Lesung mit Uwe Wirth
- Berlin, Freie Universität Berlin Seminarzentrum | Raum L 116
- 08.07.2026
- 18:15 Uhr
- Kostenpflichtig
Dahlem Humanities Center Lecture by Uwe Wirth (Justus-Liebig-Universität Giessen)
Die Pfropfung ist eine seit der Antike praktizierte Technik des Land- und Gartenbaus, die verschiedenartige Pflanzen miteinander verbindet, um Qualität und Ertrag der Ernte zu steigern. Zugleich verweist das Konzept der Pfropfung auf zentrale Fragen von Kulturphilosophie und Kulturwissenschaft: Wie können wir unser Verhältnis – unsere 'Schnittstelle' – zur Natur angemessen beschreiben? Inwiefern ist es gerechtfertigt, der Natur mit unseren kulturtechnischen Interventionen Gewalt anzutun; und wieso ist dies sogar notwendig, um die Natur (auch die Natur in uns) zu kultivieren? Doch was für ein Konzept von Natur und was für ein Konzept von Kultur ist damit impliziert? Und was bedeutet dies für unser gesellschaftliches und kulturelles Miteinander? Sind womöglich auch unsere Beziehungen zu anderen Menschen als Pfropfungsverhältnisse zu fassen?
Nach einigen Vorüberlegungen zur Sach- und Begriffsgeschichte des 'Konzepts Pfropfung' möchte ich in meinem Vortrag den Fokus auf die Rolle der Pfropfung 'um 1800' legen. Meine These lautet, dass die Kulturtechnik der Pfropfung in dieser Zeit zu einer Wissensfigur wird, in der eine neue "Logik des Lebenden" (sensu François Jacob) zum Ausdruck kommt, die nicht dem alten Konzept 'Zeugung', sondern einem neuen Konzept 'Reproduktion' gehorcht. Dies lässt sich mit Blick auf Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften (1809) zeigen, der mit einer der berühmtesten Pfropf-Szenen der deutschsprachigen Literatur beginnt. Auch in E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann (1816) werden wir mit der Frage nach der Logik des Lebenden konfrontiert, und zwar gleichermaßen bezogen aufs Fortpflanzen und aufs Verpflanzen im Modus eines quasi-hybriden "coupling between organism and machine" sensu Donna Haraway. Im Rahmen meines Vortrags möchte ich diskutieren, inwiefern auch hier so etwas wie ein 'Prinzip Pfropfung' am Werk ist.
In Kooperation mit dem Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Veranstaltungsort
Freie Universität Berlin Seminarzentrum | Raum L 116
Otto-von-Simson-Straße 26
14195 Berlin
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Preise
Eintritt: Kostenpflichtig