist für das Lektorat der Übersetzungen zuständig, und Mykola macht die Buchgestaltung. Anfang 2023 wurde er in die Armee eingezogen, und drei Monate später wurde er als im Kampf vermisst gemeldet. So schnell ging die Verwandlung eines Künstlers und Vaters von zwei Töchtern in einen Infanteriesoldaten, dass sein Verschwinden kaum zu glauben war. Noch immer wissen wir nicht, was Mykola passiert ist. Zu den Orten, wo der Kampf stattfand, gab es keinen Zugang für die ukrainische Seite, gleichzeitig war die Wahrscheinlichkeit einer Gefangenschaft nicht auszuschließen. Im Krieg Russlands gegen die Ukraine sind die Vermisstenzahlen unfassbar hoch – ungefähr 70 000 Personen, die meisten sind Soldaten. Unter den Kriegsgefangenen, die ab und zu ausgetauscht werden, galt etwa ein Drittel als vermisst. Diese Gefangenen hatten manchmal jahrelang weder Besuch von humanitären Organisationen noch ganz banal die Möglichkeit, ihren Liebsten Bescheid zu geben, dass sie leben.

      Unter diesen harten Umständen musste sich Maryna einrichten. Sie baute ihr eigenes und das Leben der ganzen Familie um. Und sie bemühte sich allein um einen Anbau für Mykolas Anwesenheit. Sie dokumentiert sorgfältig den Alltag ihrer Kinder, damit er die verlorenen gemeinsamen Jahre nachholen kann, sie selbst nennt diese Archive den »visuellen Ausdruck der gestohlenen Zeit« – und sie sucht. Die Angehörigen der Vermissten haben in diesen Jahren eine Infrastruktur für die Suche, für Advocacy und für gegenseitige Unterstützung aufgebaut. Sie sprechen den Staat und die Öffentlichkeit an, vernetzen sich mit globalen Organisationen und treten auf der internationalen Bühne auf. Manche von ihnen sind regelmäßig an Orten, wo der Gefangenenaustausch stattfindet. So sind die ersten Bilder, die befreite Menschen sehen, Fotos von Vermissten, die Angehörige zeigen, mit der Hoffnung, dass jemand sie in Strafanstalten gesehen hatte.
      
      Um der konstruierten Anwesenheit des vermissten Mykola mehr Körperlichkeit zu verschaffen, sammelte und veröffentlichte Maryna ein Buch mit seinen Gedichten. Sie organisierte Lesungen, Ausstellungen mit seinen Zeichnungen und sprach öffentlich über die Lage von zahlreichen ukrainischen Kriegsgefangenen. Im Herbst 2025 habe ich sie zur Frankfurter Buchmesse eingeladen, um, als Mitherausgeberin, den Sammelband vorzustellen, für den sie einen Essay geschrieben hatte. Es war unsere erste Begegnung seit 2022, und ich erwartete sie mit Gedanken an die verzweigte Textur der Hoffnung, die sie mit ihren Bemühungen und mit liebevoller und fürsorglicher Vorstellungskraft ausgewebt hatte. Ich stellte mir die kompensatorische Welt vor, die während der Zeit von Mykolas gewaltsamer Abwesenheit entstanden war, und konnte nur Dankbarkeit empfinden dafür, dass ich in diese Welt mit eingelassen wurde, um mir Hoffnung zu holen, Hoffnung, dass auch ich Mykola eines Tages wiedersehen werde. Auf Marynas Frage, was sie mir aus der Ukraine mitbringen könne, bat ich um Mykolas Buch.

      Wir saßen auf dem Podium in Frankfurt, und Maryna erzählte vom uneindeutigen Verlust, einer gemeinsamen Erfahrung vieler Angehöriger von vermissten Menschen. Für sie ist die Trauer unendlich. Und genau diese unendliche Trauer bildet das Fundament für ihr Engagement. Welche Grundlage kann fragiler sein? Welche ist allgegenwärtiger für das Leben der Ukrainer und Ukrainerinnen in diesem Krieg und einem erträumten Danach? Marynas Stimme zitterte, und ihre Hände zeichneten ein kleines Bild: Der Daumen der einen Hand kratzte leicht den Handrücken der anderen, deren Haut schon gerötet, trocken und rissig war. Ich habe versucht, in diesen nervösen Bewegungen ein Muster zu sehen; stattdessen wurde mir die tiefe Ambivalenz, die Zerbrechlichkeit und die erschöpfte Körperlichkeit ihrer Zuversicht bewusst. Die Hoffnung erschien als Konstruktion mit einem pulsierenden Unterbau, der die Bauenden ständig zu verschlingen droht. Marynas Hände, in denen sich ihr Schmerz manifestiert, schaffen täglich den Raum für ihre Töchter und auch für Menschen wie mich, die hoffen dürfen.

kleiner Engel,
ich bin vor dir geflohen,
aus Angst, zurückzukehren.
aus dem Hauseingang – Fenster –
mit gestohlener Berührung
in den Park –

und dort steht ein abgesägter Baum.

ich denke: Da bin ich.
erscheine, und mein ganzes Innerstes –
für dich, komm näher und lies es wie ein Buch.

Diese Zeilen schrieb Mykola im Jahr 2013. Heute offenbaren sie eine Beziehung zum anderen, der nach dem Verschwinden des Ich seine Geschichte lesen darf. Der Engel wird zum Zeugen und Leser. Spielt er auch eine begleitende Rolle für weitere Leserinnen und Leser, die auf diese Weise mit dem vermissten Autor kommunizieren? Die Engel sind bekanntlich Wesen der Zwischenräume, Mittler oder Boten. Mit seiner Ansprache schlägt Mykola eine Brücke zwischen seiner physischen, textuellen und einer imaginierten Spur, die sich in verschiedenen Zeitabschnitten unterschiedlich entfaltet. Nun hält sein kleiner Engel uns an der Hand zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

      Diese Zwischenzeitlichkeit erinnerte mich an Walter Benjamins Deutung des Angelus Novus von Paul Klee. Vor über 100 Jahren zeichnete Paul Klee seinen ersten Engel. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Klee musste selbst nicht kämpfen, stattdessen besserte er die Tarnanstriche von Flugzeugen aus und arbeitete später noch als Schreiber einer Fliegerschule. In den nächsten Jahrzehnten erschienen Dutzende von Engeln, die meisten allerdings im Jahr 1939. Der bekannteste, Angelus Novus, entstand 1920, und berühmt wurde er im Wesentlichen durch die philosophische Interpretation von Walter Benjamin, die dieser in seinen Thesen Über den Begriff der Geschichte (1940) dargelegt hatte. In Benjamins Text schaut der Engel auf die ständig wiederkehrende Katastrophe, vor seinen Augen ist die Vergangenheit, in seinem Rücken stürmt die Zukunft. Und was ist mit uns, denjenigen, die sich als Zuschauer im Blickkontakt mit dem »Engel der Geschichte« befinden?

Paul Klee Engel voller Hoffnung 1939 Neue Rundschau
© Paul Klee

Einer der kleineren Brüder oder einer der jüngeren Freunde von Angelus Novus ist Klees Engel voller Hoffnung (1939), ein zufälliger Fund und für mich eines der wichtigsten Bilder, die mich die letzten Jahre begleiten. Dieser Engel ist aus wenigen Linien gemacht, kompakt zwischen den eigenen Flügeln geborgen, wie ein noch nicht geborenes Kind. Boris Friedewald schreibt über die Unvollkommenheit von Klees Engeln. Die Prozessualität ist oft in ihren Namen abzulesen (Engel im Werden, unfertiger Engel), als würden sie die Entstehung selbst verkörpern. Walter Ueberwasser schreibt über den Prozess des Abwägens als Ansatz in der Zeichnung, ein bewusstes Nacheinander der Striche, in dem sich die Linien als Waagebalken erweisen. Als wäre im Entstehen des Engels das Motiv des Gerichts schon vorhanden. Die Lesarten der beiden Autoren beziehen sich auf andere Bilder, nicht auf den Engel voller Hoffnung. Trotzdem verrät seine Verwandtschaft mit den anderen Engeln etwas über ihn und über die Hoffnung als solche. Die Letztere hat eine komplexe Geometrie, die Brüche und trotzige Linienführungen voraussetzt. Einfacher gesagt, sie entsteht durch Handlung und Verlust, durch Arbeit und Mühe. Sie kann vielleicht auch als stärkende Energie oder eine imaginierte Substanz vom Himmel (von außen) wahrgenommen werden, als Projektion einer Präsenz auf die schmerzhafte Abwesenheit. Sie existiert aber, wie der Mensch, in Zeit und in materiellen Verhältnissen.

Der Engel voller Hoffnung erfüllt auch einen Mittlerauftrag. Aus seiner Zeit bringt er Fragen nach eigener gewaltbestimmter Genese und nach dem menschlichen Schaffen des Todes. Die Antworten auf diese Fragen sind bis heute offen und eher einer Katastrophe ausgesetzt.

Ähnlich wie ein Engel, der das Sichtbare mit dem Unsichtbaren verbindet, ist Hoffnung schimmernd und uneindeutig: Nur Verzicht, nur ihre totale Vernachlässigung ermöglichen einen rettenden Blick auf die heutige Katastrophe. Und dieser Blick ist die Voraussetzung fürs Entstehen einer Hoffnung.


      
Die multidimensionale Gewalt des Krieges durchdringt die Wirklichkeit. Wenn ein Mensch im Krieg getötet wird, gibt es einen anderen, der es sieht, einmal und dann immer wieder in seinen Albträumen. Es gibt andere, die den Getöteten betrauern. Es gibt diejenigen, die in Trauer aufwachsen, von der Trauer großgezogen werden. Tausende solcher traurigen Ketten definieren eine Richtung, die der Hoffnung entgegengesetzt ist.

      Es bildet sich eine Einbahnstraße, wo jegliche Linie der Hoffnung einen unheimlichen Widerstand erfahren wird. Vielleicht geht es letztendlich nur um sie, diese Linie, und um den Willen in der Hand, sie weiterzuführen.

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Dieser Textauszug ist aus der NEUEN RUNDSCHAU 2026/1

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Kateryna Mishchenko
© privat

Kateryna Mishchenko

Kateryna Mishchenko, geboren 1984 in Poltawa, ist Essayistin, Übersetzerin und Verlegerin aus Kyjiw. Sie arbeitete als Dolmetscherin im menschenrechtlichen Bereich und war Mitbegründerin der Zeitschrift Prostory. 2015 erschien ihr Buch Ukrainische Nacht / Ukrainian Night / Ukrajinskanitsch. Sie publiziert Essays in internationalen Zeitschriften und Anthologien. Im Jahr 2022/23 war sie Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. 2023 erschien Aus dem Nebel des Krieges. Die Gegenwart der Ukraine (hg. mit Katharina Raabe) und 2025 Geteilter Horizont. Die Zukunft der Ukraine (hg. mit Katharina Raabe). Sie lebt in Berlin.