Interviews

Interview mit Judith Hermann zu »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«

Grafik mit Foto von  Judith Hermann

Was gab den Anlass für Sie, ein Buch wie »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«, zwischen Roman und Recherche, zu schreiben?

Anlass waren Gespräche mit meiner Mutter, in denen mir deutlich wurde, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, offene Fragen zu Herkunft, Familie und Vergangenheit zu klären. Meine Mutter ist alt, sie hat ein langes Leben gelebt und der Abschied steht sehr bedrohlich über all unseren Begegnungen. Ich wollte meine Fragen an meine Mutter präzise und einfach formulieren, ein diffuses und eher hilfloses Gefühl konkretisieren – vielleicht fast auch aus einer Art von Notwehr heraus. Dass der Text dann zwischen Roman und Recherche changiert, liegt am Thema: aus der SS Vergangenheit des Vaters meiner Mutter ließ sich kein Roman machen.

Sie folgen im Buch den Spuren Ihres Großvaters. Geht es Ihnen mehr um das, was über ihn erzählt wird -- oder um das, was eben nicht erzählt wurde?

Am Anfang ging es um das, was ich über meinen Großvater wusste. Am Ende hat sich gezeigt, dass bis heute vor allem über ihn geschwiegen wird: das Leben meines Großvaters ist ein interfamiliärer Coldcase. Es geht also um das, was eben nicht erzählt wird – aber anders als sonst ist diese Leerstelle nicht literarische Form, sondern Bedingung gewesen. Ich habe versucht, mir von meiner Familie etwas über meinen Großvater erzählen zu lassen, meine Familie will mir aber nichts über meinen Großvater erzählen. Ich habe versucht, darüber zu schreiben, dass ich trotz dieses Schweigens nicht damit aufhören möchte, über meinen Großvater nachzudenken.

In Ihren Büchern gibt es keine unnötigen Wörter, alles, was gesagt wird, ist von Bedeutung. Wie kommen Sie zu ihrer dichten Sprache?

Ich versuche, mit Streichungen zu arbeiten. Die ersten Textfassungen sind lang, die zweiten, dritten dann deutlich kürzer. Es kann sein, dass durch das Wegnehmen von Sätzen, von Information oder Gefühlen, der Eindruck der Dichte entsteht. Die ursprüngliche Geschichte, das ursprünglich Gedachte ist zwischen den Zeilen noch lesbar.

Schmerzhafte Leerstellen der eigenen und der Herkunftsgeschichte ermöglichen immer auch Raum, der mit eigenen Spekulationen und Mutmaßungen gefüllt werden kann. Ist diese Offenheit für Sie auch ein Schreibanlass?

Ich empfinde es als befreiend, Raum für Interpretation zu lassen, ja. Als könne ich so das vorgegebene, vorbestimmte Leben verändern oder erweitern. Das Erzählte bleibt beweglich und durchlässig, der Leser, die Leserin kann die Leerstellen des Textes
mit der eigenen Geschichte, der eigenen Erfahrung füllen.

Wie finden Sie beim Einlesen zu dieser ganz eigenen Interpretation Ihrer unverwechselbaren, sehr dichten schriftlichen Erzählweise?

Das laute Lesen ist ein wesentlicher Teil der Arbeit. Wenn der Text eine bestimmte Sicherheit, eine sprichwörtliche Fassung erlangt hat, beginne ich damit, ihn mir selber vorzulesen, ihn am Ende beinahe vor allem hören zu wollen. Das Einlesen des Textes im Studio ist beglückend für mich. Und zugleich ist es auch eine finale Probe, eine allerletzte Fassung, eine allerletzte Möglichkeit zur Korrektur.

Ihre Mutter und deren Schweigen sind sehr präsent in Ihrem neuen Werk. Sie schreiben: »Ich dachte an die Unnachgiebigkeit meiner Mutter, an ihre erbarmungslose Verstocktheit, ihre Art sich in Stein zu verwandeln, nicht mehr ansprechbar zu sein.« Wäre dieser Roman mit einer mitteilungsfreudigen, sich bereitwillig erinnernden Mutter überhaupt entstanden?

Nein, wäre er nicht. Die Schwierigkeiten meiner Mutter, über ihre Erinnerungen zu sprechen, waren in einem bestimmten Sinn ausgesprochen literarisch. Sie waren geheimnisvoll und rätselhaft, unbequem und herausfordernd. Und sie kamen und kommen meinem grundsätzlichen und eigenen Hang zum Verschweigen am Ende ja doch entgegen. Sie sind mir sehr vertraut.

Wie spricht man über jemanden, der selbst nicht spricht?

Ich würde sagen – zärtlich? Es ist mir wichtig gewesen, meine Mutter nicht zu verurteilen, ihr Schweigen nicht persönlich zu nehmen, sondern die Gründe für dieses Schweigen zu begreifen. Zu berücksichtigen. Meine Mutter ist mir am Ende des Buches paradoxerweise auch durch ihr Schweigen besser verständlich geworden. Ich würde sagen, dass wir uns schweigend näher gekommen sind.

Wenn Sie Ihre Arbeit im Tonstudio beginnen, liegt der Schreibprozess schon einige Zeit zurück. Was setzt das laute Einlesen des sehr persönlichen Textes bei Ihnen in Gang?

Oh, ich glaube tatsächlich vor allem Wehmut. Das Einlesen ist ein Abschied, von hier aus geht das Buch seinen Weg, auf dem ich aber gar nicht mehr dabei bin, den ich nicht begleiten kann. Ich muss es ziehen lassen, ich kann nichts mehr zurücknehmen. Einlesen heißt, eigentlich schon wieder von vorne anzufangen. Es ist eine Trennung und das ist strapaziös. Und zugleich natürlich sehr lebendig.

 

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Andreas Reiberg
© Andreas Reiberg
Judith Hermann

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihrem Debüt »Sommerhaus, später« (1998) wurde eine außerordentliche Resonanz zuteil. 2003 folgte der Erzählungsband »Nichts als Gespenster«. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. 2009 erschien »Alice ...

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