
Noch immer erwarten wir den Moment der Wahrheit
Es ist wirklich nicht empfehlenswert, ja geradezu gefährlich – vor allem heutzutage – einen Blick in die Seele eines anderen Menschen zu werfen. Jeder, der schon einmal versucht hat oder auch nur mit dem Gedanken gespielt hat, im Tagebuch oder im Handy eines geliebten Menschen zu stöbern, weiß: Das Licht der Sonne wirkt nicht immer reinigend, und nicht mit jeder Entdeckung lässt sich leben, als sei nichts geschehen. Das Leben ist, um mit Nietzsche zu sprechen, voll von notwendigen Illusionen, und diese sind nicht nur für den Überlebenskampf der Seele unerlässlich, sondern auch, damit ein Mensch sich den wirklich wichtigen Wahrheiten widmen kann. Doch manchmal, und gerade in Extremzeiten, wird einem der Blick in die Tiefen einer Seele geradezu aufgezwungen. So legte mir wenige Tage nach dem 7. Oktober 2023 ein mir nahestehender Mensch, ein palästinensischer Staatsbürger Israels, die Dinge aus seiner Sicht dar: »Im Moment der Wahrheit, wenn du zwischen Israelis und Palästinensern wählen musst, wirst du auf der Seite deines Stammes stehen.« Das sagte er an einem Freitagmittag, nach der Rede von Hassan Nasrallah, dem Generalsekretär der Hisbollah. Zu einem Zeitpunkt, an dem alle Bewohner dieses Landes, Israelis wie Palästinenser gleichermaßen, Nasrallahs wöchentlicher Ansprache harrten, die eine Art reflexive, beinahe ironische Atempause bot im verdummenden, wie Schaum auf der Wasseroberfläche treibenden und zerfallenden Gemenge aus Nachrichtenmeldungen und Smalltalk. Ja, vielleicht enthielt sie auch Hinweise auf die anstehende Entscheidung: Würde seine Organisation ins Kriegsgeschehen eintreten? »Welchen Stamm soll ich denn haben?«, sagte ich zu meinem Bekannten und fragte mich zugleich, was um alles in der Welt in seinem Kopf vorging, was das für ein »Moment der Wahrheit« sein sollte, von dem er da sprach. »Und überhaupt – wann habe ich je auf der Seite von irgendjemandem gestanden?«, dachte ich, und mir wurde bewusst, wie wenig ich eigentlich über ihn wusste. »Hast du nicht. Und genau das ist dein Problem«, sagte er. Seitdem haben wir nicht mehr miteinander gesprochen.
Kein Jahr später, am 27. September 2024, warf die israelische Luftwaffe 83 Bomben des Typs BLU-109, hergestellt von der amerikanischen Firma Lockheed Martin, auf einen unter Wohngebäuden in Beirut angelegten Komplex der Hisbollah ab. Jede Bombe enthielt eine Tonne thermobarischen Sprengstoff. Hassan Nasrallah wurde zusammen mit 33 weiteren Menschen getötet, darunter mehrere Kommandeure der Organisation. Und der Krieg ging weiter.
Auf wessen Seite wirst du im Moment der Wahrheit stehen? – Noch immer wird auf diesen alles entscheidenden Moment gewartet. – Geh, geh aus und such dir deinen Stamm.
In den Wochen und Monaten danach, in den darauffolgenden zwei Jahren begriff ich, wie tief diese Frage wurzelt – und wie beharrlich sie sich stellt. Anstelle eigener Erkenntnis, selbständigen Denkens und Empfindens ist verhärteter Idealismus getreten. Ein Redakteur der liberalen Zeitung Haaretz erklärte mir in den ersten Tagen des Krieges: »Jetzt heißt es entweder wir oder sie.« Deshalb, sagte er, gebe es weder Aufmerksamkeit noch Raum für eine unabhängige Berichterstattung darüber, was im Gazastreifen hinter einer Rauchwolke aus Zensur und Ideologie geschehe. Denn offenbar hat die israelische Armee gelernt aus früheren Einsätzen, in denen sie Antworten hatte geben müssen auf das, was Journalisten sahen und berichteten, weshalb diesmal niemand in den Gazastreifen gelassen wurde.
Die liberale Tageszeitung, bei der selbst Mitarbeiter der Telemarketingabteilung routiniert deklamieren können, mit ihren Abonnements würden die Leser die israelische Demokratie stärken, war in jenen Tagen ganz einer Publizistik geweiht, die sich in ihrer Opferhaltung gefiel und den »Antisemitismus« der weltweit gegen den Krieg Demonstrierenden anprangerte. Flankiert von flammenden Artikeln gegen den Premierminister und die israelische Rechte. Sie wurden als die Schuldigen am militärischen Versagen präsentiert, das es Tausenden von Hamas-Kämpfern ermöglicht hatte, unter den Augen ihrer Soldaten nach Israel einzudringen. Doch nur wenige Monate später, als eine unsichtbare Hand offenbar entschieden hatte, jetzt bestehe wieder Raum für Aufmerksamkeit, wurden sie außerdem des massenhaften Tötens in Gaza und des schier endlosen Krieges dort beschuldigt. Immer sind sie es, die ideologische Rechte, getrieben von archaischen Phantasien und messianischem Eifer. Sie sind es – und nicht wir, die liberale Öffentlichkeit »anständiger Menschen«.
Den Krieg aber ausschließlich der Rechten zuzuschreiben, oder auch nur den Anschein zu erwecken, in Israel gebe es tatsächlich ein lebhaftes Ringen zwischen zwei Lagern, ist schlicht eine grobe Lüge und die vollkommene Verzerrung der Realität, wie sie sich gerade in der liberalen Presse in jener Phase und in den Jahren zuvor überdeutlich dokumentiert findet. Denn eineinhalb Jahrzehnte lang hat die Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit rechts gewählt. Im Gegensatz zu früheren Regierungsbündnissen Netanjahus, bei denen er häufiger mit Parteien der Mitte oder des linken Lagers koalierte, bestand die Ende 2022 – noch vor dem Krieg – gebildete Regierung ausschließlich aus einer Koalition der Rechten mit ultraorthodoxen und rechtsextremen Kräften. Und selbst diese letzte sollte nicht lange eine reine Rechtsregierung bleiben. Nur fünf Tage nach Ausbruch des Krieges traten mehrere Parteien des Mitte-Links-Lagers einer »Notstandsregierung« bei, welche die Unterstützung aller Teile der jüdischen israelischen Öffentlichkeit genoss und zumindest innerhalb Israels mit nahezu unbegrenztem Vertrauensvorschuss bedacht wurde.
Doch dieser Krieg, in dem 70 0000 Palästinenser getötet und weite Teile des Gazastreifens vollkommen zerstört wurden, war kein Krieg der israelischen Gesamtgesellschaft. Er war, in erster Linie, eine Krieg Tel Avivs, ein Krieg des säkularen und liberalen Israels. Ein Krieg der Luftwaffe, der Nachrichtendienste, der israelischen Hightech-Industrie, der künstlichen Intelligenz, der Medien- und Kulturszene Tel Avivs und des Justizwesens.
In den Monaten vor Kriegsausbruch war es eben diese liberale Öffentlichkeit, die gegen die beabsichtigte Schwächung des Obersten Gerichtshofs demonstrierte. Die Demonstrierenden, unter ihnen Kampfpiloten, niedrige und ranghohe Offiziere, Leute aus der Hightech-Branche, drohten, sollte die Stellung der Judikative angetastet werden, würden sie nicht länger Befehle der Armee befolgen. Solche Ankündigungen sorgten bei der Führungsspitze der Armee für Besorgnis, ja blankes Erschrecken. Denn dort wusste man sehr genau, wie unverzichtbar dieses Milieu für jede militärische Operation sein würde. Und dann, als der Krieg ausbrach, ließ sich diese liberale Öffentlichkeit tatsächlich nicht nur geschlossen mobilisieren und »leistete ihren Beitrag«, wie gern gesagt wird, sondern ermöglichte auch eine ganz neue Art von Krieg.
Denn es darf bezweifelt werden, ob Israel ohne seine Hightech-Industrie überhaupt imstande gewesen wäre, einen derart langen Krieg zu führen und ein solches Ausmaß an Zerstörung und Tod zu erzielen. Künstliche Intelligenz ermöglichte es, Ziele mit einer Geschwindigkeit und Präzision zu orten, die menschliche Fähigkeiten um ein Vielfaches überstieg. Und ohne sein Rechtssystem hätte Israel wohl kaum vermocht, diesen Krieg als legitim und adäquat zu rechtfertigen, nicht einmal in den eigenen Augen.
In den nachfolgenden Monaten, ja in den seither fast drei Jahren, zerstörte Israel nicht nur Gaza – es zerstörte auch sich selbst. In dieser Zeit wurden Blindheit, Selbstgerechtigkeit, tief verwurzelter Rassismus, gedankliche Trägheit und der Rückzug aus jeder Form von Individualismus zu einer Art elementarer sozialer Umgangsform. Es ist schwer, die berauschende, psychologische Wirkung der Masse in dieser Zeit zu überschätzen. Sich in einer Masse zu befinden, schreibt Elias Canetti, erlöst den Menschen von seiner fundamentalen Furcht, berührt zu werden.
So wurden selbst die fundamentalsten Wahrheiten über diesen Krieg, etwa die kaum zu bestreitende Tatsache, dass er seine Ziele nicht erreicht hatte, als Geheimnisse begriffen, die es sorgfältig zu verschlüsseln und rückhaltlos zu schützen galt. Schmutzige Wäsche wäscht man nicht in der Öffentlichkeit! Doch das Innere des Hauses selbst wurde darüber eng, übelriechend und muffig. Erst zehn Monate nach Beginn des Krieges, nachdem der Einmarsch der israelischen Armee in Rafah weder zu einem Waffenstillstand noch zu einem Abkommen zwischen Israel und der Hamas geführt hatte, begann eben jene liberale Öffentlichkeit, die Tiefe der Grube zu ermessen, die sie sich selbst gegraben hatte: einen end- und sinnlosen Krieg.
Bis dahin waren nur vereinzelt schwache Proteststimmen zu hören gewesen. Viele Liberale waren zu der ihnen vertrautesten Lebensweise zurückgekehrt: zu einer funktionalen Melancholie oder einem Zustand, den Peter Sloterdijk als »Zynismus« bezeichnet. Man erfüllt alle Pflichten gegenüber der Gemeinschaft – und glaubt doch an nichts. Doch wie auch immer, von jenem Moment an wurde die Tatsache zur Gewissheit, wir hatten die Grenzstation passiert, den Punkt zwischen einem »noch nicht« und einem »zu spät«. Der Krieg hatte seine eigene Willenlosigkeit entwickelt, unabhängig von allem, was irgendjemand sagen oder denken mochte. Und je mehr die Einflussmöglichkeiten, sogar die rein theoretischen, jedes Einzelnen oder einer Gruppe auf die Wirklichkeit schwanden und sich verflüchtigten, desto weniger wirklich erschien die Welt. Oder, wie der Dichter Ossip Mandelstam schrieb: »Wir lebten, ohne den Boden unter unseren Füßen zu spüren.«
Doch wie ist diese Anomalie entstanden – eine Gesellschaft, die mit offenen Augen nicht nur auf eine Wirklichkeit zumarschiert, die ihren (proklamierten) Werten widerspricht, sondern auch auf ihren eigenen Untergang? Um das zu verstehen, muss man den Film der Erinnerung anhalten und zurückspulen. Man muss ihn rückwärtslaufen lassen, bis man auf eine Zeit stößt, die die Erinnerung an ein anderes Leben wachruft.
*
Es war 2009, als ich mit einer Gruppe israelischer Aktivisten in der Abenddämmerung von einer Demonstration im Westjordanland zurückkehrte. Ein Augenblick lastender, ernster Stille, eine »linke« Stille gewissermaßen, die Gelegenheit bot, für einen Moment das Dorf einfach zu betrachten, es als einen wirklichen Ort zu sehen. Nicht als politisches Symbol, weder für die Ungerechtigkeiten der israelischen Besatzung noch für die standhafte palästinensische Haltung, noch für den Aufschrei unterdrückter Völker, wo auch immer sie leben mochten, sondern einfach nur als ein Dorf. Als einen Ort, der die ganze Kraft einer Kontinuität zwischen der Vergangenheit des menschlichen Geschlechts und der Gegenwart in sich birgt. Auf dem Weg zum Auto durchquerten wir einen kleinen Obsthain am Rande des Dorfes. Einer der jüdischen Aktivisten, ein schon nicht mehr junger Mann, der Hunderte, ja vielleicht Tausende solcher Demonstrationen erlebt hatte, zeigte auf einen Obstbaum am Wegesrand und sagte: »Seht ihr den Baum dort? Da, darunter haben mir die Palästinenser versprochen, werde ich begraben.«
Das entsprach, auf den Punkt gebracht, dem Zeitgeist, zumindest in den Kreisen der Linken. Die Forderung lautete, die Erwartungen so weit wie möglich herabzusetzen. Vor allem an das eigene politische Handeln, vielleicht aber auch an das Leben an sich. Einen wirklichen Wandel werdet ihr zu euren Lebzeiten nicht mehr erleben, zumindest keinen in die »richtige« Richtung. Aber für eine schöne Grabstätte, im Schatten eines Obstbaums, dafür lässt sich sorgen. Absolut.
Es scheint, als hätte jeder, der Augen im Kopf hatte, dies schon früh begriffen. Warum also fühlten sich alle von einem Engagement angezogen, das, soweit ich weiß, keinerlei wirklichen persönlichen Vorteil mit sich brachte? Vielleicht war es ja der Sinn für Gerechtigkeit, vielleicht das Schuldgefühl des weißen Menschen, vielleicht reine Abenteuerlust oder gar ein Hass auf die Gesellschaft, in der wir aufgewachsen waren, auf die Kinder, mit denen wir zur Schule gegangen waren, auf unsere Familien (auch wenn diese meist selbst dem linken Spektrum angehörten; offenbar etwas, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde, wie ein Erbe, das nicht unbedingt Freude bereitet).
Kein Zweifel aber, dass ein masochistischer Impuls mit zu den entscheidenden Motiven gehörte. Was keine Erfindung unsererseits ist. Der Ingenieur Kirillow, einer der Helden aus Dostojewskis Die Dämonen, bittet seine Genossen aus der revolutionären Zelle, ihn im Namen der Revolution Selbstmord begehen zu lassen (ein Wunsch, der ihm erst im letzten Teil des Romans gewährt werden soll). Fraglich ist zwar, ob politischer Wandel überhaupt zur Freiheit der Menschen beitragen kann. Doch in diesem Sinne wird, zumindest nach der Kirillow’schen Logik, der Tod selbst zu einem revolutionären Ideal:
Die volle Freiheit wird dann da sein, wenn es dem Menschen ganz egal sein wird, ob er lebt oder nicht ( … ) Wer den Schmerz und die Furcht überwindet, der wird selbst ein Gott sein.
Und so auch in Israel. Zum einen erscheint fraglich, ob unsere Form des Engagements tatsächlich je zur Beendigung der Besatzung beigetragen hätte. Doch davon abgesehen stellte sie eine Forderung dar, die dem Willen und den Interessen der Mehrheit der israelischen Öffentlichkeit zuwiderlief, ja vielleicht, sehr gut möglich, sogar unserem eigenen Willen. Dagegen war das Bedürfnis, zu leiden und sich selbst in Gefahr zu bringen, ohne weiteres zu befriedigen, ja stand sogar im Einklang mit dem Wunsch anderer, Soldaten oder Siedler etwa, linken Aktivisten Schaden zuzufügen. Ein gewaltsamer Vorfall, zu dem es im Oktober 2011 in Anatot kam, als Siedler geraume Zeit und mit großer Brutalität auf linke jüdische Aktivisten einprügelten, zeigte allen, wie tief der Hass uns gegenüber war. Eine Verachtung, deren Ursprung nicht nur ideologischer, sondern augenscheinlich auch sozialer Natur war. Dass wir, Kinder aus »guten Verhältnissen«, von einem derart starken Gefühl moralischer Überlegenheit erfüllt schienen, rief bei manchen Siedlern offenbar eine geradezu übersteigerte Erregung hervor.
Doch dieser schmerzhafte Vorfall veranschaulichte auch das Ausmaß des Unterschieds zwischen der radikalen Linken und der radikalen Rechten. Die Rechte war immer schon politisch, war gut organisiert und geschlossen. Und während sich die Energie der Linken nach innen richtete – auf Leiden und Schmerz – , zielte die der Rechten nach außen, auf die Welt, bediente sich zumeist kalkuliert eingesetzter Gewalt, um eine Veränderung der Realität vor Ort zu bewirken, Siedlungen zu errichten und die eigene politische Macht zu organisieren.
Die Linke mag sich vielleicht auch in Gewaltphantasien ergangen haben, doch dafür war sie nicht gebaut – weder physisch noch psychisch. Denn zum einen war immer eine gewisse Gesetzeshörigkeit bei ihr tief verwurzelt, und zudem der grundsätzliche, wenn auch nicht unbedingt gerechtfertigte Glaube, das Recht stehe prinzipiell auf unserer Seite. Doch wie auch immer, tonangebende Stimmen innerhalb der Bewegung behaupteten, es sei dies nicht der richtige Zeitpunkt. Wobei sich mir der Eindruck aufdrängte, für solche Menschen sei womöglich kein Zeitpunkt, wann auch immer, der richtige. Auf jeden Fall war klar, derartige Phantasien gehörten in eine andere Zeit und zu gänzlich anderen Menschen. Hatten sich doch etwa in den siebziger Jahren Mitglieder der deutschen Baader-Meinhof-Gruppe ja tatsächlich noch aktiv an Flugzeugentführungen der Volksfront zur Befreiung Palästinas beteiligt. Die palästinensische Politik wiederum, die sich längst von solchen Tagen entfernt hatte, veränderte sich in dieser Phase rasant. Die Hamas übernahm die Macht im Gazastreifen, und andere Staaten – vor allem Katar und die Türkei – wurden stärker in die palästinensische Politik involviert. Und das Westjordanland verlor, politisch gesehen, beinahe jegliche Relevanz. Für meinen Geschmack hat die Linke nicht genug getan, hat nie verstanden, sich selbst zu geißeln für diese Veränderungen, die unter anderem aus der Einsicht der Palästinenser resultierten, dass sie niemals in der Lage sein würden, die israelische Gesellschaft von innen heraus zu verändern.
Schon bald aber sollte kaum noch jemand übrig sein, der sich selbst hätte geißeln wollen. Denn in jenen Jahren lichteten sich die Reihen zusehends. Manche senkten die Erwartungen an das Leben noch ein bisschen weiter herab und schlossen sich dem juristischen Kampf gegen die Besatzung sowie linken Organisationen an. Andere entwickelten ganz andere Erwartungen. Auf den ersten Blick scheint es kaum von Bedeutung zu sein, wann genau diese winzige politische Kraft in Israel – die radikale oder propalästinensische Linke – verschwand. Rückblickend jedoch könnte gerade diesem Moment, irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zu verorten, eine nicht unerhebliche Bedeutung zukommen. Zumindest, wenn man ihn in seiner ganzen Tragweite begreift: Nicht als das Ende einer bestimmten politischen Bewegung, sondern vielmehr als Ende einer subjektiven Selbstverortung als politisch nicht-rechts, zumindest in Israel. Und als Verlust der Fähigkeit einer Gruppe von Menschen, ihre potenzielle Kraft als Gruppe zu verwirklichen. Ein solcher Verlust aber hatte, wie ich im Folgenden zeigen werde, enorme Konsequenzen.
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Der Moment, der das Ende dieser politischen Selbstverortung als nicht-rechts in Israel in seiner reinsten Form verkörperte, kam mit der Sozialprotestbewegung des Jahres 2011. Die Demonstrationen, die in den Sommermonaten jenes Jahres gegen rapide gestiegene Lebenshaltungskosten ausbrachen, waren die bis dato größten in der Geschichte des Staates Israel. Die Protestbewegung wollte sämtliche ideologischen Gräben überbrücken, zwischen rechts und links, zwischen jenen, die den Zionismus als praktische Lösung für das Schicksal der Juden betrachteten, und jenen, die dem Staat Israel gar eine Rolle in einem messianischen Erlösungsplan zudachten. Sie versuchte, ein gemeinsames Lager aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen zu formen. Gefordert wurden Dinge, die nahezu jeder in Israel wollte, insbesondere in Tel Aviv: bezahlbarer Wohnraum, annehmbare Preise für Milchprodukte, die Eindämmung der Inflation sowie generell eine Begrenzung des Reichtums von sehr Vermögenden.
Die Protestierenden von 2011 waren in vielerlei Hinsicht die Nachfolger der sogenannten »Kerzen-Generation«, jener Jugendlichen, die 1995 um den ermordeten Premier Jitzchak Rabin getrauert hatten. Es waren engagierte junge Menschen, idealistisch, staatsbürgerlich gesinnt und von einem, für Außenstehende nicht ganz leicht nachvollziehbaren Gefühl moralisch-kultureller Überlegenheit erfüllt. Sie versuchten, dem Trauma standzuhalten, das die Linke in jenem Jahr erlitt – ausgelöst durch Benjamin Netanjahus Aufstieg zur Macht, kurz nach Rabins Ermordung. Doch seit dem Mord an Rabin waren inzwischen 14 Jahre vergangen. In der Zwischenzeit war die 2. Intifada ausgebrochen, es hatte ganze Anschlagserien der Hamas in Israel gegeben, die israelische Armee hatte die Städte im Westjordanland erneut besetzt und im Libanon gekämpft, während die Hamas im Gazastreifen die Macht übernommen und den Soldaten Gilad Shalit entführt hatte.
Einerseits vermochte die Protestbewegung, organisatorisch beeindruckende Muskeln spielen zu lassen. Hunderttausende gingen auf die Straße, und auch die liberalen Medien ließen sich rekrutieren und verstärkten die Stimme der Protestierenden. Doch andererseits war diese Koalition aus Liberalen, die im Grunde genommen nur der eine Wunsch verband, nämlich in Tel Aviv leben zu können, nicht allzu gefestigt. Und so lag von Anfang an eine tiefe Furcht vor Meinungsverschiedenheiten oder scharfer Polemik wie ein Schatten über der Bewegung.
In Ermangelung eines konkreten gemeinsamen Nenners politischer, kultureller oder geistiger Natur, definierten sich die Demonstrierenden vor allem über das, was sie nicht waren: Eine Öffentlichkeit, die Netanjahu nicht unterstützte. Zugleich aber unterstützte sie auch die Palästinenser nicht oder versuchte, genauer gesagt, nicht über die Palästinenser nachzudenken, deren bloße Existenz im Jahr 2009 bereits als strittig galt.
Und so waren es eben diese Sozialproteste, in denen das israelische »Nicht-rechts-Lager« geboren wurde, eine nicht eben kleine Öffentlichkeit, der mindestens 30 Prozent der israelischen Bürger zuzurechnen sind, gut organisiert, aber aus dem eigenen Bewusstsein alles ausblendend, was gedankliche Anstrengung, Zweifel oder das Beziehen einer klaren Stellung erfordert hätte. Ja, die Sozialproteste waren eine Art kollektive Autosuggestionsübung: »Schließt die Augen und stellt euch vor, es gibt keine Palästinenser.«
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Ich lasse den Film weiter vorlaufen und stelle etwas Merkwürdiges fest. In der Zeit zwischen 2009 und 2011 treten winzige Sprünge auf. Schwarze, übereinanderliegende oder fehlende Frames. So als hätte jemand Filmenden aus unterschiedlichen Rollen mit Klebeband zusammengefügt. Auf den ersten Blick scheint es sich um Ausschnitte aus ein und demselben Film zu handeln, da auf der Leinwand immer wieder dieselben Figuren und Orte erscheinen. Doch etwas ist grundlegend anders als alles, was vor 2009 gewesen war. Als habe sich der Strang der Handlung aufgeribbelt, bis er schließlich in seine einzelnen Fäden auftrennte. Mitunter wiederholen die Schauspieler immer wieder denselben Satz, zuweilen reden sie kompletten Unsinn. Und die ganze Geschichte, die als Kriegsfilm oder als sentimentales Coming-of-Age-Drama begonnen hat, erscheint nun wie ein absurd-theatralischer Streifen.
Auf der Leinwand wird immer wieder dieselbe Szene gegeben, in unterschiedlichen Variationen. Es fällt schwer, eine Erinnerung von der anderen zu unterscheiden. Sie scheinen zu einer einzigen Masse verknetet, ohne ordnende Erzählung. Denn die zentralen Wegmarken im Leben aller Israelis sind Wahlgänge und Kriege: Zum ersten Mal miteinander geschlafen haben wir, als Ariel Sharon ins Koma fiel; getrennt haben wir uns am Ende des Libanonkriegs. Und seitdem? Gesichter und Namen. Nichts, was sich dem Bewusstsein oder dem Körper wirklich eingeprägt hätte.
Am 28. Dezember 2008 startete die israelische Armee in Gaza ihre Militäroperation »Gegossenes Blei«, etwa ein Jahr nachdem die Hamas die Kontrolle über den Gazastreifen übernommen und Israel begonnen hatte, eine Blockadepolitik umzusetzen. Lebensmittel, Treibstoff und andere Güter sollten nur noch in stark begrenzter Menge in den Gazastreifen gelangen. Seither dauert die Blockade an, wurde verschärft und zeitweise wieder geringfügig gelockert, während die israelische Armee unzählige Operationen und Kriege im Gazastreifen wie auch im Westjordanland führte.
Und mit jenem Jahr wurde der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern nicht mehr in politischen, ja nicht einmal mehr in militärisch-strategischen Begrifflichkeiten ausformuliert. Er wurde als Arbeit begriffen, als ein Einsatz von Energie, dessen Resultate im Voraus bekannt sind. Denn Netanjahu entschied sich für eine Strategie des permanenten Krieges gegen die Hamas.
Von da an ordnete sich das gesamte politische und gesellschaftliche Gefüge Israels neu. Das Lager der israelischen Nicht-Rechten entdeckte seine historische Bestimmung. Unsere »guten Jungs«, wertebewusst, fleißig, gut organisiert und vor allem gehorsam, ohne eigenen Willen oder kollektive politische Kraft, waren wie geboren für die Hightech-Industrie. Und die israelische Hightech-Branche wiederum schien wie geschaffen, Netanjahus Idee eines permanenten Krieges zu bedienen. Die Armee bildet Ingenieure aus, und diese gründen nach ihrer aktiven Dienstzeit eigene Unternehmen, bevorzugt im Sicherheits- und Verteidigungssektor. Diese Firmen können dann ihre Produkte in den Kriegen im Gazastreifen erproben, bevor sie sie – versehen mit dem Gütesiegel »Unter-Gefechtsbedingungen- erprobt« – im Ausland verkaufen. Auch wurde das Bild vom »Rasenmähen« – verwendet für die in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Militäraktionen in Gaza – unter den Kommandeuren der israelischen Armee so gang und gäbe, dass sie dann vom Massaker des 7. Oktober regelrecht schockiert waren. Denn offenbar wäre niemand je auf die Idee gekommen, das Gras könnte sich eines Tages gegen den Mäher erheben.
Tel Aviv verwandelte sich in eine Stadt der Ingenieure, beinahe ein Schlafvorort, bestimmt, der Hightech-Industrie zu Diensten zu sein. Und Israel wurde zu einer Großmacht der Raffinesse und der Verblendung. Die liberale Öffentlichkeit, die schon längst auf ihre elektorale Macht verzichtet hatte, verlor das Interesse an der Welt. Man wollte nichts mehr wissen und nichts verstehen von dem Land, in dem man lebt – und erst recht nicht von Gaza oder dem andauernden Krieg, der dort geführt wurde.
Auch die israelische Säkularität stellte sich in den Dienst der Hightech- Industrie. Der Journalismus wurde den Bedürfnissen des israelischen Ingenieurs angepasst und gab jeden Anspruch auf, die Wirklichkeit zu untersuchen oder zu verstehen. Stattdessen hielt eine essayistische Publizistik Einzug, die das Bewusstsein des Ingenieurstands treffend widerspiegelte: schnell im Verstehen und Auffassen, selbstsicher, doch ohne wirkliche Willensvorstellungen. Auch die Welt der Literatur und Kultur wurde der neuen Lage angepasst. Die neuen Reichen aus der Hightech-Branche finanzierten einen Gutteil des literarischen und künstlerischen Lebens in Tel Aviv. Doch was wollten sie eigentlich bewahren, außer exakt den Status quo? Das blieb ein mysteriöses Rätsel.
Das Bildungssystem wurde ganz auf die Ausbildung der nächsten Generation von Ingenieuren ausgerichtet, während die städtische Architektur versuchte, die Sehnsüchte der Hightech-Branche zu verwirklichen. So wirkt die Stadt immer mehr wie die Benutzeroberfläche eines Betriebssystems. Ja, Israel hat sogar eine Art Philosophie für Ingenieure hervorgebracht – die Bücher von Yuval Noah Harari.
Mit Beginn jenes Jahrzehnts kam Netanjahu erneut an die Macht und sollte es mindestens bis zum Herbst 2026 bleiben. Die mehrfache Wiederwahl Netanjahus und das Nichtvorhandensein einer wirklichen Opposition spiegeln durchaus den Geist eines breiten gesellschaftlichen Konsenses wider, wie er sich 2001, dem Jahr der Sozialproteste, herausgebildet hatte. Was man Netanjahu nicht absprechen kann, ist, dass es ihm gelungen ist, über anderthalb Jahrzehnte eine Zusammenarbeit zwischen der nationalistischen Rechten, der »Ingenieurs-Linken« und dem palästinensischen Islamismus zu ermöglichen. Seine wirtschaftspolitischen Konzepte entsprachen den Bedürfnissen der israelischen Ingenieure, seine sicherheitspolitischen Vorstellungen beflügelten die Phantasie der Siedler. Er verstand es, die wahren – nicht die erklärten – Interessen der verschiedenen Elemente der israelischen Gesellschaft zu erfassen. Und er entwickelte eine Meisterschaft darin, jedem das Gewünschte zu geben und im Gegenzug etwas dafür zu verlangen.
Inzwischen hat die Sozialprotestbewegung augenscheinlich all ihre Ziele erreicht. Zwar sanken die Lebenshaltungskosten in Israel mitnichten – im Jahr 2021 erklärte der The Economist Tel Aviv zur teuersten Stadt der Welt. Doch die israelische Hightech-Industrie und die Finanzmärkte erlebten in den Jahren des permanenten Krieges einen regelrechten Boom. Immer mehr Menschen konnten es sich leisten, eine Wohnung in Tel Aviv zu kaufen. Und nicht nur Ingenieure, sondern auch viele andere, die indirekt von der Hightech-Branche leben, sei es durch familiäre Verbindungen, durch Heirat oder dank ausländischen Kapitals, das nach Israel strömte. Die Teilnehmer der Proteste entdeckten derweil die wirklichkeitsverändernde Kraft der Autosuggestion. 2011 hatten sie die Augen geschlossen und sich vorgestellt, es gäbe keine Palästinenser. Und in den darauffolgenden Jahren verschwanden die Palästinenser dann tatsächlich aus ihrem Leben. Zwar reinigten sie nach wie vor die Straßen von Tel Aviv und errichteten die Hochhäuser der Stadt. (Einige dieser Arbeitskräfte, so wurde später behauptet, hätten im Vorfeld des Massakers vom 7. Oktober heimlich Informationen gesammelt.) Doch das Auge der Israelis gewöhnte sich daran, sie nicht länger wahrzunehmen, so wie ihr Ohr Hintergrundgeräusche auszublenden lernte.
In diesem Sinne gibt es wohl kaum eine gröbere Verzerrung der Realität als jene in der liberalen israelischen Öffentlichkeit sehr weit verbreitete Behauptung, Benjamin Netanjahu halte die Bürger dieses Landes als Geiseln. Netanjahu hat vielmehr lediglich das Vakuum ausgefüllt, das entstand, als die Israelis stillschweigend auf ihre politische Gestaltungskraft verzichteten. Und entgegen der vorherrschenden Meinung ist die Katastrophe – ein nicht enden wollender Krieg und massenhaftes Töten – , in die er Israel und die gesamte Region geführt hat, nicht das Ergebnis eines sorgfältig ausgearbeiteten diabolischen Plans. Sie ist das naheliegende oder vielleicht sogar unvermeidliche Resultat einer Geisteshaltung, wie sie sich in der israelischen Gesellschaft in den letzten anderthalb Jahrzehnen verfestigt hat. Ein fatales Zusammenspiel aus Blindheit, Gleichgültigkeit und geistiger Faulheit, einem Verlust an Glaube und Liebe.
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
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Dieser Text entstand exklusiv für die NEUE RUNDSCHAU 2026/3

Yotam Feldman
Yotam Feldman ist Autor, Filmemacher und Redakteur. Er wurde in Tel Aviv geboren, lebte unter anderem in Mexiko und Kolumbien und verfügt über autodidaktisch erworbene Kenntnisse auf dem Gebiet der metaphysischen Detektivarbeit. Als ehemaliger Investigativjournalist der israelischen Tageszeitung Haaretz drehte Feldman den preisgekrönten Dokumentarfilm The Lab – eine kritische Untersuchung der israelischen Rüstungsindustrie – und produzierte sowie inszenierte zahlreiche internationale Fernsehdokumentationen. Er ist Gründer und Herausgeber von Lot, einer hebräischen, neo-dekadenten Zeitschrift für Literatur und Kunst, die sich Phänomenen der Abweichung und des Glaubens widmet. Zudem ist er Autor der philosophischen Schrift The Solar Mind, die die Dynamiken von Knappheit und Überfluss in der Gegenwart analysiert.