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Zum 10. Todestag von Roger Willemsen

Grafik mit Foto von Roger Willemsen

Nachruf auf Roger Willemsen. Von Miku Sophie Kühmel

 

Im Oktober 2025 bekomme ich drei Nachrichten. Sie enthalten Screenshots und abfotografierte Bildschirme und sagen: 

Hey, du bist in der Tagesschau!

Die ARD zeigt zum Start der Frankfurter Buchmesse ein Regal des S. Fischer Verlags. Und mitten auf diesem Regal steht: HANNAH. Mein dritter Roman. 

R. schreibt: Neben Roger Willemsen!

Es ist mir gar nicht gleich aufgefallen. Aber es stimmt. Die Sammlung mit Willemsens Texten über das Lesen und die Literatur steht direkt neben meinem Buch.

Irgendwann in den 00er Jahren, ich bin irgendwas zwischen 10 und 15, fällt mir Willemsens DEUTSCHLANDREISE in die Hände. Ich habe das Glück, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem das passieren kann. Auch wenn sich dieser Haushalt in Gotha befindet (sorry!). Auf Seite 87 des Buches: nicht dieser Haushalt, aber genau diese Stadt. Dieser Bahnhof – sogar der „Inder, der Pizza verkauft“ –, der Nachbar meiner Eltern, kein Scherz. Ich weiß nicht, ob es am feinen Humor liegt, an der Wucht der Repräsentation, an einer Mischung daraus: Ich kippe in sein Werk hinein, in die YouTube-Archive seiner Arbeit. 

Sein Sehnen nach den ENDEN DER WELT wird meins. Die Welt hinter meiner Welt wird das Ziel, während ich schon zumindest mit einem Bein im digitalen Kosmos stehe, der mir Freunde aus allen Windrichtungen schenkt, vor allem aus Berlin. Wo es mich hinzieht. Wenig überraschend, aber so intensiv. Als ich gerade die Bewerbung für die Humboldt-Uni ausfülle, wird Willemsens dortige Honorarprofessur bekanntgegeben.

Cut: 5 Jahre, die sich wie 25 anfüllen, wenn sie vom späten Teenagerdasein bis zum Ende des Studiums reichen. Reisen weit hinter die Ränder meiner Welt. Gezauder, liegen gelassene Schreibgeräte, Lektüren, die die eigene Verve gelähmt hatten, ein einziger lobender Satz eines Professors, der als Funke reichte, um zu schreiben, zu schicken, Absagen zu kassieren. Einen »Roman« abzuschließen, einen weiteren anzufangen. Kurzgeschichten, Gehversuche, immer wieder: danke, aber danke nein.

Dann: ein Blockseminar im Sommer 2015. 

Im U angeordnet sitzen 20 Masterand*innen in Deutscher Literatur, das vielleicht strengste Publikum der Welt. Und da wo das U sich öffnet, schließt Roger Willemsen den Kreis. Wir alle haben uns mit einem Text angemeldet. Jede Sitzung wird einer davon besprochen. Es ist Hochsommer. Sonntag. Mir ist kalt. Auch die Entspanntesten im Raum bekommen einen trockenen Hals, wenn sie vorlesen müssen. Die Besprechungen danach: wahrscheinlich wohlwollender als jede Eingangsveranstaltung in Wien, Biel, Leipzig, Hildesheim. Und für uns alle trotzdem eine Ausnahmesituation. Das hier ist persönlich, nicht wissenschaftlich, geprägt von leisen Wünschen und der Angst vor dieser Sehnsucht, die hier doch eigentlich in Schubladen wohnt und im Schatten des großen Kanons verendet, den wir hier studieren, um schließlich Doktorarbeiten zu schreiben, auf die die Welt wartet (no shade). 

Als ich dran bin: Hitze, Müdigkeit, Stille. Und ich tu, was ich schon mein Leben lang am besten kann: Ich weine. Während zaghafte Rückmeldungen kommen, dass viele den Text nicht so ganz verstehen, denke ich: Das war’s. Das war deine Chance. Sie sehen es nicht. Vielleicht ist es einfach gar nicht da.

Ich möchte mich aus dem Fenster in meinem Rücken abseilen, aus dem Raum stürmen, aber ich stürme nicht. Die Situation eignet sich auch nicht zum stürmen, hier geht es um mich. Ich halte es aus: Die Komplimente für den Text (die ich natürlich alle vergessen habe), die Fragen, die Ratschläge, ich nicke. Mit einer etwas leiseren Stimme als vorher beendet Willemsen die Sitzung, ich beeile mich, zu verdunsten.
Einen Tag später schreibe ich der Kommilitonin, die das Seminar koordiniert, bitte sie um die Mailadresse des Dozenten. Sie sagt: Ah, er hat mich auch grad nach deiner gefragt. 

Die E-Mails, die ich mit Roger Willemsen ausgetauscht habe, gehören mir und ich habe keine Lust, sie zu teilen. Aber vielleicht reicht es, wenn ich teile: dass ich zu viel weine“, höre ich seit der 1. Klasse. Zu sensibel bin ich. Muss mich stählen. Mir Berufsjacken verschaffen, Rüstungen wachsen lassen, was weiß ich. Dabei mag ich keine Filme, in denen Leute Helme tragen – da geht’s mir wie Lotta Kummer.
Was ich von Roger Willemsen geschenkt bekam, war: Verständnis. Denn er fand, diese Tränen, für die ich mich mein Leben lang geschämt hatte, seien „das Wahrhaftigste, Ehrlichste, das Sie zeigen konnten.“

Wenn mich heute eine strenge Besprechung, ein abwertender Kommentar, eine ignorante Frage irgendwie sehr doll in die Magengegend trifft, dann denke ich daran:

„Es ist doch fast unmöglich, alle Empfindlichkeit in einen Text zu legen und dann bei der Resonanz auf den Text unempfindlich zu sein!“

Über den Sommer tauschten wir uns noch hin und wieder aus. Er schickte mir ein Word-Dokument mit 10 Regeln für Schriftsteller*innen, die in der Neuen Rundschau erschienen sind – für die ich vier Jahre später auch eine Liste formulieren würde. Wusste ich natürlich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Trotzdem scheint mir das hier die richtige Stelle zu sein, um zu sagen, was er damals im Seminar sagte: „Der S. Fischer Verlag ist für mich der beste Verlag, den es gibt.“

In Willemsens Seminar lernte ich einige Regeln über das Schreiben, aber vor allem gab mir das Erlebnis Gewissheit: darüber, wie ernst ich das alles meinte. Wie wichtig es mir war. Und dass es Leute gab, die genau das verstehen konnten. Als Seminararbeit gab ich eine Sammlung von kurzen Texten ab. Alle von ihnen erschienen im Laufe des nächsten Jahres in kleinen Zeitschriften und Anthologien. Aber bevor ich Willemsen davon berichten konnte, starb er. 

Ich las viele der Notate zu Willemsens Tod. Hörte zu, wenn Menschen über ihn sprachen. Ich wusste, dass meine Begegnung mit ihm nur eine kurze, eine kleine gewesen war. Dass er sehr enge Freunde zurückließ, Menschen, mit denen ihn so viel mehr verband. Trotzdem war ich traurig – und gleichzeitig verstärkte sich der eigene Wunsch nicht nach einem langen, sondern einem reichen Leben. Eine eigentümliche, vielleicht egozentrisch wirkende innere Bewegung: „Jetzt bist du dran. Nun mach auch. If you mean it.“

Meine Begegnung mit Roger Willemsen hat sich 2025 zum zehnten Mal gejährt. Und dieses Jahr ist er 10 Jahre tot. Gern wollte ich ihm natürlich von jedem meiner Schritte erzählen. Seine Mails liegen noch in meinem Postfach. Seine Bücher stehen in meinem Regal. Als ich meine DEUTSCHLANDREISE für diesen Text wieder aufschlage, bleibt mir kurz die Luft stehen, denn Willemsen erzählt auf S. 87:

„Aus Gotha, erzählte mir ein [sic!] Frau auf Usedom, stammt das wandelnde Symbol für den unabgeschlossenen Prozess des Zusammenwachsens: Ein junger Mann lebte da, der sich zu DDR-Zeiten nicht vor allem die Demokratie gewünscht hatte, sondern Frau zu werden. Als die Mauer fiel, steckte er sein Begrüßungsgeld und alle verfügbaren Kredite in eine Geschlechtsumwandlung. Nach der dritten Operation und der Einnahme von Hormonen verweiblichte er sichtbar. Dann war alles Kapital verbraucht, jeder Kredit erschöpft und jetzt rennt das arme Mensch durch die Welt, irgendwo stehen geblieben zwischen Mann und Frau, der einsame Repräsentant eines Halb-Geschlechts, der unvollendeten deutschen Vereinigung, und fürchtet sich vor dem Mob, den Schlägern im Sinne des gesunden Volksempfindens.“

Und mein genderfluides Herz hüpft – und ich bin mal wieder irgendwo zwischen reißendem Fluss und melancholischer Pfütze. Wie gern würd ich mit ihm jetzt darüber reden. Darüber, wie viel ich dort von mir sehe und wie die Unvollkommenheit doch auch so schön sein kann und gleichzeitig brutal. Und wie die Zeit Texte verändert und uns und der Text uns sowieso und wir manchmal die Texte und unausweichlich die Zeit. Und natürlich kann er mir nicht mehr widersprechen und ich hoffe, das geht in Ordnung, wenn ich vermute: Über die Schönheit der Unvollkommenheit wären wir uns einig. 

Anita Affentranger
© Anita Affentranger
Roger Willemsen

Roger Willemsen, geboren 1955 in Bonn, gestorben 2016 in Wentorf bei Hamburg, arbeitete zunächst als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den ...

Zum Autor | HerausgeberBücher von Roger Willemsen
Olga Blackbird
© Olga Blackbird
Miku Sophie Kühmel

Miku Sophie Kühmel wurde 1992 in Gotha geboren. Sie hat Literatur- und Medienwissenschaften studiert – kurz in New York und länger in Berlin, wo sie heute lebt und arbeitet. Sie ist freie Schriftstellerin und produziert verschiedene Podcast-Formate. Nach Veröffentlichu ...

Zur AutorinBücher von Miku Sophie Kühmel

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