Manchmal ist es nur ein Wort, das den Moment verändert. Künstlerische Aneinanderreihung einzelner Gedanken, Erinnerungen oder Träume rühren an, ergreifen. Einen Sommertag lang widmen wir uns daher der ‹schönsten› der literarischen Gattungen: der Lyrik. Manche schreiben ihr ein Nischendasein zu. Doch sind Gedichte altmodisch oder nicht vielmehr zeitlos schön? Sollen wir Poesie heute überhaupt noch lesen? Auf jeden Fall! Denn Lyriker:innen schaffen oftmals das, was manch anderer schwer auszudrücken vermag: Ein Gefühl, einen Zeitgeist mit nur wenigen Worten in eine ganze Welt zu verwandeln. Gegen die Hektik der Zeit ermöglicht das Lesen eines Gedichts einen Moment des Innehaltens, der Reflexion über sich selbst und das Andere.
Bei der Lyriksession versammeln sich sechs Poet:innen und präsentieren ihre Werke mal auf der großen Bühne, mal im Zwiegespräch. Mit Worten und poetischer Bildsprache gelingt es Olga Martynova, Sirka Elspaß, Alexandru Bulucz und Marcel Beyer auf ihre ganz eigenen Weisen, Gedichte in Szene zu setzen. Unterschiedliche Generationen treffen hier aufeinander und zeigen die Bandbreite dieses Genres – eröffnen neue Räume, ziehen Verbindung oder brechen Gegensätze auf. Sie stammen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, sind schon erfahren in ihrem Bereich oder erobern ihn erst neu.
Lyrik ist gesprochene Musik und Musik gespielte Lyrik. Der Tag wird musikalisch begleitet durch Hille Perl & Friends. Die Gambistin Hille Perl tritt in immer neuen Formationen auf – bringt Klänge zu Gehör, die mal sanft, mal unberechenbar erscheinen. Und die, wie die Lyrik selbst, nie unterwerfend, nie konstant sind, sondern vielmehr die Atmosphäre und Stimmungen aufgreifen. Zu Gast sind wir auf dem Schloss Willebadessen, das aus einem säkularisierten Benediktinerkloster hervorging und das durch seine barocke Anlage mit weiten Wiesen und versteckten Gärten besticht. Für uns öffnet das Schloss Scheune, Kreuzgang und Privatgemächer und gibt der ‹kleinen› Gattung den Raum, sich groß zu entfalten.
Gedichte sind Flaschenpost, das wissen wir seit Mandelstam und Celan. Diese Post ist Gesang und Gebet, Protokoll und Analyse. Im Idealfall spricht sie aus, was sonst ungesagt und ausgegrenzt bleibt. Olga Martynova arbeitet als Lyrikerin im Bewusstsein des reichen Erbes, das die avantgardistische Kunst des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat. Zugleich gibt sie ältere Traditionen nicht preis und bezieht sich etwa mit Dantes »Commedia« auf eine der Hauptquellen der europäischen Poesie, die aus der Trauer um eine gestorbene Frau entstand.
Olga Martynovas Gedichte lassen Raum für Trauer und Krieg, für Befragung und Wut, aber auch für das Alltägliche und die Bewunderung der Welt. Vom Ende der neunziger Jahre an hat sie ihre Prosa auf Deutsch, ihre Gedichte auf Russisch geschrieben. Seit dem Tod ihres Mannes, des Dichters Oleg Jurjew, schreibt sie nicht mehr in russischer Sprache.