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PRIDE

Im November erscheint bei uns Kate Davies' Roman »Love Addict«. Anlässlich des Pride Month schrieb sie für uns über Pride Parades in Zeiten von Covid-19, wie die Black Lives Matter Proteste an Stonewall erinnern können und warum Pride dieses Jahr besonders politisch ist.

Eigentlich liebe ich es, zur Pride zu gehen. Ich liebe die Jugendlichen mit Glitzer auf den Gesichtern, die Busse voller LGBTQ+ Rentner*innen, dass es ok ist, um elf Uhr morgens Wein direkt aus der Flasche zu trinken. Ich verstehe, warum sie manche Menschen meiden – manche finden, dass Mainstream Pride Events nicht inklusiv genug sind für alle in der queeren Community, insbesondere People of Color, und dass dort zu viele Barclay’s-Mitarbeiter*innen sind, die Broschüren zu Sparbüchern verteilen – dennoch denke ich, dass es wichtig ist, dabei zu sein. Denn Pride ist nicht nur eine Feier der LGBTQ+ Community: Es ist ein politischer Protest. Nur eben ein extrem freudiger.
Dieses Jahr steht das 50. Jubiläum der ersten Pride Parades an, und vor 51 Jahren, am 28. Juni 1969, begann »Stonewall Uprising«, auch bekannt als Stonewall-Aufstand. In dieser Nacht stürmte die Polizei das Stonewall Inn in New York City und nahm dreizehn Menschen fest, darunter Menschen, die aufgrund der Verletzung des New Yorker Gesetzes zu »geschlechts-gerechter Kleidung« für schuldig befunden wurden. Hunderte von Menschen – angeführt von Schwarzen Lesben und trans Frauen – wehrten sich gegen die polizeiliche Einschüchterung und entzündeten eine neue Bürgerrechtsbewegung. Pride Parades fühlen sich heute eher nach Partys an als nach Protesten, aber für Millionen Menschen auf der Welt ist es viel zu gefährlich, an Pride teilzunehmen. In Uganda wurde Pride 2017 abgesagt: Die Regierung sagte ›No gay promotion can be allowed‹. In Uganda wird »körperliche Kenntnisse gegen die Gesetze der Natur« zwischen zwei Männern mit lebenslanger Haft bestraft. 2018 nahm die russische Polizei aufgrund eines Gesetzes, das die Verbreitung von »Gay Propaganda« verbietet, dutzend LGBTQ+ Aktivist*innen fest, die an einem Pride Event in St. Petersburg teilnahmen. 2019 fand Istanbul Pride statt, obwohl es von den türkischen Autoritäten untersagt wurde, und die Polizei verwendete Tränengas um die Menge aufzulösen. Weltweit wurden die meisten 2020 Pride Events wegen der Covid-19 Pandemie abgesagt, aber dieses Jahr fühlt sich Pride noch politscher als zuvor an. 

In letzter Zeit dachte ich viel über den Ursprung von Pride nach, als ich die globalen Black Lives Matter Proteste als Antwort auf Polizeigewalt und Diskriminierung gegen die Schwarze Community verfolgte und an ihnen teilnahm. Manche dieser Proteste wurden als »Unruhen« charakterisiert, so wie »Stonewall Uprising« auch. Ich hoffe sehr, dass wir zurückblicken und diese Proteste als Wendepunkt im Kampf für Gleichberechtigung feiern werden, so wie Stonewall heute als entscheidendes Event für die LGBTQ+ Bürgerrechtsbewegung gefeiert wird. Die Black Lives Matter Proteste erinnern mich daran, wie privilegiert ich bin, nicht nur als weiße Person, sondern auch als cis Lesbe. Es erinnert mich daran, dass es noch so viel gibt, für das wir kämpfen müssen: Allein in diesem Pride Monat hat Donald Trump Regelungen abgeschafft, die trans Amerikaner*innen vor Diskriminierung im Gesundheitswesen schützen sollen und sagte dem Supreme Court, dass Adoptionsagenturen dazu befugt sein sollten, gleichgeschlechtliche Paare zu diskriminieren. In Großbritannien hat Boris Johnson Pläne verworfen, die es für trans Menschen einfacher machen sollten, ihr Geschlecht auf ihren Geburtsurkunden zu ändern, und auch das legale Anerkennen von non-binären Geschlechtsidentitiäten wird nicht weiterverfolgt. 

Ein wesentlicher Punkt von Pride ist es, Scham entgegenzuwirken – aber wenn man privilegiert genug ist, eine weiße Frau im 21. Jahrhundert zu sein, so wie ich es bin, könnte man schnell denken, dass Scham unter LGBTQ+ Menschen in der Vergangenheit liegt. Letztes Jahr nahm ich an einem Event über »gay shame« am London Globe Theatre teil und ich fühlte mich wie eine Betrügerin – ich bin so unglaublich froh und dankbar, queer zu sein, also war ich mir nicht sicher, ob ich irgendetwas beitragen könnte. Aber dann erinnerte ich mich, dass ich mein Outing erst mit 25 hatte. Es war nicht so, dass ich nicht früher wusste, dass ich queer war – mit 14 war ich total verknallt in ein Mädchen in meiner Theaterklasse, und hörte sogar Slipknot um sie dazu zu bringen, mich zu mögen (verzweifelte Maßnahmen) – aber auf Mädchen zu stehen führte dazu, dass ich mich schmutzig fühlte, räuberisch, als wäre ich eine Gefahr bei Pyjamapartys, daher schien es einfacher, nicht auf sie zu stehen. Es ist kein Wunder, dass ich mich so fühlte. Als ich in der Schule war, haben Zeitungen queere Menschen als »Schwuchteln« und »Perverse« betitelt, und eine Klausel im »UK Local Government Act«, bekannt als »Section 28«, verbot Lehrer*innen die »absichtliche Förderung von Homosexualität«, was bedeutete, dass gleichgeschlechtliche Beziehung in keiner Schule erwähnt und homophobem Mobbing nicht nachgegangen wurde. Als ich mich in meinen 20ern endlich outete, war ich frei von Scham und BEZAUBERT, als ich realisierte, dass ich lesbisch bin.

Für mich ist es ein Geschenk, queer zu sein – eines der Dinge, die ich am meisten an mir liebe und das wollte ich in meinem Debütroman »Love Addict« reflektieren. Der Roman erzählt die Geschichte von Julia. Sie realisiert mit 26, dass sie lesbisch ist und schämt sich überhaupt nicht für ihre Sexualität. Sie stürzt sich in das gay Leben mit gay Hingabe und ist überglücklich, dass die queere Kultur ihre Kultur ist – RuPaul’s Drag Race, Dusty Springfield, But I’m a Cheerleader, vegetarisches Essen, Musicals, Carhartt Hosen, nur die besten Sachen. Darüber hinaus wollte ich lesbischen Sex feiern und darüber ehrlich und frei schreiben, auf eine Weise, wie Schriftsteller wie Philip Roth jahrzehntelang über heterosexuellen Sex geschrieben haben. Julia ist ERSTAUNT und ENTZÜCKT als sie das erste Mal Sex mit einer Frau hat und sie kann es nicht glauben, welch unterschiedliche Dinge queere Frauen miteinander tun können (Fisting! Großartig! Strap-ons! Unglaublich!). Ich habe es geliebt, über Julias erste Pride Parade zu schreiben – dieses wundervolle, aufregende Gefühl von Freiheit, wenn man das erste Mal mit der eigenen Community unterwegs ist, wenn Händchenhalten mit deiner Freundin sich wie das Natürlichste der Welt anfühlt, wenn man realisiert, dass queer sein nichts ist, was toleriert oder akzeptiert werden muss, sondern gefeiert wird. 

Dieses Jahr am 27. Juni werden Pride Organisationen aus der ganzen Welt zusammenkommen um Global Pride online zu feiern: ein 24-stündiger Livestream mit Musik, künstlerischen Performances und Reden von Aktivist*innen und Personen des öffentlichen Lebens aus der ganzen Welt. Ich werde zusehen, feiern und ich werde Wege finden zu protestieren, auch aus der Ferne. Denn ich möchte, dass alle die Freude und den Stolz fühlen, den ich fühle. Und ich weiß, dass wir Gleichberechtigung erst erreicht haben, wenn jede*r Gleichberechtigung erfahren wird – alle Nationalitäten, Genderidentitäten, Menschen mit allen, ganz unterschiedlichen Hintergründen – in der LGBTQ+ Community und in der ganzen Welt.

Aus dem Englischen übersetzt von Sophie Priester

Kate Davies ist in London geboren und aufgewachsen. Bevor sie Schriftstellerin wurde, studierte sie Englische Literatur in Oxford und schrieb und lektorierte Kinderbücher. Sie ist außerdem Drehbuchautorin und hatte eine kurze Karriere als Burlesque-Tänzerin, die ein abruptes Ende fand, als Kate, als Bingo-Ball verkleidet, in einem konservativen Londonder Pub von ...

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