Audrey Niffenegger im Gespräch über ihr neues Buch »Die Unruhe der Zeit«
Mehr als 20 Jahre nach dem Welterfolg von »Die Frau des Zeitreisenden« setzt Audrey Niffenegger ihr faszinierendes Universum in »Die Unruhe der Zeit« fort. Im Zentrum steht nun die erwachsene Tochter Alba: Wie ihr Vater reist auch sie unkontrolliert durch die Epochen, lernt jedoch, ihre Fähigkeiten zu nutzen. Ihr Leben wird rasant kompliziert, als sie plötzlich in zwei Zeiten mit verschiedenen Männern verheiratet ist. Neben diesem doppelten Liebeschaos kämpft Alba mit ungewöhnlichen Verbündeten mutig gegen den drohenden Zerfall der Welt.
Katie Noah Gibson im Gespräch mit Audrey Niffenegger
Was hat dich dazu bewogen, nach mehr als 20 Jahren in die Welt von »Die Frau des Zeitreisenden« zurückzukehren?
Ich habe im November 2012 angefangen, das neue Buch zu schreiben, als die gesellschaftliche Stimmung eine ganz andere war als heute.
Ich wollte über den Klimawandel schreiben. Außerdem hatte ich die Vorstellung, dass Alba ein Haus besitzt – einen Ort, an den sie mit großer Beständigkeit zurückkehrt. Das unterscheidet sie sehr von Henry, ihrem Vater, dem Protagonisten aus »Die Frau des Zeitreisenden«.
Und ich wollte auch über Kunst und Gemeinschaft schreiben. Ich fand es reizvoll, mich damit auseinanderzusetzen, wie sich das künstlerische Leben einer Person und das Leben der Gemeinschaft kreuzen und überschneiden. Jedes Kunstwerk bringt eine ganze Konstellation von Fragen mit sich, und ich habe die Arbeit an diesem neuen Buch und den damit verbundenen Fragen sehr genossen.
»Die Unruhe der Zeit« setzt sich intensiv mit der Rolle von Kunst und Kunstschaffenden in der Gesellschaft auseinander, besonders in Zeiten rasanten Wandels.
Alba und Oliver sind, wie viele andere meiner Figuren, Kunstschaffende: Musikerinnen, Bildhauer, kreative Geister unterschiedlichster Art.
Es gibt so viele verschiedene Arten, menschlich zu sein. Ich mag es, wenn Menschen sich wirklich ausleben und quasi die stärkste Version ihrer selbst verkörpern – schrullig, exzentrisch oder einfach nur herrlich unkonventionell. Ich liebe Vielfalt. Alba mit ihren Millionen von Geheimnissen versucht im Grunde auch nur, zurechtzukommen, andere zu beschützen, ihre Kunst zu erschaffen und die zu lieben, die sie liebt. Alle Figuren verspüren das fast schon verzweifelte Bedürfnis, einander Fürsorge entgegenzubringen, sei es durch Kunst, Essen oder politische Organisation – mit jeder Ressource, die ihnen zur Verfügung steht.
Aufgrund ihrer Fähigkeit, durch die Zeit zu reisen, weiß Alba oft, was in der Zukunft geschehen wird, aber sie kann diese Ereignisse nicht ändern. Sie muss abwägen, ob und wie sie ihr Wissen preisgibt. Das wirkt sich auf ihre Beziehungen zu anderen Menschen aus.
Ein Zeitreise-Roman ist immer eine spannende Herausforderung, weil ich der Leserschaft im Grunde zu jedem Zeitpunkt alles verraten könnte. Herauszufinden, wie man Informationen dosiert und die Leserinnen und Leser den Aufbau von Beziehungen und Handlung miterleben lässt, ist ein heikler Balanceakt.
Das Fundament beider Bücher (»Die Frau des Zeitreisenden« und »Die Unruhe der Zeit«) ist der Konflikt zwischen freiem Willen und Determinismus. Für die meisten Figuren gilt: Solange sie den Ausgang eines bestimmten Ereignisses nicht kennen, steht es ihnen frei, Entscheidungen zu treffen. Alba hingegen, die bestimmte zukünftige Ereignisse bereits durchlebt hat, weiß, was passieren wird. Sie bemüht sich nach Kräften, niemandem die Zukunft zu verraten, weil ihr bewusst ist, dass sie den Menschen damit die Möglichkeit nimmt, selbst zu entscheiden. Es hat keinen Sinn, jemandem im Vorfeld von Ereignissen wie Pandemien oder Wahlen zu erzählen; alle wären so entmutigt – oder auch euphorisiert –, dass sie keine Anstalten mehr machen würden, sich zu bemühen. Man nähme den Leuten also ihren freien Willen. Sie würden zu Rädchen in dieser deterministischen Maschine.
Künstliche Intelligenz spielt im Roman eine wichtige Rolle, insbesondere in Form von Isadora.
Alan Turing hat einen Essay über einen Prozess zur Entwicklung einer realistischen KI geschrieben: Er schlug im Grunde vor, sie wie ein Kind aufzuziehen und sie durch die verschiedenen Entwicklungsstadien zu führen. Das schien mir eine interessante, provokante Idee zu sein, Beck, die Programmiererin hinter dem Museum der verlorenen Seelen, dieses Experiment tatsächlich durchführen zu lassen: angefangen bei Isadora als Kind, das Beck nach und nach begleitet, bis Isadora ein erwachsenes Bewusstsein entwickelt hat.
Sie ist eine gutartige KI, deren Zweck es ist, Dinge zu bewahren, zu kuratieren und zu hüten, sodass sie zumindest in einer digitalen Form existieren – obwohl ich niemals behaupten würde, dass das Digitale und das Physische gleichwertig sind. Das Museum der verlorenen Seelen soll all jene Dinge aufzeichnen, die entweder bereits verloren sind oder verloren gehen könnten.
Im Verlauf des Romans müssen sich die Figuren, insbesondere Alba und Oliver, mit den Auswirkungen des ungebremsten Klimawandels auseinandersetzen.
Ab einem bestimmten Punkt dreht es sich im Roman darum, den Niedergang zu verwalten, und so ist es ja auch in der Realität. Gesellschaften und Zivilisationen steigen auf und fallen, und wenn ein gewisser Punkt des Exzesses überschritten ist, können bestimmte Dinge nicht mehr aufrechterhalten werden. Kapitalismus und Konsumverhalten haben uns in eine Situation gebracht, in der es ein unhaltbares Maß an solchen Dingen gibt. Schaffen wir es, die richtige innere Haltung einzunehmen, um zu tun, was getan werden muss, um eine ganze Reihe von wirklich katastrophalen Folgen für unseren Planeten zu verhindern?
Das Interview führte Katie Noah Gibson. Übersetzung: Julia Heinen. Gekürzte Version des Original-Interviews.


