Interviews

Interview über die Entstehung des »Ungehalten«-Projekts

Friederike Emmerling, Judith Schmid und Johanna Schwung sind Mitherausgeberinnen des Buches »ICH! Neue ungehaltene Reden ungehaltener Frauen« und arbeiten im S. Fischer Verlag.

Pünktlich zum Weltfrauentag erscheint der vierte Band der Anthologie »ICH! Neue ungehaltene Reden ungehaltener Frauen«. Das Ungehalten-Projekt feierte am 10. Dezember 2025 seinen fünften Geburtstag. Wie kam die Idee zu diesem Projekt?

Friederike Emmerling: 1983 schrieb Christine Brückner einen großen Bestseller: »Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen«. Darin versammelte sie fiktive Reden von Frauen aus Literatur und Geschichte. All diese Perspektiven waren sehr ungehalten, zum Beispiel von Christiane von Goethe, Eva Braun oder auch Desdemona. Gleichzeitig stellte sich beim Lesen immer wieder die Frage, was diese Frauen wohl tatsächlich gesagt hätten. Und dann gleich die nächste: Wo sind eigentlich die ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen* von heute?

Mittlerweile gibt es über 700 neue ungehaltene Reden ungehaltener Frauen. Wie ist es dazu gekommen?

Zum 100. Geburtstag von Christine Brückner initiierten die Stiftung Brückner-Kühner und der S. Fischer Theaterverlag (wo die Theaterrechte von Christine Brückner vertreten werden) eine Ausschreibung: Frauen jeder Herkunft und jeden Alters waren eingeladen, ihre ganz eigenen, ungehaltenen Reden als Video einzureichen. Gleich im ersten Jahr erreichten uns fast 100 Reden. Eine Jury wählte sechs daraus aus. Am 10. Dezember 2021, an Christine Brückners 100. Geburtstag, wurden diese Reden dann im Stadtverordnetensaal des Kasseler Rathauses gehalten. Die Resonanz war so überwältigend, dass die Ausschreibung seitdem jährlich stattfindet. Jedes Jahr am 10. Dezember ergreifen sechs Frauen in Kassel das Wort. Mittlerweile haben über 700 Frauen ihre ungehaltenen Reden eingereicht. Unter www.ungehalten.net sind Hunderte Videos davon zu sehen. Aus dem literarischen Impuls von Christine Brückner ist ein beeindruckend vielfältiges und beständig wachsendes Archiv ungehaltener Reden ungehaltener Frauen entstanden.

Was ist das Besondere an diesem Buch?

Normalerweise sind Bücher klar Programmbereichen zugeordnet und damit auch Personen, die das Projekt betreuen. Im Fall der Reden ist es jedoch so, dass abteilungsübergreifend Lektorinnen daran gearbeitet haben, was ein hohes Vermögen an Organisation und Kommunikation erfordert. Von der Projektanlage mit Vergabe der ISBN über die Betextung für unsere Vorschau, den Buchrücken und die Online-Texte bis hin zur Covergestaltung arbeitet ein Team aus verschiedenen internen und externen Frauen daran, jedes Jahr das bestmögliche Buch auf den Weg zu bringen.

Was genau macht das Lektorat bei diesem Buch?

Im Lektorat beginnt der Prozess eigentlich immer mit der Auswahl der Reden, die abgedruckt werden. Das ist wahrscheinlich auch der schwierigste Part, denn jedes Jahr werden so beeindruckende Texte eingereicht, dass die Auswahl sehr schwerfällt. Sobald die Reden feststehen, werden die Rednerinnen gefragt, ob sie Teil des Buchprojekts sein wollen. 

Das Besondere an den »Ungehaltenen Reden« ist, dass wir zeitlich sehr knapp kalkulieren müssen. Idealerweise plant man mit sechs Monaten zwischen der finalen Manuskriptabgabe in unsere Herstellung und dem Erscheinungstermin des Buches. Im Fall der Reden haben wir gerade einmal zwei Monate Zeit für die Produktion. Wir müssen also gut und effizient und auch mit großer Leidenschaft an diesem Buch arbeiten, ansonsten könnten wir die Deadlines nicht schaffen. Im Lektorat an sich gehen wir noch mal inhaltliche und stilistische Fragen durch, wobei wir hier meistens keine größeren Eingriffe vornehmen, denn die Botschaft der Rednerin und ihre Worte sollen ja auch ihre bleiben.

Was motiviert euch, trotz aller Herausforderungen, immer weiter ungehalten zu bleiben?

Johanna Schwung: Es ist so unglaublich empowernd zu sehen, wie aus einem Aufruf eine Bewegung geworden ist, die sich unaufhaltsam ausdehnt. Die Ungehaltenen wuchern in die Museen, die Theater und nun auch die Hörsäle: Die Universität Tübingen hat die »Ungehaltenen Reden« im Wintersemester 2025/26 in den Lehrplan aufgenommen. Zur akustischen Ebene ist nun auch die visuelle hinzugekommen: Die Kasseler Fotografin Anja Köhne hat die Ungehaltenen der vergangenen Jahre porträtiert. Diese Ausstellung wandert – sie startete im Kulturbahnhof Kassel und wird bald in der Stadtbibliothek Rüsselsheim zu sehen sein.

Das Herzstück des Projekts bilden nach wie vor die live gehaltenen Reden: Die Veranstaltungen am 10.12. im Kasseler Rathaus sowie am 08.03. unsere Buchpremiere im Museum für Kommunikation in Frankfurt sind feste Institutionen. Davon inspiriert finden die Reden weitere Resonanzräume bei Veranstaltungen in immer neuen Städten. Das Buch verbreitet die Stimmen in einer weiteren Dimension. Mit unserem 4. Band „ICH!“ fokussieren wir uns auf das individuelle Erwachen der Stimme und schaffen damit eine Selbstermächtigung zur Hoffnung. Das Buch ist der Funke, aus dem ein »kraftvolles Leuchten« wird.

__________________________

*Der Begriff Frau meint in diesem Buch und im Kontext des Ungehalten-Projekts der Stiftung Brückner-Kühner und des S. Fischer Theaterverlags alle Menschen, die sich als Frauen identifizieren. Das Wort Frau soll als Einladung verstanden werden, nicht als Ausgrenzung.


Die große Buchpremiere mit fünf tollen Rednerinnen, Moderation und Musik findet am 08.03.2026 um 17 Uhr im Frankfurter Museum für Kommunikation statt. Anmeldung und weitere Infos hier

Alle Ausgaben der Anthologie

Alle Bücher