Interview mit Ines Geipel
»Landschaft ohne Zeugen«, das neue Buch von Ines Geipel, ist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert. Welche Rolle spielte das Konzentrationslager Buchenwald für die DDR und welche für die gesamtdeutsche Erinnerung? Warum ist der Holocaust nach wie vor nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Im Gespräch mit Sascha Michel erzählt Ines Geipel von der Erinnerungskälte in Ost und West und unserer notwendigen Konfrontation mit der Wirklichkeit des Massenmords.
Ines Geipel im Gespräch mit Sascha Michel
Bereits in »Fabelland« sind Sie mit dem jüdischen Überlebenden Carl Laszlo über das Gelände von Buchenwald gegangen. Warum jetzt ein ganzes Buch nur über Buchenwald?
»Hier war ich nie«, war der Satz von Carl Laszlo, als wir beide über das Lagergelände von Buchenwald liefen. Der Satz strahlt in das neue Buch hinüber. Schon deshalb war der Blick in die Quellen dran. Natürlich hatte ich Respekt vor dem Stoff, vor seiner Härte. Es gibt das sehr gute Buch von Henry Leide zu »Auschwitz und Staatssicherheit«, aber es fehlte nach der Niethammer-Studie zu den roten Buchenwald-Kapo, die allein auf den Partei-Akten fußt, aus den Stasiakten heraus eins zu Buchenwald. Dabei war Buchenwald ja nicht nur der Staatsmythos der DDR. Es ist noch immer der ideelle Kitt des Opferkollektivs Ost, sein Gral, das innere Mahnmal seiner Identität. Mit Blick auf die aufgeriebene politische Situation im Land, die aktuelle Dimension der DDR-Verklärung, aber auch der Tiktokisierung der Erinnerung hielt ich so ein Buch für notwendig.
Sie haben selbst als Vierzehnjährige oben auf dem Appellplatz von Buchenwald gestanden und mussten dort in blauer FDJ-Uniform den Staatsschwur auf die DDR leisten. Was war das für eine Zeremonie damals in der DDR?
Sie war das geforderte Bekenntnis zum Staat, insbesondere um den Einfluss der Kirche zu schwächen. Eine Art Konfirmation zum Glauben Kommunismus. Wer dieses Ritual nicht leistete, konnte sich allerhand Schwierigkeiten einhandeln, etwa das Abitur oder den Studienplatz verlieren. Die Jugendweihe fand in der DDR ab 1955 statt. Jahr für Jahr standen also hunderte Jugendliche da oben auf dem ehemaligen SS-Exerzierplatz und wurden auf die DDR-Diktatur eingeschworen, zusätzlich zum obligaten Dauerprogramm des Erinnerns. Das hatte Folgen.
»Wie verloren wir in dem Unverstandenen waren«, heißt es über die Jugendlichen, die da rauchend und ratlos 1974 auf dem Buchenwald-Gelände standen. Dieses Gefühl des Verlorenseins kannten wahrscheinlich viele Schüler, viele Schülerinnen von solchen Exkursionen. Was war das Besondere in der DDR? Und warum hat sich die DDR ausgerechnet Buchenwald ausgesucht?
Die Gedächtnispolitik der DDR war monolithisch, und sie war instrumentell. Im Kern entlang der Erzählung: Unter den Deutschen haben allein die Kommunisten Hitler besiegt, die Täter sind alle im Westen abgetaucht, und wir bauen hier das bessere, wärmere Deutschland auf. Vom Kampf zum Sieg ins Licht. Das war Überwältigungstheater. Warum Buchenwald und nicht Sachsenhausen oder Ravensbrück, ist eine gute Frage und hatte vor allem mit den Machtscharmützeln in der frühen DDR zwischen den durchorganisierten Buchenwald-Kadern und der Ulbricht-Gruppe, den Moskau-Exilierten, zu tun.
Bis heute ist der Osten ja durchaus stolz auf die »Aufarbeitung« des Holocaust in der DDR. Und einen ganzen Staat auf den Kampf gegen Faschismus einzuschwören, klingt heute angesichts von Trump und AfD eigentlich auch gar nicht so schlecht. Was genau lief falsch beim staatlich verordneten Antifaschismus der DDR?
Es ging in der DDR eben genau nicht um die Aufarbeitung des Holocaust. Den Begriff gab es über lange Zeit gar nicht. Es ging durchweg um Faschismus. Nach dem Machtschock des 17. Juni 1953 brauchte das Regime aber händeringend ein Identifikationsangebot. Da bot sich Buchenwald an. Es wurde zur großen Entlastungserzählung für Ostdeutschland im Hinblick auf den Nationalsozialismus und ermöglichte den Ulbricht-Leuten, eine Art Kollektiv-Identität zu formen, eine geschützte normative Ordnung, ein Denkhabitus, eine politische Kultur. Allerdings hatte das protegierte Buchenwald-Bild nichts mehr mit der Realität des Lagers zu tun. Dazu nur eine Zahl: Von 56 000 Toten gab es in Buchenwald 109 tote deutsche Kommunisten. Oder auch: Es kamen dort überproportional viele europäische Juden, Franzosen, Polen, Tschechen, auch viele sowjetische Soldaten, ums Leben. Buchenwald war ein europäischer Ort des Grauens. Mit vielen, sehr unterschiedlichen Opfergruppen: Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeiter, Homosexuelle, vermeintlich Asoziale oder Kriminelle, Sterilisierte, Gesundheitsgeschädigte. Das alles kam jedoch nicht ins Bild und auch nicht in die Erzählung. Dazu das, was der kommunistische Lagerterror unter dem SS-Terror bedeutete. Das staatlich verordnete Gedächtnisbild der DDR war wie Beton. Nichts durfte konkret werden.
Was »Buchenwald« für den Osten war, war »Auschwitz« für den Westen. Wie würden Sie die Gedächtnispolitik der Bundesrepublik im Vergleich zur DDR beschreiben?
Das ist ein großer Stoff. Grundsätzlich aber hat die DDR geschichtspolitisch die Rolle des Opfers bis zum Ende eisern durchgehalten und hatte damit entsprechend auch kein Nations-, kein Identitäts- und kein Kontinuitätsproblem. Der Westen hat nach langer Verzögerung und sicherlich mit allerhand Defiziten, aber irgendwann dann doch die Rolle des Täters angenommen. Daraus ergaben sich völlig andere Bruchlinien, aber eben auch konstruktive Öffnungen. Buchenwald wäre nach 1989 der Ort für eine gedächtnispolitische Neubegründung des vereinten Deutschlands gewesen. Es dürfte keinen Ort in Deutschland geben, an dem sich rote und braune Gewaltwelten so nahekamen und im Nachhinein derart strikt wieder getrennt wurden. Das im Kern anzuschauen, hat nicht stattgefunden.
Ist das der Grund, warum die »Erinnerungskälte«, von der Sie sprechen, trotz aller Unterschiede für ganz Deutschland gilt?
Jedenfalls ist auffällig, dass sich Ost und West auch nach 35 Jahren Einheit nicht an diesen Gravitationskern heranwagen. Wie viel Abwehr, Umweg, Verleugnung. Keine Frage, es geht auch um was: zwei politische Mythenströme, normative Ordnungen, mentale Regime, Entlastungssysteme. Aber diese Klärung ist nicht zu umgehen.
Im Untertitel des Buches ist vom »Riss der Erinnerung« die Rede. Was genau ist mit diesem »Riss« gemeint?
Bereits im August 1945 hatte der französische Journalist und Buchenwald-Häftling David Rousset in einem der frühesten Lagerberichte geschrieben: »Das KZ-Universum schließt sich wieder. Es bleibt in der Welt wie ein toter Stern.« Über diesen toten Stern wollte ich schreiben, über das Unübersetzbare, die verkapselte Erfahrung der Zeugen, die damit zu Nichtzeugen werden. Zu Stimmen, die nicht mehr weggehen, nicht weggehen dürfen, die auf etwas verweisen, das größer ist als unsere entzündete Zeit. Dieser Riss pulst, auch wenn wir ihn wegzureden versuchen.
Es war Ihnen wichtig, unten auf den Buchseiten ein vom eigenen Text abgesetztes Band mit O-Tönen und Quellen laufen zu lassen. Was sind das für Quellen, und warum wollten Sie das unbedingt?
Unser Blick auf die Realität der Lager scheint mir normiert. Opfer? Täter? Dabei mögen wir es nicht, wenn das Opfer zum Massenmörder wird, weil es womöglich ansonsten nicht überleben würde. Ich wollte dem Leser die Möglichkeit geben, sich selbst im Material aufzuhalten, ich wollte ihn autorisieren und damit auch seine Zeugenschaft einfordern. Das Buch ist vor allem ein Plädoyer für die hochgradige Ambivalenz der Erinnerung. Es ging mir um Bildstörung, um Bilderweiterung.
Wie »Fabelland« ist auch »Landschaft ohne Zeugen« vor allem eine Suchbewegung. Kein lautes, besserwisserisches Sachbuch. Ein Buch, das der Erinnerungskälte vor allem zwei Dinge entgegenzusetzen versucht: Zum einen ganz hart und direkt die ›objektiven‹ Quellen. Zum anderen im eigenen Text eine poröse, ›subjektive‹ Prosa, die in ihrem Suchen und Befragen etwas sehr Literarisches hat. Wie ging das beim Schreiben für Sie zusammen? Oder sind vielleicht schon all diese Gegenüberstellungen Teil des Problems?
Wir leben in einer belärmten, vielmeinenden, rutschigen Zeit. Ich mag das mit den Quellen. Als würden sie mir etwas Stand zurückgeben, die Entzündung aus der Zeit nehmen. Gleichzeitig ist das Text-Ich ja immerzu drin. Es ist keins mit großer These, Distanz oder Überblick. In »Landschaft ohne Zeugen« ist das Text-Ich ein Stottermädchen. Ein Symbol-Ich für das entzogene Wissen und die Täuschung, denen die Ostdeutschen nach 1945 ausgesetzt waren. Die Suche hat für mich immer was mit Öffnung zu tun. Das Stotter-Mädchen will da durch. Es ist keine Gegenüberstellung und eben auch keine Vermischung. Es ist eine Konfrontation mit einer Realität, die noch nicht da, nicht öffentlich ist. Das Mädchen sucht nach einer neuen Spur.
Irgendwo im Buch stellen Sie die Frage: »Wie man es machen könnte, das Grauen so zu beschreiben, dass man weiterliest?« Wäre das, auch gesellschaftlich, die Aufgabe, um die es geht: dass wir nicht abbrechen und wegschauen, sondern weiterlesen?
Ja, dass wir weiterlesen, neu schauen, die Bilder wieder eröffnen. Wir wissen noch immer nicht genug.