Neue Rundschau

Deine Tochter dient in der Armee der Rache

Shoham Smith Neue Rundschau 2026/3

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Wenn sie wochenends vom Militär nach Hause kommt, ruft sie schon vom Bahnhof aus an und jammert, sie sterbe vor Hunger.
      »Vor Hunger stirbt man nur in Gaza«, sagst du. Wenn sie fragt, was es zu essen gibt, antwortest du: »Was im Kühlschrank ist.« Einer Familie aus Gaza würden die Augen übergehen. Aber deine Tochter findet Selbstgekochtes langweilig.
      »Mami«, säuselt sie, während sie die hohen Lederstiefel auszieht und die khakifarbene Jacke von sich streift, »bestellst du uns vielleicht was bei Wolt?«

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Seit ihrer Grundausbildung ist einige Zeit vergangen. Wahrscheinlich hat sie längst vergessen, wie man eine Waffe bedient. Sie behauptet das Gegenteil. Sie, die Todesangst vor Kakerlaken hat, erklärt mit Inbrunst: Hätte sie nur eine Waffe, würde sie jeden Terroristen, der sich in ihre Nähe verirrt, ausschalten (so ihre Worte) und damit das Edelste aller Ziele verwirklichen: Menschenleben retten. Wenigstens was dieses edle Ziel betrifft, ist ihre Erziehung gelungen.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Meistens kommt sie donnerstags für das Wochenende nach Hause, aber oft steht sie auch schon Dienstag oder Mittwoch vor der Tür. Das passiert, erklärt sie dir, wenn ihre Einheit reingeht. Reingeht heißt: nach Gaza.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Wenn du ihr sagst, dass die Armee nicht nur nach Gaza »reingeht«, sondern dort auch rücksichtslos über Leichen geht, würgt sie dich ab: »Hör auf, Mama, ich pack das jetztnicht.« Wenn sie dich ärgern will, fängt sie an mit: »In Gaza gibt es keine Unschuldigen.« Wenn du sagst, dass Kinder immer unschuldig sind, stimmt sie dir zu, die Kinder seien nicht schuld, »aber was soll man machen, wenn die Eltern die Hamas unterstützen«. »So ist Krieg eben, Mama«, sagt sie dann zum Schluss, als wärst du von euch beiden das naive Kind.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Als Schreibtischsoldatin. Zu ihren Aufgaben gehört es, im Büro ihres direkten Vorgesetzten für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen, damit er es »clean« hat, wenn er aus der Zone of Interest zurückkommt.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Manchmal teilt sie ihre Erlebnisse mit dir in Form von Handyvideos: ein Brigadeabend, Soldaten in Ekstase, die zu Wer glaubt, hat keine Angst von Eyal Golan tanzen. Für sie ist das Lied ein »wahnsinniger Push für die Moral«, für dich – messianischer Wahn.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Zur Belustigung ihrer Freunde aus der Einheit erzählt sie ihnen von dir, ihrer verrückten linken Mutter, die zu Hause Fotos toter Kinder aus Gaza und einen Vorrat an Palästinaflaggen hortet. Für sie gibt es keinen Unterschied zwischen Palästina und Hamas, zwischen Kämpfern und Zivilisten. Sie haben unsere Leute umgebracht, jetzt sind wir dran. Wenn sie einen guten, besonders toleranten Tag hat, räumt sie ein, dass es auch in Gaza ein paar Verrückte gibt, Pazifisten wie dich.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Man erzählt ihr, die israelische Armee sei die moralischste Armee der Welt, und sie glaubt es voll und ganz. Du verstehst: Nur bei vollem Glauben bleibt das Herz ganz.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. »Du hast ja keine Ahnung«, sagt sie, »wie die uns verwöhnen: Einmal oder zweimal die Woche gibt es Barbecue, Beauty-Behandlungen, Massagen, Kurzurlaube in coolen Hotels. Die Eltern gefallener Soldaten spenden besonders gern. Wir haben jetzt sogar einen Coffee-Truck bekommen, als Andenken an einen der Gefallenen.«

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Vor kurzem wurden vier Soldaten aus ihrer Einheit getötet. Sie sah ihre Ausrüstung: die Gewehre, Helme, Schutzwesten – alles voll von getrocknetem Blut. Sie begleitete ihren Kommandeur zu den Beerdigungen und den Schiwa-Besuchen bei den Hinterbliebenen. »Manche sind durch friendly fire gestorben«, erzählt sie. »Unsere Leute haben sie versehentlich erschossen. Aber den Eltern erzählen wir, sie wären als Helden gefallen, hätten nach Geiseln gesucht oder so was.« Deine Tochter ist überzeugt, dass das das Richtige ist. Eltern wollen schließlich nicht hören, dass das eigene Kind umsonst gestorben ist.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Eines Tages verkündete sie dir: »Kann sein, dass ich einen Bonus bekomme und nach Gaza darf.«
      »Nach Gaza? Als Bonus?«
      »Ich hab’s voll verdient. Ich gebe immer zweihundert Prozent.«
      »Natürlich, Süße, du verdienst alle Anerkennung der Welt. Aber was soll das für ein Bonus sein? Gaza ist kein Vergnügungspark, kein fuckingLa-la-Land! Du hast dort nichts zu suchen. Außer wenn du auf Gräbern tanzen oder deinen eigenen Tod suchen willst.«
      »Mama, chill. Das ist überhaupt nicht gefährlich. Wenn es gefährlich wär’, bräuchte man die Unterschriften beider Eltern. Man braucht aber nur eine. Papa unterschreibt bestimmt.«

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Von dem Fall Gur Kehati hat sie noch nie gehört. Gur, ein Soldat und Militärsanitäter, war gerade einmal 20 Jahre alt – wie sie – , als er 2024 einen 70-jährigen Siedler zu einer archäologisch-messianischen Exkursion in den Südlibanon begleitete und dabei getötet wurde. Aber wenn sie mit ihrer Einheit im Winter in den Norden Israels verlegt wird, lockt ein Skiausflug auf dem syrischen Hermon.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Samstagabends stehst du mit deinen Freundinnen auf der Straße; ihr habt Bilder toter Kinder aus Gaza oder leere Töpfe in den Händen. Ein stiller Protest. Dann kommt sie manchmal an euch vorbei, mit ihren Freundinnen auf dem Weg zu einer Bar. Entzückende junge Frauen, Soldatinnen wie deine Tochter. Du kennst sie seit ihren Kindergartenzeiten.
      Wenn sie dich unter den stillen Protestierenden erkennen, kichern sie und winken dir von der anderen Straßenseite aus zu.
      »Ihr könnt auch mal näherkommen«, sagst du später zu Hause. »Tote Kinder beißen nicht.«
      »Haha«, antwortet sie feixend. »Da sterb’ ich lieber.«

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Eines Abends klingelt dein Handy. Es ist ihr Vater, dein ehemaliger Partner. Er ruft an, um dir mitzuteilen, dass eure Tochter in wenigen Minuten nach Gaza hineingehen wird. 
      Er habe unterschrieben, sagt er. Er fände es nicht richtig, sich ihr in den Weg zu stellen. Sie sei erwachsen, es sei ihre Entscheidung.
Als du sie anrufst, um sie anzuflehen, nicht hineinzugehen, um ihr zu sagen, dass du Angst um sie hast, drückt sie dich weg. Am nächsten Morgen siehst du in der WhatsApp-Familiengruppe die Bilder, die sie nachts geschickt hat: ein Selfie mit Stahlhelm; eine verlegene Halbumarmung mit irgendeinem Soldaten in einem Schutzbunker; ein schmaler Mond über einer von Reifenspuren zerfurchten Sandpiste.
      Als sie wieder nach Hause kommt, hält sie dir ein Video vor die Augen, in dem sie im Militärjeep durch die besetzte Stadt fährt. »Aber Mami«, sagt sie, als du dich weigerst, weitere Videos anzusehen, »ich wollte dir doch zeigen, was ich erlebt habe.«

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Inzwischen stimmt sie dir zu, dass dieser Krieg enden muss. Doch diejenigen, die den Dienst nicht verweigern, verteidigt sie unbeirrt. »Wer schützt denn sonst die Grenzen?«, fragt sie. Die Frage ist berechtigt, doch für ausführliche Antworten hat sie keine Geduld.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Nur ein einziges Mal sagt sie: »Ich weiß, was dort passiert.« Ein Soldat habe ihr erzählt, er sei gezwungen worden, Menschen in einer Reihe aufzustellen und dann auf sie zu schießen. Er sei traumatisiert, habe er gesagt.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Du erzählst ihr, dass selbst der Generalstabschef gegen eine Besetzung Gazas sei und ein solches Szenario für katastrophal halte. »Ist dir bewusst«, sagst du ihr, »dass du in eine Lage geraten könntest, in der du rechtswidrige Befehle ausführen sollst?«    
      »Wenn ein Befehl rechtswidrig ist, dann merk’ ich das«, sagt sie. »In der Grundausbildung haben wir alles darüber gelernt.«
Du fragst: »Wenn man dir befiehlt, vertriebene Bewohner in Busse zu setzen, würdest du den Befehl ausführen?«
      »Ja«, sagt sie. Und setzt nach: »Ich werd’ nett zu ihnen sein.«
Und du stellst keine weiteren Fragen.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Auch du hast vor einigen Jahrzehnten in dieser Armee gedient. Kannst du mit Sicherheit sagen, dass du dich anders verhalten hättest als sie?

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Bei den Anti-Kriegs-Demonstrationen stehen Frauen neben dir, die sich weigern, die Uniformen ihrer Kinder auch nur anzufassen, geschweige denn, sie zu waschen oder zu bügeln. Du wäschst die Uniform deiner Tochter jede Woche. Erst vergangenen Freitag hast du beim Bügeln geholfen.

Deine Tochter dient in der Armee der Rache. Jeder Samstag geht zu Ende, und jeden Samstagabend packt deine Tochter ihre Tasche und legt sie auf die Ikea-Bank in der Diele, links neben den Stapel mit den großausgedruckten Bildern der toten Kinder aus Gaza. Am Morgen, wenn sie sich die Tasche über die Schulter wirft und zur Tür geht, wird ihr Blick über das Gesicht des ausgemergelten Mädchens gleiten, dessen Bild oben auf dem Stapel liegt.
      »Tschüss, Mami«, wird sie dann sagen und dir ihre warme Wange zum Kuss hinhalten.
      »Tschüss, Süße«, wirst du sagen und dann die Tür langsam, behutsam schließen, als wolltest du ein schlafendes Baby nicht wecken.

                                                                                   ***

 

Deine Tochter hat dir verboten, über sie zu schreiben. Wirst du den Befehl verweigern?

      Aus dem Hebräischen von Lucia Engelbrecht

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Dieser Text entstand exklusiv für die NEUE RUNDSCHAU 2026/3

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Shoham Smith

Shoham Smith, 1966 in Jerusalem geboren, schreibt Kinder- und Erwachsenenliteratur. Ihr vielseitiges Werk richtet sich an unterschiedliche Altersgruppen und umfasst zahlreiche Gattungen, darunter Kurzgeschichten, biographische Romane, Adaptionen rabbinischer Mythen und Legenden, Bilderbücher und Comics. Darüber hinaus arbeitet sie als Übersetzerin, vor allem von Kinder- und Jugendliteratur, schreibt literatur- und kulturtheoretische Essays und ist zudem als Dramatikerin und Drehbuchautorin tätig. Für ihre Bücher wurde sie vielfach ausgezeichnet. Seit Beginn des autoritären Staatsumbaus in Israel und verstärkt seit dem 7. Oktober 2023 ist sie als Aktivistin tätig und bezeichnet sich selbst als »chronische Demonstrantin« gegen den Krieg und die Besatzung. Sie ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und lebt in Tel Aviv.